Report Europas Mindestlöhne steigen - der deutsche nicht

Wer in Deutschland zum Mindestlohn arbeitet, kann sich davon weniger leisten als vor einem Jahr - anders als in den meisten anderen EU-Staaten. Am stärksten stieg die Lohnuntergrenze in einem osteuropäischen Land.

Erntehelfer auf einem Feld in Schleswig-Holstein
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Erntehelfer auf einem Feld in Schleswig-Holstein

Von Dominik Reintjes


In 22 Staaten der EU gibt es einen gesetzlichen Mindestlohn - doch nur in drei von ihnen ist er im vergangenen Jahr nicht erhöht worden: Deutschland, Luxemburg und Griechenland. Weil die Verbraucherpreise aber durchaus gestiegen sind, können sich Mindestlohn-Bezieher in diesen Ländern weniger leisten als noch vor einem Jahr, das geht aus dem Mindestlohnbericht der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor.

Im Mittel legten die Mindestlöhne in der EU dennoch um 4,4 Prozent zu. Ein ähnlicher Wert wie ein Jahr zuvor, damals lag der mittlere Anstieg der EU-Mindestlöhne bei fünf Prozent.

Für die Betroffenen ist allerdings weniger wichtig, wie hoch der Mindestlohn in absoluten Beträgen ist, sondern was sie sich davon leisten können. Das wird in einer eigenen Einheit, dem Kaufkraftstandard, deutlich. In der untenstehenden Grafik sehen Sie die Kaufkraftstandards der Mindestlöhne in den jeweiligen Ländern. Die nominalen Mindestlöhne können Sie sich zum Vergleich ebenfalls anzeigen lassen.

"Aufgrund der wieder anziehenden Verbraucherpreise fielen die realen Erhöhungen mit einem Zuwachs von 2,8 Prozent aber deutlich geringer aus als im Vorjahr", heißt es in dem Mindestlohnbericht. Im Vorjahr hatten die realen Mindestlohnzuwächse, also unter Berücksichtigung des Preisniveaus, im Mittel bei 5,1 Prozent gelegen.

In Deutschland sieht das Gesetz vor, dass der Mindestlohn nur alle zwei Jahre festgelegt wird. Zuletzt wurde der Mindestlohn Anfang 2017 von 8,50 Euro auf 8,84 Euro angehoben. Die realen Lohnverluste in diesem Jahr könnten also frühestens Anfang 2019 durch eine Mindestlohnerhöhung ausgeglichen werden.

Mit einer Lohnuntergrenze von 8,84 Euro pro Stunde liegt Deutschland wie bereits im Vorjahr hinter den meisten westeuropäischen Staaten. Die höchsten Mindestlöhne Europas gibt es in den Nachbarländern: In Frankreich liegt der Mindestlohn bei 9,88 Euro pro Stunde, in den Niederlanden bei 9,68 Euro und in Luxemburg sogar bei 11,55 Euro - die höchste europäische Lohnuntergrenze.

Innerhalb der EU sehen bis auf Slowenien alle osteuropäischen Mitgliedstaaten auch 2018 einen Mindestlohn von unter drei Euro pro Stunde vor. Bulgarien hat EU-weit mit 1,57 Euro den niedrigsten Mindestlohn.

Vor allem Rumänien erhöhte den Mindestlohn im Vergleich zum Vorjahr stark, um 52 Prozent auf 2,50 Euro pro Stunde. Dabei stiegen die Preise in dem Land im vergangenen Jahr nur um 1,1 Prozent. Acht weitere osteuropäische Staaten erhöhten den Mindestlohn ebenfalls um mehr als zehn Prozent. Das liege an dem meist niedrigen Ausgangsniveau der dortigen Mindestlöhne, schreiben die WSI-Autoren.

Die Grafik macht deutlich: Wo der Mindestlohn nicht erhöht wurde, mussten seine Bezieher reale Einbußen hinnehmen: In Griechenland um 1,1 Prozent, in Deutschland um 1,7 Prozent und in Luxemburg um 2,1 Prozent.

Außerhalb der EU kann Australien den luxemburgischen Mindestlohn von 11,55 Euro pro Stunde noch überbieten: Umgerechnet liegt die australische Lohnuntergrenze bei 12,42 Euro. Die USA haben ihren landesweiten Mindestlohn zuletzt 2009 erhöht. Unter Berücksichtigung des Preisniveaus sinkt er daher seit 2011. Die Bundesstaaten können allerdings einen höheren regionalen Mindestlohn setzen.

