Von Michael Kröger
Berlin - Matthias Platzecks Ruf als Deichgraf während der Oderflut ist Verpflichtung. Viele seiner Anhänger erinnern sich gerne an die Juli-Tage 1997, als er rastlos an dem Fluss entlangfuhr, Betroffene tröstete, Helfer ermutigte und schnelle Entscheidungen traf. So oder so ähnlich soll es jetzt wieder kommen, nachdem der Brandenburgische Ministerpräsident den Vorsitz im Flughafen-Aufsichtsrat übernommen hat und dem dahinsiechenden Projekt neues Leben einhauchen soll.
Wie erwartet ist Platzeck am Dienstag zum neuen Chefkontrolleur der Berliner Flughafengesellschaft gewählt worden, als Nachfolger des glücklosen Klaus Wowereit. Der Regierende Bürgermeister Berlins hatte nach der jüngsten Verschiebung des Eröffnungstermins sein Amt zur Verfügung gestellt. Als erste Amtshandlung feuerte der neue Aufsichtsratschef den BER-Geschäftsführer Rainer Schwarz: "Herr Schwarz hat sein Dienstzimmer geräumt und den Betrieb verlassen", sagte Platzeck nüchtern.
Aber kann der Deichgraf es erneut richten? Seine Kritiker sind skeptisch. Der Brandenburgische CDU-Fraktionschef Dieter Dombrowski zum Beispiel. "Die Oder-Flut war eine Naturkatastrophe. Sie kam und ging von allein", ätzte er während der Debatte um die Vertrauensfrage, die Platzeck am vergangenen Montag stellte.
Die Probleme in Schönefeld werden sich dagegen kaum von alleine lösen, zumal selbst Technikchef Horst Amann bis jetzt offensichtlich nicht genau weiß, was da noch alles im Verborgenen liegt. Es ist also eine Mission mit ungewissem Ausgang und hohem persönlichen Risiko, auf die Platzeck sich da einlässt. Er selbst kennt die Unwägbarkeiten des Jobs, schließlich hatte er als einfacher Aufsichtsrat schon bisher Zugang zu denselben Informationen, die auch seinem Vorgänger Wowereit zur Verfügung standen.
Ein Personalberater beurteilt die Rochade im Aufsichtsrat deshalb auch zurückhaltend. "Zunächst einmal hat sich nicht wirklich etwas geändert", sagt Heiner Thorborg, der große Konzerne bei der Suche nach Top-Managern berät. Die Kontrolleure hätten viel zu lange einer Geschäftsführung vertraut, die mit dem Bau des Flughafens offensichtlich überfordert gewesen sei.
Soko für die Staatskanzlei
Immerhin will Platzeck einiges ändern. So soll eine Sonderkommission in der Staatskanzlei die Baufortschritte permanent begleiten und wöchentlich über den Stand berichten. Für den Aufsichtsrat selbst will Platzeck neue Mitglieder gewinnen, die Erfahrung mit solchen Großprojekten haben.
Der Erfolg dürfte aber vor allem vom technischen Sachverstand der Taskforce in der Staatskanzlei abhängen. "Für die künftige Arbeit wird es nicht genügen, die Fortschritte in ein dreistufiges Raster einzuteilen", erklärt Thorborg in Anspielung auf die Sitzungen in den letzten Wochen vor der spektakulären Absage des Eröffnungstermins im Mai 2012. Damals hatten sich die Kontrolleure mit der groben Beurteilung der einzelnen Gewerke in drei Stufen zufriedengegeben. Bauabschnitte, die rechtzeitig fertig werden würden, waren grün gekennzeichnet, die problematischen gelb, und die kritischen rot.
Das wichtigste Problem von Platzeck werden aber auch kompetente Zuarbeiter nicht lösen können. Laut Thorborg steht und fällt der Erfolg in Schönefeld nämlich mit der Auswahl des neuen Flughafenchefs. "Platzeck benötigt einen selbstbewussten Manager, der über Erfahrung mit solchen Großprojekten verfügt", erklärt der Personalberater.
Tatsächlich wird längst heftig über einen Nachfolger für den glücklosen Rainer Schwarz diskutiert. Im Bundesverkehrsministerium existiere bereits eine Liste mit Kandidaten, heißt es in dessen Umfeld. Ein Kandidat soll der Münchner Flughafenchef Thomas Weyer sein, der sein Handwerk beim Baukonzern Hochtief gelernt hat. Den Hauptstadtflughafen kennt Weyer sehr gut - er war dort zwischen 2004 und 2008 technischer Direktor.
Kandidat für Himmelfahrtskommando gesucht
Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) wollte sich am Dienstag zu der Personalie allerdings nicht äußern: "Es wurde in der letzten Zeit viel Kaffeesatzleserei betrieben, und ich beteilige mich nicht daran", sagte er. Das zeigt: Die Suche nach einem neuen Top-Manager scheint sich extrem schwierig zu gestalten. Denn angesichts des Desasters um Baumängel und schier endlose Brandschutzprobleme ist das einstige Prestigeprojekt BER eher zu einem Himmelfahrtskommando geworden.
Dass die bisherige Zwei-Mann-Struktur mit Schwarz und Amann nicht genug Schlagkraft hat, gilt unter den drei Flughafengesellschaftern Bund, Berlin und Brandenburg inzwischen als Konsens. Für Finanzen, die Schwarz miterledigt hatte, soll jetzt ein eigener Vorstandsposten geschaffen werden. Und statt eines eher kollegialen "Sprechers der Geschäftsführung", wie Schwarz es war, soll es künftig wohl eine klare Nummer eins geben.
Die Chancen, einen Spitzenmann für das Amt zu finden, hängen nach Überzeugung von Thorborg nicht zuletzt von dem in Aussicht stehenden Gehalt ab. Selbst wenn das üppig ausfallen sollte: Das Geld sei gut investiert, angesichts der enormen Kostensteigerungen, die das Flughafenprojekt bislang eingebrockt habe.
Genau beobachten dürften mögliche Interessenten für den Chefposten allerdings auch, ob der Harmonieschwur der politisch rivalisierenden Gesellschafter hält. "Es ist im gesamtstaatlichen Interesse, das Flughafenprojekt erfolgreich zu Ende zu bringen", erklärten der Bund und die beiden Länder gerade erst feierlich. "Es bleibt offen, was sie damit meinen", sagt Thorborg vorsichtig. "Entscheidend wird sein, dass die Gesellschafter dem künftigen Flughafenchef freie Hand lassen und sich auf das beschränken, was ihre Aufgabe ist: die Kontrolle."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Staat & Soziales | RSS |
| alles zum Thema Flughafen Berlin Brandenburg | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH