Grundeinkommen "Jeder könnte sich frei entfalten"

Ein festes Gehalt für jeden, auch ohne Arbeit - seit zehn Jahren arbeitet das Netzwerk Grundeinkommen daran, diese Utopie Realität werden zu lassen. Aktivist Ronald Blaschke ist mehr denn je von seiner Idee überzeugt.

Ein Interview aus dem Wirtschaftsmagazin "enorm" von Felix Brumm

Grundeinkommen: Betteln wäre überflüssig
DPA

Grundeinkommen: Betteln wäre überflüssig


Frage: Herr Blaschke, vor zehn Jahren haben Sie das Deutsche Netzwerk Grundeinkommen mitbegründet. Glauben Sie noch an die Idee?

Blaschke: Mehr denn je. Schauen Sie heute in den Bundestag, in Wohlfahrtsverbände oder Gewerkschaften - kaum eine Debatte zum Thema Soziale Sicherung kommt mehr ohne Erwähnung des Grundeinkommens aus.

Zur Person
  • Hendrik Rauch
    Ronald Blaschke, 55, ist Diplom-Philosoph und -Pädagoge. Viele Jahre engagierte er sich in der Erwerbslosenbewegung. Seit 2005 ist der Parteilose wissenschaftlicher Mitarbeiter von Katja Kipping (Linke) im Bundestag.
Frage: Für eine Umsetzung gibt es ja viele verschiedene Vorschläge. Welchen vertritt das Netzwerk?

Blaschke: Wir haben lediglich Grundsätze festgelegt. Ein Grundeinkommen sollte jedem einzelnen Menschen garantiert und bedingungslos zustehen. Und es sollte so hoch sein, dass es die Existenz und die Teilhabe an der Gesellschaft sichert.

Frage: Das ist immer noch recht vage.

Blaschke: Wir stellen auf unserer Webseite sechs durchgerechnete Modelle vor, die je nach Ansatz ein Grundeinkommen zwischen 800 und 1100 Euro netto vorschlagen. Die konkrete Ausgestaltung bedarf letztlich jedoch einer demokratischen Entscheidung, etwa durch Volksentscheide.

Frage: Ist es nicht schon schwer genug, innerhalb des Netzwerks eine einheitliche Position zu finden?

Blaschke: Wir sind in den letzten zehn Jahren stark gewachsen und haben aktuell mehr als 3700 Mitglieder - Arme wie Reiche, Parteilose genauso wie Mitglieder diverser Parteien. Dazu kommen über 100 Organisationen wie die Katholische Arbeitnehmerbewegung. Die Debatte ist dadurch breiter geworden, und das ist gut so.

Gefunden in
Frage: Welche Diskussionen werden geführt?

Blaschke: Viele wollen neben dem Grundeinkommen auch eine Bürgerversicherung einführen. Andere haben Sorge, dass ein Grundeinkommen zu mehr Konsum und Ressourcenverbrauch führen könnte. Aus feministischer Sicht ließe sich unter gewissen Bedingungen die patriarchalische Gesellschaft gleich mit umkrempeln. Auf all diese verschiedenen Fragen und Zugänge gilt es immer wieder Antworten zu finden. Das ist ein stetiger Entwicklungsprozess.

Frage: Die Deutschen sind aber laut Umfragen aktuell zufrieden. Im EU-Vergleich stehen wir gut da.

Blaschke: Schauen Sie sich doch nur mal den Anteil von Nichtwählern an. Das ist doch eine Klatsche für alle Regierungsparteien.

Frage: Sehen Sie nicht die Gefahr, dass mit Grundeinkommen viele Menschen nicht mehr arbeiten wollen?

Blaschke: Im Gegenteil: Ich sehe eine Humanisierung der Wirtschaft, denn wer sich seinen Job frei aussuchen kann, ist motivierter. Davon könnten auch Unternehmen profitieren. Und wenn die Einkommen der unteren Schichten steigen, lassen sich auch mehr ökologische und damit in der Regel teurere Produkte verkaufen.

Frage: Wenn das alles so einfach ist, warum gibt es dann noch immer kein Grundeinkommen?

Blaschke: Weil es einen Kulturbruch bedeuten würde; einen Bruch mit der Vorstellung, dass Leistung nur ist, was sich am Markt verwerten lässt, egal ob sinnvoll oder nicht. Jeder Mensch hätte plötzlich das Recht, sich frei zu entfalten. Und Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung, klar. So etwas gab es ja noch nie.

