Wochenvorschau Was in der Wirtschaft wichtig wird

Muss die Europäische Zentralbank doch noch den angelsächsischen Weg einschlagen und in großem Stil Staatsanleihen kaufen? EZB-Chef Mario Draghi steht unter Druck. Doch das Beispiel Großbritannien zeigt, dass sich die Krise so nicht lösen lässt.

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EZB-Chef Draghi: Notenbanker unter Druck
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EZB-Chef Draghi: Notenbanker unter Druck


Die Briten haben es besser, so scheint es jedenfalls. Die Insel ist wieder im Aufwind. Dabei stand sie zu Beginn der Finanzkrise schlechter als die meisten Euro-Staaten da: aufgeblähter, maroder Finanzsektor, eine der größten Immobilienblasen aller Zeiten und eine der höchsten privaten Verschuldungen weltweit. Aber während große Teile der Euro-Zone nach wie vor von Massenarbeitslosigkeit und Stagnation geplagt sind, ist Großbritannien offenbar auf dem Weg der Erholung. Eine Wachstumsrate von bis zu drei Prozent scheint 2014 möglich. Die Investitionen ziehen an, auch der Immobilienmarkt macht Fortschritte.

Die Ausgangslage der Briten 2008 war nicht viel anders als die des Euro-Staats Spanien. Doch während Großbritannien zumindest geistig die Krise hinter sich lässt, können die Spanier froh sein, wenn ihre Wirtschaft dieses Jahr nicht noch weiter schrumpft.

Der große Unterschied: Die Spanier haben den Euro - die Briten haben die Bank of England.

Beide Notenbanken werden am Donnerstag ihre nächsten geldpolitischen Schritte bekannt geben. Und während alle Welt sehr genau zuhören wird, was Mario Draghi zu tun gedenkt gegen Deflationsgefahren und die Kreditklemme in Ländern wie Spanien und Italien, wird sein Kollege Mark Carney eher mit der Frage konfrontiert sein, wann er wohl beginnt, die Zügel wieder etwas straffer zu ziehen.

Auch die amerikanische Federal Reserve Bank, deren neue Chefin Janet Yellen an diesem Montag vom US-Senat bestätigt werden soll, hat angekündigt, ab Januar ihre Kriseninterventionen zurückzufahren. Dies ist der angelsächsische Weg: Mit viel, viel frisch gedrucktem Geld und einer Abwertung der Währung haben die Notenbanken depressive Rezessionen verhindert. Und es gibt nicht wenige, darunter den Chefvolkswirt der Deutschen Bank, die fordern, auch die EZB müsse nun endlich hemmungslos Staatsanleihen aufkaufen.

Bank of England hat Bilanzsumme verdreifacht

Die Ungeduld ist verständlich, denn je länger die Krise dauert, desto bedrohlicher wirkt sie. Die Kreditmärkte sind immer noch zerklüftet: Unternehmen in Spanien oder Italien zahlen fast doppelt so hohe Zinsen wie in Deutschland, sofern sie überhaupt Geld geliehen bekommen. Die ökonomischen Unwuchten bleiben, mit allen sozialen und politischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Wenn im sechsten Jahr aller Reformbemühungen, Kostensenkungen und Einsparungen zum Trotz in einigen Ländern kein selbsttragender Wachstumsprozess einsetzt, muss dann die Notenbank nicht endlich den Kickstarter bedienen?

Ein Blick über den Kanal zeigt, wie die Bank of England agiert hat, um die Wirtschaft zu stützen. Im Zuge der Krise hat sich ihre Bilanzsumme verdreifacht, insbesondere weil sie in großem Stil Staatsanleihen aufgekauft hat (im Notenbanker-Sprech "quantitative easing" genannt). Damit hat sie die langfristigen Zinsen gesenkt und die Finanzmärkte aufgepeppt. Zum Vergleich: Die EZB hat ihre Bilanzsumme verdoppelt, aber ihre direkten Interventionen an den Anleihenmärkten fielen eher verhalten aus.

Draghi & Co. haben nun zwei Optionen: Entweder können sie wie um die Jahreswende 2011/12 abermals in großem Stil Geld in die Banken pumpen, aber diesmal unter der Bedingung, dass diese Mittel an Unternehmen weiterverliehen werden müssen. Das wäre allerdings ein erheblicher Eingriff ins Geschäft der Banken, die genötigt würden, zusätzliche Risiken einzugehen. Oder die EZB kann Staatsanleihen vom Markt nehmen und so die langfristigen Zinsen senken - was allerdings nur die erhoffte Wirkung hätte, wenn sie Schulden der Euro-Krisenstaaten aufkaufte.

