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Finanzkrise: Was wir von Amerika lernen können

Eine Kolumne von

US-Metropole San Francisco: Ungebrochener Fortschrittsglaube Zur Großansicht
Corbis

US-Metropole San Francisco: Ungebrochener Fortschrittsglaube

Die USA haben die Finanzkrise inzwischen hinter sich gelassen. Ganz anders die Eurozone. Warum? Weil die Amerikaner schnell und entschlossen agiert haben.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es war Amerikas Krise. Das war die herrschende Meinung hierzulande - damals, als die Finanzkrise 2008 mit voller Wucht zuschlug. Die USA hatten übertrieben, hatten sich der Wall Street ausgeliefert und sich dabei ruiniert. Europa hingegen: eine Zone der Stabilität, relativ gesehen jedenfalls.

Mehr als sieben Jahre später hat sich die Lage ins Gegenteil verkehrt. Die US-Wirtschaft präsentiert sich inzwischen wieder so robust, dass die Federal Reserve dabei ist, die Zinsen allmählich nach oben zu schleusen; Dienstag und Mittwoch dürfte der Gouverneursrat um Notenbank-Chefin Janet Yellen weitere Erhöhungen ins Auge fassen.

Ganz anders die Lage diesseits des Atlantiks: Die Eurozone steht wirtschaftlich immer noch nicht auf sicherem Grund. Der Aufschwung stockt. Vorigen Donnerstag hat EZB-Chef Mario Draghi verkündet, die Zinsen würden praktisch abgeschafft und noch mehr Geld in die Märkte gepumpt. Ob die Geldflut am Ende der Realwirtschaft nützt oder ob sie bloß die nächsten Blasen aufpumpt, ist offen. Entsprechend skeptisch reagierten die Börsen nach der EZB-Entscheidung.

Eine bemerkenswerte Wende. Es sieht so aus, als könnte die Eurozone einiges von den Amerikanern lernen. Denn die Ausgangslage war zu Beginn der Finanzkrise durchaus vergleichbar. Sowohl in den USA als auch in großen Teilen der Eurozone hatten sich während der Nullerjahre gigantische Schuldenberge aufgetürmt. Privatbürger und Unternehmen hatten sich in einen Jahrhundertboom hineingesteigert. Eine Blase, die 2008 platzte. Doch gleich auf mehreren Feldern hat Amerika vorgemacht, wie man eine Finanzkrise von historischem Ausmaß überwindet. Drei transatlantische Unterschiede stechen hervor: das Management des Bankensektors, die Geld- und Finanzpolitik sowie die Innovationsfähigkeit.

Raus aus den Schulden

Ohne Umschweife machten sich die USA nach 2008 daran, den Bankensektor aufzuräumen. Binnen weniger Jahre gelang es, so viele Kredite abzuschreiben, dass die Verschuldung von Firmen und Privatleuten heute wieder auf dem Niveau von 2003 liegt, wie der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung vorgerechnet hat. In der Eurozone hingegen ist in dieser Hinsicht kaum etwas geschehen: Der private Schuldenstand ist immer noch annähernd so hoch wie 2008.

Der Unterschied: Die US-Aufsichtsbehörden zwangen die Banken, rasch faule Kredite abzuschreiben und zusätzliches Kapital aufzunehmen. Hunderte Institute wurden dichtgemacht. In vielen Ländern der Eurozone hingegen sind die Aufräumarbeiten allzu schleppend verlaufen. Die Banken blieben auf faulen Krediten sitzen, wurden am Leben gehalten, konnten aber ihre eigentliche Funktion - die Wirtschaft zu finanzieren - kaum noch erfüllen. Statt die Probleme zu lösen, wurden sie verschleppt.

Rein in die Flaute

Auch die Geld- und die Finanzpolitik handelte in den USA schneller und entschlossener als in Europa. Die Fed drückte die Zinsen gegen null und kaufte in großem Stil Anleihen vom Markt ("Quantative Easing"). Unterstützt von der Notenbank machte der Finanzminister ungehemmt Schulden: Das staatliche US-Haushaltsdefizit betrug auf dem Tiefstpunkt der Krise an die 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein gigantischer Schub, der half, die Konjunktur zu stabilisieren. Die Eurozone war zögerlicher: Zwar kaufte auch die EZB Wertpapiere vom Markt, allerdings in geringeren Dosen. Erst im März 2015 starteten Draghi und Co. ein großes Quantative-Easing-Programm, das er inzwischen zweimal aufgestockt hat. Auch die Finanzminister waren vorsichtiger; im Schnitt lag das Eurozonen-Defizit in der Spitze bei 6,0 Prozent.

