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Münchner Flughafenregion: Fluch des Booms

Aus Freising berichtet

Eine dritte Startbahn soll am Münchner Flughafen Tausende Arbeitsplätze schaffen. Doch in den Nachbargemeinden herrscht Wut und Furcht: Nicht nur, weil Anwohner den Lärmterror fürchten. Durch den Boom in der Region können sich viele das Leben dort nicht mehr leisten.

Flughafen München: Wut über Startbahnpläne Fotos
DPA

"Da soll sie hin", sagt Michael Buchberger. Er steht auf einem geschotterten Feldweg und zeigt nach links und rechts. Zu beiden Seiten liegen Wiesen, Strommasten reihen sich darauf. Wohl nicht mehr lange. Bald sollen hier Flieger starten und landen. Die Wiesen sollen einer dritten Start- und Landebahn für den Münchner Flughafen weichen. 4000 Meter lang und 60 Meter breit. "Bayerns Tor zur Welt", wirbt der Airport.

Doch für Michael Buchberger ist die Bahn das Ende seiner kleinen Welt. Der 37-Jährige lebt seit seiner Geburt in dem Dorf Attaching, das zu Freising gehört. Knapp einen Kilometer südlich von Attaching soll die neue Bahn entstehen, etwa tausend Menschen wohnen dann in der Einflugschneise. "Das ist der Alptraum. Dann kann man hier nicht mehr wohnen", sagt Buchberger. Die Startbahn-Gegner fürchten, dass täglich etwa 500 Maschinen in gut hundert Metern Höhe über den Ort donnern werden.

Klaus Stallmeister sitzt gut zwei Kilometer Luftlinie vom Flughafen entfernt im Rathaus von Hallbergmoos. Fluglärm? Das sei in seiner Gemeinde nicht das größte Problem, sagt der Bürgermeister. "Für mich stellt sich die Frage: Wie viel Flughafen können wir uns noch leisten?"

70 Prozent des Lohns gehen für Miete drauf

Wird die dritte Startbahn gebaut, entstehen bis 2025 rund 11.000 neue Jobs, prognostizieren die Airport-Betreiber. Das Paradoxe: Die Region fürchtet den Job-Boom. Er überfordert die Gemeinden. Arbeitsplätze gibt es hier genug. Rund um den Flughafen liegt die Arbeitslosenquote konstant um zwei Prozent - einer der niedrigsten Werte in Deutschland.

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Wachsen, wachsen, wachsen: Boom am Münchner Flughafen
Was fehlt, sind neue Arbeitskräfte und bezahlbare Wohnungen. Hallbergmoos hatte 1980 etwa 3200 Einwohner. Inzwischen sind es gut 10.000. Wächst der Flughafen, dann wächst auch der Ort. Er liegt nur eine S-Bahn-Station vom Airport entfernt. Durchschnittlich ziehen pro Jahr 240 Menschen zusätzlich nach Hallbergmoos.

Die Folge: steigende Wohnkosten. Zwischen neun und 20 Euro pro Quadratmeter zahlen Mieter, berichtet der Bürgermeister. Sogar Mitarbeiter aus dem Rathaus müssen mit Nebenjobs ihr Gehalt aufbessern. "Ein Facharbeiter gibt für eine Dreizimmerwohnung schon mal bis zu 70 Prozent seines Monatslohns für Miete aus", sagt Stallmeister.

Ein angesehener Job ist keine Garantie

Tanja Voges kennt die Menschen, die sich das Leben in Hallbergmoos schlicht nicht mehr leisten können. Sie kommen donnerstags zur Tafel, in ein Haus an der Hauptstraße. Dort sieht es aus wie in einem Tante-Emma-Laden. Gemüse, Nudeln, Mehl, Konserven - in den Regalen steht alles, was man täglich braucht. "Unsere Kunden zahlen einen Euro pro Einkauf", sagt Voges. "Es ist wichtig für ihr Selbstwertgefühl, dass sie bezahlen. Wenn Leute zur Tafel kommen, ist das für sie der letzte Ausweg."

200 Bedürftige in drei Ortschaften versorgen Voges und andere ehrenamtliche Helfer wöchentlich. Viele Rentner sind darunter, aber auch Sekretärinnen, Logistiker, Techniker und Verwaltungsangestellte. "Eigentlich gute Jobs", sagt Voges. "Viele Leute sind wegen der Arbeit extra aus Ostdeutschland hierher gezogen." Und dann reicht mitten in der Erfolgsregion das Gehalt trotz Nebenjobs nicht.

