Arbeitsmarkt Millionen Beschäftigten wird Mindestlohn vorenthalten

Fast jeder zehnte Arbeitnehmer bekam laut einer Studie im Jahr 2016 nicht den damals vorgeschriebenen Mindestlohn. In privaten Haushalten gibt es besonders viele Verstöße.

Verkäuferin in einer Bäckerei
DPA

Verkäuferin in einer Bäckerei


Viele Unternehmen unterschreiten den Mindestlohn: Insgesamt bekamen im Jahr 2016 etwa 2,7 Millionen Beschäftigte nicht die damals vorgeschriebenen 8,50 Euro pro Stunde - das war fast jeder zehnte Arbeitnehmer. Das geht aus einer Studie des WSI-Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Legale Ausnahmen vom Mindestlohn sind dabei bereits herausgerechnet.

In Betrieben ohne Betriebsrat und Tarifvertrag wird der Mindestlohn besonders häufig unterlaufen. In solchen Unternehmen wird der Studie zufolge fast jeder Fünfte unterhalb des Mindestlohns bezahlt. In Betrieben mit Arbeitnehmervertretung und Tarifvertrag lag die Quote der Umgehungen bei nur 3,2 Prozent.

Verstöße gegen das Mindestlohngesetz kamen der Studie zufolge in Branchen mit vielen Kleinbetrieben und Minijobs besonders häufig vor. So hätten rund 43 Prozent der Beschäftigten in privaten Haushalten weniger als den Mindestlohn bekommen - wohl deshalb, weil die Einhaltung hier kaum zu kontrollieren ist. Im Hotel- und Gaststättengewerbe betrug die Quote 38 Prozent, im Einzelhandel 20 Prozent.

"Gesetzlich legitimierte Einladung zum Beschiss"

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte vergangenes Jahr bereits festgestellt, dass insgesamt 1,8 bis 2,6 Millionen Beschäftigte den Mindestlohn nicht erhielten. Die WSI-Zahlen liegen nun höher, weil Überstundenzuschläge einberechnet wurden und die Zahl der Beschäftigten mit Mindestlohnanspruch in der Pflege und am Bau genauer bestimmt wurde.

Dass der Mindestlohn trotzdem die Bezahlung vieler Geringverdiener spürbar verbessert hat, zeigt sich nach Ansicht des WSI-Arbeitsmarktexperten Toralf Pusch unter anderem an kräftigen Lohnsteigerungen für ungelernte Arbeitskräfte und in Branchen mit vielen Niedrigverdienern. Nach Jahren der Stagnation legten etwa die Löhne im Gastgewerbe nach Einführung der Lohnuntergrenze um 9,9 Prozent, im Einzelhandel um 11,4 Prozent und in der Fleischverarbeitung um 11,6 Prozent zu.

Zugleich forderte der Experte umfangreichere Kontrollen als bisher. Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) des Zolls habe im ersten Halbjahr 2017 in neun Prozent der untersuchten Fälle Verstöße gegen das Mindestlohngesetz festgestellt, die anschließend zu Ermittlungsverfahren führten. Dennoch habe die Zahl der FKS-Kontrollen "noch nicht das Niveau vor der Mindestlohn-Einführung erreicht", kritisiert Pusch.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) zeigte sich empört über die häufige Umgehung des Mindestlohns. Die Ergebnisse der Studie sollten "jenen Arbeitgebervertretern und politisch Verantwortlichen die Schamesröte ins Gesicht treiben", die sich für weitere Mindestlohn-Ausnahmen starkmachen, sagte DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell der "Süddeutschen Zeitung". "Kämen sie damit durch, wäre das nichts anderes als eine gesetzlich legitimierte Einladung zum Beschiss."

hej/AFP



insgesamt 97 Beiträge
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neurobi 29.01.2018
1.
Es ist doch kein Wunder, dass der Mindestlohn so oft nicht gezahlt wird. Der AG geht kaum ein Risiko ein, wenn er erwischt wird, muss er doch nur das nachbezahlen, was er vorher nicht gezahlt hat. Wenn ein AN von sich aus klagt, ist er selbst bei Erfolg raus, mit der Gefahr keinen neuen Arbeitsplatz zu finden. Verstöße müssten für einen AG ein viel höheres Risiko darstellen und Klagen für AN lukrativer. Wer ihn mit System unterläuft, muss als Unternehmer auch pesönlich in Haftung genommen werden, bis hin zum Verlust der eigene Existenzgrundlage. Nur so wird der Mindestlohn wirksam.
Socialmen 29.01.2018
2. Die Hürden...
...seinen Arbeitnehmern nur den Mindestlohn zu zahlen, sind viel zu niedrig angesetz. Wenn ein Chef angeblich nur den Mindestlohn zahlen kann, dann wird es einfach nur so hingenommen....auch wenn er 3 Villen und 4 Porsche hat. Der Mindestlohn in der höhe von 8,85 Euro ist ein kniefall gegenüber den Lobbyisten in Deutschland, welcher sich an die rein für die Wirtschaft Instrumentalisierten sozialen Grundsicherung richtet, und durch Sozialausgaben mitfinanziert werden muss (Aufstocker und sicherung von Grundrenten). Die Lohnentwicklung muss steigen...und zwar so, dass z.B. Altersarmut ein Fremdwort in Deutschland sein wird, und sich Arbeiten weitab vom Mindestlohn wieder Lohnt.
oliver_kreuzzer 29.01.2018
3.
---Zitat--- Fast jeder zehnte Arbeitnehmer bekam laut einer Studie im Jahr 2016 nicht den damals vorgeschriebenen Mindestlohn. ---Zitatende--- Wer sich mal mit einem Taxi-Fahrer, einer Bedienung in einer Kneipe, einem Zeitungsausträger oder ähnlichen Leuten unterhalten hat, wusste das auch ohne Studie.
samsix 29.01.2018
4. Lol
Wer schon mal versucht hat, eine Haushaltshilfe zum Mindestlohn einzustellen, wird über diese Studie in lautes Gelächter ausbrechen. Es darf vermutet werden, dass die andere Hälfte der Entlohnung mit Blick auf die 400 Euro Regelung keinen Eingang in die betreffende Statistik gefunden hat. Der Inhalt des Beitrags zeigt aber auch, dass Spiegelredakteure offenkundig keine Haushaltshilfen beschäftigen oder den administrativen Teil einer solchen Bescäftigung voll und ganz ihren jeweiligen Lebenspartnern ünerlassen. Zumindest was Haushaltshilfen anbelangt ist dieser Beitrag ein grosser Witz.
aurichter 29.01.2018
5. Bei der
kriminellen Vermeidung von Steuerzahlungen tritt eine gewisse, vermögensstarke Klientel fast überwiegend stark in den Vordergrund, weshalb glaubt man nun, dass diese Klientel bei der Vermeidung von Lohnkosten anders agiert? War doch genau so auch vorauszusehen. Wer dies verneint bzw verharmlost, der hat von der Wirtschaft und dem Umgang mit Menschen darin absolut keine Ahnung. Genau da werden die Vermögen und Reichtümer Geschäfteltern, die dann auf wundersame Weise bei Schweizer Banken wieder auftauchen.
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