Schwarzbuch Werkverträge Billiger geht immer

Erst Leiharbeit, jetzt Werkverträge - den Ausbeutungsmöglichkeiten für Arbeitgeber sind fast keine Grenzen gesetzt. So schreibt es die Gewerkschaft NGG in ihrem Schwarzbuch Werkverträge. Darin kommen Menschen zu Wort, die wenig Rechte und noch weniger Lohn haben.

Ein Schlachter spritzt Pferdehälften aus: "Die Ausbeutung hat ein neues Level erreicht."
AP/San Antonio Express-News

Ein Schlachter spritzt Pferdehälften aus: "Die Ausbeutung hat ein neues Level erreicht."

Von Julian Kutzim


Hamburg - Sie sahen die Menschen noch, die ihren Arbeitsplatz einnehmen sollten. Pünktlich zum Schichtwechsel, als vor einem guten Jahr für 102 Beschäftigte des Wurstherstellers Höll der letzte Arbeitstag zu Ende ging, standen Rumänen vor den Toren der Fabrik. Sie waren der Ersatz für die entlassenen Arbeiter, einbestellt per Werkvertrag. Weil das Unternehmen aus Saarbrücken pleite war, musste es radikal sparen - auf Kosten der Mitarbeiter.

Inzwischen wurde ein Nachfolgeunternehmen gegründet. Die jetzige Firmenleitung sagte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, sie könne sich zu den Vorwürfen gegen die damaligen Verantwortlichen nicht äußern. Also auch nicht dazu, wie viel die damals eingestellten Rumänen mit ihren Werkverträgen verdienten. Bekannt ist nur, was die ersetzten Festangestellten erhielten - 10,65 Euro pro Stunde. "Was die Werkvertragsarbeiter bekommen haben, wissen wir nicht", sagt Dirk Naumann, Betriebsratsvorsitzender bei Höll. "Wir haben nur einen Stücklohn an das Subunternehmen gezahlt."

Das Schwarzbuch Werkverträge, das die Gewerkschaft für Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat, ist voll von solchen Geschichten. Der Titel: "Wenig Rechte, wenig Lohn - Wie Unternehmen Werkverträge (aus)nutzen." Auf 65 Seiten kommen Menschen zu Wort, die auf Schlachthöfen, in Backfabriken, bei Getränkeherstellern oder in Hotels arbeiten. Nicht als Angestellte der Unternehmen, sondern als Werkvertragsbeschäftigte von Subunternehmen.

Mit Werkverträgen unterlaufen Unternehmen den Schutz von Tarifverträgen und Betriebsräten. Viel Arbeit für wenig Geld. Wer sich wehrt, wird entlassen. Deshalb wehrt sich niemand. 65 Seiten, eine Anklage: Werkverträge sind die neue Form der Ausbeutung.

Bei einem Werkvertrag vergibt ein Unternehmen Aufträge für festgelegte Leistungen, beispielsweise das Auspacken von Ware, an eine Fremdfirma. Abgerechnet wird nicht nach Stunden, sondern nach Leistung, in diesem Fall nach ausgepackten Kartons. Wer die Akkordvorgabe nicht schafft, bekommt weniger Lohn oder muss länger arbeiten. Wesentlich ist beim Werkvertrag, dass die Fremdfirma die Leistung unabhängig vom Auftraggeber mit eigenen Arbeitskräften erbringt. Keiner aus dem Unternehmen darf den Werkvertragsarbeitern Anweisungen geben, sie sind Angestellte der Fremdfirma.

Gleichzeitig können auch Betriebsräte nicht für die Werkvertragsarbeiter sprechen. Der NGG-Umfrage zufolge haben fast 60 Prozent der Betriebsräte keinen Einblick in die Verträge zwischen Unternehmen und Subunternehmen. "Wir müssten Detektiv spielen. Das ist unmöglich", wird ein Betriebsrat zitiert. Und wer sich beschwert, fliegt raus: "Sie hängen doch an Ihrem Job, oder? Dann sprechen Sie mal besser nicht mit den Betriebsräten!", wird der Chef eines Getränkeunternehmens im Schwarzbuch wiedergegeben.

