S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Mit Vollgas ins Euro-Desaster

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Gibt es für Griechenland noch ein Ende ohne Schrecken? Eigentlich undenkbar. Schuld daran ist die grassierende Euro-Skepsis und die Unehrlichkeit der deutschen Politik. Der Tag der Wahrheit droht 2013 - vor der Bundestagswahl.

Ein Freund machte mich neulich drauf aufmerksam. Wenn man bei amazon.de das Stichwort "Euro" eingibt, dann sind das die ersten Treffer:

  • "Die Tragödie des Euro: Ein System zerstört sich selbst" von Philipp Bagus,
  • "Stoppt das Euro-Desaster" von Max Otte,
  • "Europa braucht den Euro nicht: Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat" von Thilo Sarrazin,
  • "Der Euro: Die geheime Geschichte der neuen Weltwährung" von David Marsh,
  • "Stoppt das Euro-Desaster" von Max Otte (Kindle Ausgabe),
  • und als übernächster Eintrag: "Euro-Toilettenpapier".

Das Buch von David Marsh hat einen neutralen Titel, kommt aber zu einem ähnlich skeptischen Ergebnis. Publizistisch ist das Urteil über den Euro in Deutschland längst gefallen.

Neben diesen Büchern lesen die Deutschen natürlich auch noch einschlägige Tageszeitungen, wie die "Bild" und die wirtschaftspolitischen Leitartikel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die zum Thema Euro allesamt robuste Ansichten vertreten. Politische Willensbildung ist das Resultat gesellschaftlicher Narrativen. Diese wiederum werden von Zeitungen, Magazinen und Büchern nachhaltig geprägt. Als Kolumnist, der nun nicht gerade in diesem Konsens steckt, sehe ich selbst, wie schwer es ist, gegen einen einmal etablierten Konsens anzustinken. Narrativen haben die Eigenart, sich mit der Zeit zu verfestigen. Genau dort sind wir jetzt. So werden aus Thesen vermeintliche Fakten. Das notwendige Scheitern des Euro gilt vielen schon als wissenschaftlich erwiesen.

Merkel, die vielleicht letzte Verteidigerin des Euro

Ich habe eine ähnliche Entwicklung in Großbritannien schon einmal erlebt. Anfang der neunziger Jahre war das Land in großem Maße noch europafreundlich. Die Presse des Medienmoguls Rupert Murdoch, für die ich damals arbeitete, war skeptisch, aber immer noch offen genug, jemanden wie mich zu beschäftigen und sogar aus Brüssel berichten zu lassen. Damals gab es nur eine Minderheit von Euro-Skeptikern, denen es aber mithilfe der Publizistik gelang, über viele Jahre hinweg einen Anti-Europa-Konsens im Land zu schaffen. Die Briten sind seitdem nicht nur dem Euro ferngeblieben. Sie haben sich mittlerweile an den europäischen Rand manövriert, so dass ein Austritt aus der EU mittlerweile von vielen Beobachtern als denkbar eingestuft wird.

Was ist da falsch gelaufen? Die Anti-Europäer haben ihr Maul aufgerissen. Die Pro-Europäer haben geschwiegen, die Sache heruntergespielt, verniedlicht. Sie verteidigten das Europa-Engagement mit dem fadenscheinigen Argument, die Integration sei nur halb so schlimm wie von den Skeptikern dargestellt. Mit der gleichen Unentschlossenheit verteidigten sie auch den Euro. Die Skeptiker hassten den Euro. Die Befürworter verharmlosten ihn. Als Außenstehender stand ich in der britischen Debatte auf Seiten der Skeptiker. Wer sich sowenig für die Idee der europäischen Integration begeistern kann, der soll auch besser seine eigene Währung behalten, so argumentierte ich damals. Man stelle sich nur vor, man hätte die Briten unter diesen Voraussetzungen mit in den Euro aufgenommen?

Die Frage, die ich mir jetzt oft stelle, ist, ob uns ein ähnliche Entwicklung bevorsteht? Die veröffentlichte Meinung ist bei uns eindeutig Euro-skeptisch. Das schließt auch die Mehrheit der deutschen Ökonomen mit ein. Die Bundesbank treibt sie weiter an. Wir rasen mit einer viel höheren Geschwindigkeit in die Euro-Skepsis, als dass es die Briten damals taten. Mittlerweile gilt Angela Merkel hierzulande als die große und vielleicht letzte Verteidigerin des Euro.

