Nach Präsidentschaftswahl: Amerikas Banker fürchten die Rache Obamas

Von , New York

Knapp 20 Millionen Dollar haben sie Mitt Romney gespendet, nun rechnen sie mit dem Schlimmsten. Die Spekulanten der Wall Street fürchten nach Obamas Wahlsieg strengere Regeln und höhere Steuern. Allzu große Sorgen müssen sie sich jedoch nicht machen.

US-Präsident Obama: "Offen für Kompromisse" Zur Großansicht
REUTERS

US-Präsident Obama: "Offen für Kompromisse"

Barack Obama zeigte sich konziliant. Acht Tage nach seiner Wiederwahl bat der Präsident ein Dutzend kritische Wirtschaftsbosse ins Weiße Haus, von Ken Chenault (American Express) über John Watson (Chevron) bis Mike Duke (Walmart). Im Roosevelt Room, nur Schritte vom Oval Office, hörte er sich ihre Anliegen an - und ihre höflichen Anregungen.

"Der Präsident sprach an, dass er nicht immer das beste Verhältnis zur Wirtschaft gehabt habe", berichtete David Cote, Vorstandschef des Industriekonglomerats Honeywell, nach dem 90-minütigen Treffen am Mittwoch. Aber Obama wolle, "dass sich das bessert".

Mit auf der Gästeliste: die Chefs von Aetna, Dow, Ford, GE, IBM, Pepsi, Proctor & Gamble und Xerox. Was auf den zweiten Blick jedoch auffiel: Nicht ein Vertreter der Wall Street war dabei.

Kein Wunder. Wenn Obamas Verhältnis zur Wirtschaft kühl ist, dann ist sein Verhältnis zur Wall Street tiefgefroren. Aufgebracht über seine "Klassenkampf"-Rhetorik und die verhasste Finanzmarktreform setzten die Banker fast geschlossen auf den republikanischen Widersacher Mitt Romney: Fast 20 Millionen Dollar spendete sie für dessen Wahlkampf - viermal so viel wie für Obama.

Die Wette ging bekanntlich daneben. Also folgt jetzt der große Katzenjammer. Seit der Wahl geht's bergab mit dem Dow-Jones-Index, dem Barometer der Wall-Street-Psyche. Auch die US-Bankaktien rasselten erst mal in den Keller.

Insider verhehlen ihr Entsetzen nicht: Obama werde nun Ernst machen, werde Steuern erhöhen, Regulierungen verschärfen und den "Masters of the Universe", wie Tom Wolfe sie einst im "Fegefeuer der Eitelkeiten" nannte, das Leben generell schwerer machen. "Die Wall Street schwelgt in Selbstmitleid", betitelte das "Wall Street Journal" kurz nach der Wahl einen Leitartikel, der in Selbstmitleid schwelgte.

Ist es wirklich so schlimm? Mitnichten. Obamas Sieg war weder Erdrutsch noch Mandat. Stattdessen hat er den Status quo zementiert: Im Senat wahren die Demokraten die knappe Mehrheit, im Repräsentantenhaus bleiben die Republikaner die stärkere Kraft. Einen durchregierenden Präsidenten, frei von den Fesseln künftiger Wahlkämpfe, wird es auch jetzt nicht geben.

Sicher, die Träume der Finanzjongleure sind geplatzt: Sie hatten gehofft, dass Romney die neuen Regulierungen zurücknimmt und auch die Kapitalertragsteuern niedrig hält, die so sehr zu ihrem - und zu Romneys - Reichtum beigetragen haben. Jetzt fürchten sie an beiden Fronten teure Verluste.

Doch die Zeichen stehen eher auf Mäßigung. Obama weiß, dass er dem politischen Gegner entgegenkommen muss. Er sei "offen" für Kompromisse, versicherte er am Mittwoch bei seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl - und ging von da aus direkt zu seinem Treffen mit den Konzernchefs.

Obamas Worte galten dem Haushaltsstreit um die ab Januar verbindlichen Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen, in schräger Metapher "fiscal cliff" getauft. Aber auch bei der Debatte um die Wall Street wird es keine drastischen Schritte geben. Zu viel Regulierung ersticke die Konjunktur, schreibt Analyst Jaret Seiberg (Guggenheim Partners) und prophezeit: "Es wird querbeet also mehr Mäßigung geben."

