Mobilitätsforscher im Interview "Das Auto darf nicht mehr privilegiert werden"

Fahrverbote für Diesel-Pkw, Staurekorde und kaum Parkplätze. Für Deutschlands Autopendler kommt es dicke. Richtig so, findet der Mobilitätsforscher Andreas Knie, nur so gebe es die Chance auf eine Verkehrswende.

Stau in Stuttgart
DPA

Stau in Stuttgart

Ein Interview von


Der "Professor", wie Andreas Knie hier im Forschungszentrum gerufen wird, ist heiser. Es könnte daran liegen, dass er in diesen Wochen ständig angerufen wird von Bürgermeistern, die angesichts der drohenden Fahrverbote für Diesel-Pkw von dem Mobilitätsforscher wissen wollen, was sie nun ändern sollen.

Knie, der mit schwarzer Lederhose und langen lockigen Haaren eher wie ein Rocker aussieht, antwortet immer mit einer Gegenfrage: "Wollen Sie wirklich etwas ändern oder wollen Sie nur eine Änderung inszenieren?" Es ist zu vermuten, dass die meisten letzteres wollen. Knie kennt die politischen Widerstände in Verkehrsfragen, seit gut dreißig Jahren beschäftigt er sich mit Mobilität, unter anderem hat er für die Bahn die Einführung der Call-a-Bike-Fahrräder koordiniert.

Ein roter Faden in seinem gesamten Arbeitsleben: der Kampf gegen die Bevorzugung des Privatautos durch Verkehrsplaner und die Politik. 40 Jahre lang, schimpft Knie, sei das Auto in Deutschland gehätschelt worden - es sei eine Art Komplizenschaft entstanden zwischen den Herstellern, dem Staat, der das Autofahren gefördert hat und den Verbrauchern, die ihre freie Fahrt genossen haben. Es sei höchste Zeit, das zu ändern.

Zur Person
  • WZB/DAVID AUSSERHOFER
    Andreas Knie ist Leiter des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel, einem Unternehmen, das zu 77 Prozent der Deutschen Bahn AG gehört. Außerdem ist Knie Professor für Soziologie an der TU Berlin und Leiter der Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).

SPIEGEL ONLINE: Herr Knie, die Zahl der Menschen, die zur Arbeit pendeln, steigt immer weiter - warum ist das so?

Knie: Erstens sind Familien heute viel instabiler: Es gibt viele Alleinerziehende, Patchworkfamilien oder beide Eltern sind in Vollzeit berufstätig und die Kinder ganztags in Betreuungseinrichtungen - da gibt der Wohnort und damit Lebensmittelpunkt häufig die größte Stabilität. Zweitens ist es nicht mehr so einfach, umzuziehen. Sie kriegen in der Innenstadt einer Stadt wie Hamburg, Stuttgart oder München kaum noch eine Wohnung, schon gar nicht für eine ganze Familie.

SPIEGEL ONLINE: Lohnt es sich überhaupt, stundenlang zur Arbeit zu fahren?

Knie: Subjektiv lohnt sich das natürlich immer, sonst würden die Menschen nicht pendeln. Entweder wegen des höheren Lohns oder der höheren Lebensqualität am Wohnort oder wegen der Arbeitsstelle des Partners - und dank der Entfernungspauschale kostet es natürlich nicht viel.

SPIEGEL ONLINE: Aber es ist doch nur gerecht, dass die Fahrtkosten von der Steuer abgesetzt werden können, oder?

Knie: Wer in der Stadt wohnt, zahlt höhere Mieten, höhere Preise im Supermarkt, höhere Gebühren für die Kinderbetreuung, für Wasser und Abfall und er leidet unter dem steigenden Verkehr auch von Pendlern, die sich ihr günstiges Häuschen auch mit der Entfernungspauschale leisten können. Das ist überhaupt nicht gerecht, weil die Lasten ungleich verteilt sind. Die Politik versucht immer noch, ein Ideal der Adenauer-Zeit zu erhalten: das Grundrecht jedes Bundesbürgers auf ein Häuschen im Grünen und ein Auto. Dafür wurde früher die Eigenheimzulage gezahlt, die Entfernungspauschale erfunden und der Diesel subventioniert.

Wie viele Menschen pendeln so wie Sie?

SPIEGEL ONLINE: Wird die Große Koalition das nun ändern und Deutschlands Verkehrsprobleme lösen?

Knie: Nein. Diese Bundesregierung hat nicht die Kraft, die entscheidenden Gesetze gegen die starken Lobbyinteressen zu verändern. Aber sie sollte die Entfernungspauschale sofort abschaffen - und Städten und Gemeinden erlauben, "Experimentierklauseln" zu nutzen. Zum Beispiel: 10 Euro Gebühren am Tag für das Parken im öffentlichen Raum. Für Elektroautos wären es vielleicht nur 5 Euro und ein Carsharing-Pkw dürfte kostenlos stehen. Oder eine Stadt könnte ein Drittel der öffentlichen Flächen für Sharing-Produkte ausweisen - für Autos, Elektroroller, Fahrräder. Oder sie könnte es erlauben, dass Privatleute Fahrgäste gegen Bezahlung mitnehmen. So könnte man viel ausprobieren - die guten Ideen würden sich bestimmt durchsetzen, wie das beispielsweise bei den Leihfahrrädern der Fall war.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen also Autofahren verteuern? Ist es gerecht, wenn Geringverdiener sich ihr Auto nicht mehr leisten können?

