Neuer Protest-Anlauf Deutschland probt den Aufstand gegen die Finanzmacht

In den USA protestieren Tausende gegen die Zocker von der Wall Street - jetzt planen Aktivisten auch in Deutschland Massendemos: Ab dem 15. Oktober wollen Kapitalismuskritiker öffentliche Plätze in der Republik besetzen. Doch hat die Bewegung hierzulande überhaupt Chancen?

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Demonstranten in New York: Schwappt die Welle nach Deutschland?
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Demonstranten in New York: Schwappt die Welle nach Deutschland?


Hamburg - Im Internet tobt sie bereits, die Revolution gegen das Finanzsystem. Als virtuelle Vendetta, als Cyber-Klassenkampf mit Fotos, Videos und Texten und altbekannter Symbolik. In den Wutvideos, die für den 15. Oktober zum bundesweiten Protest aufrufen, mischen sich Bilder der Frankfurter Banken-Skyline mit Gemälden der Deutschen Revolution, mischt sich Beethovens Mondscheinsonate mit dem Orchesterpomp des "Requiem for a dream"-Soundtracks.

"Am 15. Oktober wird etwas passieren", versprechen die Cyber-Revolutionäre. Tausende sollen sich erheben, allein in Deutschland, "für die Herrschaft des Volks, gegen die Diktatur des Gelds". "Der New Yorker hat es begonnen", heißt es in einem Aufruf zum Protest in Frankfurt. "Der Hesse wird es beenden."

Begonnen hat alles am 17. September im Zuccotti-Park nahe der New Yorker Wall Street. Tausende Amerikaner haben sich empört, seit Wochen halten sie den Park besetzt, in immer mehr US-Städten schließen sich Menschen den Aufständen an und starten ihre eigenen Protest-Camps. Nun wollen deutsche Aktivisten das Phänomen in der Bundesrepublik wiederholen, Samstag starten Aktionen in Dutzenden Städten. Macht ihr Protest weitere Deutsche zu Wutbürgern?

Die Ankündigungen sind groß. "In diesem Raum werden all meine Träume Realität", heißt es in einem Protestvideo, "und manche meiner Realitäten werden zu Träumen." Es ist ein Zitat aus Roald Dahls Kinderbuch "Charlie und die Schokoladenfabrik", und es lässt im Kontext der herbeigewünschten Revolution verschiedene Lesarten zu.

Die offenkundige lautet: Wenn man nur fest genug daran glaubt, kann man alles, was man sich erträumt, erreichen. In diesem Fall: ein Wirtschaftssystem, das alle Bürger fair behandelt und Banken für ihre Zock-Eskapaden bestraft. Man kann das Zitat aber auch anders verstehen: So ist der Raum, in dem alle Träume wahr werden, zunächst ein virtueller. Es ist leicht, im Internet ein großes Protest-Camp aufzuschlagen. Aber funktioniert das auch auf Deutschlands Straßen? Bei nächtlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt?

Welche Chancen die Bewegung hat

Das Empörungspotential - der Rohstoff, aus dem Proteste entstehen - ist zunächst groß. Die Deutschen sehen sich täglich mit einer Welt konfrontiert, in der scheinbar übermächtige Banken Milliarden kassieren, während der Rest der Gesellschaft die Folgen ihrer Fehler ausbadet. Mit einer Welt, in der große Geldhäuser noch immer mit jenen Finanzprodukten zocken, die 2008 erst zum Ausbruch der Krise führten. In der Regierungen beinahe genauso Getriebene sind wie Bürger, weil sich kaum globale Regularien entwickeln lassen, um Spekulationswellen zu stoppen. Und in der der Staat wohl schon bald wieder zahlreiche Banken retten wird.

Egal, ob man von Hartz IV lebt oder von 250.000 Euro Jahresgehalt: Die meisten Menschen dürften dieses System für ungerecht halten. Wenn Anti-Wall-Street-Demonstranten rufen: "Wir sind die 99 Prozent, die von einem Prozent der Bevölkerung ausgebeutet werden", bekommen sie für diesen Satz wahrscheinlich wirklich von fast 99 Prozent Zuspruch, vermutlich sogar von manch hartgesottenem Investmentbanker. "Man nennt uns Träumer", rief der slowenische Philosoph Slavoj Zizek den New Yorker Demonstranten am Montag zu. Doch die wahren Träumer seien diejenigen, die tatsächlich glaubten, "dass die Ungerechtigkeiten im Weltwirtschaftssystem auf ewig einfach so weitergehen".

Allerdings lassen sich die Zustände in Deutschland und Amerika kaum vergleichen. Während in den USA viele Menschen protestieren, die durch die Krise Geld oder gar ihren Job verloren haben, sind in Deutschland nur wenige direkt von ihr betroffen. "Die Arbeitslosigkeit ist weit geringer als in den USA", sagt der Protestforscher Wolfgang Kraushaar. "Die deutschen Sozialsysteme funktionieren deutlich besser als die in den USA." Dazu fehlt in Deutschland eine besonders wichtige Triebfeder des Protests: die Enttäuschung über Barack Obama, von dem sich viele Amerikaner erhofften, er könne die US-Gesellschaft verbessern. Jetzt realisieren sie, dass auch ihr größter Hoffnungsträger gegen die Rüstungs- und Finanzlobby weitgehend machtlos ist.

