Mega-Umsiedlung in Moskau "Hände weg von meiner Wohnung"

Moskau will eine Million Menschen umsiedeln. Die Stadt verspricht bessere Wohnungen, doch daran glaubt nicht jeder. Der Widerstand wächst, selbst Präsident Putin mischt sich ein. Ein Besuch bei denen, die weichen sollen.

AP

Von , Moskau


Aufgeben kommt für Alexander Harlamow nicht in Frage. Schließlich geht es um seine eigenen vier Wände.

Harlamow, 46 Jahre, hohe Stirn, kantiges Gesicht, steht vor seinem gelben Steinhaus in der Osjornaja Straße 12, mit dem Auto 45 Minuten vom Moskauer Zentrum entfernt. Ein Fünfgeschosser mit frisch gestrichenem roten Sockel im Südwesten der Hauptstadt. Eine "Stalinka", erbaut 1955. Die Wohnungen verfügen über drei Meter hohe Decken, große Flure, getrennte Bäder und Toiletten.

Osjornaja Straße
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Das gut erhaltene Haus soll abgerissen werden - wie auch die angrenzenden Gebäude gleicher Bauart, Nr. 10 und 14. Sie stehen mit 4563 anderen Wohnblöcken auf der Abrissliste von Bürgermeister Sergej Sobjanin.

Eine Million Menschen sollen nach seinem Willen in den kommenden Jahren umgesiedelt werden - das ist ein Zwölftel der offiziellen Bevölkerung der russischen Hauptstadt. Ein gigantisches Bauprojekt mit einem Milliarden-Euro-Etat (Mehr dazu lesen Sie hier).

"Die Stadt wird sich total verändern, ihr Gesicht verlieren", sagt Harlamow. Der Trainer für Selbstverteidigung zeigt auf die 13-stöckigen Betongerippe, die einige hundert Meter weiter hochgezogen werden. "In so etwas wollen wir nicht leben."

Harlamow ist ein ruhiger Mann, bisher alles andere als politisch engagiert. Nun ist er ein "Aktivist", wie ihn die Nachbarn nennen. Er koordiniert den Widerstand in seiner Straße, tauscht sich mit anderen Gegnern aus: Bürgern, die selbst entscheiden wollen, wo sie leben. Tausende gehen zu Demonstrationen,

Alexander Harlamow
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Alexander Harlamow

auf denen Plakate gezeigt werden wie "Hände weg von meiner Wohnung" oder "Stopp den Abriss". "Sobjanin muss zurücktreten", fordern sie.

Harlamow und andere kämpfen um ihr Eigentum. Viele der Quartiere sind privatisiert. Harlamow gehören zwei Zimmer, 60 Quadratmeter für ihn, seine Frau und seinen dreijährigen Sohn. Das lässt er sich nicht so einfach von oben verordnet wegnehmen. Er ist nicht der einzige:

DIE GEGNER

  • Wohnungskäufer Denis und Jekaterina
Denis und Jekaterina, Wohnungsbesitzer
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Denis und Jekaterina, Wohnungsbesitzer

Ein Haus weiter, in Nr. 10, 2. Stock, öffnet die 33-jährige Jekaterina Kalatsch die Tür. "Wir sind klar gegen den Abriss." Sie wohnt mit ihrem Mann Denis Potapow, 37 Jahre, und ihren Söhnen, Kyrill, 3, und Artjom, 12 Jahre, auf 60 Quadratmetern. Die Wohnung haben sie vor sieben Jahren gekauft, Kindergarten und Schule sind nah.

"Hunderttausende Rubel haben wir in eine Klimaanlage und in die Küche investiert, unsere Kinder sollen hier aufwachsen", sagt die Diplom-Ökologin. Im Hof wachsen große Birken, spenden Schatten, es ist ruhig. Es gibt ein Basketballfeld und Parkplätze vor der Tür. Offiziell heißt es, die Bewohner würden als Ersatz eine gleichwertige, gleich große Wohnung erhalten, die im gleichen Bezirk liegen soll. Die sind in Moskau allerdings sehr groß.

  • Wohnungsbesitzerin Jelena
Jelena Kusmitschowa, Wohnungseigentümerin
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Jelena Kusmitschowa, Wohnungseigentümerin

"Was heißt das alles genau?", fragt Jelena Kusmitschowa im Haus Nr. 12, vierter Stock. Die 61-Jährige Juwelierin zeigt ihre Tapeten, Imitationen roter Backsteine, ihr geräumiges Schlafzimmer mit Balkon. "Wer gibt uns denn Garantien?" Sie hat Sorge, dass am Ende die Stimmen derjenigen im Haus zählen, die zur Miete wohnen, die hätten nicht so viel zu verlieren.

