Mindestlohn Ver.di-Chef kritisiert Blockade-Haltung der Arbeitgeber

Vielerorts reicht der Mindestlohn nicht zum Leben. Politik und Gewerkschaften fordern zehn Euro, doch die Arbeitgeber halten dagegen. Ver.di-Chef Frank Bsirske fürchtet eine Dauerblockade.

Verdi-Bundesvorsitzender Bsirske
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Verdi-Bundesvorsitzender Bsirske


Wie hoch soll der Mindestlohn in Deutschland künftig sein? Seit fast einem Jahr debattieren Politiker, Gewerkschafter und Arbeitgeber darüber. Entscheiden muss die Mindestlohnkommission, die an diesem Dienstag zusammenkommt. Kurz vor dem Treffen hat nun Ver.di-Chef Frank Bsirske die Haltung der Arbeitgeber kritisiert: "Die Arbeitgeber versuchen, die nötige Anpassung zu blockieren."

Die Bedingungen für eine Erhöhung des Mindestlohns seien im Moment nicht günstig, sagte Bsirske. Die Arbeitgeber redeten von weltwirtschaftlichen Risiken und allen möglichen anderen Gründen, um eine deutliche Erhöhung zu torpedieren. "Diese Strategie darf nicht aufgehen", so der Ver.di-Chef.

Bsirske hatte sich bereits im vergangenen Jahr für eine schrittweise Erhöhung des Mindestlohns ausgesprochen. "Der Mindestlohn muss im kommenden Jahr neun Euro erreichen und dann in schnellen Schritten in Richtung zehn Euro weiterentwickelt werden", sagte Bsirske nun erneut. Nach Berechnungen der Bundesregierung reicht der Mindestlohn in westdeutschen Städten nicht aus, um den Existenzbedarf der Empfänger zu decken.

Nationale Mindestlöhne in Euro pro Stunde 2016
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Nationale Mindestlöhne in Euro pro Stunde 2016

Mit derzeit 8,50 Euro liegt Deutschland im europäischen Vergleich deutlich hinter Ländern wie Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden. Die Mindestlohnkommission - die sich aus Vertretern der Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammensetzt - legt am Dienstag die Höhe der Lohnuntergrenze ab 2017 festlegen. Die Kommission orientiert sich an der Steigerung des durchschnittlichen tariflichen Stundenlohns seit 2014, die 3,2 Prozent beträgt - das wären 8,77 Euro.

Hoteliers und Gastronomen wehren sich gegen eine deutlichere Erhöhung. "Es gibt keine Veranlassung, auch nur einen Cent über den Tarifindex hinauszugehen", sagte Ingrid Hartges, die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). Sie warf Politikern und Gewerkschaftern einen unverantwortlichen Überbietungswettbewerb vor. "Löhne werden nicht von der Politik erwirtschaftet."

Nach der jüngsten Branchenumfrage des Dehoga ist es allerdings weniger die Höhe des Mindestlohns als der Verwaltungsaufwand, der den Betrieben zu schaffen macht. Von den befragten Gastronomen nannte jeder vierte den Mindestlohn an sich als Problem, die damit verbundene Arbeitszeitdokumentation kreuzte dagegen mehr als jeder zweite an. Bei den Hoteliers waren die Werte niedriger.

  • SPIEGEL ONLINE/Getty Images
    Ein Rentner in München kann sich keinen Besuch mehr im Biergarten leisten. Eine Familie mit vier Kindern fürchtet den sozialen Abstieg. Eine Frau aus Aachen gilt als arm, sieht sich aber nicht so. Armut in Deutschland hat viele Facetten. Unsere Reporter Florian Diekmann und Britta Kollenbroich haben Armut in Deutschland untersucht.
  • Lesen Sie hier die Reportage.

