Neue Studie: DIW-Experten bezweifeln Mangel an Fachkräften

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Die deutsche Industrie klagt seit Jahren über den Mangel an Fachkräften und vermeintlich fatale Folgen für die Wirtschaft. DIW-Forscher haben sich die populäre These genauer angeguckt - und sind zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: Sie ist falsch.

Montage eines Großdiesels bei MAN: Gehälter der Fachkräfte stiegen nur durchschnittlich Zur Großansicht
ddp

Montage eines Großdiesels bei MAN: Gehälter der Fachkräfte stiegen nur durchschnittlich

Berlin - Die Rechnung der deutschen Industrie geht seit Jahren so: Weil Techniker und Computerexperten fehlen, exportiert die Bundesrepublik weniger als möglich. Und die Firmen stellen entsprechend auch weniger einfach qualifizierte Arbeitskräfte ein. Deshalb gefährdet der Mangel an Fachkräften nicht nur den aktuellen Aufschwung, sondern auch langfristig die Entwicklung der Wirtschaft.

So einprägsam diese gängige Rechnung auch ist: Sie ist falsch, sagen Arbeitsmarktexperten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In ihrem Wochenbericht, der am Dienstag veröffentlicht wird, setzen sich die Forscher mit den Klagen der Arbeitgeberverbände auseinander, die sich in erster Linie auf Umfragen in den Unternehmen stützen. Danach fehlen mehr als 60.000 Mathematiker, Informatiker, Techniker und Naturwissenschaftler.

All das sei erstaunlich, weil der Wirtschaftseinbruch die Industrie 2009 "besonders hart" getroffen habe und "der Arbeitsplatzabbau gerade erst zum Stillstand gekommen ist", schreibt DIW-Experte Karl Brenke. Im vergangenen August habe die Zahl der Beschäftigten in der Industrie um 300.000 unter dem Niveau vor der Krise gelegen.

Die Umfragen der Arbeitgeber, in denen der Fachkräftemangel festgestellt werde, hätten da nur eine begrenzte Aussagekraft. Sie spiegelten allenfalls die kurzfristigen Probleme der jeweils Befragten, schreibt Brenke. Andere Faktoren dagegen ließen den klaren Schluss zu, dass von einem grundlegenden Fachkräftemangel keine Rede sein könne.

Gehälter steigen nicht

Schon ein Blick auf die Entwicklung der Gehälter zeige, dass es kein akutes Problem geben könne. Fachkräfte hätten bei der Lohnentwicklung nicht besser abgeschnitten als die übrigen Arbeitnehmer, das zeige die amtliche Erhebung der Arbeitnehmerverdienste. "Bei Investitionsgüterherstellern mussten leitende Angestellte im zweiten Quartal sogar Reallohneinbußen hinnehmen", schreibt Brenke. Bei Knappheit müsste es dagegen eine überdurchschnittliche Gehaltssteigerung geben.

Als weiteres Indiz wider die These vom Fachkräftemangel führt Brenke die Arbeitsmarktstatistik an. Demnach waren im März in fast allen Fertigungsberufen weniger Menschen beschäftigt als im Vorjahresmonat. Auch die aktuelle Entwicklung bestätige den Trend: Dank des Aufschwungs gebe es zwar wieder weniger Arbeitslose, aber in fast allen Berufen noch deutlich mehr als vor der Krise - und ihre Zahl sei fast überall größer als die Zahl der offenen Stellen.

Aus der Arbeitsmarktstatistik leiten andere Wissenschaftler allerdings auch den Beweis dafür ab, dass das Angebot an Facharbeitern tatsächlich knapp ist. So kommen die Arbeitsmarktexperten der Bundesagentur für Arbeit nach einer internen Befragung der 176 Arbeitsagenturen zu dem Schluss, dass der Mangel in einigen Regionen bereits deutlich spürbar ist: Zwei Drittel berichteten von erheblichen Engpässen in vielen Bereichen. Das Papier listet 16 Berufsgruppen auf - von Installateuren über Ingenieuren bis hin zu Ärzten.

Echter Fachkräftemangel nur bei Ärzten

Einen empfindlichen Mangel an medizinischem Fachpersonal konstatieren auch die DIW-Experten. Und auch, dass regional große Unterschiede bestehen. Speziell in Ostdeutschland sei nach dem Wegzug vieler gut ausgebildeter junger Leute oft keine geeignete Fachkraft mehr zu finden.

Und die Zukunftsaussichten? Ebenfalls gut, befindet Brenke mit Verweis auf die hohe Zahl der Ingenieurstudenten. Speziell das Maschinenbaustudium sei inzwischen nach Betriebswirtschaft das beliebteste Fach. Pro Jahr werden nach der Schätzung des Experten allenfalls rund 9000 Jobs im Maschinenbau frei, weil ältere Arbeitnehmer in den Ruhestand gingen. Demgegenüber machten allein im Wintersemester 2009/2010 mehr als 23.000 Studenten erfolgreich ihr Examen.

Damit wäre also nicht nur der Ersatzbedarf gedeckt gewesen - sondern es hätten zusätzlich acht Prozent mehr Ingenieure eingestellt werden können, rechnet Brenke vor. Anzeichen für einen solchen Beschäftigungsaufbau gebe es aber nicht.

Auch die betriebliche Ausbildung lasse keinen Rückschluss auf einen Fachkräftemangel erkennen. Für die 53.000 angebotenen Lehrstellen fänden sich nur in einigen Dienstleistungsberufen - bei Klempnern oder Bäckern - nicht genug Bewerber.

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insgesamt 475 Beiträge
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1. Wie so oft
Kontrastprogramm 16.11.2010
Zitat von sysopDie deutsche Industrie klagt seit Jahren über den Mangel an Fachkräften und vermeintlich fatale Folgen für die Wirtschaft. Forscher haben sich die populäre These genauer angeguckt - und sind zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: Sie ist falsch. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,729202,00.html
muss man das differenzierter betrachten, es wird sicher Bereiche geben, in den Fachkräfte fehlen. Wahrscheinlich fehlen ein paar Spezialisten in der Grundlangenforschung, aber ob da in irgendeiner IT-Bude aktuell 2 Programmierer fehlen um schnell ein paar App´s zu schreiben, was man eher gar nicht braucht, kann uns eigentlich egal sein.
2. Ach ja ...
Mortaro 16.11.2010
Der "Fachkräftemangel" ist in Wirklichkeit oft nur ein Ausbildungsmangel ! Die Firmen wollen billige Arbeitskräfte aus dem Ausland - die sie nicht ausbilden mussten - ins Land holen um sie günstig einzustellen und sie schlechter zum bezahlen, als ihre deutschen Mitbürger. Es geht wieder einmal nur darum, dass der Chef seinen Gewinn maximiert und der Arbeiter als notwendiges Übel zwar behalten wird, aber möglichst billig ist.
3. Endlich, endlich, endlich...
priexo 16.11.2010
...spricht mal jemand das aus, was schon lange keine Ueberraschung mehr ist! Das Märchen vom Fachkräftemangel gehört in die gleiche Schublade wie das Märchen etwas jüngeren Datums über Rekordbeschäftigungszahlen.
4. Danke
snomm 16.11.2010
Danke für diese Klarstellung, allerdings hätte es dafür keinen Experten gebraucht. Einfach mal einen arbeitslosen Ingenieur fragen wie viele erfolglose Bewerbungen er in Deutschland geschrieben hat und warum er dann ins Ausland ist (es gibt noch Orte, da herrscht tatsächlich Fachkräftemangel)... Das Ingenieure im Vergleich zu ihrer Verantwortung derart unterbezahlt sind, ist ein Skandal. Demgegenüber verdienen die Banker ohne Verantwortung in ganz anderen Größenordnungen!
5. Wen wundert's?
R1181 16.11.2010
Nur durch eine totale Öffnung der Arbeitsmärkte und die rein vom Urteil der Arbeitgeber abhängige Anerkennung von Qualifikationen lässt sich das Selbstbewusstsein der Arbeitnehmer und damit die Forderungen nach Beteiligung an den derzeit riesigen Profiten dauerhaft klein halten. Motto: Sei stets bescheiden, dann brauchen wir keine Inder/Rumänen/Ukrainer, etc. Das Gejammer über Fachkräftemangel ist keineswegs Zufall, sondern hat perfides System. In die gleiche Kategorie gehört das Dauerklagen der Konzerne über das Fehlen geeigneter Bewerber für Ausbildungsplätze. Ist doch genial! Ich biete, meiner Selbstverpflichtung aus dem Ausbildungspakt entsprechend, Lehrstellen an. Dann lasse ich die Hälfte davon unbesetzt. Ist ja nicht meine Schuld, gab halt keine qualifizierten Bewerber... Soll doch der kleine Handwerksbetrieb ausbilden.
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Die Säulen des Sozialsystems
Arbeitslosenversicherung
Jeder Arbeitnehmer in Deutschland ist Pflichtmitglied der Arbeitslosenversicherung. Die Hauptleistung der Versicherung ist das Arbeitslosengeld I (ALG I), das einen Teil des ehemaligen Nettoeinkommens ersetzt und bis zu ein Jahr nach Verlust einer Stelle gezahlt wird. Für ältere Arbeitslose gelten Ausnahmen. Läuft die Zahlung des ALG I aus, ohne dass eine neue Stelle gefunden wurde, wird anschließend Arbeitslosengeld II (ALG II) gezahlt. Das Instrument - auch bekannt als Hartz IV - wurde im Jahr 2005 geschaffen, als die ehemalige Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt derzeit 3,0 Prozent des Bruttolohns. Arbeitgeber zahlen diesen Satz auch für jeden Beschäftigten.
Krankenversicherung
Es gibt zwei Arten von Krankenversicherungen - die Gesetzliche (GKV) und die Private (PKV). Rund 90 Prozent der Erwerbstätigen sind in der GKV pflichtversichert. Der Beitragssatz beträgt aktuell 15,5 Prozent für alle Versicherten. Zusätzlich können die Krankenkassen vom Einkommen unabhängige Beiträge erheben. Seit Anfang 2009 fließen alle Beiträge in einen Gesundheitsfonds, aus dem sie an die Kassen verteilt werden. Der Zugang zur PKV steht nur Selbstständigen und Arbeitnehmern oberhalb einer Einkommensgrenze offen.
Rentenversicherung
Die Beiträge werden durch ein Umlageverfahren finanziert, bei dem die Berufstätigen die Leistungen der Rentner zahlen. Anhand der eingezahlten Beiträge wird die künftige Rentenhöhe errechnet. Zurzeit liegt der Beitragssatz bei 19,6 Prozent. Im Januar 2013 sinkt der Beitrag auf 18,9 Prozent. Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird derzeit stufenweise von 65 Jahren auf 67 Jahre heraufgesetzt.
Pflegeversicherung
Die Pflegeversicherung ist die jüngste der Sozialversicherungen in Deutschland. Sie ist eine Grundversicherung, die einen Teil der Pflegekosten abdeckt.