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Neue Wirtschaftsordnung: Was guter Kapitalismus leisten muss

Von Sebastian Dullien, Hansjörg Herr und Christian Kellermann

Wie sieht die Weltwirtschaft nach dem Bankencrash aus? Ein Umdenken ist zwingend, Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte müssen korrigiert werden. Dabei darf aber nicht der Kapitalismus als Ganzes in Frage gestellt werden.

Kräne im Hamburger Hafen: Wo kommt künftig das Wirtschaftswachstum her? Zur Großansicht
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Kräne im Hamburger Hafen: Wo kommt künftig das Wirtschaftswachstum her?

Berlin - Die jüngste Finanzkrise hat die Schwächen des Wirtschaftssystems schonungslos aufgezeigt: Ein ökonomisch relativ überschaubares Ereignis - das Platzen einer Immobilienblase in den USA - hat die globale Wirtschaft an den Rand einer neuen Depression gebracht. Auch wenn es inzwischen Indizien gibt, die auf eine Stabilisierung der Konjunktur hindeuten, ist doch mit weiteren Rückschlägen zu rechnen.

Dabei ist der Weltwirtschaft gerade das zum Verhängnis geworden, was zuvor als Wachstumstreiber gehandelt wurde: die immer stärkere Verknüpfung der internationalen Kapitalmärkte und des internationalen Handels, befördert durch immer komplexere Finanzinstrumente, die immer größere Gewinne einfuhren. In der Krise hat sich herausgestellt, dass das globale Finanzsystem mitnichten die negativen Folgen des Platzens der Blase am US-Immobilienmarkt eingrenzen konnte, sondern vielmehr selbst als globaler Verstärker des wirtschaftlichen Einbruchs gewirkt hat.

Nun wird weltweit nicht nur darüber diskutiert, wie man die Regulierung der Finanzmärkte so vorantreiben kann, dass diese künftig weniger Schaden anrichten können. Eine andere zentrale Frage ist, wo künftig Wirtschaftswachstum herkommen soll. Denn nach der Kreditkrise dürften die USA als globaler Wachstumsmotor ausfallen.

Grundlegendes Umdenken ist notwendig

Diese Frage ist besonders für Deutschland wichtig: Obwohl es bei uns keine Immobilienblase und keinen Bauboom gab, ist das Land dramatischer von der Krise betroffen als andere westeuropäische Länder. Der deutschen Wirtschaft ist dabei ausgerechnet die vermeintliche Stärke der vergangenen Jahre zum Verhängnis geworden: Als langjähriger Exportweltmeister hat das Land den Einbruch des Welthandels viel stärker zu spüren bekommen als andere Staaten. So wird auch hierzulande zunehmend die Frage diskutiert, ob die extrem hohe Exportabhängigkeit vielleicht ein Irrweg war und wir nicht ein neues Wachstumsmodell brauchen.

Diese Überlegung ist richtig. Entgegen der vorherrschenden Meinung hat die jüngste Krise mehr Ursachen als nur die einer laxen Regulierung der Finanzmärkte. Die Entfesselung der Finanzmärkte kam zeitgleich mit grundlegenden Umwälzungen auf den Arbeitsmärkten, mit enormen Ungleichgewichten bei internationalen Kapitalströmen und im globalen Handel sowie in der Wirtschaftsstruktur einzelner Länder. Letztlich war es nur eine Frage der Zeit, wann sich die aufgebauten Ungleichgewichte in einer Krise entladen würden.

Ein grundlegendes Umdenken ist deshalb zwingend notwendig: bei der Finanzmarktregulierung, bei den Arbeitsmärkten und sozialen Sicherungssystemen, aber auch bei der Art und Weise, wie die Zentralbank ihre Aufgabe auffasst. Dabei wäre ein durch ein solches Umdenken entstehender "guter Kapitalismus" kein fundamentaler Gegenentwurf zum bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell. Vielmehr würden die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte korrigiert werden, die Stärken des marktwirtschaftlichen Systems aber beibehalten.

Neue Balance zwischen Staat, Markt und Gesellschaft notwendig

Denn tatsächlich basieren die meisten Reformen der vergangenen vierzig Jahre auf einer naiven marktradikalen Vorstellung: Märkte wurden als ein sich selbst regulierender Mechanismus verstanden, der von sich aus zu Stabilität einschließlich hoher Beschäftigung und einer einigermaßen akzeptablen Verteilung von Einkommen führt. Da die entfesselten Märkte das gewünschte Ergebnis in der Regel nicht lieferten, verabreichte die Politik der Ökonomie stets eine weitere Dosis an mehr Entfaltungsfreiheit.

Doch jetzt, nach einer der schwersten Krisen der vergangenen Jahrzehnte, ist es notwendig, sich von dem Glauben zu verabschieden, dass Märkte ohne staatlichen Rahmen gut funktionieren könnten. Wir brauchen eine neue Balance zwischen Staat, Markt und Gesellschaft - und dabei müssen Staat wie Gesellschaft mehr Gewicht bekommen.