Immerhin spenden diejenigen, die vom Wachstum profitieren: Privatleute, Lebensmittelhändler und Firmen. Auch der Flughafen unterstützt die Tafel.

Der Airport zieht vor allem jüngere Beschäftigte an. Das Durchschnittsalter in Hallbergmoos liegt bei 37 Jahren. Weil das Leben teuer ist, arbeiten in Familien meist beide Partner. Also müssen Kitas her. 800 Betreuungsplätze hat Hallbergmoos - von der Krippe bis hin zur Hausaufgabenaufsicht.

Kita-Plätze, Verwaltung, Straßenbau, Abwasseranlagen: 7500 Euro investiert die Gemeinde im Schnitt pro Neubürger für Infrastruktur, sagt Bürgermeister Stallmeister.

Immerhin: Hallbergmoos profitiert auch vom Boom am Flughafen. Der Wohlstand der Kommune hängt vom Munich Airport Business Park ab. Weil derzeit die Geschäfte im Gewerbepark florieren, hat die Gemeinde einen ausgeglichenen Haushalt. Zuletzt nahm sie 20 Millionen Euro Gewerbesteuer ein.

100 Millionen als "Tropfen auf den heißen Stein"

Auf eine ähnliche Summe kommt Freising. Doch für die Stadt reicht das nicht. Mit 45.000 Einwohnern leben dort viermal so viele Menschen wie in Hallbergmoos - Freising hat deshalb viel höhere Ausgaben. Die Stadt profitiert jedoch nicht von einem Gewerbepark. "Auf unserem Flughafengebiet sitzen Polizei und Zoll. Die zahlen keine Gewerbesteuer", sagt Oberbürgermeister Dieter Thalhammer.

Freising erfüllt das Image von der heilen, bayerischen Welt. Ein barocker Kirchturm im Zentrum, eine Mariensäule auf dem Marktplatz und gemütliche Biergärten. Die Menschen wollen hier wohnen - arbeiten aber in den umliegenden Orten. Und diese bekommen dann die Gewerbesteuer.

Der Landkreis Freising hat 60 Millionen Euro Schulden und kommt mit dem Bau von Kitas und Schulen nicht hinterher. Der Flughafen will helfen und hat all seinen Nachbarkommunen im sogenannten Umlandfonds 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Ein "Tropfen auf den heißen Stein", sagt Thalhammer.

Höhere Mieten als in der Millionenstadt Hamburg

Jetzt, da der Flughafen größer werden will, sehen ihn viele Freisinger nicht mehr als Jobgarant - sondern als Beschleuniger für negative Folgen des Booms. Wie auch in Hallbergmoos klagen viele Freisinger in Bürgersprechstunden über hohe Mieten, erzählt Thalhammer. Bei Vergleichen liegt die bayerische Kreisstadt noch vor Hamburg. Für eine Wohnung zahlen Mieter in Freising laut Beratungsinstitut F+B im Schnitt neun Euro pro Quadratmeter, in der Hansestadt sind es 8,80 Euro.

"Die Region kann den Flughafenausbau nicht mehr verkraften", sagt Thalhammer. Schon vor einigen Jahren musste seine Stadt für die negativen Folgen des Airport-Wachstums aufkommen. Weil Arbeitskräfte fehlten, warb die Arbeitsagentur damals Jobsuchende aus Ostdeutschland an. "Viele Zuzügler konnten sich trotz Job die Miete bald nicht mehr leisten und mussten in Sozialwohnungen untergebracht werden", sagt Thalhammer. "Wir haben die Lasten, die anderen das schöne Geld."

"Deine Zeit ist vorbei"

Wenn Flughafenchef Michael Kerkloh solche Sätze hört, dann atmet er erst mal tief durch. Dass die Anwohner nun ausgerechnet den Wachstumstreiber Airport als Bedrohung für den Wohlstand in der Region sehen, ärgert ihn. "Die Leute verwechseln den Flughafen mit dem Staat", sagt er. Um Infrastruktur müsse sich die Politik kümmern. "Wir sind nicht Verursacher der Probleme."