DIE BEFÜRWORTER

  • Mieterin Tamara und ihre Familie
Tamara Michajlowa in ihrer Mietwohnung
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Tamara Michajlowa in ihrer Mietwohnung

Tamara Michajlowa, 65 Jahre, wohnt ein Stockwerk über Jelena. Die Rentnerin teilt sich die Dreizimmerwohnung mit ihrem gehbehinderten Mann, Sohn und Enkel sowie Tochter und Schwiegersohn. Alle auf 71 Quadratmetern. Sie zahlen Sozialmiete. "Wir haben für das Programm gestimmt, es ist gut, was Sobjanin macht", sagt Tamara. Sie hoffe, dass ihre Familie nun drei Wohnungen bekomme, sie und ihr Mann eine mit Fahrstuhl. Im Gesetzentwurf des Staatsparlaments steht davon allerdings nichts.

Elena schüttelt den Kopf. Jeder glaube nur das, was er wolle, kommentiert sie, als sie hört, dass die Nachbarin nur die Zeitungen der Stadtregierung liest, die nun überall verteilt werden und das Abrissprogramm anpreisen.

  • Bewohner der "Chruschtschowki"
Chruschtschowka im Südwesten Moskaus
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Chruschtschowka im Südwesten Moskaus

Eigentlich sollen nur Gebäude ersetzt werden, die in einem schlechten Zustand sind, so verspricht es die Stadt. Oft sind das Plattenbauten, die KP-Generalsekretär Nikita Chruschtschow in der Sowjetunion schnell hochziehen ließ, um die Wohnungsnot nach dem Krieg zu lindern. 30, vielleicht 50 Jahre sollten sie halten, die Menschen leben immer noch in den kleinen Wohnungen mit Fünf-Quadratmeter-Küchen und dünnen Wänden. Doch das Wort "Chruschtschowka" findet man in den Gesetzestexten nicht: nicht im landesweiten Entwurf, nicht im eilig verabschiedeten Moskauer Gesetz.

In der Umgebung der Osjornaja Straße stehen mehrere "Chruschtschowki". Einige der Bewohner begrüßen eine Umsiedlung, wenn die Stadt ihnen wirklich eine bessere Bleibe gebe, sagen sie.

  • Inna aus dem Wohnheim
Inna Werchowzewa
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Inna Werchowzewa

Sicherlich habe der Bürgermeister etwas Gutes tun wollen, meint selbst Gegner Harlamow, aber es gebe eben diese "Auswüchse". In seiner Straße versammeln sich die Menschen und diskutieren, warum ausgerechnet ihr Haus abgerissen werden soll. Hängt es damit zusammen, dass bald in der Nähe eine Metrostation eröffnet? Und warum ist nicht das Wohnheim eine Straße weiter auf der Liste?

Dort lebt Inna Werchowzewa beengt in einem 18 Quadratmeter großen Zimmer, teilt sich veraltete Toiletten, Duschen und Küche mit den anderen Bewohnern der 24 Zimmer auf der zweiten Etage. "Warum sind wir nicht dabei? Wir sind alle für den Abriss. Ich dachte nicht, dass ich hier noch leben muss, wenn ich in Rente bin", sagt die 56-Jährige Pensionärin.

Zweifel an der Abstimmung

Fragestunde für Bürger
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Fragestunde für Bürger

Gegenüber in der angrenzenden Schule geht es laut zu. Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung soll Bürgern Fragen beantworten. Eine Frau will wissen, wo genau die Ersatzwohnungen entstehen sollen. Immer wieder ruft sie ihm diese Frage zu. Er antwortet nur: "Stimmen Sie ab. Der nächste." Eine andere Frau will wissen, welche Entschädigungen gezahlt werden. Er weiß es nicht. "Der nächste."

Harlamow, der die Szene beobachtet, schüttelt den Kopf. "Das ist gegen die Verfassung. Die Menschen sollen abstimmen, dabei ist das Gesetz noch gar nicht in Kraft." Die zweite Lesung des Gesetzentwurfes in der Staatsduma wurde auf den 9. Juni vorverlegt.

Dennoch sollen die Bewohner bereits bis zum 15. Juni über das Schicksal ihrer Häuser abstimmen: Sind zwei Drittel in einem Haus dafür, wird es abgerissen. Die Prozedur wirft Zweifel auf: Es darf auf Papier und Online abgestimmt werden; es dürfen auch Mieter teilnehmen; wenn keiner sich beteiligt, gilt das automatisch als Ja-Stimme.

Problem auch für Putin

Bürgermeister Sobjanin
picture alliance / Vladimir Asta

Bürgermeister Sobjanin

Das Misstrauen wächst. Das ist auch heikel für Präsident Wladimir Putin. Im Beisein des Staatschefs hatte Sobjanin im Februar das Moskauer Abrissprogramm verkündet. Nun heißt es, der Kreml distanziere sich von dem Programm. Im kommenden Jahr ist Präsidentschaftswahl. Wladimir Putin mahnte bereits, den Menschen "nichts mit Gewalt" aufzuzwingen.

Warum Sobjanin den gigantischen Plan überhaupt will? Sollte es ein Wahlgeschenk sein? Im Herbst 2018 wird der Moskauer Bürgermeister neu gewählt. Oder soll der kriselnden Bauindustrie und den Banken geholfen werden? Hinter dem Autobahnring stehen viele der Wohnungen in neuen Hochhäusern leer. Bei so vielen Fragen helfen manchmal nur Witze, so wie dieser hier, den sich die Moskauer nun erzählen:

"Bürgermeister Sobjanin sucht und sucht. Doch er kann den riesigen Goldschatz, den sein Vorgänger Juri Luschkow versteckt hat, einfach nicht finden. Er lässt Straßen aufreißen, Kioske entfernen - nichts. Sobjanin ist verzweifelt, wendet sich an Putin. Der fragt: "Hast Du schon mal unter die Plattenbauten geguckt?"