Manchen Mindestlohn-Beziehern nehmen nicht nur die steigenden Preise etwas vom Lohn - zumindest statistisch: Seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 hat das britische Pfund gegenüber dem Euro stark abgewertet. Der Mindestlohn Großbritanniens liegt mit 8,56 Euro pro Stunde als einziger westeuropäischer Mindestlohn unter dem deutschen. Ohne die massive Abwertung des britischen Pfunds läge der heutige Mindestlohn bei 10,33 Euro.



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joke61 28.02.2018
1. Wenn man die Aufzählung der Mindestlöhne sieht,
erkennt man das Problem! Ein starkes bzw. vereinigtes Europa funktioniert nur mit geichem Lohnniveue und gleichen Lebensbedingungen plus/minus 10%. Alles andere ist nur für die Industrielobby, die sich das Land mit dem niedrigsten Lohnniveue aussucht für Ihre Produktion. Aber das war ja gewollt als man entsprechende Staaten in die EU holte! In Deutschland profitieren vor allen Dingen Arbeitgeber und der Staat vom Niedriglohn. Der wird immer grade so hoch angesetzt wie nötig um der Industrie nicht weh zu tun und keine Aufstocker mehr zu haben!
RalfHenrichs 28.02.2018
2.
Als wirtschaftsstärkstes EU-Land müsste der Mindestlohn eigentlich am höchsten, d.h. bei mindestens 12 Euro liegen. Leisten könnten wir es uns definitiv. Aber die Kanzlerin macht ja lieber "dududu", wenn sich Ausländer und Deutsche um ein Stück abgelaufenes Brot streiten. Und die Wähler wählen sie dennoch. Und die einstige Arbeiterpartei unterschreibt ihr Todesurteil, wenn sie wieder in eine solche Koalition reingeht.
karljosef 28.02.2018
3. Zynische Ergänzung:
Wie schrie doch die Wirtschaft und die Neoliberalen und -christen in Deutschland vor der Einführung des Mindestlohns: Da geht die Wirtschaft kaputt, das gibt 100.000e an Arbeitslosen usw. Mutti wollte das Gesetz an die marktkonforme Demokratie anpassen, auch daran erinnern wir uns oder? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/mindestlohn-merkel-stellt-aenderungen-in-aussicht-oppermann-dagegen-a-1014087.html Wen kümmert es in diesem Zusammenhang, dass wir Fachkräftemangel und eine (zumindest offizielle) äußerst hübsche Arbeitslosenstatistik haben. Da muss man doch etwas ändern? Den Mindestlohn - am besten ganz abschaffen oder - eben an die Wünsche der Wirtschaft anpassen, - durch Werkverträge unterlaufen, - durch Vorgabe von absolut nicht zu erfüllende Arbeitszeitvorgaben ad absurdum führen usw.
liberaleroekonom 28.02.2018
4. Was will uns der Autor eigentlich sagen?
In DEU wird der Mindestlohn alle zwei Jahre an die allgemeine Lohnentwicklung angepasst (Anpassungshöhe erfolgt auf Vorschlag der Mindestlohnkommission). Der zweijährige Anpassungsmodus wurde aus nachvollziehbaren pragmatischen Gründen gewählt (Vermeidung unnötiger Bürokratie etc.). Und dass die Anpassung anhand der allgemeinen Lohnentwicklung und eben nicht anhand der Inflationsrate vorgenommen wird ist wissenschaftlicher und politischer Konsens und deshalb meines Erachtens auch nicht zu beanstanden. Der Autor versucht hier indirekt irgendetwas zu skandalisieren was absolut nicht zu beanstanden ist. Wenn er der Meinung ist, dass in DEU der Mindestlohn jährlich anhand der Inflationsrate angepasst werden sollte, dann sollte er das auch schreiben. Da er aber vermutlich selber weiß, wie Blödsinnig diese Vorgehensweise wäre, fordert er dies auch nicht; zumindest nicht direkt. Fazit: Er betreibt populistische Effekthascherei ohne eigene Bewertung des DEU Mindestlohnsystems. Oder habe ich die Botschaft seines Artikels nur nicht verstanden?
Palmdale 28.02.2018
5. Irritierend
Laut Kaufkraft Skala liegt Deutschland auf Platz 5,trotz ausbleibender Erhöhung bis 2019. Dafür ist der Text eher negativ geprägt und dieser Umstand nicht wirklich erwähnt. Darüber hinaus sollte man beleuchten, wie in diesen Ländern generell die Löhne der Branchen geregelt sind (zb Tariflöhne mit wesentlich höheren Stundensätzen) oder dass zB allein die Zeitarbeit bereits 9,23 zahlen muss. Nichts desto trotz muss man natürlich auch einen kritischen Blick auf die Arbeitgeber werfen, die selbst die 8,84 kreativ umgehen und ihre Mitarbeiter ausbeuten...
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