Nachverdichtung Die bald im Schatten leben

Leila Hansen wird in ihrer Wohnung bald kaum noch Licht haben, weil ein Investor ein fünfstöckiges Haus in ihren Innenhof quetscht. Ihre Geschichte wirft die grundlegende Frage auf, wie wir künftig in Städten leben: Wie eng ist zu eng?

Leila Hansen mit ihrem Lebenspartner Thomas Falke
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Leila Hansen mit ihrem Lebenspartner Thomas Falke

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Mitten in Hamburg-Bahrenfeld, in einem Innenhof zwischen drei stickigen Straßen, liegt Leila Hansens Garten. Es ist ein kleines, lichtes Grundstück, ein Fleck, an dem man den Lärm und die Hektik der Stadt vergisst. Frau Hansen aber ist wehmütig, als sie an diesem warmen Augustabend übers Gras spaziert, hinüber zur großen, hundert Jahre alten Birke an der Grundstücksgrenze.

Im Hof werde bald ein neuer Hausriegel entstehen, erzählt die 50-Jährige. Große Fenster, modernes Design, vor allem aber: fünf Stockwerke, höher als die Bauten aus den Zwanzigerjahren und aus der Gründerzeit, die den Innenhof umringen.

Statt zum Himmel wird Frau Hansen bald auf eine Betonfassade blicken. Die alte Birke wird wohl weichen müssen, weil ihre langen Wurzeln der neuen Tiefgarage in die Quere kommen könnten. Hansens Garten wird im Schatten verschwinden und ihre kleine Wohnung gleich mit. "Ich weiß nicht, ob ich so leben kann", sagt sie.

Bauentwurf für Leila Hansens Innenhof
Rolf Behrmann

Bauentwurf für Leila Hansens Innenhof

Rolf Behrmann, der Bauherr des Projekts, spricht ebenfalls viel von Verschattung. Allerdings betrifft die sein Gemüt. Seit fast zehn Jahren versuche er, den Innenhof in Bahrenfeld zu bebauen, sagt er. In dieser Zeit seien ihm viele renitente Bürger begegnet.

Behrmann erzählt von Störaktionen in Planungsausschüssen, von Flugblättern in den Briefkästen der Anlage, von Fahrraddemos und von ermüdenden Diskussionsrunden, in denen selbst der Verbleib einer Harley-Davidson einmal Thema gewesen sei, die in einer der Garagen im Innenhof untergebracht ist.

"Die heutigen Bürgerinitiativen sind hochorganisiert", sagt Behrmann. "Manche würden schon auf die Barrikaden gehen, wenn ich eine kleine Holzhütte baue."

Behrmann kränkt, wie viel Feindseligkeit ihm entgegenschlägt. Er habe immer gedacht, dass er einer von den Guten sei, sagt er. Von denen, die dafür sorgen, dass in der Stadt neuer Wohnraum entstehe.

Die Versprechen der Bauherren

Der Streit zwischen Leila Hansen und Rolf Behrmann ist Ausdruck eines grundlegenden Konflikts, der in ganz Deutschland die Gemüter erhitzt. In vielen Städten mangelt es an bezahlbarem Wohnraum und freien Flächen, trotzdem wollen immer mehr Menschen dort leben. Laut einer Studie der Allianz könnten in Deutschland im Jahr 2030 bis zu eine Million Wohnungen fehlen.

Stadtplaner und Politiker versuchen dieses Problem vor allem auf eine Art zu lösen: durch die sogenannte Nachverdichtung. In den zentral gelegenen Stadtteilen beliebter Großstädte werden zuhauf Baulücken geschlossen, zusätzliche Stockwerke auf alte Häuser gesetzt und neue Häuser in Innenhöfen hochgezogen.

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Nachverdichtung: Nachbarhaus statt Innenhof

Vertreter der Bauindustrie verkaufen Nachverdichtung gern als Allheilmittel. Bis zu 1,5 Millionen neue Wohnungen könnte man ihren Angaben zufolge noch in Deutschlands Städte quetschen, man könne so mehr bezahlbare Wohnungen schaffen und vorhandene Infrastruktur effizienter nutzen.

Die Stadt Hamburg, die nach dem Willen des Senats kräftig wachsen soll, scheint besonders offen für die Argumente der Bauherren zu sein. Nach Angaben der Behörde für Stadtentwicklung macht Nachverdichtung dort mittlerweile 90 Prozent des Wohnungsbaus aus. "Mehr Stadt in der Stadt", lautet das euphemistische Motto.

Die Anwohner, die statt einer Grünfläche plötzlich den Balkon eines neuen Nachbarn vor dem Fenster haben, sind freilich weit weniger begeistert. Sie wehren sich gegen solche Projekte, erbittert teils, und sie gehen dabei immer professioneller vor.

"Wenn Sie Grün wollen, dann gehen Sie doch auf den Friedhof"

An einer der Straßen, die den Innenhof umringen, erzählen Hanna Rohmeyer, 48, und Rebecca Oehms, 43, von ihren Auseinandersetzungen mit Bauunternehmer Behrmann und dem städtischen Planungsausschuss. Ein Teil ihrer Ausführungen wird vom Lärm eines Lkw übertönt, der viel zu schnell übers Kopfsteinpflaster donnert, vorbei an einem verrußten Tempo-30-Schild.

Anwohnerinnen Oehms, Rohmeyer
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Anwohnerinnen Oehms, Rohmeyer

Rohmeyer lebt seit 18 Jahren in einer Wohnung mit Blick auf den umstrittenen Innenhof. Als sie dort einzog, gab es in ihrem Viertel weniger Menschen und Verkehr, weniger Feinstaub - und weniger Schatten.

Zwischen zwei Häusern führt ein schmaler Weg in den Innenhof. Der asphaltierte Boden ist voller Risse, an manchen Mauern fehlt der Putz, neben einem alten Ahornbaum steht eine verlassene Werkstatt mit zerborstenen Fensterscheiben. Besitzer Behrmann gibt sich offensichtlich nicht mehr viel Mühe mit der Pflege.

Rohmeyer verweist auf ein städtisches Gutachten, demzufolge es im Viertel mehr Grünflächen geben sollte. Als sie bei einer Mieterversammlung darauf verwies, sagte man ihr: "Wenn Sie Grün wollen, dann gehen Sie doch auf den Friedhof."

Rohmeyer ließ sich das nicht gefallen. Zusammen mit anderen Anwohnern gründete sie die Bürgerinitiative Bahrio 68. Ähnliche Initiativen der Stadt brachten ihr die gängigen Strategien bei, um als Anwohnerin die eigenen Interessen zu vertreten. Manche Mitglieder von Bahrio 68 arbeiteten alle verfügbaren Studien und Gutachten durch. Andere organisierten Versammlungen und Demos. Wieder andere bearbeiteten die Politiker im Planungsausschuss. Schnell merkten sie, dass dort das Machtzentrum ist.

Die Anwohner schlugen der Stadt einen Kompromiss vor: drei Stockwerke statt fünf, dazu ausreichend Grünflächen. "Wir sind nicht komplett gegen neue Wohnungen", sagt Rohmeyer. "Aber wir sind gegen Profitmaximierung ohne Rücksicht auf gute Lebensqualität."

Bauplan-Entwurf für den Innenhof
Rolf Behrmann

Bauplan-Entwurf für den Innenhof

Bauherr Behrmann sieht sich nicht als kalten Kapitalisten. Der Gebäudekomplex im Innenhof werde, wie von der Stadt vorgeschrieben, zu einem Drittel aus Sozialwohnungen bestehen, sagt er. "Das Ziel, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, wird sich nicht erreichen lassen, wenn immer mehr Anwohner auf die Barrikaden gehen. Die Planungssicherheit leidet, und das schreckt Investoren ab."

In der Zeit, in der Behrmann mit den Anwohnern stritt, haben sich die Baupreise in Hamburg teilweise verdoppelt. Behrmanns Projekt wurde immer teurer. "Ich wollte schon hinschmeißen", sagt er. Letztlich habe ihn die Bezirksamtsleiterin von Altona überredet weiterzumachen.

"Viele Anwohner scheinen zu glauben, dass sie ein Anrecht auf großzügige Räume haben", sagt Behrmann. "Aber sie leben nun einmal in der Innenstadt. Und dort ist es nun einmal eng."

Wie eng ist zu eng?

In der Tat ist genau das die Kernfrage: Wie eng ist zu eng? Wenn in Hanna Rohmeyers Innenhof 95 neue Wohnungen entstehen, die Menschen in den 500 umliegenden Wohnungen aber darunter leiden - ist das dann gerecht? Ab wann kostet neuer Wohnraum zu viel Lebensqualität?

Der Senat sagt, dass Hamburg für eine Großstadt noch immer recht dünn besiedelt sei. 2300 Einwohner teilen sich hier im Schnitt einen Quadratkilometer. In München sind es fast doppelt so viele, in Paris oder London noch viel mehr.

Doch tatsächlich wird auch in Hamburgs zentralen Stadtteilen viel nachverdichtet, in Vierteln also, die schon jetzt deutlich dichter besiedelt sind als der städtische Durchschnitt. Und längst nicht immer tragen die neuen Wohnungen dazu bei, den Anstieg des Mietspiegels zu bremsen.

Innenhof in Hamburg-Eimsbüttel
Privat

Innenhof in Hamburg-Eimsbüttel

Im Stadtteil Eimsbüttel will ein Investor demnächst Dachböden zu luxuriösen Maisonettewohnungen ausbauen. Die ohnehin hohen Mieten im Viertel dürften dadurch nicht langsamer steigen, sondern eher schneller. Der Druck auf Anwohner mit geringen Einkommen wächst.

