Kommentar zum Mindestlohn Endlich!

An diesem Donnerstag beschließt der Bundestag den Mindestlohn. Einige Preise werden dadurch steigen. Doch das muss es uns wert sein.

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Spargelstecher in Brandenburg: Lamento über steigende Preise
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Spargelstecher in Brandenburg: Lamento über steigende Preise


Deutschland ist Schlusslicht. Es gibt nicht mehr viele Bereiche, in denen der Satz Gültigkeit besitzt - gilt die wirtschaftlich stärkste Nation Europas doch in fast allen Belangen als Paradebeispiel. Für den Mindestlohn gilt das nicht. Mehr als zehn Jahre lang haben Gewerkschaften und Politik darum gerungen, eine gesetzliche Lohnuntergrenze einzuführen. Das allein ist beschämend genug.

An diesem Donnerstag wird der Mindestlohn im Bundestag beschlossen. Damit bekommt nun eines der letzten Länder Europas einen Standard, der die schlimmsten Auswüchse beim Lohndumping beenden soll. Endlich.

Politiker haben sich in Diskussionen verloren, welche Ausnahmen es vom Mindestlohn geben soll. Horrorszenarien wurden bemüht, um zu illustrieren, wie viele Jobs die Lohnuntergrenze kosten wird, wenn sie für alle Branchen gilt. Als ob die nun geplanten 8,50 Euro ein exorbitant hoher Stundenlohn wären. Wir reden von einem Monatseinkommen von knapp 1400 Euro. Brutto.

Dass der Mindestlohn nun kommt, ist überfällig. Auch wenn es pathetisch klingen mag: Er gibt der Arbeit wieder einen Wert und er gibt den Menschen, die für diesen Stundensatz arbeiten, wieder ein wenig ihrer Würde zurück, die sie verloren haben, als sie sich im Heer der 1,4 Millionen Niedriglöhner für weniger als fünf Euro verdingen mussten. Zählt man die Menschen dazu, die zuletzt zwischen 5 Euro und 8,50 Euro pro Stunde verdienten, profitieren künftig fast vier Millionen Menschen vom Beschluss des Bundestags.

Es geht um den echten Wert der Arbeit

Viele Firmen in der Kreativwirtschaft, der Gastronomie oder dem Reinigungsgewerbe haben ihr Geschäftsmodell allein darauf gegründet, Menschen finanziell auszubeuten. Beschäftigte in diesen Branchen waren fast immer auf staatliche Stütze angewiesen - die Allgemeinheit hat diese dubiosen Geschäftsmodelle über Jahre mitfinanziert.

Es ist kein Verlust, wenn diese Betriebe nun vom Markt verschwinden, weil ihre Kalkulation nicht mehr aufgeht. Es werden genügend Unternehmen übrig bleiben, die mit diesem Stundenlohn gut zurechtkommen werden. Im Vorfeld der Einführung des Mindestlohns haben einige Wirtschaftszweige wie die Fleischwirtschaft oder das Friseurhandwerk bereits Branchenmindestlöhne eingeführt. Andere haben mit Gewerkschaften Tarifverträge geschlossen, die Lohnuntergrenzen jenseits der 8,50 Euro vorsehen. Es geht also. Ein Exodus dieser Branchen ist nicht zu beobachten. Die Arbeitslosigkeit ist nicht gestiegen - im Gegenteil. Sie sinkt weiter.

Mag sein, dass nun einige Dienstleistungen oder Produkte teurer werden. Aber das spiegelt wenigstens den echten Wert dieser Arbeit wider. Ein Lamento darüber ist unangemessen. Daran, dass sich die Preise für Zigaretten, Benzin oder einen Kinobesuch in wenigen Jahren verdoppelt haben, haben sich die Leute auch gewöhnt. Sie nehmen es klaglos in Kauf. Dann sollten sie das auch bei den Auswirkungen tun, die der Mindestlohn mit sich bringt - in der Gewissheit, dass Millionen Menschen wenigstens wieder in die Nähe der Gesellschaft rücken, aus der man sie zuletzt komplett ausgegrenzt hatte.

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Raphael Raue
Janko Tietz ist Chef vom Dienst bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Janko_Tietz@spiegel.de

