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Misstrauen gegen Sparwillen: Berlin rechnet griechisches Euro-Aus durch

Lange galt dieser Schritt als unvorstellbar - doch nun trifft Deutschland Vorkehrungen: Nach SPIEGEL-Informationen stellt sich die Bundesregierung auf einen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion ein. Sie lässt drei Szenarien durchspielen - darunter ein besonders negatives.

Griechische Euro-Münze: Die Währungsgemeinschaft könnte stabiler werden Zur Großansicht
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Griechische Euro-Münze: Die Währungsgemeinschaft könnte stabiler werden

Hamburg - "Wir sind gewappnet", sagte Angela Merkel auf dem G-20-Gipfel in Cannes und spielte dabei auf einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone an. Sie selbst hatte dieses Szenario ins Spiel gebracht, um gemeinsam mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy die Athener Regierung unter Druck zu setzen.

Inzwischen stellt sich die Bundesregierung wirklich auf das ein, was sie zuvor stets als unvorstellbar bezeichnet hatte: den Austritt Griechenlands aus der Währungsunion. Nach SPIEGEL-Informationen bereitet sich die Bundesregierung für den Fall vor, dass die neue griechische Regierung die vereinbarten Sparprogramme nicht weiterführen will. Experten des deutschen Finanzministeriums spielen dafür unterschiedlichste Annahmen durch.

Ein sogenanntes Basis-Szenario geht von der Annahme aus, dass alles nicht so schlimm kommt. Danach könnte der Ausstieg Griechenlands nach anfänglichen Turbulenzen längerfristig sogar zur Stärkung der Euro-Zone beitragen. Ohne ihr schwächstes Glied, so die Annahme, wäre die Kette insgesamt stabiler. Zwar hätten Randstaaten wie Spanien und Italien auch weiterhin zu kämpfen, doch könnten sie ihre Schwierigkeiten unbelastet von der Griechenland-Krise besser in den Griff bekommen. Diese Länder haben nach Einschätzung der Regierungsexperten zwar augenblicklich Probleme, an Geld zu kommen. Pleite seien sie - anders als Griechenland - aber nicht.

In einem Worst-Case-Szenario entwickeln sich die Angelegenheiten in der Euro-Zone weniger günstig. In diesem Fall würden Italien und Spanien ins Visier der globalen Finanzmärkte geraten, ihre Finanzierungskosten stiegen. In diesem Planspiel wäre der europäische Rettungsschirm EFSF gezwungen, die Länder mit frischem Geld zu versorgen. Damit das gelingen kann, soll er so schnell wie möglich aufgerüstet werden, so dass er über ein Finanzierungsvolumen von einer Billion Euro verfügt.

Zusätzlich beschreiben die Regierungsexperten ein Worst-Worst-Case-Szenario. Danach würde die neue griechische Währung dramatisch gegenüber dem Euro abwerten. Zwar würden die Exporte des Landes billiger, negative Effekte würden aber überwiegen. Die Staatsverschuldung stiege trotz Schuldenschnitts, weil die Verbindlichkeiten in Euro bestehen blieben. Die Kreditwürdigkeit des Landes sänke sofort wieder, und auch die Geldversorgung der Wirtschaft würde stocken, weil die Banken ebenfalls vom internationalen Kapitalmarkt abgeschnitten wären.

Weil auch die Unternehmen ihre Schulden in Euro behalten würden, gingen viele in Konkurs - mit der Folge, dass noch mehr Arbeitnehmer ihren Job verlören. Der Konsum bräche ein, was den Abschwung verschärfen würde. Aus diesem Teufelskreis könnte sich das Land auf Jahrzehnte nicht befreien, andere Länder könnten mit in den Strudel gerissen werden. Dieses negativste Szenario sei aber nicht das wahrscheinlichste, heißt es in Regierungskreisen

