Wahlen in Frankreich Furcht vor Le Pen beschert Deutschland Millionenplus

Aus Angst vor einem Wahlsieg von Marine Le Pen in Frankreich flüchten Anleger in deutsche Staatsanleihen, allen Verlusten zum Trotz. Bundesfinanzminister Schäuble bescheren neue Schulden Hunderte Millionen Euro Gewinn.

Wolfgang Schäuble
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Von Marine Le Pen hält Wolfgang Schäuble gar nichts. Eine "faschistische, extremistische Partei" sei Le Pens rechtsgerichteter Front National, hat der Bundesfinanzminister einmal gesagt. Und kürzlich legte er nach: "Ich hoffe, dass Frau Le Pen niemals Präsidentin Frankreichs wird."

Genau das ist aber nicht auszuschließen. Für den deutschen Finanzminister und überzeugten Europäer Schäuble hat das paradoxerweise aber auch positive Nebenwirkungen. Denn je verunsicherter die Anleger an den Kapitalmärkten sind, desto öfter decken sie sich mit vergleichsweise sicheren deutschen Staatsanleihen ein - und desto niedriger werden die Zinsen, die sie dafür bekommen. Zum Teil zahlen sie seit einiger Zeit sogar drauf, wenn sie dem deutschen Staat Geld leihen. Die Folge: Nach Berechnungen von SPIEGEL ONLINE dürfte die Bundesrepublik allein in diesem Jahr mit der Ausgabe neuer Schuldverschreibungen mehrere Hundert Millionen Euro Gewinn machen.

Die Nervosität wächst auf den Finanzmärkten nach den jüngsten Umfragen aus Frankreich: Le Pen hat in Umfragen zugelegt. Im ersten Wahlgang Ende April würde sie deutlich siegen. Auch ein Sieg in der Stichwahl ist nicht mehr auszuschließen, auch wenn sie dort zurückliegt. Sollte Le Pen gewinnen, könnte Frankreich aus dem Euro austreten und seine Schulden womöglich in einer neuen Währung bezahlen, einem schwachen Franc. Der Gedanke daran verunsichert die Gläubiger, die nun französische Staatsschulden verkaufen - und sich dafür mit deutschen Schuldpapieren eindecken. Auch wenn sie mit denen immer mehr Geld verlieren.

Das funktioniert so: Wenn Staaten Schulden aufnehmen, geben sie Anleihen aus. Sie tun das oft zu einem Nennwert von 100. Bei starker Nachfrage können sie aber auch höhere Preise verlangen. Die Bundesfinanzagentur tut genau das: Sie hat am 1. Februar Schuldpapiere mit fünfjähriger Laufzeit versteigert, im Gesamtwert von mehr als drei Milliarden Euro. Der Zinssatz betrug null Prozent, trotzdem bezahlten die Anleger pro Stück nicht 100 Euro, sondern 101,48 Euro.

Anschließend können die Wertpapiere auf dem Kapitalmarkt zwischen Investoren gehandelt werden. Je nach Nachfrage kann der Kurs weit über 100 steigen, entsprechend sinkt die Rendite. Denn am Fälligkeitstag zahlt der deutsche Staat nicht mehr als 100 Euro zurück. Im aktuellen Fall ist das der 1. Februar 2022 für die fünfjährigen Bundesanleihen. Der deutsche Staat wird damit an dieser Schuldenaufnahme mehr als 40 Millionen Euro verdienen. Und er zahlt nicht einen Cent Zinsen.

Die Kurse sind in den vergangenen Tagen wegen Le Pens guten Umfragewerten weiter gestiegen, die Renditen noch weiter gefallen. Wer dem deutschen Staat am Donnerstagabend für zwei Jahre sein Geld anvertraute, musste eine Minusrendite von 0,9 Prozent hinnehmen. Das heißt: Wenn der Gläubiger diese sogenannten Schatzpapiere behält, wird er in zwei Jahren knapp 1,8 Prozent weniger Geld vom Staat zurückbekommen, als er jetzt investiert. So eine schlechte Quote hat es noch nie gegeben.

"Wir erleben gerade einen Le-Pen-Effekt"

Und doch balgen sich die Kapitalgeber darum, dem deutschen Staat Geld zu leihen. "Wir erleben gerade einen Le-Pen-Effekt", sagt Folker Hellmeyer, Chefökonom der Bremer Landesbank. "Zum Teil ist das eine Wette auf politische Instabilität: Einige Käufer spekulieren darauf, dass die Verunsicherung wächst und die Kurse der deutschen Anleihen noch weiter steigen, um sie dann mit Gewinn zu verkaufen."

Im vorliegenden Beispiel hieße das: Anleger A hat eine deutsche Staatsanleihe für 101,48 Euro gekauft. Steigt die Nervosität wegen Le Pen, steigt der Kurs, weil noch mehr deutsche Staatsanleihen gekauft werden - er könnte sie beispielsweise während der Laufzeit für 105 Euro weiter an Anleger B verkaufen, dessen Verlust umso größer wäre, da der nach Ende der Laufzeit nur 100 Euro zurückerhält. Anleger A und der deutsche Staat haben dann an dem Geschäft verdient.