Über den Witz kann selbst Harlamow lachen, auch wenn er weiß: Setzt sich der Bürgermeister etwas in den Kopf, wird es durchgezogen. Das war bei den Kiosken so; das war beim Bau der Bürgersteige so, auch wenn die bei Regen zu reißenden Flüssen werden: Es fehlen Gullis.

Videoanalyse: Mit der Abrissbirne gegen eine Million Bürger

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Zusammengefasst: 4566 Wohnblöcke sollen in Moskau abgerissen werden. Bürgermeister Sergej Sobjanin will die Stadt umgestalten, eine Million Menschen sollen nach seinem Willen in den kommenden Jahren umgesiedelt werden. Das gigantische Bauprojekt sorgt für Zorn und Unsicherheit in der Stadt, Bewohner kämpfen um ihr Eigentum. Andere erhoffen sich eine bessere Bleibe.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaya



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
rabkauhala 01.06.2017
1. Umverteilung
Putins Judo- und KGBfreunde (die neuen Oligarchen und Milliardäre) können nach dem abgreifen der Gelder für Olympiabauten und Fußballstadien mit den fallenden Aktien und Rohstoffpreisen kein Geld mehr verdienen. Jetzt werden Ihnen neue Geschäftsfelder eröffnet um die Millionen aus den öffentlichen Aufträgen auf ihre Offschorekonten abzuzweigen. Auch Putin selber wird über diesen Weg seine Rente und zukünftigenj Paläste sichern. Es werden riesige Summen bewegt und die Infrastruktur der Korruption ist schon da und will genutzt werden. Der einfache Russe zählt da Garnichts.
Sonnenschein11 01.06.2017
2. Schön entlich mal wieder was aus dem Osten zulesen
Ist dieser Bericht der Auftakt zur Lockerung der Russland Beziehungen? Wenn ja, ist das doch eine tolle Nachricht. Zum Thema. Nun ja, es ist nicht ungewöhnlich, das zum Teil ganze Straßenzüge abgerissen werden, um neues zu schaffen. Das passiert in Europa öfters und kann eine gute Sache sein.
ichsagwas 01.06.2017
3. Es gibt definitiv einen Handlungsbedarf
"Mit der Abrissbirne gegen eine Million Bürger". Das geht zu weit, wieder mal eine tendenziöse Schlagzeile. Wer schon einmal selbst in so einem heruntergekommenen Plattenbau war, der weiss, wie Scheisse es da drin aussieht. Besonders die Treppenhäuser sind ein Ausbund an Hässlichkeit, und die Stabilität vieler dieser Gebäude dürfte bald nicht mehr gegeben sein, hinzu kommt ein kaputtes Leitungsnetz, das sehr störanfällig ist (Strom, Wasser). Natürlich ist ein gesundes Maß an Misstrauen angesagt. Wenn auch Gebäude, wie dieser grundsolide Ziegelbau (erstes Bsp., Harlamow) abgerissen werden sollen, dann könnte schon etwas faul sein. Trotzdem: in den vergangenen Jahren gab es diverse eingestürzte Gebäude, jeder Russe weiss um den äußerst maroden Zustand zahlreicher Altbauten. Es gibt definitiv einen Handlungsbedarf. Und wer sonst als die Stadtverwaltung sollte das in die Hand nehmen. Jedem kann man es natürlich nicht recht machen.
klaus64 01.06.2017
4. Eine russische Angelegenheit
Ich kann mich erinnern, das in unseren Medien die schlechten Wohnverhältnisse der Russen in Moskau und anderen Städten kritisiert wurden. Nun wird ein Abriss der schlechten Wohnverhältnisse kritisiert. Wir sollten solche Dinge doch einfach den Russen selbst überlassen. Noch eine Bemerkung - in China kaufen die Leute Wohnungen mit einem Wohnrecht für 60 Jahre und im Durschnitt werden ganze Wohnviertel nach 30 Jahren abgerissen. Kümmert uns das ?
curiosus_ 01.06.2017
5. Klar, so was...
Zitat von Sonnenschein11Ist dieser Bericht der Auftakt zur Lockerung der Russland Beziehungen? Wenn ja, ist das doch eine tolle Nachricht. Zum Thema. Nun ja, es ist nicht ungewöhnlich, das zum Teil ganze Straßenzüge abgerissen werden, um neues zu schaffen. Das passiert in Europa öfters und kann eine gute Sache sein.
...passiert in Europa öfters. Zum Beispiel, dass die Eigentümer ganzer Straßenzüge enteignet und zwangsumgesiedelt werden passiert in Deutschland öfters und ist nicht ungewöhnlich. Ernst gemeint? Dann haben Sie sicher Beispiele dafür.
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