Studie der Hans-Böckler-Stiftung Mindestlohn reicht nicht fürs Großstadtleben

Wer in Köln, München oder in vielen anderen Großstädten für den Mindestlohn arbeitet, ist laut einer Untersuchung darauf angewiesen, seine Bezüge zusätzlich mit Hartz IV aufzustocken - selbst bei einem Vollzeitjob.

Tellerwäscher in einem Münchner Biergarten (Archiv)
AP

Tellerwäscher in einem Münchner Biergarten (Archiv)


Nicht nur München oder Köln gehören zu den Städten, in denen der Mindestlohn nicht mehr ausreicht, um ohne Zusatzleistungen des Staates auszukommen. Auch in Duisburg oder Wuppertal ist das Leben nach einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung dafür zu teuer.

"Wer zum Mindestlohn beschäftigt ist, kann in vielen Großstädten auch als Alleinstehender oft kein Leben ohne zusätzlichen Hartz-IV-Bezug führen", heißt es in einer Stellungnahme für die Mindestlohnkommission, die alle zwei Jahre die Höhe des Mindestlohns neu festsetzt. Demnach sei in 15 von 20 Städten ein Mindestlohn von 9,50 Euro pro Stunde notwendig, um nicht auf zusätzliche Leistungen angewiesen zu sein, schreiben die Autoren. Der aktuelle Mindestlohn liegt bei 8,84 pro Stunde.

In einem Singlehaushalt in Köln etwa bräuchte ein Arbeitnehmer mit 37,7-Arbeitsstunden pro Woche einen Mindestlohn von etwa 11,20 Euro pro Stunde. Nur in München bräuchte er mit 12,77 pro Stunde noch mehr, um nicht auf weitere Leistungen des Staats angewiesen zu sein. In Bonn sind es noch 10,84 Euro - Platz drei. 37,7 Stunden sind die durchschnittlich in Tarifverträgen vereinbarte Arbeitszeit pro Woche.

Auch bei 40 Stunden verringert sich die Differenz zwischen wirklichem und notwendigem Mindestlohn den Berechnungen der Studie zufolge nur gering. Berlin, Essen, Bielefeld und Leipzig sind demnach die einzigen unter Deutschlands 20 größten Städten, in denen man ohne aufzustocken mit 8,84 Euro die Stunde seinen Lebensunterhalt bestreiten kann.

Einführung des Mindestlohns dennoch sinnvoll

Die Ergebnisse stammen vom stiftungseigenen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) und dem ebenfalls zur Stiftung gehörenden Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI). Sie beriefen sich auf Daten der lokalen Jobcenter zur örtlichen Miete sowie auf Heizkostendaten der Bundesagentur für Arbeit.

Die Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015 hat sich der Studie zufolge dennoch bewährt. Die Maßnahme habe zu einem deutlichen Anstieg der Löhne im Niedriglohnsektor geführt. Es habe keine negativen Konsequenzen bei Wachstum und Belegschaft gegeben. Anfang 2017 war der Mindestlohn erstmals um 34 Cent auf sein aktuelles Niveau erhöht worden.

ans/dpa-AFX



insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kevinschmied704 23.04.2018
1. is das ein schlechter scherz?
die Arbeitnehmer beklagen diesen zustand schon seit Einführung des Mindestlohns mehrere humanistische Organisationen und soagr der OECD hat für Deutschland ein Mindestlohn für wenigstens 12€ empfohlen. herr schulz hat sich das doch nicht ausgedacht! sein Problem sind die Lobbyisten in seiner Partei gewesen. die haben ihn klein gemacht und sind ja der Meinung mit sozial Themen gewinnt man keine Wahl. jetzt kommt der Spiegel und schwupp sieht es anders aus. was ist mit ihren Artikeln, die beschworen haben, das der Mindestlohn doch ganz ok sei.... aber davon mal abgesehen reichen auch die 12€/ std nicht aus um später mal von einer rente gut leben zu können. das ist plan Armut!
GoaSkin 23.04.2018
2.
Die Kommunen sollten einfach mal anfangen, intensiv in den Sozialen Wohnungsbau zu investieren und die Wohnungen zu Mietpreisen anbieten, die sich Einkommensschwache leisten können, ohne dabei dann als Stadt einen "München-Bonus" zu kassieren. Zugleich sollte der ÖPNV so bezuschusst werden, dass die Fahrkartenpreise vor allem für jeden bezahlbar sind. Dann reicht auch der Mindestlohn in München genauso wie auf dem Land.
zudummzumzum 23.04.2018
3. Wozu muss der Mindestlohn ausreichen?
Im gleichen Bericht wird darauf hingewiesen, dass die (unverändert hohe) Zahl der Aufstocker größtenteils aus Erziehenden herrührt. Und damit sind wir (wieder mal) bei der Frage, wozu der Mindestlohn ausreichen soll: Sollen sich damit nur Singles ein auskömmliches Dasein finanzieren können, oder soll er so hoch sein, dass man damit auch noch weitere Personen mit durchbringen kann? Ich persönlich bin dagegen, den Mindestlohn so weit anzuheben, dass er einem längst überkommenen Familienbild genügt. In einer Zeit, in der die Singles die meisten Haushalte bilden, wird es viel wichtiger, den Lastenausgleich an Erziehende zu verbessern. Oder auch: Wie würde denn das Bild aussehen, wenn man den Mindestlohn unverändert lässt, aber das Kindergeld auf den Sozialhilfe-Regelsatz plus einem "Wohnkosten-Anteil" von ~ 100 € erhöht. Damit hätte der Single genauso viel Netto wie heute, Erziehende aber tatsächlich monatlich 250 € mehr. Wenn das dann zur Auskömmlichkeit führt, wäre das der vorzuziehende Weg.
kayakclc 23.04.2018
4. Mindestlohn und Langzeitperspektive
Die Botschaft war schon immer: der Mindestlohn ist eine Mindestabsicherung für Leute, die wieder einsteigen, oder durch Qualifizierungsphasen laufen. Mindestlohnjobs sind per Definition immer die unterste Lohnskala und kann nur eine Durchgangsstation sein. Wer dauerhaft von Mindestlohnjobs leben will, der hat ganz andere Gründe. Für alle anderen gilt: Weiterbilden, Weiterbilden, Weiterbilden. Es gibt Angebote wie noch nie zuvor. Auch ist eines klar: Irgendwann wird es eine Migrationsbewegung weg aus den teueren Ballungszentren wie München oder Köln geben müssen, zu günstigeren Teile Deutschlands. Das kann auch eine Chance für solche Regionen sein, die genutzt werden muss. Das wird nicht auf Mindestlohnjobs beschränkt bleiben.
Arthur Dent 23.04.2018
5. Wie oft noch liebe Mitmenschen ??
Wenn eine Arbeit kein Einkommen erzielt, von dem man sich ernähren kann, repsektive seine Wohnung bezahlen kann, ist keine Arbeit, sondern Zeitverschwendung. Da helfen auch die wohlfeilen Argumente des Arbeitsamtes nicht. Viele der sogennanten Jobs sind quer subventionierte Arbeitsgelegenheiten. Selbst Fraport muss schon auf dem Balkan nach Dummen suchen, die Ihre fetten Gewinne für lau ran buckeln. In Deutschland findet sich wohl kein Dummer mehr. Arbeit ist und bleibt nun mal was es ist. Der Tausch von Lebenszeit gegen Geld. Mancherlei Leute ist ihr Leben also nicht mal 8,50 die Stunde wert. Da sollte man mal darüber nachdenken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.