"Menschen zu mobilisieren, ist in Deutschland deutlich schwieriger", sagt auch der Protestforscher Dieter Rucht. "Aber nicht unmöglich." So hätten Untersuchungen ergeben, dass 2004 auf dem Höhepunkt der sogenannten Montagsdemos bei weitem nicht nur Arbeitslose gegen die Einführung von Hartz IV protestierten. Rund ein Drittel der Demonstranten seien Beamte und Besserverdiener gewesen, die es als ihre soziale Verantwortung begriffen, mitzumarschieren.

Tausende wollen kommen

Ob der Aufstand gegen die Finanzmacht auch in Deutschland funktioniere, hängt laut dem Forscher Rucht vor allem davon ab, wie gut man ihn organisiert. Der erste deutsche Anlauf ist bereits gescheitert. Am 17. September versuchten Demonstranten zeitgleich mit der "Occupy Wall Street"-Bewegung die Aktion "Occupy-Frankfurt" zu starten. Zur Demo kamen gerade ein paar Dutzend Menschen, und nur die wenigsten blieben über Nacht. Schnell löste sich der Protest wieder in Wohlgefallen auf.

Dieses Mal sehen sich die Demonstranten besser gerüstet. " Im Internet haben sich Tausende Menschen unserer Bewegung angeschlossen", sagt Colin Below, der die Proteste in Frankfurt organisiert. Tatsächlich helfen mehrere große Netzwerke bei der Organisation des Widerstands: die Globalisierungskritiker von Attac etwa oder die Netzrebellen von Anonymous. Auch die Linke und die Gewerkschaft Ver.di unterstützen den Protest. "Für die Aktionen am 15. Oktober erwarten wir deshalb größeren Zulauf."

Merkwürdige Pläne in Frankfurt

Ob die Aktivisten lange durchhalten, steht auf einem anderen Blatt. Die "Occupy Germany"-Fraktion scheint auf eine Art Wiederbelebung der großen Anti-Kapitalismus-Bewegung zu hoffen, die um die Jahrtausendwende begann und in Deutschland unter anderem beim G-8-Gipfel in Heiligendamm in einem gewaltigen, phantasievollen Massenprotest mündete. Und Attac hofft wohl auch, durch die Occupy-Bewegung in alter Größe zu erstrahlen.

Generell ist das Netzwerk treibende Kraft hinter vielen Aktionen - und lenkt manche Demonstrationen thematisch in eine fragwürdige Richtung. "Die Menschen Europas werden symbolisch von der Troika zur Europäischen Zentralbank getrieben", heißt es in einem Attac-Flyer für die Demonstration in Frankfurt. Dort sollen sie "Demokratie, soziale Sicherheit und öffentliche Daseinsvorsorge den Akteuren an den Finanzmärkten opfern". Zur Begründung heißt es unter anderem, dass "die EZB eine der mächtigsten demokratiefreien Zonen der EU ist" und dass sie "seit Jahren überwiegend im Interesse der Finanzindustrie handelt".

Es leuchtet kaum ein, warum ausgerechnet die EZB zum Oberbösewicht erklärt wird und nicht etwa die Deutsche Bank oder die Frankfurter Börse. "Das ist eine Pseudofokussierung, unangemessen und überflüssig", sagt Protestforscher Kraushaar. Mit so was lässt sich sicher nicht ein breiter Teil der Bevölkerung für den Protest gewinnen.

Hinzu kommen bürokratische Hürden: Aus dem Frankfurter Ordnungsamt etwa war zu hören, dass das geplante Protest-Camp vor der EZB spätestens am 19. Oktober bis 15 Uhr geräumt werden soll - wegen einer anderen Veranstaltung. Die Demonstranten selbst sagen dagegen, die beiden Veranstaltungen würden sich nicht behindern - und man könne durchaus länger bleiben.

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mitwisser, 14.10.2011
1. .
Jau. Ich bin auch dabei...
un-Diplomat 14.10.2011
2. Was für eine Frage?
Zitat von sysopIn den USA protestieren Tausende gegen die Zocker von der Wall Street - jetzt planen Aktivisten auch in Deutschland Massendemos: Ab dem 15. Oktober wollen Kapitalismuskritiker öffentliche Plätze in der Republik besetzen.*Doch hat die Bewegung hierzulande überhaupt Chancen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791349,00.html
Chancen auf jeden Fall, wenn man weiß, zwischen Chance und Ergebnis zu differenzieren. Nicht gleich vor dem Anfang alles gleich abwürgen.
kurtwied, 14.10.2011
3. Augen auf.
Bei der Videoplattform liveleak kann man sich ein gutes Bild davon machen aus welchen Mitgliedern diese "Bewegung" besteht. Es ist einfach eine unerträgliche Verzerrung zu behaupten diese Leute stünden für einen repräsentativen Teil der Bevölkerung. http://www.liveleak.com/view?i=a17_1318468898
mitwisser, 14.10.2011
4. .
"Nach Informationen der FAZ fordert Frankreich den Ausbau des europäischen Rettungsfonds EFSF zu einer Bank, damit durch zusätzliche Verschuldung die Mittel des Fonds maximiert werden könnten." Da kann man nur noch protestieren..
Kevol 14.10.2011
5. Schön wärs.
Deutschland als ernstzunehmende Protestler... das wäre doch mal ein neues Bild von uns. Und wehe, es kettet sich jemand an einen Geldautomaten!
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