brk/dpa

insgesamt 90 Beiträge
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Seite 1
Luna-lucia 27.06.2016
1. man sollte dringendst
die kalte Progression abschaffen! Das müssen alle Gewerkschaften als erstes gemeinsam meistern! Denn nur dann, bleibt auch echtes! Geld beim Arbeitnehmer. 10 Euro pro Stunde Mindestlohn - oki, währe schon schön! Aber es währe auch immer noch zu wenig! Die Gewerkschaften sollten sich auch einmal mit den Mietsteigerungen befassen! Vielleicht dazu einen Weg finden, die Arbeitgeber als "Miet-Unterstützer" zu gewinnen. Aber wichtig währen auch Rentenabgaben für ALLE!! Natürlich auch für die jetzt Selbständigen! Denn auch die können - mit Pech - von heute auf morgen bei der Sozialhilfe landen! Arbeitsrecht, und Rentenrecht, sind über viele Gesetze hinweg, eng miteinander verknüpft! Noch was, wenn ein Arbeitgeber pleite geht, und eine Anzahl Arbeitnehmer auf der Straße stehen, was dann? Hier müsste jeder! Arbeitgeber eine Versicherung abschließen müssen, die dann für ein paar Monate einspringt, wenn der Arbeitgeber zahlungsunfähig geworden ist.
Lankoron 27.06.2016
2. Ich frage mich immer,
wie Arbeitgeber denn die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter überprüfen, wenn es denn beim Mindestlohn ein solch Riesenproblem darstellt...
kevinschmied704 27.06.2016
3. es liegt in der hand der arbeitgeber in welche richtung dieses land abdriftet.
10€ in der stunde is nicht viel, die die dies verneinen, verdienen deutlich mehr! wenn ihr nicht versteht, das auch ihr mit eurem fehlverhalten Menschen nicht richtig zu entlohnen und damit am erstarken der AFD mit beteiligt seit, liegt auf der Hand. die menschen haben zu wenig, sie haben die schnauze voll und kaufen euch , diese Märchen nicht mehr ab und oder ihnen interessiert es nicht mehr. weil ihr die Philosophie vertretet, lass sie nur labern... aber so denken die Menschen inzwischen auch. Es liegt in eurer Hand, wie ihr das angeht. entweder gebt ihr uns freiwillig was uns zusteht oder wir kämpfen für den gerechten lohn von mindestens 12€ in der stunde. ja 12€ und nicht 10€ den zur Inflation muss man auch was für schlechte Zeiten(Rente) zurück legen können. also überlegt euch das gut, denn bevor links und rechts sich gegenseitig bekämpfen, so werdet ihr zuvor von beiden Seiten bekämpft! gruß
tropfstein 27.06.2016
4. Eine gesellschaftliche Aufgabe
Dass Lohn "zum Leben reicht" ist, so kaltherzig es klingt, keine wirtschaftliche Frge, sondern eine gesellschaftliche AUfgabe. Die Aufgabe der Arbeitgeber ist nämlich zunächst mal, dafür zu sorgen, dass der Laden läuft und (oh böses Wort) profitabel zu sein. Und sie werden Leute genau dann beschäftigen, wenn sich das lohnt. Die Aufgabe der Gewerkschaft ist, ungerechtfertigte Lohndrückerei zwecks Profitmaximierung zu verhindern und so viel wie möglich von dem herauszuholen., was die Arbeitnehmer erarbeitet haben - ohne aber Jobs zu riskieren. Ob es "zum Leben" reicht, ob der Staat zuuschießen soll ohne Nichtarbeiten zu belohnen, wer wieviel abgibt - das ist eine gesamtgescellschaftliche Aufgabe von demokratisch gewählten Institutionen. Und nicht in der Kompetenz und Aufgabe der Gewerkschaften.
ulrich_loose 27.06.2016
5. Merkwürdig
In der Überschrift fordern Politik und verdi 10 Euro. Im Fleißtext ist von der fordernden Politik hingegen nichts zu finden. Kann es sein, dass man mit Politik die DIE LINKE und die SPD meint und eben nicht DIE Politik?
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