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28. September 2014, 08:21 Uhr

Grundeinkommen

"Jeder könnte sich frei entfalten"

Ein Interview aus dem Wirtschaftsmagazin "enorm" von Felix Brumm

Ein festes Gehalt für jeden, auch ohne Arbeit - seit zehn Jahren arbeitet das Netzwerk Grundeinkommen daran, diese Utopie Realität werden zu lassen. Aktivist Ronald Blaschke ist mehr denn je von seiner Idee überzeugt.

Frage: Herr Blaschke, vor zehn Jahren haben Sie das Deutsche Netzwerk Grundeinkommen mitbegründet. Glauben Sie noch an die Idee?

Blaschke: Mehr denn je. Schauen Sie heute in den Bundestag, in Wohlfahrtsverbände oder Gewerkschaften - kaum eine Debatte zum Thema Soziale Sicherung kommt mehr ohne Erwähnung des Grundeinkommens aus.

Frage: Für eine Umsetzung gibt es ja viele verschiedene Vorschläge. Welchen vertritt das Netzwerk?

Blaschke: Wir haben lediglich Grundsätze festgelegt. Ein Grundeinkommen sollte jedem einzelnen Menschen garantiert und bedingungslos zustehen. Und es sollte so hoch sein, dass es die Existenz und die Teilhabe an der Gesellschaft sichert.

Frage: Das ist immer noch recht vage.

Blaschke: Wir stellen auf unserer Webseite sechs durchgerechnete Modelle vor, die je nach Ansatz ein Grundeinkommen zwischen 800 und 1100 Euro netto vorschlagen. Die konkrete Ausgestaltung bedarf letztlich jedoch einer demokratischen Entscheidung, etwa durch Volksentscheide.

Frage: Ist es nicht schon schwer genug, innerhalb des Netzwerks eine einheitliche Position zu finden?

Blaschke: Wir sind in den letzten zehn Jahren stark gewachsen und haben aktuell mehr als 3700 Mitglieder - Arme wie Reiche, Parteilose genauso wie Mitglieder diverser Parteien. Dazu kommen über 100 Organisationen wie die Katholische Arbeitnehmerbewegung. Die Debatte ist dadurch breiter geworden, und das ist gut so.

Frage: Welche Diskussionen werden geführt?

Blaschke: Viele wollen neben dem Grundeinkommen auch eine Bürgerversicherung einführen. Andere haben Sorge, dass ein Grundeinkommen zu mehr Konsum und Ressourcenverbrauch führen könnte. Aus feministischer Sicht ließe sich unter gewissen Bedingungen die patriarchalische Gesellschaft gleich mit umkrempeln. Auf all diese verschiedenen Fragen und Zugänge gilt es immer wieder Antworten zu finden. Das ist ein stetiger Entwicklungsprozess.

Frage: Die Deutschen sind aber laut Umfragen aktuell zufrieden. Im EU-Vergleich stehen wir gut da.

Blaschke: Schauen Sie sich doch nur mal den Anteil von Nichtwählern an. Das ist doch eine Klatsche für alle Regierungsparteien.

Frage: Sehen Sie nicht die Gefahr, dass mit Grundeinkommen viele Menschen nicht mehr arbeiten wollen?

Blaschke: Im Gegenteil: Ich sehe eine Humanisierung der Wirtschaft, denn wer sich seinen Job frei aussuchen kann, ist motivierter. Davon könnten auch Unternehmen profitieren. Und wenn die Einkommen der unteren Schichten steigen, lassen sich auch mehr ökologische und damit in der Regel teurere Produkte verkaufen.

Frage: Wenn das alles so einfach ist, warum gibt es dann noch immer kein Grundeinkommen?

Blaschke: Weil es einen Kulturbruch bedeuten würde; einen Bruch mit der Vorstellung, dass Leistung nur ist, was sich am Markt verwerten lässt, egal ob sinnvoll oder nicht. Jeder Mensch hätte plötzlich das Recht, sich frei zu entfalten. Und Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung, klar. So etwas gab es ja noch nie.

Frage: Deutschland ist allerdings fest eingebunden in die Strukturen der EU. Müsste man nicht eher dort ansetzen?

Blaschke: Die Debatte ums Grundeinkommen ist immer eine internationale, das stimmt. Wir haben daher bereits mit Europa-Parlamentariern diskutiert und die Prüfung des Modells Grundeinkommen in Entschließungen des EU-Parlaments zu den Themen Armutsbekämpfung und Mindesteinkommen unterbringen können.

Frage: Was treibt Sie persönlich seit zehn Jahren an?

Blaschke: Die Überzeugung, dass Freiheit eine bedingungslos gesicherte materielle Basis braucht. Und dass die Debatte ja auch andere beflügelt. Nehmen Sie die Mütterrente: Auch hier geht es um eine Anerkennung von Nicht-Erwerbsarbeit. Parteien und Studenten diskutieren bereits ein elternunabhängiges Bildungsgeld oder einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr für alle. Letzteres hätte auch eine ökologische Komponente.

Frage: Was ist Ihr größter Erfolg?

Blaschke: Unser Netzwerk hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Diskussion in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Ein Erfolg ist auch, dass Grüne und Linke sich für die Einsetzung einer Enquetekommission im Bundestag zum Thema Grundeinkommen engagieren.

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"

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