Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Mythos Fachkräftemangel: Bundesregierung bleibt Beweise schuldig

Die schwarz-gelbe Koalition hat den Fachkräftemangel zum Schlüsselthema gemacht. Doch eine Anfrage der Linken zeigt: Der Bundesregierung fehlen klare Hinweise für eine Verknappung von Arbeitskräften.

Pflegerin in einem Seniorenheim: Überdurchschnittliche Gehaltssteigerung ausgeblieben Zur Großansicht
DPA

Pflegerin in einem Seniorenheim: Überdurchschnittliche Gehaltssteigerung ausgeblieben

Hamburg - Wenn es um die Sorgen der Unternehmen in Deutschland geht, ist Wirtschaftsminister Rainer Brüderle schnell zur Stelle. So auch beim Thema Fachkräftemangel. Dieser werde "zum Schlüsselproblem für den deutschen Arbeitsmarkt", sagte der FDP-Politiker im Sommer. Je länger der Aufschwung anhalte, desto größer werde das Problem. Seine fachnahen Kollegen im Kabinett - die Ministerinnen für Bildung und für Arbeit - sind da ganz seiner Meinung.

Doch wie es scheint, haben Brüderle und seine Kolleginnen den von den großen Wirtschaftsverbänden proklamierten Mangel an Fachkräften nie hinterfragt - und bleiben deshalb nun eine klare Antwort auf eine Anfrage der Linken im Bundestag schuldig. Die Opposition wollte von der Regierung wissen: Wie sieht es tatsächlich aus mit einer Verknappung von Arbeitskräften in Deutschland? Die Erklärung aus dem Arbeitsministerium, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, fällt dünn aus.

Zunächst ist in dem Papier nur von möglichen Engpässen und "Lücken zwischen Arbeitskräftenachfrage und -angebot", jedoch nicht explizit von einem Fachkräftemangel die Rede. Auch konkrete Aussagen über Branchen und Berufe mit fehlendem Personal bleibt das Arbeitsministerium in seiner Antwort schuldig. Grundsätzlich gelte, dass eine erhöhte Nachfrage bei akademischen und technisch-naturwissenschaftlichen Berufen auftrete, heißt es lediglich. Außerdem liege nach Schätzung der Bundesagentur für Arbeit ein Engpass bei Ingenieuren, Ärzten und Pflegern vor.

Dennoch könnten "nur begrenzt Aussagen dahingehend getroffen werden, welche Fachkräftebedarfe nach Branchen, Regionen und Qualifikationen zu einem bestimmten Zeitpunkt unternehmensgrößenspezifisch in Deutschland vorliegen."

Die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann zeigt sich empört über die Antwort. "Klagen von Arbeitgebern und Regierung über einen Fachkräftemangel sind scheinheilig", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Vielen Menschen werde der Zugang zum Arbeitsmarkt verweigert. Da liege das eigentliche Problem. Von einem Mangel an Fachkräften könne jedoch keinesfalls die Rede sein.

Studie stellt Fachkräftemangel in Frage

Im vergangenen November hatte auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Studie den Fachkräftemangel als "Fata Morgana" bezeichnet. Entgegen der weitverbreiteten Meinung gebe es kein knappes Angebot an Fachkräften. Und wirklich dramatisch werde die Lage auch in Zukunft nicht. Nachträglich relativierte der Autor des DIW seine Aussagen etwas, blieb im Kern aber bei seiner Aussage: Liegt eine Knappheit an Arbeitskräften vor, müsste es eine überdurchschnittliche Gehaltssteigerung geben. Doch das sei auch im Aufschwung nicht der Fall.

Auch in der Antwort der Bundesregierung lässt sich keine sichtbare Verbesserung der Gehälter in gefragten Berufen feststellen. Beispiel Gesundheit/(Körper)Pflege: Hier stieg der durchschnittliche Monatslohn im Zeitraum 2000 bis 2009 lediglich von 2233 Euro auf 2421 Euro.

