Studie zum Anstieg der Nebenjobs In der Minijobfalle

Finanzielle Notwendigkeit - oder eher ein nettes Zubrot für Akademiker? Immer mehr Beschäftigte in Deutschland gehen mehr als einem Job nach. Arbeitsmarktforscher warnen.

Pizzabote (Symbolbild)
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40 Stunden pro Woche der gleiche Job: In Zeiten von Dienstleistungsboom und zunehmender Teilzeitarbeit trifft das in Deutschland längst nicht mehr auf alle Beschäftigten zu. Immer mehr Menschen haben einen Nebenjob. Vergangenen März gab es 3,2 Millionen Mehrfachbeschäftigte. Rund 2,7 Millionen von ihnen haben dabei laut Bundesagentur für Arbeit einen sozialversicherungspflichtigen Hauptjob - und einen ergänzenden Minijob. Doch wer greift zu diesem Modell?

Glaubt man der Interpretation der Linken im Bundestag, steckt hinter den Zweitjobs vor allem finanzielle Not. "Für immer mehr Beschäftigte reicht das Einkommen aus einem Job nicht mehr aus", hatte Fraktionsvize Sabine Zimmermann erst vergangene Woche kritisiert. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesarbeitsagentur kommt in einer nun veröffentlichten Studie zu einem differenzierteren Ergebnis.

Von den geringfügigen Nebenbeschäftigungen auf 450-Euro-Basis (Minijob) profitieren demnach einerseits tatsächlich viele Menschen, die das Geld zumindest subjektiv betrachtet benötigen. Schließlich verdienten Menschen mit zwei Arbeitsplätzen in ihrem Hauptjob im Schnitt 570 Euro monatlich weniger als Beschäftigte mit nur einer Arbeit. Frauen und Menschen in der Lebensmitte sind neben den Geringverdienern unter den Nebenjobbern überrepräsentiert. Sie kommen zudem häufig aus den Bereichen Organisation, Verwaltung, Büro, Dienstleistungen, Gesundheitswesen sowie sozialen Berufen.

"Es sind überwiegend Teilzeitbeschäftigte und Menschen, die in ihrem ersten Job nicht so viel verdienen", so charakterisiert Enzo Weber, der beim IAB den Forschungsbereich Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen leitet, die typischen Nebenjobber. Andererseits gilt laut dem Ökonomen aber auch: "Die Frage, ob sie das Geld zum Überleben brauchen oder ob es ein nettes Zubrot ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten."

Die Gesamtzahl der geringfügig Beschäftigten liegt derzeit bei rund 7,5 Millionen - für knapp fünf Millionen von ihnen ist es der Hauptjob. Doch unter den geringfügig beschäftigten Minijobbern im Nebenerwerb gibt es mitunter auch im Hauptjob gutverdienende Akademiker, die sich so einen unbürokratisch gewährten Zuverdienst sichern wollen. Der Vorteil: Der Arbeitnehmer muss darauf keine Steuern und Sozialabgaben zahlen. Laut den Studienautoren zählt diese Befreiung zu den wichtigsten Gründen für den steten Anstieg bei den Nebenjobs.

Zu Zeiten der Massenarbeitslosigkeit sei der mit den Hartz-Reformen eingeführte und begünstigte Minijob eine Chance gewesen, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren, sagt Weber. Mit der guten Konjunktur und dem Fachkräftemangel komme es gesamtwirtschaftlich nun darauf an, ob sich künftig auch Nebenjobber beruflich auf ihren Stellen entwickeln können. Erschwert wird dies auch dadurch, dass Minijobs stets Zweitjobs bei einem anderen als dem ersten Arbeitgeber sind.

Die speziellen Begünstigungen für Nebenjobber kritisiert Weber. "Das ist nicht sinnvoll", sagt er. "Die allermeisten sind nicht in der Rentenversicherung und die große Arbeitsmarktintegration oder berufliche Entwicklung findet über einen Nebenjob üblicherweise auch nicht statt", beklagt er. "Für die meisten ist die Aufnahme eines zweiten Jobs daher ohne Alterssicherung, ohne berufliche Weiterbildung und mit einem zweiten Anfahrtsweg verbunden."

