Studie des Familienministeriums: Frauen bleiben oft in Minijobs gefangen

Minijobs sind weit verbreitet, aber ein hohes Risiko vor allem für Frauen. Das zeigt eine Studie im Auftrag des Familienministeriums, die drastische Worte findet: Geringfügige Beschäftigung sei "ein Programm zur Erzeugung lebenslanger Ohnmacht und Abhängigkeit".

Putzkraft: Erhebliches Risiko für den Lebenslauf Zur Großansicht
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Putzkraft: Erhebliches Risiko für den Lebenslauf

Berlin - Minijobs sind beliebter denn je: Fast fünf Millionen Menschen gehen ausschließlich einem oder zwei 450-Euro-Jobs nach. Doch der Boom hat einen Haken. Die meisten Minijobber - mehr als zwei Drittel von ihnen sind Frauen - kommen aus dieser Erwerbsform nicht mehr heraus. Das zeigt eine Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, über die jetzt die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Demnach wird ein Wechsel in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umso unwahrscheinlicher, "je länger der Minijob währt".

Laut der Untersuchung sind Frauen, bei denen ihr Minijob keine zusätzliche Nebenbeschäftigung ist, im Durchschnitt bereits sechs Jahre und sieben Monate geringfügig beschäftigt, bei Verheirateten sind es sogar sieben Jahre und einen Monat. Nur 14 Prozent der Frauen, die früher einen Minijob als Hauptbeschäftigung ausübten, hätten heute eine Vollzeitstelle, 26 Prozent eine Teilzeitstelle mit mindestens 20 Stunden pro Woche.

Mehr als die Hälfte der früheren Minijobber sei nicht mehr am Arbeitsmarkt tätig. Dies belege, dass Minijobs - anders als von den rot-grünen Arbeitsmarktreformern gewollt - "nicht als Brücke in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wirken". Minijobs als Haupterwerb seien im Effekt "ein Programm zur Erzeugung lebenslanger ökonomischer Ohnmacht und Abhängigkeit von Frauen".

Autor der Analyse "Frauen im Minijob", die das Ministerium bislang unbemerkt von einem breiteren Publikum auf seiner Homepage veröffentlicht hat, ist Carsten Wippermann vom Delta-Institut für Sozial- und Ökologieforschung. Seine Studie beruht auf einer Befragung von mehr als 2000 Frauen. Etwa die Hälfte von ihnen hat einen Minijob, die andere Hälfte übte früher einen aus. Aus der Studie geht hervor, dass gut 60 Prozent der geringfügig beschäftigten Frauen ausschließlich einen Minijob haben. 84 Prozent von ihnen sind verheiratet.

Für diese Ehefrauen sei der Minijob "mit erheblichen Risiken im Lebenslauf verbunden", schreibt Wippermann. Auf den ersten Blick erscheine ihnen so eine Stelle wegen ihrer Flexibilität und des steuerfreien Verdienstes attraktiv. Die Minijobs hätten auf Dauer aber ein negatives Image. Obwohl die allermeisten eine berufliche Ausbildung vorweisen können, würden solche Frauen nicht mehr als qualifizierte Fachkraft gelten.

Massive Hürde zum regulären Job

Die Hürde zu einer regulären Teilzeit- oder Vollzeitstelle werde erst "durch den Minijob pur errichtet beziehungsweise massiv erhöht". Solche Frauen hätten "künftig kaum die Möglichkeit, im Fall von Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Tod des Partners die finanzielle Existenzsicherung ihrer Familie und ihrer selbst zu erwirtschaften" sowie für ihre Alterssicherung ausreichend zu sorgen. Das von den Politikern geschaffene Anreizsystem sei deshalb "kontraproduktiv".

Obwohl die Arbeitgeber dazu verpflichtet sind, erhielten 77 Prozent der Frauen im Minijob pur kein Urlaubsgeld, knapp die Hälfte keine Lohnfortzahlung bei Krankheit. Die Mehrheit der Frauen sieht diese Arbeit trotzdem positiv. Mehr als 80 Prozent gaben an, diese sei für sie keine "Sackgasse". Wippermann merkt dazu an: Während des Minijobs "dominieren die Anreizsysteme und die optimistische Erwartung, eine reguläre Stelle gemäß der eigenen Qualifikationen bekommen zu können. Doch dies erweist sich als (Selbst-)Täuschung und Schimäre".

