G20-Gipfel Scheitert die Globalisierung, scheitert Deutschland

Die G20 wollten den Welthandel eigentlich fördern. Doch immer mehr Länder versuchen, ausländische Wettbewerber zu übervorteilen. Für Deutschland steht viel auf dem Spiel.

Werbung für TTIP
DPA

Werbung für TTIP

Eine Kolumne von


Auf dem Höhepunkt der großen Krise 2009 gaben sich die Regierungen der wichtigsten Länder der Welt ein fundamentales Versprechen: Die Grenzen sollten offen bleiben. Welche Verwerfungen der Crash der Finanzmärkte auch nach sich ziehen würde, die G20-Staaten gelobten, aus den Fehlern der Geschichte zu lernen. Anders als in den Dreißigerjahren, als ein globaler Handelskrieg die Große Depression noch verschärfte, sollte diesmal die Weltwirtschaft offen bleiben.

Zunächst hielt das Versprechen. Der Welthandel erholte sich rasch. Doch inzwischen ist eine heikle Phase angebrochen: Der internationale Güteraustausch lahmt. Mit immer drastischeren Maßnahmen versuchen wichtige Volkswirtschaften, Importe draußenzuhalten, heimische Exporteure zu unterstützen oder ausländische Investitionen zu behindern. Beim G20-Gipfel, der heute und morgen in Hangzhou unter chinesischem Vorsitz stattfindet, sollte es deshalb auch um die Frage gehen, ob die Welt nicht doch dabei ist, in die alten Fehler zurückzufallen.

Gerade für Deutschland sind die Risiken hoch. Keine andere große Volkswirtschaft ist so offen. Der Anteil der Exporte an der Wirtschaftsleistung hat sich seit Anfang der Neunzigerjahre mehr als verdoppelt und liegt jetzt bei knapp 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (neue Zahlen gibt's am Freitag). Die hohen außenwirtschaftlichen Überschüsse der vergangenen Jahre haben das Auslandsvermögen der Bundesrepublik förmlich explodieren lassen: Netto schuldet der Rest der Welt Deutschland rund anderthalb Billionen Euro. Sollten sich die Grenzen wieder schließen, droht ein brutaler Wohlstandsverlust. Scheitert die Globalisierung, scheitert Deutschland.

Noch ist es nicht so weit. Aber die Alarmsignale werden lauter. Die Welthandelsorganisation (WTO) hat vor wenigen Monaten vorgerechnet, dass die G20-Staaten zwischen Oktober 2015 und Mai 2016 pro Monat im Schnitt 21 neue handelsbeschränkende Maßnahmen eingeführt haben. Insgesamt sind derzeit knapp 1200 Handelsbeschränkungen in Kraft. Im Visier sind vor allem die klassischen Industriebranchen: insbesondere Eisen, Stahl, Maschinenbau, Elektrotechnik und Auto, auf die zusammen rund zwei Drittel der Maßnahmen entfällt.

Das alte Spiel ist im Gange. Ein Land versucht sich Vorteile im internationalem Wettbewerb zu verschaffen. Andere Länder ergreifen Gegenmaßnahmen - und schießen dabei nicht selten übers Ziel hinaus. Bis die nächste Reihe von Handelshürden errichtet wird.

China zum Beispiel unterstützt seine Stahlindustrie, die nach langen Jahren des Booms unter Überkapazitäten leidet, indem der Staat Unternehmen, die eigentlich pleite sind, mit billigen Krediten künstlich am Leben hält. Viele andere Länder, auch die EU, schützen sich gegen den Import von billigem chinesischen Stahl oder Fahrzeugreifen. Die USA allein haben zwischen Oktober und Mai 25 Maßnahmen eingeführt, überwiegend gegen China gerichtet.