Doch nicht alle Käufer sind Zocker. Pensionsfonds, Lebensversicherungen und andere große institutionelle Anleger haben kaum Alternativen zu deutschen Staatsschulden. Der Gesetzgeber und ihre eigenen Statuten zwingen sie dazu, in krisenfeste Papiere zu gehen. Sie suchen auch händeringend nach Anlagemöglichkeiten. "Einen Betrag wie 50 Millionen Euro kann man in cash kaum horten", sagt Jan Holthusen, Chef-Anleihestratege der DZ-Bank. "Und wer solche Beträge auf ein Bankkonto legt, muss heutzutage dafür bezahlen. Die Bank weiß auch nicht, was sie mit dem Geld machen soll bei diesen Negativzinsen."

Anleger verlieren mit deutschen Staatsanleihen zwar ebenfalls Geld. Sie schätzen aber das Pleiterisiko des deutschen Staats geringer ein als das von Banken.

600 Millionen Euro zusätzlich

Schon seit Mitte 2014 werfen zweijährige Bundesanleihen Minusrenditen ab. Trotzdem finden sie immer wieder Abnehmer - bald womöglich auch die Europäische Zentralbank. Diese darf seit dem Jahreswechsel im Rahmen ihres Staatsanleihenkaufprogramms auch Schuldpapiere mit extremen Minusrenditen erwerben. Damit fragen noch mehr Investoren Bundesanleihen nach: Die Kurse gehen weiter hoch, die ohnehin schon Negativ-Renditen sinken weiter.

Wie der deutsche Staat an Extrem-Niedrigzinsen verdient

Anleihetyp mit Laufzeitlänge 6 Monate 2 Jahre 5 Jahre 10 Jahre 30 Jahre Summe
Geplante Schuldenaufnahme bis Ende 2017 (in Mio. Euro) 18.000 47.000 34.000 43.000 9000 151.000
Kapitalmarktrendite in Prozent* -0,884 -0,93 -0,570 0,23 1
Gewinn für den deutschen Staat (in Mio. Euro) 159,12 437,1 193,8 -98,9 -90 601,12

*Am 24.02.2017, 04.30 MESZ
Quellen: Deutsche Finanzagentur, bloomberg.com, eigene Berechnungen

Wolfgang Schäuble profitiert davon. 151 Milliarden Euro will der deutsche Staat bis zum Ende des Jahres am Anleihemarkt aufnehmen - vor allem um fällige Schulden zu tilgen. Nach heutigem Stand wird der Fiskus dafür insgesamt nicht nur keine Zinsen bezahlen. Berechnungen von SPIEGEL ONLINE (siehe Tabelle) zufolge winkt der Staatskasse sogar ein Gewinn von rund 600 Millionen Euro pro Jahr, wenn die Renditen auf dem Niveau von Donnerstagabend bleiben sollten.

Denn sämtliche Anleihen mit einer Laufzeit von bis zu fünf Jahren werfen Profit für den Bund ab. Nach Berechnungen des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel hat Deutschland seit 2009 durch die extremen Niedrigzinsen bereits mehr als 100 Milliarden Euro gespart.

"Unbestritten profitiert der Bundeshaushalt von dem Zinsniveau", sagt ein Sprecher von Schäubles Ministerium auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Aber es wäre sehr vordergründig, wenn wir uns nur freuen über die niedrigen Kapitalmarktzinsen. Wir haben auch die Nebenwirkungen für Lebensversicherungen, Bausparkassen oder Menschen mit Sparguthaben im Blick." Denn diese sind die Verlierer der Negativrenditen.



insgesamt 80 Beiträge
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rbn 24.02.2017
1. das zufriedene Gesicht eines Schwaben, dessen Weizen blüht
Danke Herr Schäuble für die gekonnte Führung Ihres Amtes. Sie dürfen sich auch weiterhin diebisch freuen !
wasistlosnix 24.02.2017
2. Schwarze Null
Dann könnte man ja diesen Gewinn zur Schuldentilgung nehmen. Anstatt 151 Milliarden komplett neu umzuschulden.
warholandy 24.02.2017
3. hmm
Ich glaube, nein - ich lege mich fest! Das Geld kommt nicht dem Finanzminister, sondern dem Finanzministerium zugute. Und damit uns allen, nur mal so nebenbei bemerkt ... . Wehre den Anfängen unseriöser Berichterstattung.
Schweineschnitzel0815 24.02.2017
4.
Alles sehr schön gemacht Herr Schäuble. Zumindest so lange, bis und die Schuldenunion inkl. Target II um die Ohren fliegt.
spiegelobild 24.02.2017
5.
Sollte Le Pen gewinnen, könnte Frankreich aus dem Euro austreten und seine Schulden womöglich in einer neuen Währung bezahlen, einem schwachen Franc? Im Fall Griechenland wurde uns immer erzählt, dass die ihre Schulden in Euro zurückzahlen müssten, nicht in Drachmen. Aber das wird von den Journalisten gedreht, wie es gerade passt. Tatsächlich gibt es für französische Anleger sicherlich eine Spekulation, ihr Geld in Deutschland anzulegen. Sollte es zu einem Austritt Frankreichs aus dem Euro kommen und der Franc um z.B. 20% abwerten, würden sie 20% mehr Landeswährung zurücktauschen, als sie angelegt haben. Falls in Franc zurückgezahlt wird, wofür im Artikel noch ein seriöser Beweis fehlt Zur Zeit liegen aber auch die Zinsen in Frankreich im Minusbereich. In dem Artikel wird viel Wind gemacht.
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