Nach Aichach-Unglück Hunderte Stellwerke werden noch per Hand betrieben - nun rüstet die Bahn nach

Als Konsequenz aus dem Zugunglück von Aichach, bei dem im Mai zwei Menschen starben, plant die Bahn ein Großprojekt. Nach SPIEGEL-Informationen sollen Hunderte alte Stellwerke mit elektronischen Warnanlagen nachgerüstet werden.

Bayern, Aichach: Zugsitze neben einem verunglückten Regionalzug an der Unfallstelle (im Mai)
DPA

Bayern, Aichach: Zugsitze neben einem verunglückten Regionalzug an der Unfallstelle (im Mai)


Die Technik soll helfen, falsche Weichenstellungen zu vermeiden und Zugkollisionen in Bahnhöfen zu verhindern. Konkret geht es um rund 600 von insgesamt 1178 Stellwerken, bei denen die Fahrdienstleiter Signale und Weichen noch per Hand bedienen - mithilfe mechanischer Drahtzüge oder elektrischer Schalter. Die Kontrolle, ob die gestellten Fahrstrecken tatsächlich frei sind, erfolgt dort - wie vor hundert Jahren - noch per Augenschein.

Die Warnanlagen, die nun eingebaut werden sollen, bestehen aus einem Computer, der mit Sensoren im Gleis und an den Schalthebeln verbunden ist. Versucht ein Fahrdienstleiter einen Zug auf ein Gleis zu leiten, das bereits von einem anderen Zug blockiert ist, werden eine Warnsirene und ein blinkendes Warnlicht aktiviert.

Eine solche Anlage hätte womöglich auch den Zusammenstoß zweier Züge im bayerischen Aichach verhindert, der offenbar durch eine versehentlich falsch gestellte Weiche verursacht worden war.

Auch das Aichacher Stellwerk soll eines dieser Warnsysteme erhalten. Bei der Auswahl der Stellwerke, die nachgerüstet werden sollen, hat sich die Bahn zunächst offenbar auf Strecken konzentriert, auf denen 40 Stundenkilometer oder schneller gefahren wird und auf denen Personenzüge in hoher Frequenz verkehren. Der Einbau der Warnanlagen soll im Januar 2019 starten und bis 2024 abgeschlossen sein. Das Investitionsvolumen beträgt rund 90 Millionen Euro.

Anmerkung: Über dem Artikel stand ursprünglich, das Unglück sei ein Jahr her. Wir haben den Fehler korrigiert.

srö



insgesamt 35 Beiträge
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ir² 07.07.2018
1.
.... Der Einbau der Warnanlagen soll im Januar 2019 starten und bis 2024 abgeschlossen sein. Das Investitionsvolumen beträgt rund 90 Millionen Euro. .... Ein Witz! 5 Jahre für diese wichtige Sicherheitsmaßnahme sind ein schlechter Witz! Vielleicht noch eine Pensionierung oder langzeitkranke Beamte im Beschaffungsamt, und schon sind es nicht 5 Jahre sondern 7 oder 10 Jahre... Wer in der Zulieferindustrie arbeitet weiß, BER ist nur die - sichtbare - Spitze des Eisbergs an Deutschen Behördenversagen. Wir schaffen das....
ein-berliner 07.07.2018
2. Ehrlich?
Bei der Bahn soll wirklich heutige Technik eingesetzt werden? Sind die Heizer auf den Loks inzwischen auch schon abgeschafft worden?
wardawas? 07.07.2018
3. Was ist das schlimmste an der Realität ?
dass sie real ist ! Schon bei meiner Modelleisenbahn mit der ich als Kind spielte, tauschte ich alle Handweichen gegen elektrisch gesteuerte Weichen aus.... und da ging es nicht um Menschenleben. Das dauerte zwar auch ein Weilchen und verschlang mein ganzes Taschengeld, aber ich hatte einen ungewollten Unfall in meinem "Bahnnetz".
Drassanes 07.07.2018
4. Wenn das nicht so traurig wäre ...
könnte man es witzig nennen. Da erkennt man nun das man die ersten 18 Jahre dieses Jahrhunderts geschlafen hat und macht dann einen mutigen 5 Jahresplan.
benhadschiomar 07.07.2018
5. Vor 35 Jahren ...
... haben wir schon robuste elektronische Industrie-Steuerungen mit Verriegelungen programmiert (um Nichtzulässiges auszuschliessen). So lange braucht die Bahn, um es zu merken, dass wir im Zeitalter der Elektronik sind. Bei uns - an einem kleinen Bahnübergang - gibt es immer noch alte Relaissteuerungen. Auch wenn weit und breit kein Auto auf der Nebenstrasse fährt, wird auf der Hauptstrasse gnadenlos frühzeitig auf Rot geschaltet (um die Nebenstrasse über die Gleise freizuräumen). Technik von vor 70 Jahren. Träum' ich von Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.
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