100 Tage Mindestlohn Weg mit den Minijobs!

Nach drei Monaten zeichnet sich ab: Der Mindestlohn vernichtet kaum Vollzeitstellen, dafür aber reichlich Minijobs. Das wäre ein willkommener Nebeneffekt.

Taxifahrer in Hamburg: Auch hier greift der Mindestlohn
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Taxifahrer in Hamburg: Auch hier greift der Mindestlohn

Ein Kommentar von


Spätestens nach drei Monaten, so lernt man es im Führungskräfteseminar, sollten Mitarbeiter eine erste informelle Leistungsbewertung erhalten.

So, lieber Mindestlohn, Sie sind ja nun seit Anfang Januar bei uns tätig. Wir hatten uns viel von Ihnen erhofft. Haben Sie denn selbst das Gefühl, dass Sie unseren Ansprüchen in den ersten drei Monaten gerecht geworden sind?

Wäre der Mindestlohn ein Angestellter, würde er nun wahrscheinlich nervös auf seinem Stuhl herumrutschen und sich wundern, ob sich hinter dieser Suggestivfrage ein versteckter Tadel verbirgt.

Er müsste sich keine Sorgen machen. Der zum 1. Januar in Kraft getretene allgemeine Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde hat Deutschland tatsächlich ein kleines bisschen gerechter gemacht. Zwar bekommen dem Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge nur 4,4 Prozent der Beschäftigten dank Mindestlohn mehr Geld. Aber alle von ihnen werden die zusätzlichen Euro sehr gut gebrauchen können.

Und was ist mit den Horrorszenarien, die vor dem Start des Mindestlohns gezeichnet wurden? Einer Studie des ifo-Institut aus dem Jahr 2014 zufolge sollte der Mindestlohn bis zu 900.000 Arbeitsplätze gefährden.

Davon ist bisher nichts zu spüren. Fairerweise muss man sagen, dass die brummende Konjunktur derzeit in Deutschland für viele neue Stellen sorgt. Deshalb fällt es womöglich gar nicht auf, dass gleichzeitig andere Arbeitsplätze wegen des Mindestlohns verschwinden.

Doch wahrscheinlicher ist eine andere Variante: Der Mindestlohn vernichtet kaum Vollzeitstellen, sondern vor allem Minijobs. Die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten belief sich laut Bundesagentur für Arbeit im Januar auf 4,86 Mio, das waren 118.000 oder 2,4 Prozent weniger als vor einem Jahr. "Der Rückgang dürfte mit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes zusammenhängen", schreibt die Bundesagentur in ihrem aktuellen Arbeitsmarktbericht.

Minijobs werden häufig schlecht entlohnt. Kein Wunder, dass sie durch einen Mindestlohn für den Arbeitgeber besonders schnell unrentabel werden - zumal er für Minijobs die kompletten Sozialabgaben übernehmen muss, die durch den Mindestlohn ebenfalls ansteigen.

Wir sollten den verlorenen Minijobs nicht nachtrauern. Ordnungspolitisch sind sie ohnehin ein Sündenfall: Arbeitnehmer können den Lohn im Minijob brutto für netto kassieren. Deshalb begnügen sie sich lieber mit weniger Arbeitsstunden im Minijob, anstatt zumindest eine reguläre Teilzeitstelle anzunehmen. Bei der müssten sie dann ja auf ihr gesamtes Einkommen Sozialversicherungsbeiträge und womöglich auch Einkommensteuer bezahlen. Minijobs belohnen die Menschen dafür, weniger zu arbeiten als sie eigentlich könnten.

Die Arbeitgeber kommen dem Wunsch der Arbeitnehmer nur zu gerne entgegen und zerlegen Vollzeitstellen in mehrere Minijobs. Und ein offenes Geheimnis ist auch, dass Minijobs gerne zur Schwarzarbeit genutzt werden: Einen Minijob als legalen Deckmantel, falls die Kontrolleure kommen, die restlichen Stunden schwarz obendrauf.

Weil sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber diese Konstellation super finden, mag kaum ein Politiker die Minijobs eindämmen. Falls nun der Mindestlohn diese Aufgabe übernimmt, wäre das ein willkommener Nebeneffekt.

Also, lieber Mindestlohn, ich denke, Sie haben ganz gut reingefunden in unsere Gesellschaft. An ein paar Punkten sollten wir noch arbeiten. Aber wenn es weiter so läuft, sehe ich für Ihre Probezeit keine Probleme.

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Rickens ist Leiter des Wirtschaftsressorts bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christian_Rickens@spiegel.de

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insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
Kritisch-5K 01.04.2015
1. Das soll mal einer an die Schüler denken,
die durch den Minijob zu ein wenig Geld neben der Schule kommen und zusätzlich gleich einen Blick ins Arbeitsleben bekommen...
eieieieieiei 01.04.2015
2. recherche?
Anscheinend hat der autor sich nicht mit leuten unterhalten die tatsaechlich mindestlohn erhalten. Ich nenne Ihnen mein beispiel: in meinem minijob bei dem ich 3x die woche 2 std putze erhalte ich 9,55 euro die std. Bei jeder anderen arbeit die ich dieses jahr gemacht habe und die in einem groesseren unternehmen stattfand MUSSTE ich mich ueber Zeitarbeitsfirmen bewerben. Die zahlen nur 8,5 euro uebernehmen keine gesundheitsversicherung und schauen dass man auch nicht vollzeit arbeit da sonst die krankenkassen beitraege von deren seite uebernommen werden muessten. Also dieser mindestlohn macht, wenns unterm minijob schon schlecht war, alles noch schlimmer. Das geld von meinem mini job geht jeden monat fast komplett fuer krankenversicherung raus, der job v der zeitsrbeitfirma reicht nicht fuer die miete. Mfg
abby_thur 01.04.2015
3.
Ich habe meinen Minijob auch nicht mehr -dafür jetzt aber eine Vollzeitstelle. Minijobs sind per se nichts schlechtes ich habe letztes Jahr als ich noch keine Vollzeitstelle hatte auch einen gehabt für 5€ brutto/h. Das gute ist halt, dass man das "ganze" Geld behalten darf, 2x versteuern wäre unrentabel.
bulle13000 01.04.2015
4. Studenten
Für die Studenten war es leider teilweise nicht so gut viele haben ihren Job verloren da wie im Artikel erwähnt für viele arbeitgeber es nicht mehr rentabel war!!
gatoalforno 01.04.2015
5. Nach 3 Monaten...
kann man natürlich hervorragend den Effekt des Mindestlohn beurteilen.Wirtschaftsforschung...So in... alles klar.
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