Nachfolgerin für Strauss-Kahn: Französin Lagarde wird neue IWF-Chefin

Die Entscheidung fiel schneller als erwartet: Der Internationale Währungsfonds hat schon am ersten Tag seiner Sitzung die französische Finanzministerin Christine Lagarde zu seiner neuen Chefin gewählt. Präsident Sarkozy nennt die Entscheidung "einen Sieg für Frankreich".

Neue IWF-Chefin: Madame Oui Fotos
AFP

Washington - Zum ersten Mal übernimmt eine Frau die Führung des Internationalen Währungsfonds (IWF): Der Verwaltungsrat wählte die französische Finanzministerin einstimmig zur neuen IWF-Direktorin. Nach Europa und China hatten im Laufe des Dienstags auch die USA und Russland ihre Unterstützung für die 55-Jährige erklärt. Lagarde wird ihren Posten am 5. Juli antreten.

Der Verwaltungsrat bezeichnete Lagarde und den Gegenkandidaten aus Mexiko, Agustin Carstens, als sehr qualifizierte Kandidaten. Das Gremium habe das Ziel gehabt, eine einstimmige Entscheidung zu fällen und sich "nach Erwägung aller relevanten Informationen" für Lagarde entschieden. Finanzminister Wolfgang Schäuble lobte die Ernennung: "Das ist eine hervorragende Wahl."

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy nannte die Entscheidung "einen Sieg für Frankreich". Lagarde selbst sagte, sie fühle sich sehr geehrt. Ihr Ziel sei es, die erfolgreiche Arbeit des Fonds fortzusetzen sowie "weltweit für starkes und nachhaltiges Wachstum und makroökonomische Stabilität" zu sorgen.

Der Weltwährungsfonds ist in der weltweiten Finanzkrise zu einem der wichtigsten Krisenhelfer aufgestiegen. In der Bewältigung der Euro-Schuldenkrise spielt er eine bedeutende Rolle. Mit den Europäern schnürte der Fonds Milliarden-Rettungspakete für die Schuldensünder Griechenland, Irland und Portugal. Außerdem entsendet der IWF Teams in Schuldnerländer, die deren Fortschritte überprüfen.

Lagardes Vorgänger Dominique Strauss-Kahn wurde Mitte Mai wegen des Verdachts der versuchten Vergewaltigung in New York festgenommen und trat kurz danach von seinem Amt zurück. Der ehemalige französische Finanzminister soll laut Anklage ein Zimmermädchen in einem Hotel sexuell attackiert haben. Auf ihn kommt ein Gerichtsverfahren zu.

Lagarde verspricht Reformen

Lagarde hatte bei ihrer Vorstellung deutlich gemacht, dass sie sich als IWF-Chefin besonders für die Belange der Schwellenländer einsetzen wolle. Befürchtungen armer und aufstrebender Nationen, sie könnte sich als Französin vor allem um die Probleme Europas kümmern, trat Lagarde entschlossen entgegen. Sie sprach sich zudem für interne Reformen des IWF aus, die zu größerer Vielfalt der Belegschaft führen soll. Nach ihrer Wahl bekräftigte sie nun: "Ich werde es zu meinem übergeordneten Ziel machen, dass unsere Institution weiter allen Mitglieder mit der selben Aufmerksamkeit und in dem selben Geist dient."

Ihre politische Karriere begann Lagarde erst 2005. Da übernahm sie den Posten der Staatssekretärin für Außenhandel. Gleich zu Beginn lieferte sie sich einen Patzer, als sie das damals noch als unantastbar geltende Arbeits- und Sozialrecht als "Bremse für die Beschäftigung" kritisierte.

Auch mit Deutschland eckte die Ministerin im vergangenen Jahr an, als sie den Exportüberschuss des Nachbarlandes kritisierte. Doch dem internationalen Ansehen der Ministerin hat das alles kaum geschadet.

"Weniger Libido, weniger Testosteron"

Bei der Euro-Krise ficht Lagarde an vorderster Front. Sich selbst nennt die Ministerin eine "überzeugte Europäerin". Zeitungen bezeichnen sie bisweilen als Antipode zur deutschen Bundeskanzlerin. Angela Merkel ist in den Augen vieler "Madame Non", weil sie nicht entschieden genug für die Rettung der Euro-Zone eintritt. Lagarde dagegen verteidigt Milliardenhilfen für hochverschuldete Staaten.

In ihrem neuen Job dürfte sie einen ganz anderen Führungsstil pflegen als ihr Vorgänger und Landsmann Strauss-Kahn. Frauen zeigten in öffentlichen Ämtern "weniger Libido, weniger Testosteron", bemerkte die Ministerin im Herbst. Sie dachte damals sicher nicht an sexuelle Übergriffe, wie sie Strauss-Kahn vorgeworfen werden. Vielmehr dürfte es ihr um eine andere Gesprächskultur gehen: "Wir werden nicht unbedingt unser Ego in einer Verhandlung raushängen und dadurch unseren Standpunkt durchsetzen und unseren Partner erniedrigen."

cte/dpa-AFX/AFP

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insgesamt 34 Beiträge
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1. alternativlos
tlogor 28.06.2011
Seit wann hat Frau Merkel einen deutschen Kanditaten durchgebracht. Deutschland ist Hauptzahler, hat aber weder einen Posten beim IWF noch bei der EZB durchgebracht. Kanzlerin Merkel, schwächster Kanzler aller Zeiten.
2. [{-_-}] ZZZzz zz z...
Schah.Wenzel 28.06.2011
Zitat von sysopIn ihrem neuen Job dürfte sie einen ganz anderen Führungsstil pflegen als ihr Vorgänger und Landsmann Strauss-Kahn. Frauen zeigten in öffentlichen Ämtern "weniger Libido, weniger Testosteron", bemerkte die Ministerin im Herbst.
Weniger Libido, weniger Testosteron dürfte der Wahrheit entsprechen, was Frauen sonst noch so drauf haben, das lässt sich wunderbar in diesem (http://www.danisch.de/blog/2011/06/21/wie-die-deutsche-internet-kinderpornosperre-zustande-kam-und-zugrunde-ging/) Text erlesen -- Obacht, recht lang, zeitaufwändig & ein bisschen technisch. =.-O ---Zitat--- Sie dachte damals sicher nicht an sexuelle Übergriffe, wie sie Strauss-Kahn zur vorgeworfen werden. Vielmehr dürfte es ihr um eine andere Gesprächskultur gehen: "Wir werden nicht unbedingt unser Ego in einer Verhandlung raushängen und dadurch unseren Standpunkt durchsetzen und unseren Partner erniedrigen." ---Zitatende--- Na klasse, von sich im Pluralis Majestatis quatschen, das fängt ja schon einmal recht spannend an. Oder wirr. Oder wie heißt das nochmal, wenn jemand schon vor Jobantritt seinen/ ihren Größenwahn 'raushängen lässt?
3. Wenigstens
Stammzelle 28.06.2011
geht von ihr - im Gegensatz zu ihrem Landsmann - keine Gefahr für die Hotelboys in New York aus. Die Frau hat, was Strauss-Kahn immer abging: Stil und Nobelesse
4. ...
theresarain 28.06.2011
Zitat von StammzelleDie Frau hat, was Strauss-Kahn immer abging: Stil und Nobelesse
Exakt. Zudem ist sie hochintelligent - was man von DSK nun auch nicht unbedingt behaupten kann.
5. ...
Stammzelle 28.06.2011
Zitat von tlogorKanzlerin Merkel, schwächster Kanzler aller Zeiten.
Hamburger Pastorentöchter, hannoveranische Rechtsverdreher und welche Form von Un-bildung hatte deieser unsägliche Kohl nochmal? Normalerweise müßte ein Volk die Besten an die Spitze wählen, unsere Kanzler seit Bismarck mit Ausnahme von Brandt und Schmidt beweisen das Gegenteil.
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Der IWF
Die Institution
Gegründet wurde der Internationale Währungsfonds (IWF) zusammen mit seiner Schwesterinstitution Weltbank im Juli 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods. Der in Washington ansässige Fonds wacht als Sonderorganisation der Vereinten Nationen über die Währungspolitik seiner 186 Mitgliedsländer. Jedes Land muss entsprechend seinem Anteil an der Weltwirtschaft eine Einlage leisten und verfügt über entsprechende Stimmrechte. Die reichsten Länder haben damit den größten Einfluss.

Die Arbeit des IWF
Der IWF tritt vor allem bei Finanz- und Wirtschaftskrisen öffentlich in Erscheinung. Indem er einzelne Staaten unterstützt, soll er vor allem verhindern, dass sich Krisen ausbreiten und ganze Regionen oder gar das gesamte internationale Finanzsystem treffen. Der Fonds kann mit kurzfristigen Krediten die Defizite in Entwicklungs- und Schwellenländern ausgleichen. Zudem leistet er Mitgliedstaaten technischen Beistand für den Umbau von Institutionen und bei der Gestaltung von Finanz- und Wirtschaftspolitik.

Häufige Kritik
Die Bedingungen, die an die Vergabe der Gelder geknüpft werden, stoßen in den betroffenen Ländern und bei Globalisierungskritikern allerdings oft auf Unmut. Verordnet werden von der Institution aus Washington meist radikale Einschnitte in die Staatshaushalte, die Öffnung der Märkte und Privatisierungen. Diese jedoch verschärfen die Krisen nach Ansicht der Kritiker oft noch weiter. Nach Reformen ist inzwischen vorgesehen, dass der IWF verstärkt die sozialen Auswirkungen von Krisen und Hilfsmaßnahmen beachtet.

Die Direktorin
Seit Ende Juni 2011 steht die frühere französische Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde an der IWF-Spitze. Sie ist die erste Frau auf diesem Posten.
Wer wählt den Direktor?
Das Exekutivdirektorium des IWF besteht aus 24 Direktoren. Fünf von ihnen werden von den Mitgliedstaaten mit den größten Quoten ernannt, die verbleibenden vertreten jeweils mehrere Mitgliedsländer. Je mehr ein Land einzahlt, desto höher ist seine Quote. Deshalb haben die USA einen Stimmanteil von fast 17 Prozent, Japan von etwas mehr als sechs und Deutschland knapp unter sechs Prozent. Die USA verfügen über eine Sperrminorität. Denn zentrale Beschlüsse im IWF - wie auch die Wahl des kommenden Geschäftsführenden Direktors - müssen mit einer Mehrheit von 85 Prozent getroffen werden.

Die Direktoren wählen den Geschäftsführenden Direktor. Er ist für das Tagesgeschäft, die Organisation und die Personalpolitik des Fonds zuständig. Der Direktor wird vom Exekutivdirektorium kontrolliert, dieses kann ihm die Amtsführung entziehen. Grundsatzentscheidungen werden vom Gouverneursrat des IWF und vom International Monetary and Financial Committee getroffen, die bei den Herbst- und Frühjahrstagungen von IWF und Weltbank zusammenkommen.
Informelle Vereinbarung
Die USA und Europa haben sich informell darauf verständigt, wichtige Posten untereinander aufzuteilen. So stellen die USA traditionell den Direktor der Weltbank, während der Geschäftsführende Direktor des IWF von einem EU-Mitgliedsland gestellt wird. In den Statuten ist diese Regelung nicht verankert. Besonders die Schwellenländer dringen seit Jahren darauf, dass das informelle Abkommen gekippt und der Posten des Direktors ausgeschrieben wird.
Bedingungen für Hilfe
Der IWF arbeitet mit dem Land ein Programm aus, das konkrete Vorgaben zur Überwindung der Krise umfasst, zum Beispiel Vorgaben zur Haushaltspolitik. Die Kreditlinien werden üblicherweise in mehrere Tranchen gestückelt, deren Auszahlung an das Erreichen von Zwischenzielen gebunden ist. Üblich sind Kreditlaufzeiten von bis zu drei Jahren, die bei schweren Krisen aber verlängert werden können. Das angeschlagene Land legt seinen Sparplan im Detail offen. Bei Bedarf sind nachträgliche Änderungen möglich.

Fotostrecke
Der IWF: Struktur des Währungsfonds