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insgesamt 93 Beiträge
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1. Mehrheit möchte keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung
ditor 18.03.2013
Man sollte nicht unerwähnt lassen dass die Mehrheit der Frauen die den Minijob pur, also ohne weitere Einkunftsquelle, ausüben diesen nicht als Brücke in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angenommen haben. Laut Studie 52%. Ich halte nicht besonders viel von Minijobs, aber das scheint für einige Betroffene nicht zuzutreffen.
2.
ruediger 18.03.2013
Zitat von sysopDPAMinijobs sind weit verbreitet, aber ein hohes Risiko vor allem für Frauen. Das zeigt eine Studie im Auftrag des Familienministeriums, die drastische Worte findet: Geringfügige Beschäftigung sei "ein Programm zur Erzeugung lebenslanger Ohnmacht und Abhängigkeit". http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/minijob-ist-ein-risiko-im-lebenslauf-a-889402.html
Das Grundproblem sind immens überhöhten Sozialabgaben in Deutschland, die eine reguläre Beschäftigung für viele unattraktiv machen, die lediglich etwas Geld dazu verdienen wollen (zB als Putzhilfe im Haushalt). Gerade für verheirate Frauen (die bei ihrem Mann mitversichert sind) ist es schwer zu verstehen, warum sie dafür noch einmal Sozialabgaben entrichten sollen, wo doch die Leistungen des Sozialsystems durch denzusätzlichen Job nur minimal verbessert werden. Daher ist es in diesem Bereich praktisch unmöglich jemanden auf normaler Lohnsteuerkarte zu finden (und auch auf 450 EUR ist dies nicht einfach).
3.
akeley 18.03.2013
---Zitat--- Dies belege, dass Minijobs - anders als von den rot-grünen Arbeitsmarktreformern gewollt - "nicht als Brücke in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wirken". ---Zitatende--- Wenn Rotgrün das nicht gewollt hat, hätten sie auf die zahlreichen Kritiker gehört, die das von Anfang an gesehen haben. Die ganze Agendapolitik hat und hatte immer nur zwei Ziele: mehr Profit für Unternehmen, weniger Menschen in der AL-Statistik. Beides war so geplant, das der Scheinerfolg auf dem Rücken der Arbeitenden eingeheimst wird. Der Preis werden Millionen von neuen Armutsrentnern sein.
4. Wieder eine nichts sagende Statistik
kpkuenkele 18.03.2013
Das Familienministerium versorgt uns mit regelmäßigen Abständen mit nichts sagenden Statistiken, wo in Zahlen etwas politisch hinein interpretiert wird, was die nackten Zahlen einfach nicht hergeben. "Frauen stecken in Minijobs fest", da wird etwas am Geschlecht festgemacht, obwohl ganz andere Gründe dahinter stehen. Würde sich jemand über die Aussage "Ärztinnen oder Friseurinnen stecken häufig in ihrem Beruf fest" empören? Die Zufriedenheit von 80% muss keine Selbstausbeutung widerspiegeln sondern vielleicht einfach nur persönliche Gründe, die zu dieser Berufswahl führen. Ebenso beliebt ist das Mantra von der schlechteren Bezahlung von Frauen. Ich habe in meinem ganzen Berufsleben noch keine Firma erlebt, wo Frauen bei gleicher Tätigkeit und Leistung weniger bezahlt bekommen als ihre männlichen Kollegen. Es wird Zeit, dass Frau Leyen ihre fröhliche Statistikertruppe mit dem Hang zur Schlagzeile mal zur Ordnung ruft.
5. Nebenverdienst
Spiegelleserin57 18.03.2013
um sich nebenbei Geld zu verdienen sind 450 € Jobs gut. Jede Frau hat die Wahl auch ganztags arbeiten zu gehen. Viele Frauen wollen auch gar nicht volltags arbeiten. Der Titel mit gefangen sit wohl etweas falsch gewählt da diese Jobs durchaus etwas Positives haben. Man muss nicht glauben dass alle Frauen arbeiten wollen. Ich kenne viele die gerne arbeiten lassen da sie selbst wissen welchen Stress ihre Männer am Arbeitsplatz haben. Fragt sich wirklich wen man bei derStudie befragt hat.
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