Allerdings sind Politik und Airport eine Einheit: Zur Hälfte gehört der Flughafen dem Freistaat Bayern. Neben der Stadt München ist noch der Bund Minderheitsgesellschafter.

Von seinem Büro aus blickt Kerkloh auf das riesige Flughafengelände. Rund 30.000 Menschen arbeiten hier, doppelt so viele wie vor 15 Jahren. "Für Wachstum und Wohlstand" wirbt der Flughafen in einem Prospekt für die dritte Startbahn.

Darüber spotten manche Gegner. Sie schimpfen über Niedriglohnjobs am Flughafen und darüber, dass Stellen in Subunternehmen ausgelagert werden. Das will Kerkloh nicht auf sich sitzen lassen. Auch in der Wirtschaftskrise habe der Flughafen Arbeitsplätze gehalten. "Wir bieten Menschen eine Perspektive, die sonst keine haben", sagt er. "Die Leute sind beschäftigt und müssen nicht von Sozialleistungen leben." Im Schnitt verdiene ein Flughafenmitarbeiter gut 37.000 Euro jährlich. Nur fünf Prozent der Arbeitnehmer hätten einen 400-Euro-Job.

Der Airport-Chef will München zum internationalen Drehkreuz ausbauen. Ohne dritte Startbahn könne der Flughafen im internationalen Wettbewerb nicht mehr mithalten, sagt Kerkloh. Bisher können stündlich 90 Maschinen starten und landen, mit der dritten Bahn sollen es 120 werden. "Wir wissen, dass wir den Flughafennachbarn etwas zumuten", sagt Kerkloh. "Aber im Vergleich zum Nutzen, den Millionen haben, werden relativ wenige belastet."

Die wenigen aber wollen sich noch nicht geschlagen geben. "Kerkloh, Deine Zeit ist vorbei", steht auf einem Plakat in Attaching. Bürger des Orts und andere Gegner haben beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof insgesamt 22 Klagen gegen die Startbahnpläne eingereicht. Hinter vorgehaltener Hand sagen die meisten Umland-Politiker bereits, dass sie scheitern werden.

Ob Michael Buchberger dann aus Attaching wegziehen würde? Er sitzt in seiner renovierten Küche und schaut sich um. "Wer kauft ein Haus in der Einflugschneise?", fragt er. Und wo soll er in der teuren Region ein vergleichbares Domizil finden? Daran mag Buchberger nicht denken. Er sagt: "Es geht um unsere Heimat, unser Leben, unsere Zukunft." Einfach um alles.

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Startbahnpläne am Münchner Flughafen
Wer plant was?
Die Betreibergesellschaft FMG des Münchner Flughafens möchte diesen zu einem internationalen Drehkreuz ausbauen, an dem Langstreckenpassagiere umsteigen. Dazu sind mehr Starts und Landungen geplant, eine dritte Bahn soll dies ermöglichen. Sie soll rund 1,2 Milliarden Euro kosten und 4000 Meter lang und 60 Meter breit werden.

Gesellschafter der FMG sind der Freistaat Bayern (51 Prozent), die Bundesrepublik Deutschland (26 Prozent) und die Landeshauptstadt München (23 Prozent).

Die Argumente der Befürworter
Nach Ansicht der Flughafenbetreiber kann dieser seine Wettbewerbsfähigkeit gegen internationale Konkurrenz nur behaupten, wenn er zum internationalen Drehkreuz ausgebaut wird. Dafür würden aber Kapazitäten fehlen. Laut den Betreibern stößt der Flughafen bei der Zahl der Starts und Landungen an seine Grenzen. Die Zahl der Fluggäste werde aber steigen. Ein Ausbau des Flughafens sichere bestehende Jobs, werde Tausende neue ermöglichen und sichere den Zugang zu Weltmärkten.
Die Argumente der Gegner
Eine weitere Landebahn und zusätzliche Starts und Landungen belasten die Anwohner im Umland durch mehr Lärm und Abgase, sagen die Startbahn-Gegner. Weiteres Bevölkerungswachstum infolge von Tausenden Jobs könne die Region gar nicht verkraften. Die Lebenshaltungskosten in der Region seien immens hoch, die Infrastruktur überlastet. Zudem nutze die Drehkreuzfunktion hauptsächlich dem Flughafen - und nicht der Wirtschaft des Umlandes. Auch halten die Gegner die Wachstumsprognosen für den Flughafen für übertrieben.


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