Dabei sollten der Finanzsektor und seine Dynamik im Bereich der Kreditschöpfung nicht verteufelt werden. Zwar wird übermäßige Kreditvergabe als ein zentraler Grund für die Blase am US-Immobilienmarkt und damit die aktuelle Krise angesehen. Es darf aber nicht vergessen werden, dass Kredit und Kreditwachstum an sich nichts Schlechtes sind. Vielmehr ist Kredit Treibstoff von Innovation und Wachstum. Anders als in den vergangenen Jahren, als die Finanzgeschäfte oft Selbstzweck waren, muss der Finanzsektor aber wieder zum Dienstleister für den Rest der Wirtschaft werden.

Diese Rolle kann der Finanzsektor allerdings nur übernehmen, solange es nicht zu Überschuldung oder Schuldenkrisen einzelner Länder oder Sektoren kommt. Solche Krisen vernichten regelmäßig jenes Eigenkapital, das die Banken zur Kreditvergabe an Unternehmen brauchen. Wer aber ein neues, stabiles Wachstumsmodell will, darf eine kontinuierlich steigende Verschuldung - sei es des Staates oder der Privathaushalte - nicht zum Wachstumstreiber machen.

Nachfrage muss über Löhne und Gehälter geschaffen werden

Der aktuellen Krise sind eklatante globale Ungleichgewichte vorausgegangen, die sich insbesondere in einem riesigen Leistungsbilanzdefizit der USA ausdrückten. Die USA lebten weit über ihre Verhältnisse, wovon die großen Exportländer, allen voran China und Deutschland, profitierten. Solche Ungleichgewichte zwischen Ländern sind für eine gewisse Zeit tragfähig, aber wenn die Schuldenlast zu groß wird, kommt es zur Krise. Daraus leitet sich eine grundlegende Forderung unseres neuen Wirtschaftsmodells ab: Neben einer besseren Finanzmarktregulierung müssen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass Nachfrage ohne steigende Verschuldung geschaffen werden kann.

Global gedacht bedeutet dies, dass die Schaffung von Nachfrage über Löhne und Gehälter erfolgen muss, die möglichst in jedem Land mit dem Produktivitätswachstum steigen sollten. Das zentrale Instrument zum Management dieser Nachfrage ist eine aktive Lohnpolitik.

Steuer- und Finanzpolitik wiederum hat die Aufgabe, wachsende Ungleichheit zu vermeiden. Hohe Einkommensbezieher konsumieren relativ gesehen weniger, als es Bezieher niedriger Einkommen tun. Insofern gibt es eine größere Nachfragewirkung, wenn man niedrige Einkommen aufstockt, statt einen Steuernachlass für Millionäre zu ermöglichen. Die Zentralbanken sollten zudem mit neuen Instrumenten versuchen, gefährliche Überschuldungstrends zu bremsen. Um den einzelnen Ländern Spielraum für solche Politiken zu geben, muss global über ein neues Währungssystem und Kapitalverkehrskontrollen nachgedacht werden.

Ein solch neues Wirtschaftsmodell ist ein überaus ehrgeiziges Projekt. Viele Elemente eines solchen Modells lassen sich nicht im nationalen Alleingang umsetzen, schon gar nicht von einem Land, das wie Deutschland EU-Mitglied und eng mit seinen Nachbarn verflochten ist.

Deutschland kann notfalls alleine

Doch Deutschland ist nicht hilflos. Deutschland ist - je nach Rechnung - die dritt- oder viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und hat entsprechend Einfluss in globalen Verhandlungen. In Koordination mit den anderen EU-Ländern könnte Deutschland diesen Einfluss noch einmal verstärken und so die Gestaltung weltwirtschaftlicher Strukturen entscheidend mitbestimmen.

Wenn der politische Wille existiert, könnte zudem die EU auch vieles im Alleingang umsetzen, was auf den ersten Blick eine globale Regulierung erfordert. Wenn es etwa global keinen Konsens zur Regulierung von Offshore-Zentren gibt, könnten einfach den EU-Finanzinstituten und den Unternehmen innerhalb der EU Finanzgeschäfte mit diesen Ländern verboten werden. Deutschland könnte selbst alleine einen solchen Schritt beschreiten.

Zu guter Letzt kann in vielen Bereichen der Umstieg auf ein neues Wirtschaftsmodell zu Hause beginnen. Der Abbau des enormen Leistungsbilanzüberschusses Deutschlands etwa könnte mit einer Wende in der Lohnpolitik ebenso wie mit einer stärkeren steuerlichen Umverteilung im Inland begonnen werden. Beide Elemente brauchen keine Koordinierung mit dem Ausland. Und weniger Ungleichgewichte in der dritt- oder viertgrößten Volkswirtschaft bedeuten spürbar weniger Ungleichgewichte weltweit - und damit ein stabileres Wachstum in der Zukunft.

Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch "Der gute Kapitalismus. ... und was sich dafür nach der Krise ändern müsste"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 111 Beiträge
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1. Klasse Artikel
H. Hipper, 19.10.2009
Dass Sebastian Dullien vorzügliche und kenntnisreiche Artikel schreibt ist inzwischen schon fast Gewohnheit geworden.
2. eher Richtung Blödsinn
clausdavid 19.10.2009
>>Und weniger Ungleichgewichte in der dritt- oder viertgrößten Volkswirtschaft bedeuten spürbar weniger Ungleichgewichte weltweit - und damit ein stabileres Wachstum in der Zukunft.
3. Hoppla..
Sphynx, 19.10.2009
Ich glaub, das Buch möchte ich vollständig lesen. Und recht hat er (insoweit ich das beurteilen kann) auch noch...
4. oooch...
Dr. Allesklar 19.10.2009
Zitat von sysopWie sieht die Weltwirtschaft nach dem Bankencrash aus? Ein Umdenken ist zwingend, Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte müssen korrigiert werden. Dabei darf aber nicht der Kapitalismus als Ganzes in Frage gestellt werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,654553,00.html
Es ist ja geradezu niedlich, wie handzahm die Prediger der neoliberalen Ideologie inzwischen daherkommen, wie defensiv sie ihren geliebten Kapitalismus verteidigen, wie ängstlich besorgt sie um ihr armes Schätzchen sind. Um das System zu retten, ist ihnen auf einmal alles recht, was früher als Teufelszeug galt. Man könnte fast Mitleid bekommen, sprächen die Kapitalismus-Fans nicht einem System das Wort, das dazu geführt hat, dass mittlerweile über eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern - während in Deutschland etwa 50 Prozent der Lebensmittel weggeworfen werden, trotz Genießbarkeit. Nun vergisst diese halblebige Analyse einiges. Nicht nur in der Finanzkrise zeigt sich die Unzulänglichkeit des Kapitalismus. Ein weitaus größeres und realeres Problem sind die katastrophalen Zerstörungen, die er im Bereich Umwelt und Natur anrichtet. Denn die alte Binse, das nicht Geld oder Aktien, nicht einmal faule Kredite die Lebensgrundlage des Menschen darstellen, sondern Wasser, Bäume, Obst, Gemüse, kurz: Natur, ignoriert das besinnungslose Besitzstreben weiterhin tapfer. Und es liegt in der Logik des Kapitalismus, dass es in diesem Bereich auch weiterhin nur kosmetische Korrekturen geben wird, die die Zerstörung höchstens verlangsamen. Ein weiteres Grundproblem, das der Autor ausblendet, ist der Umstand, dass Kapitalismus gleichbedeutend mit einer ungleichen Verteilung der Güter ist, und nicht nur der Luxusgüter, sondern auch der Grundbedürfnisse Nahrung und Wasser. Einfach gesagt: Eine Welt, in der nicht einige wenige Menschen sehr reich und mächtig sind, eine große Zahl aber hungert und den Reichen nur als billigste Arbeitskraft dient, ist im Kapitalismus entgegen aller ideologischen Versprechen nicht denkbar. Der Kapitalismus wird, so oder so, nicht das Ende der Geschichte darstellen. Es ist also dumm und fahrlässig, wenn der Autor fordert, man dürfe dieses System, das die genannten unerträglichen Folgen hat, nicht infrage stellen. Man muss es im Gegenteil, um sinnvolle und gangbare Alternativen zu finden. Denn die Tatsache, dass eine bürokratischere, staathörigere Variante des Kapitalismus, die sich "real existierender Sozialismus" schimpfte, krachend gescheitert ist, bedeutet nicht, dass es keinerlei Alternativen zu diesem System von Selbstbereicherung, Profitmaximierung, Wachstumsfanatismus und egoistischem Selbstbezug gäbe.
5. nichts wächst unendlich
aug apfel, 19.10.2009
Ich hör immer nur "Wachstum". Ich frage mich immer wieder, und sei das Denkmodell noch so human und sozial, ob den Grossdenkern "neuer" kapitalistischer Systeme schon aufgefallen ist, dass Wirtschaft auf diesem Planeten nicht unendlich wachsen kann! Es braucht keinen Harvard-Abschluss, um dies zu erkennen oder vorauszusehen - der Platz und die Ressourcen hier sind NICHT unendlich! Und doch wird seit Jahrzehnten munter drauflosgeplant als gäbe es keine physikalischen Grenzen, werden ganze Wirtschaftssysteme auf Wachstumsprognosen hin konstruiert und bewertet, obwohl doch jeder weiss, das dieses Modell auf Dauer nicht funktionieren kann. Ueberall im gesamten Kosmos besteht eine dynamische Balance zwischen Entstehung, Wachstum, Zerstörung und Tod, damit das System bestehen bleibt und nicht kollabiert. Dem Kapitalismus ist diese Einsicht aber wohl nicht sexy genug.
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Zum Autor
Sebastian Dullien, Jahrgang 1975, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin und Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations. Er beschäftigt sich vor allem mit der Euro-Krise.

Sebastian Dullien, Hansjörg Herr, Christian Kellermann:

"Der gute Kapitalismus." ... und was sich dafür nach der Krise ändern müsste

(mit einem Vorwort von Gesine Schwan)

Transcript Verlag; 248 Seiten; kart.; 19,80 Euro

Erschienen: Oktober 2009

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