Von Stefan Kaiser
Hamburg/Frankfurt am Main - Bei so einem Vorgänger ist es ziemlich schwer sich zu profilieren. Zehn Jahre war Jochen Sanio Deutschlands oberster Finanzaufseher - offiziell heißt das Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). In dieser Zeit hat er sich einen Namen als "harter Hund" gemacht, wie Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble es jüngst formulierte. Nicht nur die Politik, auch die Banken, die er zu beaufsichtigen hatte, überzog Sanio gerne mit deftiger Kritik - zuletzt allerdings flüchtete er sich immer häufiger in einen resignativen Fatalismus.
Bei Elke König klingt das alles ein bisschen anders. Die 58-Jährige ist seit 1. Januar BaFin-Chefin. Zwar spart auch sie nicht an Härte und Kritik - aber bisher richtet die sich eher gegen die eigene Zunft, die Aufseher und Regulierer. Die heimischen Banken dagegen nimmt König in Schutz.
Dahinter steckt ein Machtkampf zwischen der BaFin auf der einen Seite und der neu geschaffenen europäischen Bankenaufsicht EBA auf der anderen. Er entzündete sich am sogenannten Stresstest, dem die EBA im vergangenen Herbst Europas Banken unterzog.
Dabei kam unter anderem heraus, dass sechs deutsche Banken eine Kapitallücke von insgesamt 13 Milliarden Euro aufwiesen, die sie bis Mitte 2012 stopfen sollen. Am stärksten betroffen ist die Commerzbank mit einem Loch von ursprünglich gut fünf Milliarden Euro.
Der Stresstest der europäischen Kollegen sei "nicht so glatt gelaufen, wie wir uns das gewünscht hätten", sagte König beim Neujahrsempfang der BaFin am Donnerstag. Die EBA habe "ohne Rücksicht auf nationale Besonderheiten und berechtigte oder unberechtigte Interessen" agiert. Ihr Vorgehen sei "sehr ambitioniert" gewesen, "manche mögen meinen zu ambitioniert". Rumms, das saß.
Aber König legte noch nach. Während die EBA derzeit die Pläne prüft, mit denen die Banken ihre Kapitallücken stopfen wollen, erteilte die BaFin-Chefin den deutschen Instituten schon mal die Absolution: Aus den Plänen gehe hervor, dass es den Banken "gelingen sollte, die von der EBA empfohlene Kapitalisierung aus eigener Kraft zu erreichen".
König treibt die Sorge um, dass Gesetzgeber und Regulierer in ihrem Willen, die Ursachen der letzten Krise zu bekämpfen, übereifrig werden - und dabei die Ursachen der nächsten Krise übersehen. Mit den neuen Kapitalvorschriften für Banken schaffe man "nur scheinbare Sicherheit", solange nicht der Schattenbankensektor aus Hedgefonds und anderen obskuren Finanzvehikeln ebenfalls "transparent ist und angemessen reguliert wird", moniert sie. "Denn dahin weichen die Marktteilnehmer aus, denen es im streng regulierten Sektor zu eng oder zu teuer wird."
Mit geringen Mitteln gegen die übermächtige Finanzindustrie
Auch für die künftigen Versicherungsregeln hat König heftige Kritik übrig: Das neue Aufsichtssystem Solvency II, das ab 2013 in Kraft treten soll, sei "sehr - um nicht zu sagen zu - komplex". Man werde sich auf europäischer Ebene dafür einsetzen, die Komplexität zu reduzieren, vor allem für kleine Versicherer. "Wir müssen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit wahren."
Mit dem Versicherungswesen kennt König sich besonders gut aus. Sieben Jahre lang saß sie als Finanzexpertin im Vorstand der Hannover Rückversicherung. Als ihr der Sprung auf den Chefposten verweigert wurde, wechselte sie 2009 nach London zum International Accounting Standards Board (IASB), ein Gremium, dass die weltweiten Standards für Unternehmensbilanzierung entwirft und überwacht.
Kaum jemand in Deutschland ist so tief drin in der Welt der Zahlen und Bilanzen wie König - mit den Experten bei den Banken sollte sie deshalb mindestens auf Augenhöhe diskutieren können. Was die Personalausstattung angeht, sind die Aufseher den Finanzinstituten ansonsten hoffnungslos unterlegen. Gerade einmal 330 Leute kümmern sich bei der BaFin um 1900 Banken - eine Sisyphos-Arbeit, die auch noch deutlich schlechter entlohnt wird als die Jobs in der Finanzindustrie. Viele Experten wechseln deshalb irgendwann zwangsläufig die Seite.
Auch der Chefposten der BaFin ist vergleichsweise karg bezahlt. Königs Vorgänger Sanio erhielt gerade mal rund 130.000 Euro im Jahr. Für die neue Chefin wurde eigens ein Gesetz geändert. Sie darf Medienberichten zufolge nun rund 230.000 Euro verdienen. Das ist schon besser, aber immer noch halb so viel wie sie vorher beim IASB bekam - und ungefähr ein Vierzigstel dessen, was der von ihr kontrollierte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im Jahr 2010 einsackte.
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