Reformen dürften verwässert werden

Noch ist die Wall-Street-Reform sowieso ein Papiertiger. Erst ein Drittel der Vorschriften des 1408-Seiten-Gesetzesmonsters ist umgesetzt, ein weiteres Drittel nicht mal ausformuliert. "Bei dem Tempo wäre die Finanzreform irgendwann in der zweiten Amtszeit von Sasha Obama fertig", lästert Jesse Eisinger von der investigativen Website "ProPublica" in Anspielung auf Obamas elfjährige Tochter.

Obamas Wiederwahl heißt nicht automatisch, dass das nun viel schneller geht. Im Gegenteil: Seit voriger Woche fehlt der politische Druck, die Reform vor einer möglichen Romney-Regierung noch weitmöglichst festzuzurren.

Obendrein hängen viele der neuen Regeln im Kompetenzwirrwarr der Regulierungsbehörden fest. Etwa die nach Ex-Zentralbankchef Paul Volcker benannte "Volcker Rule", die riskante Spekulationsgeschäfte der Banken erschweren soll: Allein hier reden fünf Einzelämter mit.

Je länger das dauert desto größer sind die Chancen, dass das Paket weiter verwässert wird. Wobei eine andauernde Verschleppung gar nicht im Sinne der Banker ist. Denn nichts hasst die Wall Street so wie Ungewissheit: "Es mag ihnen nicht lieb sein", sagte der Analyst Brian Gardner (Keefe, Bruyette & Woods) der "Washington Post", "aber sie wollen Entscheidungen".

Hinzu kommt, dass die zuständigen Stellen bald neue Spitzen bekommen. Mary Schapiro, die Chefin der Börsenaufsicht SEC, amtiert zwar noch bis Mitte 2014, doch es kursieren Abtrittsgerüchte. Bei der CFTC, die die Future- und Optionsmärkte reguliert, könnte schon nächstes Jahr ein Führungswechsel anstehen. Obama dürfte aber keine radikalen Nachfolger benennen und die Republikaner vergrätzen.

Wer wird Geithners Nachfolger?

Die heißesten Spekulationen der Wall Street drehen sich um den Top-Posten: Timothy Geithner, der ewig kontroverse Finanzminister, wird im Januar seinen Stuhl räumen. Schon drängt die Wall Street das Weiße Haus auf einen freundlich gesinnten Nachfolger. "Mit der Ernennung des Finanzministers wird Obama eine wichtige Botschaft an die Öffentlichkeit und an die ausländischen Regierungen senden, die viele US-Anleihen besitzen", sagt Curtis Arledge, Vizechef der Bankgruppe BNY Mellon.

Ein genehmer Kandidat wäre Erskine Bowles, Stabschef im Weißen Haus unter Bill Clinton. Bowles und der republikanische Ex-Senator Alan Simpson leiteten 2010 eine von Obama berufene Kommission, die einen Ausweg aus der Schuldenkrise finden sollte. Ihr Plan, kurz "Bowles-Simpson", scheiterte im Kongress, wird inzwischen aber von immer mehr Republikanern und der Wall Street gestützt.

Die größere Sorge der Banker gilt der neuen Senatorin Elizabeth Warren. Die progressive Verbraucheranwältin ist eine erklärte Gegnerin der Wall Street. Schon mühen sich die Strippenzieher hinter den Kulissen, ihr einen Sitz im Bankenausschuss zu verweigern.

Obamas schärfster Wall-Street-Kritiker, der Hedgefonds-Manager Leon Cooperman, ist dagegen ganz verstummt. Der Milliardär, der Obama in einem offenen Brief angegriffen hatte, gab bisher keinen Wahlkommentar ab.

