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Angst vor Regierungswechsel: Griechenlands Sparer heben Milliarden ab

Griechen stehen vor Bankautomaten in Athen (Archiv): Ungewöhnliche "Mini-Kapitalflucht" Zur Großansicht
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Griechen stehen vor Bankautomaten in Athen (Archiv): Ungewöhnliche "Mini-Kapitalflucht"

Vor den Neuwahlen wächst in Griechenland die Unsicherheit: Binnen wenigen Wochen haben Sparer und Unternehmen 2,5 Milliarden Euro von ihren Konten geholt. Die Banken fürchten einen Ansturm auf die Geldautomaten - und sorgen vor.

Athen - Die anstehenden Neuwahlen versetzen viele Griechen in Panik: Aus Angst vor politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen hoben Sparer und Unternehmen laut Medienberichten im Dezember insgesamt 2,5 Milliarden Euro von ihren Bankkonten ab. Die derzeitige "Mini-Kapitalflucht" sei ungewöhnlich und lasse sich nur damit erklären, dass die Bürger sich große Sorgen machen angesichts der vorgezogenen Wahlen, berichtete die konservative Athener Zeitung "Kathimerini" am Mittwoch.

Die Tendenz, Geld abzuheben, hatte demnach bereits im November begonnen, im Umfang von rund 200 Millionen Euro. Ein Ansturm auf die Banken sei dies nach Schätzungen von Fachleuten eindeutig nicht. Die Entwicklung zeige aber die Besorgnis der Bürger, hieß es in dem Zeitungsbericht.

Am Montag hatte der Direktor einer Bankfiliale in der Athener Vorstadt Peristeri gesagt, man gehe vor allem bei Geldautomaten sehr vorsichtig vor: Damit auf keinen Fall ein "Bank Run" ausgelöst wird, sorgten die Institute dafür, dass alle Geräte ausreichend mit Geld bestückt sind.

Nachdem der ehemalige EU-Kommissar Stavros Dimas am Montag mit dem Versuch gescheitert war, neuer griechischer Staatspräsident zu werden, wurden für den 25. Januar Parlamentswahlen angesetzt. Aktuelle Umfragen in Griechenland zeigen einen Vorsprung des Linksbündnisses Syriza von Alexis Tsipras. Dieser strebt eine Neuaushandlung des griechischen Konsolidierungsprogramms und einen Schuldenschnitt an. Die bürgerliche Nea Dimokratia (ND) unter dem amtierenden Regierungschef Antonis Samaras hat allerdings in den vergangenen Tagen nach Angaben von Demoskopen aufgeholt.

Nach dem "Grexit" zurück zur Drachme?

Der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, äußerte mit Blick auf die Neuwahlen in Griechenland Kritik an der Rettungspolitik der EZB. "Griechenland war seit 2010 faktisch mehrfach insolvent", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Immer wieder sei mit neuem Geld der Mitgliedstaaten und der EZB die Insolvenz verschleppt worden. Jetzt zeigten sich "die nach wie vor ungelösten Probleme in aller Schärfe". Aus Protest gegen die Rettungsmaßnahmen der EZB war Stark 2011 zurückgetreten.

Der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hält einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone für bedenkenswert. Als Regierungschef würde der Chef der Linken Tsipras sein Land wohl in der Währungsunion halten wollen, aber nicht um jeden Preis, sagte Sinn dem "Tagesspiegel". Daher sei ein "Grexit"-Szenario nicht ganz unwahrscheinlich. Es träte dann ein, wenn sich Athen weitere Notkredite besorgen oder sich am Kapitalmarkt nicht mehr finanzieren könnte - Tsipras müsste so zur Drachme zurückkehren.

Auch der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Michael Fuchs (CDU), hält das für den Fall eines Wahlsiegs Tsipras' für denkbar. Die Situation sei eine völlig andere als vor drei Jahren, als man die Sicherungsmechanismen noch nicht gehabt habe, sagte Fuchs der "Rheinischen Post". "Die Zeiten, in denen wir Griechenland retten mussten, sind vorbei. Es gibt kein Erpressungspotenzial mehr." Griechenland sei nicht systemrelevant für den Euro. Wenn Tsipras meine, er könne die Sparmaßnahmen Griechenlands drosseln, "dann wird die Troika auch die Kredite für Griechenland zurückfahren müssen".

Tsipras hatte in den vergangenen Tagen seine Wähler auf ökonomische "Terrorszenarien" aufmerksam gemacht. Diese werde es in den nächsten Wochen immer wieder geben. Die Bürger dürften sich nicht von diesen Schreckensvisionen beeindrucken lassen, sagte der Politiker. Investoren und Spekulanten an den Finanzmärkten zeigten sich bislang weitgehend unbeeindruckt von den angesetzten Neuwahlen zum Parlament.

Bis Ende Februar muss das aktuelle Hilfs- und Sparprogramm für Griechenland abgeschlossen sein. Zudem muss mit den Geldgebern vereinbart werden, wie dem Land in den kommenden Monaten geholfen werden soll.

cst/dpa/Reuters

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insgesamt 254 Beiträge
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1. Die Märkte
Afrojüdischer_Sozi-Sinti 31.12.2014
Sie werden in Griechenland ein Exempel statuieren, was passieren kann wenn eine Bevölkerung "falsch wählt". Kennt man ja aus Chile.
2. noch wenige Wochen zum Beginn vom Game Over
weltbetrachter 31.12.2014
Tja, wenn die Wähler in Griechenland sich entschieden haben, dann wird man sehen was geschieht. Weitere Milliarden im Februar in das "Faß ohne Boden" pumpen oder "Game-Over". Beides ist nicht witzig, da letztlich der Steuerzahler "insbesondere der deutsche Steuerzahler" die Musik bezahlen darf, die er gar nicht bestellt hat.
3. War ja zu erwarten
einwerfer 31.12.2014
dass unsere Qualitätspresse jetzt in Panikmache verfällt und wie in diesem Fall mit reinen Spekulationen Stimmung gegen einen evtl. Wahlsieg von Syriza macht. Vieleicht sind die Leute ja nur optimistisch und haben Geld für Weihnachtseinkäufe abgehoben. Bei uns nennt das die GfK immer einen 'Konsumrausch'.
4.
!!!Fovea!!! 31.12.2014
Wo kommen denn auf einmal die Milliarden her, die die Griechen abheben? Ich kann gerne meine Kontonummer angeben, bei mir ist das Geld sicher angelegt, ich meine, ich habe bereits vor Jahren in Form von Steuern den Griechen mein Geld gegeben,Zeit für Payback.
5. Wenn dann ...
freddygrant 31.12.2014
... alle EUROs von den griechischen Banken abgehoben und ins Ausland verbracht wurden, dann können die Griechen ohne Probs die Drachme doch wieder einführen.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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