Solche Beispiele zeigen, wie schwierig das Thema Nachverdichtung ist. Welche Probleme eine im Prinzip sinnvolle und effiziente Strategie zur städtischen Entwicklung mit sich bringt.

Wie eng ist zu eng? Ein jeder hat auf diese Frage seine persönliche Antwort. Zumindest auf dem Papier jedoch gibt es auch Maßnahmen, um eine gewisse Verhältnismäßigkeit zu wahren.

Die Stadt Hamburg zum Beispiel hat Regeln gegen zu viel Luxusmodernisierung erlassen. Sie schreibt bei größeren Projekten mindestens ein Drittel Sozialwohnungen vor. Und sie unterstützt den Bau von Wohnraum, der nur acht Euro pro Quadratmeter kostet. Jeder Bürger solle auch künftig in jedem Viertel bezahlbare Wohnungen finden, betont eine Sprecherin der Behörde für Stadtentwicklung.

Innenhof von Leila Hansen
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Innenhof von Leila Hansen

In Hamburg-Bahrenfeld können die Anwohner das kaum glauben. Sie fragen sich, warum in ihrem dicht besiedelten Viertel überhaupt noch nachverdichtet wird. Und warum die Entwürfe für die geplanten Neubauten so riesig sein müssen.

Rolf Behrmann will 2019 mit der Bebauung des Innenhofs beginnen. Die Stadt hat ihm letztlich erlaubt, alle fünf Stockwerke zu errichten. Zwar fallen die oberen zwei etwas schmaler aus, und Behrmann muss jetzt einen etwas größeren Abstand zu den bestehenden Gebäuden einhalten. Leila Hansen wird dennoch bald im Schatten wohnen.

"Es drängt sich der Eindruck auf, dass es vor allem ums Geld geht", sagt sie. "Dass die Stadt allen Beteuerungen zum Trotz eben doch möglichst viele Wohnungen bauen will. Ohne Rücksicht auf Verluste."

Hansen sagt, dass sie vielleicht bald wegziehen werde. Irgendwohin, wo es noch nicht ganz so eng ist.

Stadt, Land, Speckgürtel


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eunegin 25.08.2018
1. Kompromissunfähigkeit
ja, Wohnungen werden gebraucht, Platz gibt es auch noch, etwas dichter geht auch in Berlin( wo ich wohne). Aber: das Beispiel hier ist mal wieder ein Extrem. Warum sooo dicht, warum drei Wohnriegel hineinquetschen (da möchte ich auch nicht drin wohnen...). Ist ja wie im Knast. Ein Riegel mit mehr Abstand ginge doch auch. Kompromisse gehen aber halt nicht, wenn es um die Geldgier geht.
<yyy> 25.08.2018
2. Messehallen abreißen! (Hamburg)
Die Messehallen ziehen riesige Mengen an LKW durch die Wohngebiete, nur um der Industrie eine Heimat mitten in der Stadt zu bieten. Absurd! Reißt die kompletten Messehallen ab und baut ordentlich bezahlbaren (= für Ottonormalverdiener) Wohnraum!!!
freudentanz 25.08.2018
3. Natürlich geht es ums Geld
deshalb können sich auch weniger begüterte Menschen in den Innenstädten Wohnraum leisten. Nachverdichtung, höhere Gebäude ist die einzige Antwort. Es gibt keine Alternative.
hexenbesen.65 25.08.2018
4.
Entschuldigung.....Hamburg hat MEHR Grünflächen als unsere Stadt.. Ich war erstaunt, als wir dort waren. Bei uns stehen in der "Innenstadt" vielleicht mal 20 neu gepflanzte Bäume (die alten, großen wurden wegen der "Innenstadt-Tot-Sanierung" gefällt). Es werden mehrgeschössige Häuser in Lücken gedrückt,ohne vorher sich um Parkplätze zu kümmern. Unser Haus (18 Parteien ) haben gerade mal 3 ( !!!) Parkplätze...Jetzt dürfen wir uns in der Nachbartiefgarage ein "Dauerparktrecht" erkaufen (bzw mieten) . (Jetzt nach der "Sanierung" wollen die 120 % mehr an Miete haben)
ralphnader 25.08.2018
5. Wie sag ich's meinem Kinde?
Irgendjemand aus der Politik wird wohl demnächst den Mut aufbringen müssen, den Leuten klarzumachen das nicht alle am selben Fleck wohnen können. Hier wird alles war nur geht zugebaut und bevölkert, nur weil die Stadt oder das Viertel gerade "hip" und "in" sind, anderswo stehen halbe Städte mit intakten Wohnungen leer. Diese politische und wirtschaftliche Fehlsteuerung muss beendet werden. Wer will in einer Stadt leben, in der jedes Fleckchen Erde und jede noch so kleine Ecke und Lücke zubetoniert wird??
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