Frage: Deutschland ist allerdings fest eingebunden in die Strukturen der EU. Müsste man nicht eher dort ansetzen?

Blaschke: Die Debatte ums Grundeinkommen ist immer eine internationale, das stimmt. Wir haben daher bereits mit Europa-Parlamentariern diskutiert und die Prüfung des Modells Grundeinkommen in Entschließungen des EU-Parlaments zu den Themen Armutsbekämpfung und Mindesteinkommen unterbringen können.

Frage: Was treibt Sie persönlich seit zehn Jahren an?

Blaschke: Die Überzeugung, dass Freiheit eine bedingungslos gesicherte materielle Basis braucht. Und dass die Debatte ja auch andere beflügelt. Nehmen Sie die Mütterrente: Auch hier geht es um eine Anerkennung von Nicht-Erwerbsarbeit. Parteien und Studenten diskutieren bereits ein elternunabhängiges Bildungsgeld oder einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr für alle. Letzteres hätte auch eine ökologische Komponente.

Frage: Was ist Ihr größter Erfolg?

Blaschke: Unser Netzwerk hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Diskussion in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Ein Erfolg ist auch, dass Grüne und Linke sich für die Einsetzung einer Enquetekommission im Bundestag zum Thema Grundeinkommen engagieren.

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"

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insgesamt 506 Beiträge
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Seite 1
frank-thiele 28.09.2014
1. Wer bezahlts?
Ein Grundeinkommen kann nur funktionieren, wenn es sehr, sehr niedrig angesetzt wird. So niedrig, dass es Sozialkürzungen gleich käme. Schließlich bedeuten 100 € monatlich für jeden in Summe rund 100 Mrd. € jährlich. Außerdem ist das eine Frage der Gerechtigkeit: Am Ende finanzieren die wirtschaftlich Arbeitenden das Leben derer, die nicht oder nur blümchenmalend arbeiten.
Eduschu 28.09.2014
2. Probleme
Da die Sache auf rein nationaler Ebene nicht machbar ist und international gerade bedeutend größere Probleme dräuen, sollte man vielleicht dafür sorgen, dass Menschen überleben können, bevor man dafür Sorge tragen will, dass sie sich frei entfalten können. Ich stell mir gerade vor, ein Flüchtling aus Syrien oder von IS oder Boko Haram Verfolgte läsen dieses Interview. Die müssten doch glauben, hier in Deutschland hätte man nicht mehr alle Latten am Zaun. Was sich im Übrigen mit meiner Einschätzung durchaus deckt.
der-denker 28.09.2014
3.
Begriffe haben eine erhebliche Macht. So wollte meines Wissens von der Leyen HartzIV, das immer noch in quasi offiziellem Gebrauch ist, durch "Bürgergeld" ersetzen. Was von Mutti verhindert wurde. Das Demütigende ein "Hartzer" zu sein ist von ihr offensichtlich gewollt. Wie man seitens unserer gut versorgten "Eliten" jede Gelegenheit (die das Verfassungsgericht gerade noch zulässt, leider) die Menschen denen es ohnehin am schlechtesten geht, zu drangsalieren finde ich geradezu krank. Unsere "Kultur" ist partiell krank. Beim Begriff "Grundeinkommen" hat man vermutlich eine Art Marketingproblem, weil "Einkommen" im Kopf immer mit Arbeit verbunden wird. Hier wäre Bürgergeld wohl auch besser. Wenn Erben und Kapitaleinkommensbezieher auch nicht arbeiten scheint das übrigens niemanden zu stören... So etwas in der EU einzuführen ist wohl utopisch. Da sieht man wie das Projekt EU, die Auflösung nationaler Solidaritätssysteme fördert und echte Änderungen fast unmöglich macht. Was viele EU-Befürworter durchaus wohlgefällig im Hinterkopf haben. Viele Neoliberale lieben die EU. Die AfD ist da allerdings in einer Zwickmühle.
zitachat 28.09.2014
4. die Idee
ist doch schon Wirklichkeit, zumindest aus Sicht der arbeitenden Bevölkerung für die Menschen, die keine Arbeit haben sowie auch einen großen Teil der sog. Asylanten
christjan 28.09.2014
5. Träumer
Diese Träumereien sind ein Schlag ins Gesicht eines jeden arbeitenden und Steuern zahlenden Deutschen.
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