Wirtschaftskrise Boom-Crash-Cash

Seit sieben Jahren geht die Weltwirtschaft durch immer neue Krisen. Das Muster ist immer das gleiche, ob 2007 in den USA oder heute in China. Warum lernen die Wirtschaftspolitiker nicht daraus?

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Finanzminister Schäuble: Glaubwürdigkeit durch eisernes Sparen
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Finanzminister Schäuble: Glaubwürdigkeit durch eisernes Sparen


Sieben Jahre dauert die Krise nun schon an. Eine geradezu biblische Zahl. Leider sind längst noch keine fetten Jahre in Sicht. Sieben Jahre Warten auf einen kräftigen, selbsttragenden Aufschwung - sieben Jahre, in denen Ökonomen und Wirtschaftspolitiker keine befriedigenden Antworten gefunden haben, wie auch der Schlagabtausch zwischen Hans-Werner Sinn und Wolfgang Münchau in dieser Woche gezeigt hat. Warum? Weil sie systematisch wichtige Zusammenhänge übersehen. Dazu unten mehr.

In diesen Wochen laufen die neuen Prognosen ein; Mittwoch sind die Fünf Weisen dran. Ein internationaler Gipfel folgt dem nächsten - Mittwoch die Asean-Staaten, Samstag die G20. Stets ist die Botschaft so klar wie betrüblich: Die große Krise des Kapitalismus ist längst nicht vorüber. Sie offenbart sich nur in immer neuen Facetten.

Ein Kurzrückblick: Im Spätsommer 2007 kam mit dem Abschwung am US-Immobilienmarkt der Zusammenbruch einiger Hedgefonds. Die Banken begannen sich zu misstrauen und liehen einander kein Geld mehr, die Notenbanken sprangen ein. 2008/09 folgte auf den Lehman-Crash die heftigste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. 2010 schloss sich die Euro-Krise an, mit der Quasi-Zahlungsunfähigkeit Griechenlands, Portugals, Irlands und Spaniens. Zwischenzeitlich spielten auch die USA mit ihrer Solvenz, weil sie sich, wie Europa, schwer damit taten, politische Lösungen zu finden.

Und jetzt? Nun sind Italien und Frankreich ins Zentrum des Interesses gerückt, wo die Arbeitslosigkeit und die Schulden immer weiter steigen. Der nächste Crash droht übrigens in China, nach einem schuldenfinanzierten Immobilienboom.

Sieben Jahre Krise - und das Muster ist immer das gleiche: Boom-Crash-Cash. Auf einen schuldenfinanzierten Boom folgt ein Crash, an den sich eine lange Phase der Agonie anschließt: hohe Arbeitslosigkeit, immer weiter steigende Schulden, bröckelnder Wohlstand, gesellschaftliche Spannungen, politische Destabilisierung. Nur gigantische Cash-Infusionen durch die Notenbanken halten das System mühsam am Laufen. Wer weiß, wie lange. Ein solider Aufschwung ist nicht in Sicht, auch nicht in den USA und in Großbritannien.

Zwischenfazit: Das Versagen der Wirtschaftspolitik ist offensichtlich und umfassend. Welchen Anteil haben die Ökonomen daran?

1. Ökonomen sind gut darin, stabile Strukturen zu analysieren und vorherzusagen. Ihre mathematischen Modelle testen sie anhand von Daten aus der Vergangenheit. Das allerdings funktioniert schlecht in Phasen großer Veränderungen, wie insbesondere in den 2000er Jahren, als der Euro eingeführt wurde, die Globalisierung voranschritt und China aufzusteigen begann. Dann blicken die Ökonomen durch die Brille der Vergangenheit auf eine strukturell veränderte Gegenwart, sodass ihnen problematische Entwicklungen entgehen.

Ein Beispiel: Bereits Jahre vor Ausbruch der Eurokrise war offensichtlich, dass die Entwicklung nicht so weitergehen konnte - die Wettbewerbsfähigkeit der Mitgliedstaaten entwickelte sich auseinander, die private Verschuldung in den Südländern stieg stark, die Häuserpreise explodierten förmlich. Aber der Mainstream der Ökonomen und Politiker schaute vor allem auf Inflation und Staatsverschuldung - die Problemfelder der Vergangenheit - und kam zu dem Schluss, alles sei unter Kontrolle. Eine dramatische Fehleinschätzung. Das heißt nicht, dass mathematische Modelle nutzlos sind. Aber sie reichen nicht aus, um eine komplexe, sich dynamisch verändernde Wirklichkeit zu erklären.