In dieser Gemengelage werden wir bald in eine Debatte geraten, die Merkel und Wolfgang Schäuble um jeden Preis verhindern wollten - um die Beteiligung des öffentlichen Sektors an einem griechischen Schuldenschnitt. Ich kenne keinen Experten, der das jetzt noch für vermeidbar hält. Die Debatte, ob das Schuldenziel von 120 Prozent im Jahre 2020 oder 2022 erreicht wird, ist an Naivität kaum zu überbieten. Griechenland wird weder das eine noch das andere Ziel erreichen. Insolvenz ist, wenn es nicht mehr geht, beim besten Willen nicht.

Es gibt jetzt nur noch drei theoretische Auswege für Griechenland: Austritt, Schuldenschnitt oder Schuldenvergemeinschaftung. Wer meint, die Griechen sollten doch einfach ihre Schulden zurückzahlen, lügt sich und anderen etwas vor. Es ist aber die offizielle Strategie der europäischen Finanzminister, die sich zu Anfang der Woche darauf einigten, das Leid der Griechen um noch mal zwei Jahre zu verlängern. Im nächsten Jahr wird man dann erneut feststellen, dass die Annahmen, die den Rechnungen zu Grunde lagen, wieder einmal zu optimistisch waren. Ich schätze, dass man die Stunde der Wahrheit nicht einmal bis zur Bundestagswahl hinauszögern können wird.

Für eine Umschuldung oder eine anderweitige Vergemeinschaftung der Schulden, bedarf es eines politischen Konsenses, den es in Deutschland einfach nicht gibt. Die Bücherliste von Amazon zeigt mir, dass wir längst jenseits einer Lösung sind.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 438 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wenn es um die Bundestagswahlen geht
hastdunichtgesehen 14.11.2012
muss man immer wieder daran erinnern, wer Griechenland in die Währungsgemeinschaft wider besseren Wissens aufgenommen hat. Das war Rotgrün, die sich heute als Retter verkaufen. Das Märchen mit den falschen Zahlen aus Griechenland stimmt nicht. Insider waren alle vollumfänglich über die tatsächlichen Verhältnisse informiert.
2. .
frubi 14.11.2012
Zitat von hastdunichtgesehenmuss man immer wieder daran erinnern, wer Griechenland in die Währungsgemeinschaft wider besseren Wissens aufgenommen hat. Das war Rotgrün, die sich heute als Retter verkaufen. Das Märchen mit den falschen Zahlen aus Griechenland stimmt nicht. Insider waren alle vollumfänglich über die tatsächlichen Verhältnisse informiert.
Als ob eine andere Partei eine andere Entscheidung getroffen hätte. Da stecken eben alle Politiker unter einer Decke. Von daher brauchen Sie hier keine Stimmung gegen eine Partei zu machen. Machen Sie lieber Stimmung gegen alle Parteien.
3.
rainbowman1 14.11.2012
Zitat von sysopDer Tag der Wahrheit droht 2013 - vor der Bundestagswahl.
Sehr schön. Dann wird den Wählern die Rechnung wenigstens vorab präsentiert.
4.
sacco 14.11.2012
"Als Kolumnist, der nun nicht gerade in diesem Konsens steckt, sehe ich selbst, wie schwer es ist, gegen einen einmal etablierten Konsens anzustinken." stinken oder stänkern ist wenig wirksam. wie wäre es zur abwechslung mal mit stichaltigen argumenten gegen diesen Konsens herr münchau?
5. stimmt.
Lagenorhynchus 14.11.2012
Griechen und handlungsunfähige Eurokraten haben immer gut zusammengearbeitet. Dabei waren die Probleme lange bekannt, selbst der EU-Beitritt Griechenlands wurde und wird in Brüssel als schwerer Fehler betrachtet - auf Arbeitsebene und hinter vorgehaltener Hand. Wenn die Organe der EU sich nicht als handlungs- und lernfähig erweisen, bekommen wir zu dem Finanzproblem demnächst noch ein paar sehr ernsthafte politische Probleme...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Die Spur des Geldes
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 438 Kommentare
Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

Facebook