Indien erhöht die Zölle auf Weizenimporte, erschwert die Einfuhr von Batterien aus China und Vietnam und von Jute aus Bangladesch und Nepal. Derweil versucht Russland technologieintensive Branchen zu schützen, indem eine "Importsubstitutionsagentur" Einfuhren nur noch genehmigen soll, wenn es keine vergleichbaren russischen Anbieter gibt. Sogenannte vaterländische Betriebe genießen Vorzugsbehandlung.

WTO-Chef Azevedo (l.) beim G20-Gipfel
DPA

WTO-Chef Azevedo (l.) beim G20-Gipfel

In der Rechnung der WTO nicht enthalten sind Regulierungen, die vorschreiben, dass große Teile der Wertschöpfung im jeweiligen Land erbracht werden. Das Ziel: Internationale Unternehmen können Produkte nur vor Ort verkaufen, wenn sie auch vor Ort produzieren. Ein Grund, warum gerade deutsche Konzerne massiv im Ausland investiert haben.

Wie groß die Auswirkungen solcher "Lokalisierungsmaßnahmen" auf den internationalen Handel bereits heute sind, ist unter Fachleuten umstritten. Klar ist jedoch, dass der Protektionismus nicht unter Kontrolle ist, anders als 2009 von den G20 versprochen. Stattdessen gehen die Regierungen mit enormer Kreativität vor, um sich Vorteile im internationalen Handel zu verschaffen. Internationale Regeln und Überwachung genügten nicht, schreiben die Ökonomen Simon Evenett und Johannes Fritz. "Das System hat nicht funktioniert."

Nun droht sich der globale Wettlauf um kurzfristige Marktvorteile zu beschleunigen. Nachhaltig schwaches Wachstum, Arbeitslosigkeit und Überkapazitäten haben das Potenzial, die offene Weltwirtschaftsordnung auszuhebeln.

Es geht hier nicht um Kleinigkeiten. Wer glaubt, der Menschheit gehe es besser, wenn die Grenzen erst wieder weitgehend dicht sind, täuscht sich. Die große Öffnung der Weltwirtschaft, die ab 1990 richtig Fahrt aufnahm, war vor allem ein Ausbruch aus der frustrierenden Enge nationaler Märkte. Die Globalisierung war damals hochgradig populär.

Das hat sich geändert. In vielen Ländern, auch in Deutschland, sehen inzwischen viele Bürger die Globalisierung negativ. Sogar in der Exportgroßmacht Deutschland liegt der Anteil der Skeptiker inzwischen bei 40 Prozent.

Politik und Wirtschaft sollten diese Befürchtungen ernst nehmen. Wenn die Globalisierung inakzeptable ökologische und soziale Folgen zeitigt, sollten neue Regulierungen - auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene - dafür sorgen, dass die Resultate besser werden. Die Grenzen zu schließen, hingegen wird absehbar hochgradig negative Folgen haben.

Europäer und Nordamerikaner könnten genau das erreichen: eine besser regulierte Globalisierung. Nur sieht es nicht so aus, als ob die aktuellen Abkommen zwischen der EU und USA (TTIP) sowie Kanada (Ceta) noch Chancen hätten. Umso wichtiger, dass die G20 ernsthaft gegen den Protektionismus angehen. Deutschland, das kommendes Jahr den G20-Vorsitz übernimmt, hätte allen Grund, das Thema zu forcieren.


Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

Hangzhou - Globalisierungsindikator I: G20-Gipfeltreffen unter chinesischem Vorsitz. Auf der Agenda steht allerlei: von der Lage in der Türkei, den Folgen eines Brexit, dem Krieg in Syrien, dem Konflikt im Südchinesischen Meer zwischen China und den übrigen Anrainern, Lage in der Ukraine.

Berlin - Meck-Pomm-Nachlese: Nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern berät das politische Berlin über die Folgen.

DIENSTAG

Berlin - schwarze Nullen und so: Beginn der Beratungen über den Bundeshaushalt 2017 sowie die mittelfristige Finanzplanung.

MITTWOCH

Berlin - Vorwahl-Feeling: Generaldebatte über den Bundeshaushalt.