Verschärfend kommt laut dem IAB-Forscher hinzu, dass Gutverdiener oder Ehepartner eines Gutverdieners besonders stark von den Regeln zur geringfügigen Beschäftigung profitieren. "Wenn Sie schon sehr viel verdienen, zahlen Sie auf jeden zusätzlichen Euro 42 Cent Steuern, jemand der weniger verdient aber womöglich nur 20 Cent", erklärt Weber. Bei einem Minijob erhalten beide unabhängig von ihrem Steuersatz das Gleiche.

Enzo Weber (Archiv)
DPA/IAB

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Er fordert, den Vorteil bei Steuern und Abgaben abzuschaffen. Diejenigen, die bereits im Hauptberuf gut verdienten, bräuchten ihn ohnehin nicht und diejenigen, die auf das Geld angewiesen sind, sollten durch die Befreiung von Steuer und Sozialversicherung keine Anreize für sinnlose Entscheidungen bekommen - vor allem bei der Wahl zwischen einem Minijob und einer (weiteren) sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit. Weber schlägt stattdessen niedrigere Abgaben für Geringverdiener in ihrem Erstjob vor. "Man sollte das begünstigen, was weiterbringen kann", sagt er. "Das ist die bessere Integration in einen Erstjob."



insgesamt 78 Beiträge
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horowicz 17.10.2017
1. Ist der
Nebenjob von gutverdienenden Akademikern echt das Problem. Ist es nicht so, dass insgesamt das Minijob-Thema ausgenutzt wird. Die paar Gutverdiener machen das System sicher nicht kaputt.
INGXXL 17.10.2017
2. Es gibt sehr unterschiedlich
Gründe für einen Zweitjob. Habe eine Zeitlang als Lehtbeauftragter an einer Technikerschule unterrichtet. Aus Interesse jungen Leuten die berufliche Weiterbildung zu ermöglichen. Müsste ich leider Aufgeben weil ich beruflich auf Grund von Projektarbeit die Zeit nicht erübrigen konnte
chrismuc2011 17.10.2017
3.
Wenn Sie Akademiker sind, der wegen des Alters mit 50 wegrationalisiert worden ist, werden Sie in Ihrer angestammten Ebene keinen Job mehr finden. Aber auch in den niedrigeren Ebenen nicht. Denn sie sind "überqualifiziert". Dank eines Rentenbeginns von Ü67 und später vielleicht Ü70 sind irgendwann Ihre Ersparnisse aufgebraucht. Wer dann nicht seine letzte Freieheit durch Harz IV aufgeben will, der nimmt nicht einen Nebenjob an, sondern möglichst drei, so er sie denn findet. Und dank ungezügeltem "Fachkräftezuzugs" aus dem vorderen Orient, sowie Menschen aus den EU Ländern wie Bulgarien und Rumänien, wird sogar der Mindestlohn ausgehebelt. Es ist in diesem Land seit Rosneft-Schröder sehr schwer nicht irgendwann in der Gosse zu landen. Auch und gerade wenn man Akademiker ist. Und ich meine hier nicht Geisteswissenschaftler, sondern Leute, die in der Industrie gearbeitet haben.
FinWir.de 17.10.2017
4. Großteil der Nebenjobs werden von den unteren Lohngruppen wahrgenommen
Ein Großteil derjenigen, die einen Zweitjob besitzen, arbeiten vor allem in den Bereichen Reinigung, Hauswirtschaft und Steuerberatung. Arbeitsfelder mit hohen Frauenanteil und entsprechend hoher Teilzeitbeschäftigung. Ob freiwillig oder nicht, mehrheitlich handelt es sich um Aufgabenfelder mit geringer Entlohnung, die durch ein Zubrot aufgebessert werden soll.
tomwessel85 17.10.2017
5.
Irgendwie muss man das Geld für all die Steuern, Abgaben, Entgelte und natürlich die GEZ aufbringen. Einfach den Pass wegwerfen und Ansprüche stellen ist nicht drin.
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