Die Folgen sind frappierend: Die Kombination aus Aufräumarbeiten im Finanzsektor und massiver staatlicher Konjunkturpolitik sorgten zwar auch in den USA nicht für den ersehnten Kickstart. Doch inzwischen hat Amerikas Wirtschaft wieder Fahrt aufgenommen. Die Banken haben Spielräume zur Finanzierung von Investitionen und Konsumausgaben. Die Binnenwirtschaft wächst ordentlich. Millionen neuer Jobs sind entstanden. Das schlägt sich in der Preisentwicklung nieder. Die Inflation zieht an: Zuletzt sind die Konsumentenpreise (ohne Öl und Nahrungsmittel) um 2,2 Prozent gestiegen. Entsprechend will die Fed die Zinsen weiter anheben.

In vielen Eurostaaten hingegen bleibt die Lage des Finanzsektors angespannt. Schlimmer noch: Die lange wirtschaftliche Schwäche destabilisiert die Banken zusätzlich, weil viele Unternehmen nicht mehr in der Lage sind, ihre Kredite zu bedienen, wie sich gerade in Italien zeigt. Entsprechend schwierig ist es, Investitionen zu finanzieren. Nach wie vor finden Millionen Menschen keinen Weg zurück in den Jobmarkt.

Die Dauerstagnation drückt auf die Preise. Die Inflationsrate (ohne Öl und Nahrungsmittel) liegt bei nur noch 0,7 Prozent. Wieder mal herrscht Deflationsalarm im Euroraum, wogegen die EZB ein immer größeres Arsenal in Stellung bringt.

Vorwärts zu neuen Ufern

Dazu kommt ein dritter Faktor: Die USA führen der Welt wieder einmal vor, wie innovativ sie sind. Wie schon bei früheren Basisinnovationen - elektrischer Strom, Auto, Computer -, so übernimmt auch heute wieder Amerika die Führung. Von den USA aus nimmt die digitale Revolution ihren Lauf. Google, Apple, Amazon, Facebook schieben die nächste technologische Welle an und dominieren die neuen Märkte. Weltkonzerne, die noch vor nicht allzu langer Zeit Start-ups waren.

In der Eurozone hingegen gilt Deutschland als Modell: eine grundsolide Volkswirtschaft, deren starker industrieller Sektor sich vor allem aufs Verfeinern bestehender Technologien konzentriert. Diese Strategie hat in den vergangenen 15 Jahren gut funktioniert. Nun aber gerät sie unter Druck, weil wichtige Absatzmärkte lahmen, insbesondere Schwellenländer wie China.

Alle drei Felder haben eines gemeinsam: Die USA agieren als Einheit - Europa zerfasert in seine Bestandteile. Die Eurozone konnte ihre Banken nicht entschlossen aufräumen, weil es keine Bankenunion gab. Erst seit Kurzem hat die EZB eine gemeinsame Bankenaufsicht. Die Mechanismen zur Abwicklung von Instituten bleiben unvollständig.

Die Eurozone konnte keine entschlossene Konjunkturpolitik betreiben, weil es keinen gemeinsamen Staatshaushalt und keine gemeinsame Schuldenaufnahme gibt. Und während das Silicon Valley Talente, Wissen und Kapital aus der ganzen Welt anlockt, gibt es in Europa nichts Vergleichbares.

Die Eurozone ist immer noch der zweitgrößte Wirtschaftsraum der Welt. Aber weil ihr wichtige Elemente gemeinsamer Staatlichkeit fehlen, bleibt sie in der Krise gefangen. Eigentlich Themen genug für den EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag.

Zusammengefasst: Anders als die Europäische Union haben die USA die Finanzkrise durch entschlossene Reformen und einen nach vorn gewendeten Blick schnell überwunden. Möglich wurde dies, weil sich das Land als Einheit begreift und auch so handelt - ganz im Gegensatz zur EU.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

Berlin/München - Jubel und Wundenlecken - Die Parteien beraten über die Folgen der Landtagswahlen vom Sonntag.

Hannover - Bytes & Pieces - Die IT-Messe Cebit eröffnet.

DIENSTAG

Tallahassee - Super Tuesday, die Zweite - Vorwahlen in fünf US-Bundesstaaten, darunter Florida, Illinois und Ohio, die wegen ihrer Bevölkerungsstärke viele Delegierte stellen.

Tokio - Super-Expansion - Die Bank von Japan entscheidet über ihren weiteren Kurs.

Herzogenaurach - Wälzlager und so - Der Familienkonzern Schaeffler berichtet über den Verlauf des vorigen Geschäftsjahrs.

MITTWOCH

Washington - Signale von Janet - Der Gouverneursrat der Fed um Chairwoman Janet Yellen sagt, wie er die Zukunft sieht und was er zu tun gedenkt.

Berlin - Netzkarte - Die Deutsche Bahn stellt ihre Bilanz 2015 vor.