2. Ökonomie und Gesellschaft stehen in einem komplexen Wechselspiel, das Wirtschaftswissenschaftler in aller Regel ausblenden. Gesellschaften entwickeln Eigendynamik. Wertvorstellungen und Verhaltensweisen verändern sich, oft angestoßen durch wirtschaftliche Anreize, was wiederum unerwartete ökonomische Rückwirkungen zeitigen kann.

Was geht zum Beispiel in einer Gesellschaft vor, die sich kollektiv das Sparen abgewöhnt und sich Schulden auflädt, wie das in den 2000er Jahren in vielen Ländern der Fall war? Der Hinweis auf die gesunkenen Zinsen ist richtig, erklärt aber letztlich nicht, warum sich ganze Nationen binnen weniger Jahre ruinierten. Offensichtlich glaubten weite Kreise der Bevölkerung plötzlich, die Zukunft sei sicher und die eigene Volkswirtschaft außergewöhnlich leistungsfähig, so dass sie keine Vorsorge mehr treffen müssten. Warum? Weil sich die Erzählung der Nation gewandelt hatte: Ein neues ökonomisches Narrativ veränderte die kollektive Selbstwahrnehmung. Abweichende Sichtweisen haben in solchen Phasen keine Chance mehr durchzudringen. Dominante Narrative haben das Zeug, ganze Gesellschaften über ihren wahren Zustand zu täuschen, im Positiven wie im Negativen. Wie dieses Wechselspiel zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Medien abläuft, das erforschen wir derzeit an meinem Lehrstuhl.

3. Die wirtschaftspolitische Debatte verläuft grobschlächtig entlang altbekannter Erklärungsmuster. Nachfrageökonomen, die derzeit international die Debatte dominieren, fordern, immer noch mehr Notenbankgeld in die Wirtschaft zu kippen und gleichzeitig die Staatsnachfrage zu steigern. Angebotsökonomen, die in Deutschland den Ton angeben, fordern ordnungspolitisch korrekte "Strukturreformen" (und meinen damit vor allem die Liberalisierung der Arbeitsmärkte in Südeuropa). Konservative Wirtschaftspolitiker wie Wolfgang Schäuble möchten Glaubwürdigkeit durch eisernes Sparen zurückgewinnen. So wird die "schwarze Null" im Staatshaushalt in den Rang eines Dogmas erhoben.

Kurz: Beide Seiten fordern mehr vom Gleichen. Aber beides hilft uns nicht aus der Dauermalaise. Weil beide verkennen, was Gesellschaften vorantreibt und was die Wirtschaft gegenwärtig zurückhält.

Was also tun?

Erstens sind die Schulden weltweit zu hoch, und sie steigen weiter - im Westen und in den Schwellenländern, wie die OECD gerade erst wieder vorgerechnet hat. Eine unhaltbare Situation: Die Schulden erdrosseln das Wirtschaftswachstum. Weder Strukturreformen noch Sparen führen aus der Überschuldung. Auch immer noch mehr Kredite auszugeben, wie es die Notenbanken versuchen, ist natürlich keine Lösung.

Nötig wäre ein echter Schuldenabbau: ein großer, globaler Schuldenschnitt. Das aber würde bedeuten, dass Gläubiger (von denen viele in Deutschland sitzen) Vermögen in Höhe von Billionen Euro abschreiben müssten. Eine politische Großaufgabe, die bislang niemand angeht. Erst danach könnten angebotsseitige Reformen ihre wohlstandssteigernde Wirkung entfalten.

Politisch möglich wird ein solcher Befreiungsschlag nur sein, wenn wir, zweitens, aus dem gegenwärtig dominanten ökonomischen Narrativ von der unendlichen Stagnation herauskommen. Uns ist der Glauben an Wachstum und Fortschritt abhandengekommen. Regierungen kürzen blind Ausgaben. Konzerne kaufen in großem Stil eigene Aktien zurück statt zu investieren - der Offenbarungseid des Kapitalismus.

Derweil verfestigt sich das Stagnationsnarrativ. Es verhindert zukunftsgerichtete Reformen, weil ja angeblich sowieso alles keinen Zweck hat. Wer nicht daran glaubt, dass die Zukunft besser wird, klammert sich an das, was er hat.