Allerdings steigt in diesem Beruf tatsächlich die Zahl der bei der Bundesagentur für Arbeit registrierten offenen Stellen, zugleich sinkt der Bestand an Arbeitslosen. Linken-Politikerin Zimmermann führt dies jedoch nicht auf einen Mangel an Arbeitskräften zurück: "Wenn Arbeitgeber der Pflegebranche die Beschäftigten mit miserablen Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen abspeisen, dürfen sie sich nicht über Personalschwierigkeiten beklagen."

yes

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 118 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wenn Arbeitgeber der Pflegebranche
Foul Breitner 21.02.2011
@ die Beschäftigten mit miserablen Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen abspeisen, dürfen sie sich nicht über Personalschwierigkeiten beklagen." @ Genau so ist es. Würde mich mal interessieren, warum das so ist. Ich wette, die Regierung macht mit den Gewerkschaften Kuhhandel, damit ihnen die Kassen nicht um die Ohren fliegen.
2. Strategie: Lohndrueckerei
salbader 21.02.2011
Lohndrueckerei durch Herbeiredung eines Fachkraeftemangels verbunden mit der gezielten Schaffung eines Ueberangebotes an Fachkraeften: Koennte man die Strategie der BR etwa so umreissen? PS: Selbst wenn es den FKM geben sollte: Mit den osteuropaeischen Beitrittskandidaten sind wir auf Jahrzehnte hinaus versorgt; oder sind die mittlerweile auch schon zu teuer?
3. keine neuen Stellen
daggibaba, 21.02.2011
In unserem Unternehmen wurde uns Arbeitnehmern offen mitgeteilt, daß auf die Herausforderungen der Zukunft mit weiterer Arbeitsverdichtung reagiert wird. Mehr Arbeit führt also nicht zu mehr Stellen. Wahrscheinlich lautet das Thema bald nicht mehr Fachkräftemangel, sondern Überlastung von Arbeitnehmern.
4. Danke für die Ehrlichkeit!
tlogor 21.02.2011
Der angebliche Fachkräftemangel, von welchem namhaften deutschen Nachrichtenmagazin wurde diese Mär nachhaltig verbreitet? :-)
5. Fachkräftemalgel
slowboarder 21.02.2011
dafür gibts ne einfache Lösung: 1. Fachkräfte ausbilden 2. Fachkräfte anständig bezahlen, so daß diese Berufe entsprechend attraktiv sind Das Problem des Fachkräftemangels kann die Wirtschaft selber lösen, da braucht sie die Politik nicht dafür. Sie muss nur endlichmal ihre eigenen Marktgesetzte aktzeptieren: Wenn ein Gut knapp ist, steigt der Preis. Nur leider sind unsere Wirtschaftsführer so gestrickt, daß sie die Leistung haben wollen, ohne den entsprechenden Preis dafür zu bezahlen, daher das Gejammere vom Fachkräftemagel.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Die deutschen Zuwanderungsregeln
Die Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland sind zuletzt am 1. Januar 2009 reformiert worden. Vor allem für Akademiker wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert. 2011 will die EU die Hürden mit der Einführung der "Blue Card" weiter senken. Für Nicht- und Geringqualifizierte gilt weiterhin ein Anwerbestopp.
Einkommensschwelle
Keine Probleme haben Forscher und leitende Angestellte, die so viel verdienen, dass sie die Beitragsbemessungsgrenze der allgemeinen Rentenversicherung erreichen. Sie liegt in diesem Jahr bei 66.000 Euro. Diese Hochqualifizierten erhalten sofort eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, die ihnen die gleichen Rechte zugesteht wie deutschen Arbeitnehmern. Auch ihre Familienangehörigen dürfen arbeiten.
Vorrangsprinzip
Fachkräfte mit weniger lukrativen Stellen müssen sich weiterhin dem "Vorrangsprinzip" unterwerfen. Sie bekommen den Job nur, wenn die Bundesarbeitsagentur feststellt, dass es keinen deutschen Bewerber dafür gibt. Ihr Aufenthalt wird befristet. Erst nach drei bis fünf Jahren können sie mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen.
Selbständige
Selbständige können ohne Probleme zuwandern, wenn sie mindestens 250.000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen. Wer dies nicht leisten kann, muss darauf setzen, dass seinem Projekt ein "übergeordnetes wirtschaftliches Interesse" attestiert wird.
Studenten
Ausländische Studenten dürfen 90 ganze oder 180 halbe Tage arbeiten. Nach ihrem Studium können sie ihre Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängern, um einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden.
Blue Card
Mit der europäischen "Blue Card" werden ab 2011 die Anforderungen nochmals gesenkt. Fachkräfte aus Drittstaaten müssen einen mindestens ein Jahr geltenden Arbeitsvertrag vorlegen. Darin sollte ein Bruttogehalt vorsehen sein, das 1,5 mal höher liegt als das Durchschnittseinkommen des Mitgliedstaates. In Deutschland wären das nach aktuellem Stand 42.000 Euro.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: