Neue Einheitswährung Lateinamerika probt Aufstand gegen den Dollar

Bislang dominiert der US-Dollar die weltweiten Währungssysteme, jetzt soll damit Schluss sein: Rund ein Dutzend Regierungen in Lateinamerika wollen mit einem neuen Einheitsgeld namens Sucre ein Gegengewicht schaffen. Kritiker warnen vor einem finanzpolitischen Abenteuer.

Von Tobias Käufer

Rafael Correa, Evo Morales und Hugo Chavez: "Die Diktatur des Dollars beenden"
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Rafael Correa, Evo Morales und Hugo Chavez: "Die Diktatur des Dollars beenden"


Bogota - Es ist ein symbolträchtiger Name für ein gewagtes Projekt: Unter dem Namen Sucre will ein knappes Dutzend lateinamerikanischer Staaten eine neue Einheitswährung schaffen. Das neue Geld soll nach dem legendären südamerikanischen Freiheitskämpfer Antonio Jose de Sucre benannt werden, der im 19. Jahrhundert an der Seite von Simon Bolivar gegen die spanische Kolonialmacht in die Schlachten zog. Der Name ist Programm, denn auch die neue Währung soll mehr Freiheit schaffen - und die "Diktatur des Dollars" beenden, wie der venezolanische Staats- und Regierungschef, Hugo Chavez, vor wenigen Tagen im bolivianischen Cochabamba erklärte.

Der Vorstoß richtet sich vor allem gegen die USA - und soll möglichst schnell umgesetzt werden: Bereits 2010 soll die virtuelle Währung zur Abwicklung des Handels zwischen den neun Mitgliedsstaaten der "Bolivarischen Allianz für unser Amerika" (ALBA) den Dollar ablösen. So planen es zumindest dessen wichtigste Fürsprecher: Der bolivianische Präsident Evo Morales, Ecuadors Staatschef Rafael Correa und eben Chavez. Das Staatenbündnis besteht überwiegend aus linkspopulistischen Regierungen: Venezuela, Kuba, Nicaragua, Ecuador, Bolivien sowie den Karibikstaaten Antigua und Barbuda, Dominica und Saint Vincent. Selbst das krisengeschüttelte Honduras war der Gemeinschaft noch unter dem gestürzten Präsidenten Manuel Zelaya beigetreten.

Finanzpolitisches Abenteuer

Experten bewerten das ambitionierte Projekt allerdings zurückhaltend: "Jedes Währungssystem muss auf einem seriösen institutionellen Fundament und einer anerkannten Strategie basieren", sagt Marc Hofstetter Gascon von der Universität de los Andes in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota. "Darüber hinaus sind Abkommen über Wechselkurse und verbindliche steuerliche Regeln notwendig. Die ALBA-Staaten haben alle diese Grundlagen bislang noch nicht." Es reiche als Zielsetzung nicht aus, nur den Dollar ersetzen zu wollen, um ein neues Währungssystem erfolgreich zu etablieren.

Vor allem aber ist es die politische Instabilität der Region, die das Projekt zu einem finanzpolitischen Abenteuer macht. Das zeigt etwa das Beispiel Honduras: Der Putsch im mittelamerikanischen Land zeige, wie schnell sich die politischen Verhältnisse ändern können, sagen Experten. Ein weiterer Nachteil: Die Mehrzahl der Exporte der lateinamerikanischen Unternehmen geht auch in Zukunft in den Dollar-Raum.

Dazu kommt: Das Herz der neuen Währung soll ausgerechnet in der zuständigen ALBA-Bank in Caracas schlagen - und damit unter der Ägide von Venezuelas Staatspräsident Chavez stehen. Der aber gilt wegen seiner Verstaatlichungswut auf internationalem Parkett als unzuverlässiger Geschäftspartner, auch weil er getroffene Abmachungen gerne von der politischen Linie der Gegenseite abhängig macht. Erst vor wenigen Wochen kündigte Chavez an, die Handelsbeziehungen zum Nachbarland Kolumbien abzubrechen, weil dessen konservativer Staatspräsident Alvaro Uribe den Umzug der bislang in Ecuador stationierten US-Militärbasen nach Kolumbien forcierte.

Kein Schnelldurchgang

Auch das kleine Honduras bekam nach dem Staatsstreich Ende Juni die harte Hand aus Caracas zu spüren: Die Lieferung von verbilligtem Sprit, mit denen das ölreiche Venezuela Chavez-treue Regierungen beglückt, wurde erst einmal eingestellt. "Was bringt es, wenn wir uns von der Abhängigkeit der USA befreien wollen und in die nächste hineinrutschen", kommentierte der Sprecher eines mittelamerikanischen Unternehmerverbandes aus Nicaragua die Pläne zurückhaltend.

Die ALBA-Staaten sehen dies allerdings anders: Die schrittweise Einführung der neuen Währung soll all das bringen, was der harte Dollar bislang nicht zustande brachte: Mehr soziale Gerechtigkeit, Bekämpfung der Armut und größere Chancen für den lateinamerikanischen Wirtschaftsraum - auch wenn dessen größte Märkte Brasilien, Argentinien, Mexiko und Kolumbien nicht der Sucre-Euphorie verfallen sind. Zudem soll die Einführung der neuen Währung keinesfalls im Schnelldurchgang vollzogen werden. Nach europäischem Muster könnte der Sucre als Vorläufer für eine tatsächliche Einheitswährung dienen und erst einmal als virtuelles Geld fungieren.

Tatsächlich ist der Optimismus der Sucre-Befürworter derzeit groß: Der Sucre werde wie "eine Kreditkarte" für Zentralbanken funktionieren, sagt etwa Pedro Paez, finanzpolitischer Experte der ecuadorianischen Regierung. Er weiß, wovon er redet - denn sein Land braucht wie kein anderes eine solche Kreditkarte: Seit über neun Jahren ist in Ecuador der Dollar die offizielle Währung.



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Cheese 03.11.2009
1. Korruption als Antriebsmotor
Wer Ecuador vor der Einführung des Dollars kannte, kann bei diesen Bestrebungen nur den Kopf schütteln: Die Reichen hatten ihr Geld in Dollars angelegt, Politiker und Staatsangestellte in höherer Position wurden in Dollar ausbezahlt. Der Rest der Bevölkerung litt unter der immensen Inflation des Sucre. Viele Angehörige der ohnehin schon dünnen Mittelschicht wurden in die Armut abgedrängt. Seit der Dollar als Staatswährung eingeführt wurde und die Regierung ihre Schulden und Korruption nicht mehr durch Inflation finanzieren kann, geht es den meisten Menschen in der normalen Bevölkerung besser. Ich bin nach jedem Aufenthalt überrascht, wie viele Menschen sich inzwischen ein Auto und bescheidenen Wohlstand leisten können. Aber das Schuldenmachen von Staats wegen und damit das Zuschieben von Geldbeträge und Pöstchen an Günstlinge und Familienangehörige ist so natürlich eingeschränkt. Zum Glück sind sich die Präsidenten sehr schnell uneins, wenn eigene Vorteile aufgegeben werden müssen. Da bleibt nur zu hoffen, dass sie ihre "Kreditkarte" auf Staatsebene nicht durchbringen werden.
pishtakko, 03.11.2009
2. lachnummer
sollen doch am besten gleich Somalia und Nord-Korea beitreten ... sind doch alles eh nur loser Staaten die da mitmachen. Dieser Chavez ist immer gut fuer solche Kalauer
Jan B. 03.11.2009
3. reines Prestigeprojekt?
Wenn man bedenkt, dass der Einführung des Euro gute 10 Jahre Planung und Vorbereitung voraus gegangen sind und das ganze in einem wirtschaftlich stabilen Raum, dann würde es mich nicht wundern, wenn dieser Sucre ein Fehlschlag wird. Ich weiß ja nicht, wie viele Jahre die ALBA-Gemeinschaft an diesem Projekt gearbeitet hat, aber sicherlich besonders lang. Man mag mich korrigieren, aber sollte eine Währung nicht auf einer stabilen Wirtschaft beruhen, die dem Wert des Geldes auch werte in Gütern und Dienstleistungen gegenüberstellen kann? Venezuela trau ich das dank der Ölreserven und anderer Bodenschätze zu, aber gerade Kuba und die Karibikinseln sind ja nun nicht gerade vom wirtschaftlichen Wachstum gesegnet. Auch frage ich mich, wie "virtuelles" Geld eine soziale gerechtigkeit bringen soll. Es kommt dem Handel zu Gute, aber sicherlich nicht der arbeitenden Bevölkerung und da fängt doch die soziale gerechtigkeit erst an. Aber gut ich verstehe von Wirtschaft wohl nicht genug, um das zu beurteilen. Ich bin mir nur sicher, dass garantiert mal wieder den USA die Schuld gegeben wird, wenn das Projekt scheitert. in diesem Sinne...buenos dias el presidente
Chrysop, 03.11.2009
4. Experte ist befangen
Der im Artikel zitierte Kritiker stammt aus Kolumbien, dieses Land steht dem Dollar und der USA besonders nahe, dort errichten die Nordamerikaner gerade hoch umstrittene Militärbasen. Kolumbien kann man als Linientreu zur den Vereinigten Staaten bezeichnen und als Feind der Währungsunion, von daher dürfte der Experte der staatlichen Universität der kolumbianischen Hauptstadt in dieser Frage eine sehr befangene Meinung vertreten. Bei tausenden Wirtschaftsexperten weltweit, hat SPON jedenfalls den denkbar schlechtesten Vertreter zur Beantwortung dieser Frage heraus gepickt.
OoogaBoooga, 03.11.2009
5. Im Prinzip...
Im Prinzip ist so ein Vorgehen sogar begrüßenswert. Wir Europäer haben unsere eigene Währung, die USA... Und hätten die Chinesen ihren Außenhandelsüberschuss nicht in Dollar, sondern in ihrer eigenen Währung angelegt, wäre die amerikanische Krise weitaus früher sichtbar geworden! Mehr Währungen verursachen zwar mehr Transaktionskosten, führen aber auch zu mehr Transparenz. Warum sollte es nicht eigene Währungen für andere Staatenagglomerationen geben, wie Südamerika, der arabische Raum, Schwarzafrika... Nur ist hierfür eine gewisse Zuverlässigkeit, Stabilität und Vertrauen der beteiligten Partner eine Voraussetzung. Selbst in Europa gibt es immer wieder Streit und hier und da Bestrebungen, aus dem Euro auszutreten. Man hat den Eindruck, dass Streitigkeiten und Probleme in Südamerika oft auf relativ infantile Art und Weise gelöst werden. Persönliche Fehden führen sofort zu diplomatischen Eiszeiten und politischen Krisen. Zudem wird der Erfolg des Sucre, wie so viele Experimente in der Gegend, stark vom venezolanischen Öl abhängen. Geht jenes zur Neige, ist die Party vorbei.
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