DONNERSTAG

Brüssel - Reformdruck - Die EU-Staats- und Regierungschefs treffen sich zum turnusmäßigen Gipfel (bis Freitag). Wieder mal wird die Flüchtlingskrise alle weitergehenden Fragen überschatten.

FREITAG

Wiesbaden - Schluss mit Deflation? - Das Statistische Bundesamt meldet neue Zahlen zu den Erzeugerpreisen.

New York - US-Konjunktur - Neues vom Verbrauchervertrauen in Amerika.

SAMSTAG

Peking - Gauck in China - Der Bundespräsident besucht Weltmacht Nummer zwei.

SONNTAG

Moskau - Kartell gegen billigen Sprit - In der russischen Hauptstadt treffen sich Vertreter wichtiger Erdölexportländer, um darüber zu beraten, wie sie die Preise nach oben schleusen können.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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insgesamt 223 Beiträge
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    Seite 1    
1. Die USA
Kohle&Reibach 13.03.2016
sind immer im Vorteil weil hier bitte lesen. https://nocheinparteibuch.wordpress.com/us-imperialismus/ mit anderen Worten die halten dir den Colt an den Schädel.
2. Strukturelle Vorteile
jojack 13.03.2016
Die Amerikaner haben bei allen hausgemachten Problemen einige strukturelle Vorteile, namentlich eine homogenere Volkswirtschaft. Es kommt weniger häufig vor, dass Bundesstaaten mit großen Bevölkerungsanteilen in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung so stark auseinander driften, wie das beispielsweise zwischen Italien und Deutschland der Fall ist. Natürlich gibt es auch in Amerika Regionen, in denen der Strukturwandel stärkere Opfer fordert. Aber insgesamt gleicht sich das schnell aus, denn die flexiblen Amerikaner ziehen dahin, wo es gut bezahlte Jobs gibt. Dazu kommt der US-Dollar als internationale Leitwährung sowie eine geringere Abhängigkeit von Rohstoffmärkten, ganz zu schweigen von der prinzipiellen Möglichkeit des US-Präsidenten in die Bundesstaaten "durchzuregieren" (Blockaden des Repräsentantenhaus seien mal verschwiegen).
3. Aha....
balticskipper 13.03.2016
und die diversen Eroberungen durch Agressionskriege der tollen Transatlantiker haben dabei keine Rolle gespielt..?
4. Also, ob die amerikanische ...
matbhmx 13.03.2016
... Wirtschaft so stabil ist, wie es uns der Autor vermitteln will, darf bezweifelt werden. Gerade die USA sind ja offensichtlich dabei, wieder die nächste Spekulationsblase zu verantworten. Richtig mag sein, dass die USA die grundlegend einfacheren Möglichkeiten haben, sich zu bewegen. Europa ist in allen Bereichen völlig überreguliert. Deswegen gibt es hier eben auch kein Silicon Valley. Wenn es einer Firma in den USA nicht gutgeht, kann sie Mal schnell und ohne Aufhebens tausende von Mitarbeitern rausschmeißen, um sie gegebenenfalls ein Jahr später wieder einzustellen usw. In Europa völlig undenkbar. Ganz nebenbei: Der Autor hat sich offensichtlich nicht die Infrastruktur der USA angesehen - die befindet sich z. T. auf Dritte-Welt-Niveau. Und weite Teile der USA sind Potemkinsche Dörfer. Was dort an Einfamilienhäusern steht, würde in Deutschland keine Baugenehmigung erhalten. Und letztlich verschweigt der Autor, dass die USA einen guten Teil der Schulden sich vom Ausland haben zahlen lassen. Also: Ganz so einfach scheint mir das Ganze nicht zu sein. Und ob und was die so genannte digitale Revolution an sinnvollem (!!!) noch bringt - also ich brauche jedenfalls keinen Kühlschrank, der mir per Smartphone-App mitteilt, dass er Lust hat mit Lebensmitteln befüllt zu werden. Und ich brauche auch keine Heizungsanlage, die ich per Smartphone steuern kann!
5. Die ganze Story
Knackeule 13.03.2016
Man sollte nicht vergessen, dass die US-Zocker mit Lehmann Brothers & Co. die Verursacher der Krise waren, die wertlosen Immobilien-Schrott in sogenannte "Subprime Securities" bündelten und an Banken in alle Welt (vor allem in Europa) vertickten, die den Schrott ihrerseits mit Aufschlag an die Anleger weiterverkauften. Und das alles unter den Augen der US-Finanz-und Börsenaufsicht SEC, die nur penibel gegenüber Nicht-US-Marktteilnehmern ist. Allerdings muß man zugeben, dass die Amis Lehmann wirklich absaufen haben lassen und auch einige Bankster einsperrten. Das wäre im Europa von Merkel und Juncker allerdings wirklich nicht denkbar. Also Vorteil USA.
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