Die gegenwärtige triste Erzählung umzudrehen und die Faktoren zu benennen, die den Fortschritt vorantreiben - Bildung, Forschung, Innovation, Unternehmertum, Offenheit - ist die Voraussetzung für jede Veränderung. Es geht nicht um Schönfärberei, sondern darum, Optionen zu eröffnen. Ökonomen könnten dazu übrigens einiges beitragen. Wenn sie denn wollten.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche:

MONTAG,

PEKING - Wege aus der Dauerkrise - "Economic Leaders Meeting" der asiatisch-pazifischen Nationen, mit US-Präsident Obama und Japans Premier Abe

Dienstag

DÜSSELDORF/Mailand - Neue Zahlen - Henkel und Unicredit berichten vom dritten Quartal.

MITTWOCH

Berlin - Weise Deutungen - Der Wirtschaftssachverständigenrat ("Fünf Weise") stellt sein Jahresgutachten vor.

NAYPYIDAW - Look East - Gipfeltreffen der Asean-Staaten in Burma

Düsseldorf, Bonn, Madrid - Neue Zahlen - Vom dritten Quartal berichten E.on, Deutsche Post und Telefonica

DONNERSTAG,

ESSEN - Es wird eng - Fortsetzung des Prozesses vor dem Landgericht Essen gegen den ehemaligen Arcandor-Chef Middelhoff wegen des Vorwurfs der Untreue

Gütersloh, Essen, Darmstadt, Kassel - Neue Zahlen - Bertelsmann, RWE, Merck, K+S berichten

FREITAG,

Brüssel - Produktionsschwäche - Die EU schätzt das BIP im dritten Quartal.

TOULOUSE - Neue Zahlen - Die Airbus Group berichtet vom dritten Quartal.

SAMSTAG

BRISBANE - Globalgipfel - Die G20-Staats- und Regierungschefs treffen sich in Australien (bis Sonntag)

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insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
robert.c.jesse 09.11.2014
1. Na Ja...
Zu glauben, dass ein solcher, von sich selbst überzeugter Sturkopf wie Herrrr Schäuble, noch dazulernen kann oder will, ist Optimismus in "reinster" Form.
adbnd 09.11.2014
2. System-Reset
Das mit dem Schuldenschnitt ist richtig - diese "virtuellen Werte" belasten unnötig stark die reale Welt. Was wäre, wenn man einen Hard-Reset des Systems durchführen würde und alle Schulden weltweit zurücksetzte? Kann man nicht mal durchspielen, wenn würde es am Ende der Schuldenkette wirklich treffen würde? Wahrscheinlich sehr mächtige Kreise, die dadurch ein ganzes Stück Macht verlieren würden - ohne jetzt wilden Verschwörungstheorien Nahrung zu bieten...
rrippler 09.11.2014
3. Die Summe aller Schuldverschreibungen dieser Welt ...
... übersteigt bei weitem die Summe allen Geldes und verbriefter Werte. Ursache dafür ist der Mechanismus der Geldschöpfung in Kombination mit dem Zins. Folglich können die Schulden grundsätzlich nie zurückgezahlt werden - es sei denn die Notenbanken würden Unmengen Geld drucken und dieses an die Schuldner dieser Welt verschenken, so dass diese damit die Schulden zurückzahlen könnten. Was im Effekt einem Schuldenschnitt gleichkäme.
antiheld 09.11.2014
4.
Der nächste Ökonom mit tollen Ideen. Ein Schuldenschnitt und mehr in Bildung Investieren, dass ist ja mal eine neue Idee :-) Ach ja, und ein bisschen verordneter Glaube an die Zukunft ist auch dabei. Warum wurde Griechenland noch mal gerettet? Wenn es Schulden gibt, gibt auch jemandem der dieses Geld verliehen hat. Es könnte durchaus sein, dass dann die Risterrente von Max Mustermann betroffen ist. Irgendwann wird es einen Schuldenschnitt geben. Die USA oder GB werden ihre Schulden bestimmt nicht zurück zahlen. Nur hat es Gründe warum man diese Idee noch nicht umgesetzt hat.
Progressor 09.11.2014
5. Selbstragender Aufschwung
Den gibt es leider nicht. Wirtschaftswachstum entsteht immer nur durch eine Erhöhung der Nettokreditaufnahme (= Kredite - Sparen). Und da der Zins weltweit den Ausgleich zwischen Sparen und Kredite nicht mehr schafft ist der Staat dran mit Konjunkturprogrammen auf Pump. Und da das nicht nur Herr Müller nicht versteht, sondern u.a. auch Prof. Sinn mit seiner These des Gesundschrumpfens nicht, gehts ab in die Rezession.
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