Knie: Wenn etwas teurer wird, dann war es vorher billig und ist in diesem Fall bewusst billig gemacht worden - so etwas muss man in Frage stellen. Mobil sein ist teuer, das muss die Politik jedem klar machen und die tatsächlich dahinterliegenden Kosten, also zum Beispiel für Umwelt, Gesundheit und Infrastruktur, müssen in Preise übersetzt werden. Natürlich dürfen Menschen, die wirklich wenig Geld haben, nicht ausgeschlossen werden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein Menschenrecht auf Autofahren?

Knie: Nein. Aber Teilhabe ist wichtig und deshalb braucht es auch nicht Autofahrgutscheine für Geringverdiener oder ALG-II-Empfänger, sondern Mobilitätsgutscheine, denn zur Beteiligung am gesellschaftlichen Leben gehört es auch, sich bewegen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Ist es vorstellbar, das Auto ganz aus der Stadt zu verdrängen?

Knie: Ja. Das Auto darf nicht mehr privilegiert werden. Das Versprechen: Du kannst mit deinem Auto von A nach B fahren und es dort auch noch günstig abstellen, muss ersetzt werden durch ein anderes. Du kommst weiterhin von A nach B - aber ohne dein Privatauto. Dazu gehört es, dass das privat besessene Automobil die Kosten, die es verursacht, auch bezahlt. Zum Beispiel für das Abstellen auf einem öffentlichen Grundstück, das eigentlich mindestens 4000 Euro im Jahr kostet. Natürlich muss der Nahverkehr entsprechend gut sein, die Wege müssen kompakter, die Radwege besser werden.

SPIEGEL ONLINE: Für Großstädter mag das irgendwann funktionieren - aber was machen die, die auf dem Land wohnen? Ohne Mietautos und -fahrräder an jeder Ecke, ohne U-Bahn und ohne Bushaltestelle?

Knie: Auf dem Land bleibt das Auto erst einmal das Maß der Dinge. Das kann man aber besser nutzen, indem man das besser teilt - die Menschen müssen sich halt wieder gegenseitig mitnehmen. Mit digitalen Angeboten lässt sich das heute sehr leicht organisieren, auch die Fahrt zum Sportverein, zur Kirche oder zur Gemeinde. Nach unseren Schätzungen lässt sich so ein Drittel des ländlichen Autoverkehrs einsparen - und es ist komfortabler als neue, schlecht getaktete Busverbindungen einzuführen. Wir nehmen, was da ist, die Straßen und das Auto, und organisieren es intelligenter.

insgesamt 109 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
yvowald@freenet.de 08.03.2018
1. Endlich ÖPNV fördern
Der ÖPNV muß endlich Vorrang haben. Bisher wurde gerade die Deutsche Bahn nicht verpflichtet, auch den Nahverkehr angemessen zu fördern. Und das, obwohl der Bund Mehrheitseigentümer an der Deutschen Bahn ist und auch hoffentlich bleibt. Denn sonst wäre die Bahn längst "verdurstet".
Flari 08.03.2018
2.
Zitat von yvowald@freenet.deDer ÖPNV muß endlich Vorrang haben. Bisher wurde gerade die Deutsche Bahn nicht verpflichtet, auch den Nahverkehr angemessen zu fördern. Und das, obwohl der Bund Mehrheitseigentümer an der Deutschen Bahn ist und auch hoffentlich bleibt. Denn sonst wäre die Bahn längst "verdurstet".
Sie haben das System ÖPNV nicht im geringsten verstanden. ÖPNV ist die Sache von Kommunen, bzw. max. Ländersache und haben ggü. der DB keinerlei Weisungsrecht. Und die Bahn einfach für den ÖPNV zu verpflichten, würde sofort die Gerichte auf den Plan rufen, da der ÖPNV überwiegend öffentlich auszuschreiben ist.
masterrobin93 08.03.2018
3.
ich kann immer kostenfrei dank meiner wertmarke den öpnv nutzen und das ist auch gut so. mittlerweile benutzen bundesweit mehr menschen den öpnv, hab ich zumindest den eindruck. der artikel im spiegel über den öpnv fand ich in diesem zusammenhang sehr informativ!
yvowald@freenet.de 08.03.2018
4. Es geht um Zuständigkeiten
Es geht hier nicht um Zuständigkeiten, sondern um Privilegierung. Der Bund als größter Steuergeld-Einnehmer muß ab sofort die Länder und Kommunen massiv finanziell unterstützen bei der Durchsetzung des ÖPNV landesweit und bis in die kleinste Kommune. Darum geht es...
ItchyDE 09.03.2018
5.
Irgendwie liest sich das so, als ob die Entfernungspauschale nur für Autopendler gezahlt wird, dabei ist es doch egal, ob ich den Weg per Auto, Fahrrad, Zug oder Hyperloop zurücklege.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.