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insgesamt 208 Beiträge
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1. Das ist der falsche Weg!
genesis266 12.11.2011
nicht Griechenland raus, sondern Deutschland raus. Nur das ist die Lösung und würde allen anderen die nötige Erleichterung bringen. Wir hätten dann die Schwierigkeiten, sind aber stark genug, diese zu meistern. Nur ein Euroaustritt kann die sich zuspitzende Lage in Europa entschärfen. Konsequenz: Deutschland könnte entweder ein Parallel-Währung einführen oder gleich ganz auf DM (Neue Deutsche Mark) umstellen. In beiden Fällen ist eine Golddeckung hilfreich. - Studie: Drei Wege aus dem Euro. Ein Ausstieg ist machbar. http://www.mmnews.de/index.php/wirtschaft/8687-euroaustritt-und-waehrungsreform
2. Einer nach dem anderen !
bauagent 12.11.2011
So geht der Tod auf Raten für den Euro weiter und die Fallhöhe wird auf ein Maß erhöht, dass unsere Renten zu Trinkgeldern verkommen läßt. Wer jetzt noch nicht begriffen hat, welches Spiel Bundeskanzler Ackermann mit seinen Freunden in der Politik und Industrieoligarchie hier spielt, der hat es nicht anders verdient, als dass sich seine Ersparnisse über Nacht verflüchtigen. Wer glaubt denn noch, dass Italien oder Spanien mit Billionen Schulden in irgend einer Form rettbar wären? Nur die Systemmedien, die als Gegenleistung Desinformation aus erster Hand erhalten!
3. Sie können rechnen was sie wollen …
wika 12.11.2011
So werden aber alle Rechnereien und Rechenspiele nicht helfen und auch lautes Schreien und Proteste nicht, solange nicht die Ursache der Krise beseitigt wird. Auch mehr Weggabe an Kompetenzen nach Brüssel nicht, noch zusätzliche Gelddruckerei werden das Problem lösen und auch nicht der Ruf „Weg mit den Banken“. Es ist frustrierend mit anzusehen wie der normalbegabte Bürger hier verladen wird und Maßnahmen ergriffen werden, die in jedem Falle zur weiteren Eskalation führen müssen, allein um den Preis etwas Zeit zu gewinnen. Auch den Griechen wird es nicht helfen, sie sind nur die ersten die über die Klippe springen müssen. Das system sieht vor und gebietet, dass am ende auch Deutschland springt, ganz ohne Erbarmen. Viele Fachleute sind sich dessen mehr als bewusst. Was wir sehen ist reine Politik, die gerade die Lebensgrundlagen zugunsten einiger Zocker daherschenkt. Das (Schuld)-Geld-System an sich ist faul und nicht tragfähig, weil es ein exponentielles Wachstum des Geldes bewirkt, was der Arbeitskraft des Menschen auf der anderen Seite nicht gegeben ist. Wir leben mit dem System derzeit eine Traum wider die Natur, den sich am Ende nur einige Wenige zunutze machen (können). Es wird so etwas von gründlich an dem Thema vorbei gearbeitet, dass man sagen darf es ist sträflich und kriminell … zum Schaden der Menschen in Europa. Es wird ein VWL und BWL-Voodoo-Zauber beschworen und uns ein Affentanz aufgeführt, der so scheint mir, ausschließlich der Ablenkung von eben diesem kleinen aber überlebenswichtigen Umstand dient. Es ist einfach wichtig die Wurzel des Übels zu erkennen, dies gilt auch für allen Protest der sich mit den Auswirkungen eben dieses Systems befasst. Sonst wird es einfach nur ein heilloses Chaos geben. Wenn sie nachvollziehen möchten was dieses System bewirkt und ausmacht, hier bitte: *„Jesus Euro Cent vs. Mammons Renditeziel“* … Link (http://qpress.de/?p=426), da können selbst die Kinder das System verstehen. Nehmen sie es als vorgezogene Weihnachtsgeschichte. Dann gehen sie bitte hin und ersetzen das Wort Schuldenkrise unbedingt gedanklich ein für alle mal durch das Wort „Guthabenkrise“, es ist nichts anderes als die Kehrseite der Medaille dieses kaputten Systems, aber es könnte helfen zu verstehen. Und noch eines, dass ganze Rumgehacke auf die Griechen kann man sich sparen wenn man die Mechanismen kennt.
4. Falsche Rechnung
Ron777 12.11.2011
Deutschland rechnet einen völlig falschen Weg. Nicht Griechenland muss aus dem Euro austreten, sondern die reichen Nordländer müssen es. Es ist doch jetzt schon gesetzt, dass Italien, Protugal, Spanien und weitere Staaten das gleiche Schicksal erleiden wie Griechenland. Einfach mal diesen Chart angucken und nachdenken: http://www.querschuesse.de/chart-des-tages-2/
5. Deutschland muss die Führungsrolle übernehmen.
ruthteibold-wagner 12.11.2011
Gut, dass die Regierung verschiedene Szenarien schon mal im vorraus durchrechnen lässt, darunter auch das Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone. Es gibt nach den Verträgen keine formale Möglichkeit, Griechenland auszuschließen. Es gibt in den Verträgen nur das "freiwillige" Ausscheiden. Zum "freiwilligen" Ausscheiden könnten sie allerdings durch sanften Druck bewogen werden. Die Bundesregierung müsste unmissverständlich klar machen: "Entweder Ihr tretet aus, oder es gibt keinen Cent mehr. Erst wenn Ihr austretet, bekommt Ihr wieder Geld". Dieses Vorgehen wäre vertragskonform und hätte zudem eine generalpräventive Wirkung: Andere würden am Beispiel Griechenland erkönnen können, wie sie ins Abseits geraten könnten, falls sie sich wie die Griechen benehmen. Deutschland als das wichtigste Land der Euro-Zone muss die Führungsrolle übernehmen. Dazu gehört, solche klare Ansagen zu machen.
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fakten zur Euro-Zone

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