San Francisco - iWhat? Apple präsentiert neue Produkte.

DONNERSTAG

Frankfurt am Main - Draghi, nach dem Sommer: Am Ende eines kühlen Konjunktursommers tagt der EZB-Rat, um über die weitere Geldpolitik zu entscheiden.

Peking - Globalisierungsindikator II: Neue Zahlen zum chinesischen Außenhandel im August.

Berlin - Erben und erben lassen: Die Erbschaftsteuer im Vermittlungsausschuss: Bundestag und Bundesrat suchen eine Lösung für Unternehmenserben.

FREITAG

Peking - China-Inflation: Neue Zahlen zur Preissteigerung in China.

Bratislava - Euro-Einkehr: Die Finanzminister von Eurozone und EU treffen sich informell, um übers Grundsätzliche in der Finanz- und Währungspolitik zu beraten (bis Samstag).

Wiesbaden - Globalisierungsindikator III: Das Statistische Bundesamt veröffentlicht neue Zahlen zu den Exporten im Juli.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.


insgesamt 144 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Spiegelleserin57 04.09.2016
1. es war lange genaug bekannt...
dass der extreme Export Deutschland angreifbar macht. Wieso hat das bisher niemand geändert? Es wurde immer und immer wieder betont dass dies ein Risiko ist. Der Geldsegen durch den Export hat wohl die Politiker erblinden lassen und niemand hat an die Infrastruktur gedacht und die Wirtschaft innerhalb des Landes angestoßen. Niemand braucht sich also über die drohenden folgen beschweren.
kritischer-spiegelleser 04.09.2016
2. Globalisierung
heisst im Endeffekt weltweite Herrschaft weniger großer Wirtschaftsunternehmen. Nicht gerade ein erstrebenswertes Ziel. Aber was ist eine "regulierte Globalisierung"? Wenn ich den Handel reguliere ist es keine Globalisierung.
gelegentlicher_spon_leser 04.09.2016
3. uns übervorteilen?
Die eu macht mit afrikanischen Staaten Verträge, die ihnen erlauben, Kakaobohnen fast zollfrei zu exportieren, jedoch nicht Produkte auf Kakaobasis. Nur ein Beispiel. Wir sind keine Lämmer und den meisten Ländern gelingt es nicht, unseren größten Vorteil, 150 Jahre Industrieerfahrung, wettzumachen und aufzuschließen. Ein gewisses Scheitern der führenden Industrienationen, wenn man es so nennen will, ist notwendig. Da man das in einem neoliberalen System schlecht steuern kann, herrscht bei solchen Aussichten natürlich sofort Panik und "Rette sich wer kann".
marialeidenberg 04.09.2016
4. Die viel gerühmte Globalisierung
nützt natürlich den starken Export Staaten, da sie deren Zielmärkte öffnet. Gleichzeitig suchen sich eben diese Staaten nach der Blaupause CETA / TTIP exklusive Partnermärkte um sich gemeinsam vor unerwünschten (Drittstaat-)Exporteuren zu schützen. Ist es da ein Wunder, wenn sich eben diese erst eingemeindeten, dann ausgebremsten Staaten auf ihre einzig verbliebene Art wehren? Globalisierung in ihrer gegenwärtigen Ausprägung hat alle Eignungsmerkmale des Kolonialismus. Wenn dann noch Abkommen mit Sonderklagerechten und 'Investorenschutz' dazukommen stehen Entwicklungsländer auf definitiv verlorenem Posten. Eigentlich schändlich, das Ganze.
klatschreporter 04.09.2016
5. Die Globalisierung brachte...
...nicht nur der deutschen Mittelschicht prekäre Beschäftigungsverhältnisse bei sinkenden Löhnen und nicht armutssicherem Rentenniveau. Wenigen von der Politik hofierten Gewinnern steht das Heer der Globalisierungsverlierer gegenüber. Da muss sich also einiges ändern, um die Globalisierung zum Erfolgsmodell für alle zu machen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.