Doch nicht aus Enttäuschung, sondern aus ganz anderem Grund: Der Wolkenkratzer, in dem seine Firma Omega Advisors sitzt, ist seit dem Supersturm "Sandy" gesperrt. "Wegen des Hurrikans", erklärte Cooperman dem Finanzmagazin "Absolute Return", "habe ich extreme Probleme mit meinem Büro." Im Vergleich zur Natur ist selbst Obama harmlos.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Gut ist alles
call.vroomfondel 16.11.2012
was die Banker davon abhält sich neue Phantasiekonstrukte auszudenken, die sie an Ahnungslose verkaufen. Wenn Obama die Jungs allein durch Anwesenheit etwas besser in Schach hält - gut, wenn er der Truppe mal einen (oder mehrere) vor den Bug gibt - noch besser. In den Stellenbescheribungen von Bankern steht nichts von Spaß, nichts von Anspruch Demut der Umgebung und und nichts von Anspruch auf Weltherrschaft - vermute ich mal.
2. xxx
Dumpfmuff3000 16.11.2012
Zitat von sysopREUTERSKnapp 20 Millionen Dollar haben sie Mitt Romney gespendet, nun rechnen sie mit dem Schlimmsten. Die Spekulanten der Wall Street fürchten nach Obamas Wahlsieg strengere Regeln und höhere Steuern. Allzu große Sorgen müssen sie sich jedoch nicht machen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/nach-us-wahl-wall-street-fuerchtet-obamas-rache-a-867569.html
PArteispenden gehören komplett verboten und Firmenspenden erst recht. Parteispenden ermöglichen die Konvertierung ökonomischer in politische Macht. Jede Parteispende ist der Versuch, mit finanziellen Mitteln Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Parteispenden sind Investitionen und wenn die nicht unterm Strich rentabel wären, würden Unternehmen und Vermögende nicht regelmäßig große Summen an konkurrierende Parteien/ Kandidaten überweisen. Da sind immer im- oder explizite Gegenerwartungen dran geknüpft und die werden nach der Wahl offensichtlich auch erfüllt. Damit widersprechen Parteispenden diametral einem der grundlegendsten Grundgedanken jeder Demokratie, nämlich der Gleichheit der Stimme. Wenn meine Stimme formal gleichwertig ist wie die jedes anderen, aber faktisch weniger Gewicht hat, weil der über eine ressourcenstarke Lobby verfügt, die sich politischen Entscheidungen kaufen kann, dann ist die Demokratie eine Farce. Das gilt auch und nicht zuletzt für Deutschland. Parteien sollten ausschließlich über Steuergelder und fixe Mitgliedsbeiträge finanziert werden und wer sich parteipolitisch engagieren will, kann das mit "manpower" tun.
3.
uezegei 16.11.2012
Natürlich müssen die sich keine allzu großen Sorgen machen. Obama ist nicht so dumm, sich mit den mächtigen anzulegen, er will doch nicht enden wie JFK damals in Dallas.
4. meint der das ernst?!
ijf 16.11.2012
Der Milliardär, der Obama in einem offenen Brief angegriffen hatte, gab bisher keinen Wahlkommentar ab. Doch nicht aus Enttäuschung, sondern aus ganz anderem Grund: Der Wolkenkratzer, in dem seine Firma Omega Advisors sitzt, ist seit dem Supersturm "Sandy" gesperrt. "Wegen des Hurrikans", erklärte Cooperman dem Finanzmagazin "Absolute Return", "habe ich extreme Probleme mit meinem Büro." Im Vergleich zur Natur ist selbst Obama harmlos. Zitat Ende... Weil sein Buero verwuestet wurde, kann er nicht mehr kommunizieren?! Lachhaft!
5. Allright..
Sharoun 16.11.2012
Zitat von sysopREUTERSKnapp 20 Millionen Dollar haben sie Mitt Romney gespendet, nun rechnen sie mit dem Schlimmsten. Die Spekulanten der Wall Street fürchten nach Obamas Wahlsieg strengere Regeln und höhere Steuern. Allzu große Sorgen müssen sie sich jedoch nicht machen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/nach-us-wahl-wall-street-fuerchtet-obamas-rache-a-867569.html
..dann keine Regeln und keine Steuern - sie sollen nur zusehen, daß sie gemäß des Verursacherprinzips für alles geradestehen, was sie da bisher angerichtet hatten und natürlich noch anrichten werden. Und zwar an allen Fronten, bis zum letzten, geprellten Kleinanleger hinunter und bis zum letzten Cent! Echt, diese Typen kommen mir vor wie dumme, rotznäsige Gören, die partout nicht einsehen wollen, daß man neben dem Benzinkanister nicht mit dem Feuerzeug spielen darf.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Wirtschaft in den USA
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 27 Kommentare
US-Wähler-Analyse

US-Wahl 2012 Ergebnisse