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07. Oktober 2009, 12:31 Uhr

Nach 34 Jahren im Job

Sekretärin aß Frikadelle des Chefs - gefeuert

Magdalene H. war 34 Jahre für ihren Arbeitgeber tätig, jetzt soll sie ihren Job verlieren. Der Grund ist eine Frikadelle, die sich die Sekretärin vom Chef-Bufett genommen hatte. Ihr Vorgesetzter sieht das Vertrauensverhältnis gestört, der Fall kommt vor das Arbeitsgericht.

Dortmund - Magdalene H. kämpft um ihren Job - und um ihre Ehre. Die Sekretärin war 34 Jahre lang für den Bauverband Westfalen in Dortmund tätig, plötzlich erhielt sie die Kündigung. Weil sie eine Frikadelle vom Chef-Bufett gegessen hatte.

Der Vorfall ereignete sich im vergangenen Juli, jetzt liegt der Fall beim Arbeitsgericht Dortmund. "Wie herzlos kann ein Chef sein?", fragt die "Bild"-Zeitung.

Es ist nicht das erste Mal, dass einem Arbeitnehmer wegen einer Bagatelle gekündigt wurde. Für Aufsehen sorgte vor allem der Fall "Emmely". Die Supermarkt-Kassiererin hatte zwei Pfandbons über 48 und 82 Cent unterschlagen und war daraufhin fristlos entlassen worden. Wenig später wurde der Fall einer Bäckerei-Verkäuferin in Friedrichshafen am Bodensee bekannt. Sie wurde entlassen, weil 1,36 Euro in der Kasse fehlten. Auch in Frankreich wurden vergleichbare Fälle publik.

Ähnlich ist es bei Magdalene H. Die Chefsekretärin hatte einen Konferenz-Imbiss für ihren Chef und seine Gäste vorbereitet, berichtet "Bild". Als sie Hunger bekam, nahm sie sich selbst zwei halbe Brötchen und einen Fleischklops.

Als der Chef seine Sekretärin zur Rede stellte, gab die 59-Jährige sofort alles zu. "Sie war der Meinung, ihr Verhalten sei in Ordnung", sagt Anwalt Wolfgang Pinkepank. "Brötchen und Frikadellen, die nach Konferenzen übrig blieben, durften auch von Mitarbeitern gegessen werden."

"Das hier ist kein klassischer Diebstahl"

Magdalene H.s Vorgesetzte sehen das jedoch anders: Sie werten den Verzehr als Vertrauensmissbrauch. "Nach außen wirkt das natürlich wie eine Bagatelle", sagt Bauverbands-Geschäftsführer Hermann Schulte-Hiltrop dem Bericht zufolge. "Wir haben hier aber hochsensible Daten zu verarbeiten. Und wenn Sie jemandem nicht mehr vertrauen, macht das kein gutes Gefühl."

Am Dienstag kamen beide Seiten vor dem Arbeitsgericht Dortmund zusammen. Während der Verhandlung wurde deutlich, dass Selbstbedienung am Bufett zwar nicht erlaubt ist, beim Bauverband Westfalen aber offenbar schon lange gang und gäbe war. Selbst der frühere Chef soll nach Aussage der Sekretärin gern zugegriffen haben. Außerdem sei alles, was die Gäste des Chefs übrig ließen, ohnehin an die Angestellten zurückgegangen.

Auch die Richterin betonte: "Dies hier ist kein klassischer Diebstahl." Sie schlug vor, die Kündigung in eine Abmahnung umzuwandeln.

Der Bauverband blieb trotzdem hart. Jetzt wird der Prozess mit einem Kammertermin fortgesetzt. Voraussichtlicher Beginn: Januar 2010.

wal

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