So weit aber darf die EZB offenkundig nicht gehen. Aus rechtlichen Gründen müsste ein systematisches Euro-Easing Anleihen aller 18 Mitgliedstaaten umfassen. Mit der absurden Folge, dass die EZB überwiegend deutsche Papiere (gemäß des deutschen Anteils am Euro-Zonen-BIP von knapp einem Drittel) aufkaufen müsste, obwohl sie doch eigentlich den Südstaaten helfen will. Die ohnehin schon extrem niedrigen deutschen Zinsen würden noch weiter sinken, die Blasen auf den Immobilienmärkten würden noch schneller wachsen und womöglich ein Inflationsschub einsetzen.

Notenbanken können die Krise nicht lösen

Draghis EZB steckt in einem Dilemma. Sie soll die Spaltung der Währungsunion verhindern, aber sie wird bei dieser originär politischen Aufgabe von den Euro-Zonen-Regierungen alleingelassen.

Der Unterschied ist offensichtlich: Die Bank of England soll Britannien dienen, die EZB soll dem Euro-Land dienen - einem Gebilde, das bislang gar nicht existiert, weshalb es auch keine zentrale Schuldenaufnahme und keine Euro-Bonds gibt, die die EZB auf angelsächsische Art aufkaufen könnte.

Die Notenbanken, auch das ist klar, können die Krise letztlich nicht lösen. Bestenfalls können sie die Symptome lindern. Ein etwas genauerer Blick auf die Wirtschaftsdaten zeigt, dass auch die britische Wirtschaft nicht sonderlich solide dasteht. Die Schulden des Staates und der Bürger sind nach wie vor hoch. Die Wirtschaft ist wenig wettbewerbsfähig, die Produktivität lahmt, die Leistungsbilanz ist negativ. Und auf dem Immobilienmarkt, immer noch der am höchsten bewertete Europas, bläht sich schon die nächste Blase auf.

In Spanien hingegen zeigt die harte Tour Wirkung: Zwar ist das Land immer noch von mehr als 25 Prozent Arbeitslosigkeit gebeutelt. Doch Reformen und Kostensenkungen haben die Wettbewerbsfähigkeit Spaniens deutlich verbessert. Die Exporte legen ordentlich zu, die Leistungsbilanz ist im Plus.

Die Spanier sollten die Früchte ihrer Mühen ernten können - wenn sich ihre Finanzlage denn irgendwann wieder entspannt.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche:

Montag

Washington - Neue Fed-Chefin - Abstimmung im US-Senat über die Ernennung von Janet Yellen zur neuen Präsidentin der US-Notenbank.

Dienstag

Berlin - Nahles' Premiere - Erstmals darf die Arbeitsministerin Andrea Nahles die neuen deutschen Arbeitsmarktdaten kommentieren.

Donnerstag

Frankfurt - Lockerungsübungen - Der Rat der EZB entscheidet, ob und wie die Geldpolitik weiter gelockert werden soll.

London - Pfundskerle - Die Bank of England gibt ihre nächsten Schritte bekannt.

Pittsburgh - Stimmungsindikator - Der US-Aluminiumhersteller Alcoa eröffnet die Berichtssaison mit der Vorstellung der Zahlen fürs vierte Quartal 2013.

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insgesamt 114 Beiträge
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Seite 1
thomas_gr 06.01.2014
1.
Einen systemischeb Fehler kann man nicht mehr Schulden lösen.
kf_mailer 06.01.2014
2.
Draghi, den Erfüllungsgehilfen entlassen, die Großbanken zerschlagen, die Schulden streichen, Trennbankensystem einführen und die Geldschöpfung zum Staat verlagern. Dann kommt man vi5 aus der Krise....
Kreuzer 06.01.2014
3.
Zitat von sysopDPAMuss die Europäische Zentralbank doch noch den angelsächsischen Weg einschlagen und in großem Stil Staatsanleihen kaufen? EZB-Chef Mario Draghi steht unter Druck. Doch das Beispiel Großbritannien zeigt, dass sich die Krise so nicht lösen lässt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/muellers-montags-memo-draghis-dilemma-a-941916.html
Er will die Krise nicht lösen!
analysatorveritas 06.01.2014
4.
Die EZB hat mit ihrer bisherigen Geld- und Währungspolitik (LTRO, ELA, Target II, OMT, SMP, mögliche Option ABS-Ankäufe, Duldung des STEP-Marktes, Dauerniedrigstzinsen) die Eurozone zusammengehalten. Dazu kamen die Fonds EFSF, EFSM und ESM. Die europäische Bankenunion mit einem viel zu kleinen Minifonds stehen zudem am Start. Dies hat die Situation im Euroraum entspannt, die südlichen Euroländer sind jedoch nach wie vor in der Wettbewerbs- und Überschuldungsfalle des Euro gefangen, die noch wenigen leistungsfähigen Eurokernstaaten sehen sich mit einer vollkommenen Transfer-, Haftungsübernahme- und Schuldenunion konfrontiert. Die Wachstumsdynamik ist äußerst schwach ausgeprägt, hohe Massenarbeitslosigkeiten kennzeichnen die Lage im Euroraum. Die Investitionstätigkeit der Unternehmen und die Kreditvergabe der Banken an Unternehmen im Mittelmeerraum lahmt und reicht nicht aus. Der Euro ist jedoch auch ein Projekt politischer und ökonomischer Eliten. Will man den Euro erhalten, ausbauen und weiter vertiefen, werden mehr permanente Dauertransfers und Haftungsübernahmen erforderlich sein. Eurobonds oder ein Euro-Soli nach dem Vorbild Aufbau Ost, einen neuen europäischen Altschuldentilgungsfonds für überschuldete Eurostaaten und marode Banken, die Neuausrichtung und Neustrukturierung der Eurozone steht nicht auf der Brüssel und Berliner Euroagenda. Man hat sie sogar am Jahresanfang erweitert, neue kaum leistungsfähige Mitglieder warten auf den Eintritt in den Euroclub und befinden sich in der Warteschlange. Der Weg in die Transfer- und Haftungsunion ist vorgezeichnet, Deutschland selbst bräuchte mehr Investitionen in Bildung und in die eigene Infrastruktur, viele Städte und Gemeinden sind überschuldet und kaum mehr leistungsfähig. Viele prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind das Markenzeichen des neuen deutschen Wirtschaftswunders, eine grundlegende Änderung dieser Entwicklungen ist nicht zu erwarten, eher im Gegenteil. Die ökonomischen Ungleichgewichte sind ein weiteres Problem, was Brüssel angehen möchte. CDU, CSU und die SPD brauchen ein neues Eurokonzept, Merkel ist mit ihren ökonomischen Vorstellungen zum Erhalt des Euro isoliert, viele Euroregierungen stehen mit dem Rücken zur Wand und wollen eine andere Geld-, Währungs-, Budget-, Wirtschafts-, Finanz-, Arbeitsmarkt- und Steuerpolitik. Berlin wird nach den Europawahlen eine neue Linie in Sachen Euro finden müssen, ihr Erfolgsmodell Euro wird weitere Belastungen und Einschränkungen für den deutschen Bürger, Sparer, Arbeitnehmer, Rentner, Anleger und Steuerzahler mit sich bringen. Der Euro war, ist und bleibt ein rein politisches Prestigeprojekt der ökonomischen und politischen Eliten. Den Preis dafür zahlen die Bürger in ganz Europa, auch in Deutschland und dies schon seit dem Bestehen diese neuen Währungszone. Eine Ende der Rettungspolitik ist nicht in Sicht, Merkel muss Entscheidungen treffen. Ihre eigenen Handlungsspielräume und Möglichkeiten sind jedoch begrenzt. Ein Spiel auf Zeit mit ungewissem Ausgang.
localpatriot 06.01.2014
5. Nichts ist vergleichbar
Zitat von sysopDPAMuss die Europäische Zentralbank doch noch den angelsächsischen Weg einschlagen und in großem Stil Staatsanleihen kaufen? EZB-Chef Mario Draghi steht unter Druck. Doch das Beispiel Großbritannien zeigt, dass sich die Krise so nicht lösen lässt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/muellers-montags-memo-draghis-dilemma-a-941916.html
Euroland hat etwa 13 oder so verschiedene Krisen. Deutschland, die groesste Wirtschaft im Euroland hat ueberhaupt keine und ist durch die letzten 5 Jahre mehr oder weniger durchgesegelt. Andere, wie Slowenien machten ihre Kriese erst nach Anfang der Weltkrise. Und noch andere, wie Griechenland bunkern ihr Geld im Ausland ein und warten bis die eigenen Schulden abgeschrieben sind. Ausserdem ist GB immer noch ein Finanzreich, mit Steueroasen und Geldbunkern fuer die Welt an allen Ecken und Enden. Vergleichbar - gar nichts. Tut mir leid. Herr Draghi. Sie muessen ihre Hausaufgaben fuer 13 Wirtschaften und nicht fuer eine machen. Aber das ist Europa.
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