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insgesamt 259 Beiträge
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Seite 1
aufdenpunktgebracht, 03.07.2014
1. Wirklich gut?
Zitat von sysopDPAAn diesem Donnerstag beschließt der Bundestag den Mindestlohn. Einige Preise werden dadurch steigen. Doch das muss es uns wert sein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/mindestlohn-im-bundestag-zurueck-zum-wert-der-arbeit-a-978859.html
Ja, die Preise werden steigen, auch für die betroffenen Mindestlohnempfänger. Möglicherweise steigen die Preise mehr, als sie durch den Mindestlohn abgedeckt werden. Und was haben die Betroffenen davon, und wir alle? Na, zumindestens ein gutes Gewissen, was für die Unterschicht getan zu haben, das beruhigt ungemein. Das die Inflation dadurch Aufschub erhält, das verdrängen wir zunächst. Man kann den Mindestlohn ja auf 10 Euro anheben. Die Lawine beginnt zu rollen...
buusami 03.07.2014
2. Kein Grund zum Jubeln
Zitat von sysopDPAAn diesem Donnerstag beschließt der Bundestag den Mindestlohn. Einige Preise werden dadurch steigen. Doch das muss es uns wert sein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/mindestlohn-im-bundestag-zurueck-zum-wert-der-arbeit-a-978859.html
Das Ganze ist als Wahlkampftiger der Sozen gestartet und nun als Bettvorleger (Ruhekissen?) dem Volk in die Wohnung geworfen worden! Bei Ihrer Jubelei wird vergessen, liebe Redaktion, daß die steigenden Preise auch von denen bezahlt werden müssen, die vom Mindestlohn ganz bewußt, mit Kalkül und somit böswillig ausgeschlossen wurden.
widower+2 03.07.2014
3. 100 Prozent
Diesen Kommentar kann ich von vorne bis hinten und zu 100 Prozent unterschreiben. Eine Seltenheit auf SPON!
wählerbw 03.07.2014
4.
Bravo, endlich sagt es mal einer wie es ist.
interessierterleser1965 03.07.2014
5. Falscher Ansatz
Der Autor übersieht, dass der Niedriglohnsektor einer der Gründe ist, warum Deutschland - im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern - so gut durch die Krise gekommen ist. Bisher. Die Länder, die den Mindestlohn haben, sind meist all jene Länder mit einer massiven Wirtschaftskrise und mit hoher Jugendarbeitslosigkeit. Beispiel Spanien und Portugal. Die Rot/Grüne Regierung unter Gerhard Schröder hat mit der Agenda 2010 eine Grundsatzentscheidung getroffen, die hart, aber sehr richtig war. Sie lautet: Wir wollen, dass möglichst viele Menschen arbeiten, damit sie nicht durch die Gesellschaft mit Transferleistungen, wie Arbeitslosengeld, unterstütz werden müssen. Wir nehmen es dabei ausdrücklich auch in Kauf, dass Menschen für niedrige Löhne arbeiten müssen, in diesem Fall stockt die Gesellschaft den Lohn auf einen Mindestsatz auf. Das ist billiger und gerechter, als die Leute gar nicht arbeiten zu lassen und sie dann voll durch die Gesellschaft finanzieren zu lassen. Wir hatten nämlich schon früher einen indirekten Mindestlohn. Das war die Arbeitslosenhilfe, die so hoch war, dass es sich für viele nicht gelohnt hat, morgens für 80 EUR mehr im Monat aufzustehen und 8 Stunden zu arbeiten. Damit war dann Schluss. War das gerecht? Ja, denn warum soll ich für mein Geld arbeiten und jemand anderes, der arbeiten kann, nicht? Weiter übersieht der Autor, dass der Hinweis, dann geht halt der Billigfriseur pleite oder die Spargel werden 50 Cent teurer, leider völlig übersieht, dass dann, um das letzte Beispiel aufzugreifen, es für den Verbraucher Alternativen gibt. Ohne Mindestlohn. Spargel gibt es auch aus Polen oder Rumänien. Ohne Mindestlohn. Und die Abstimmung an der Supermarktkasse gewinnt immer der billigere Preis. das zeigt schon die Diskussion um Billigfleisch. Es gibt auch - gerade für Männer - viele Frisuren, die man mit der Schermaschine hinbekommt. Ohne Friseur. Oder es gibt auch Friseure, jenseits der Grenzen. Viele Menschen werden auch dauerhaft keine Arbeit mehr finden, weil sie keine Qualifikation haben. Diese Menschen waren früher Langzeitarbeitslose und lebten gut von Arbeitslosenhilfe. Heute arbeiten sie und werden aufgestockt. Diese Menschen werden für immer durchs Raster fallen. Der Grund ist ganz einfach. Die Arbeitskraft dieser Menschen ist keine 8,50 EUR pro Stunde wert. Das ist auch der Grund warum es heute praktisch nur noch Fahrkarten-automaten gibt. Als ich Kind war, wurden die Karten noch von einem Menschen verkauft. Der verdiente nicht viel, aber er lag niemandem auf der Tasche. Zu glauben, dass diese Menschen jetzt einfach nur mehr verdienen werden und sonst alles gleich bleibt, ist eine Illusion. Diese Menschen werden, wie vor der Agenda 2010, einfach gar nicht mehr arbeiten bzw. keine Arbeit mehr finden. Dann darf der Staat sie wieder voll unterstützen und die Soziallasten steigen. Wie vor der Agenda 2010. Die exorbitanten Soziallasten waren nämlich genau der Grund, warum die Agenda 2010 eingeführt worden ist. Damals war Deutschland nämlich genau wegen der der hohen Sozialabgaben der kranke Mann Europas. Haben wir das schon vergessen?
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