"Beschäftigte mit Werkverträgen sind die Tagelöhner der Moderne", sagt Claus-Harald Güster, stellvertretender Vorsitzender der NGG. "Die Arbeitgeber können praktisch machen, was sie wollen." Wie groß das Problem genau ist, wisse niemand. Werkverträge unterliegen nicht der Meldepflicht, daher gibt es keine verlässlichen Zahlen. Laut einer im Schwarzbuch zitierten Umfrage der IG Metall unter 900 Betriebsräten in Baden-Württemberg nutzen aber mehr als 70 Prozent der Betriebe systematisch Werkverträge.

Ähnliches gilt für die Ernährungsindustrie: Einer Umfrage der NGG Anfang 2012 zufolge ist jeder siebte Beschäftigte der Branche per Werkvertrag angestellt, Tendenz steigend. Besonders groß ist der Anteil in Schlachthöfen. Rund 30.000 Menschen arbeiten nach NGG-Angaben in der deutschen Schlachtindustrie, ein gutes Drittel von ihnen per Werkvertrag.

Besonders problematisch: Werkverträge lösen zunehmend die Leiharbeit ab. Inzwischen ist der NGG zufolge mehr als die Hälfte der Nicht-Stammbelegschaft per Werkvertrag angestellt. Der Grund liege in verschärften Regeln und verbindlichen Mindestlöhnen für Leiharbeitskräfte, die Unternehmen nun mit Werkverträgen umgehen: "Seit der Missbrauch von Leiharbeit begrenzt werden konnte, haben die Arbeitgeber mit den Werkverträgen ein neues Modell der Ausbeutung gefunden", sagt Güster.

Für die Unternehmen lohnen sich die Werkverträge. Der NGG-Umfrage zufolge liegt der durchschnittliche Stundenlohn von Werkvertragsarbeitern fast sechs Euro unter dem von Festangestellten und damit noch unter dem von Leiharbeitern. "Die Ausbeutung hat ein neues Level erreicht, Werkvertragsbeschäftigte sind noch weniger wert als Leiharbeitsbeschäftigte", sagt ein Betriebsrat.

Im Fall der Wurstwarenfabrik Höll sah das dann so aus: Im Juni 2012 waren 200 Menschen, überwiegend aus Osteuropa, im Werk tätig. Nach NGG-Recherchen mussten die Arbeiter bis zu 60 Stunden in der Woche arbeiten. Dafür bekamen sie 500 Euro im Monat und mietfreies Wohnen "in alten Häusern".

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Seite 1
Einweckglas 07.03.2013
1. Wie pervers die heutige globale Welt doch geworden ist...
Zitat von sysopDPAErst Leiharbeit, jetzt Werkverträge - den Ausbeutungsmöglichkeiten für Arbeitgeber sind fast keine Grenzen gesetzt. So schreibt es die Gewerkschaft NGG in ihrem Schwarzbuch Werkverträge. Darin kommen Menschen zu Wort, die wenig Rechte und noch weniger Lohn haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ngg-veroeffentlich-schwarzbuch-werkvertraege-a-887349.html
Modernes Sklaventum oder besser Besitzstandwahrung einiger weniger auf Kosten vieler. Sprich: Assozial. Man könnte auch sagen, die Leiharbeiter, Arbeiter mit Werkverträgen sichern das Einkommen der wenig verbliebenen Festangestellten. Meistens Herren / Damen, die sich dann mit hohen Einkommen irgendwann in die gutbezahlte Rente flüchten, wobei es vielleicht sogar noch die Betriebsrente drauf gibt. Ein Heer von Arbeitssklaven darf dafür dann hinhalten und das alles für´n Appel und ´n Ei versteht sich. Wie pervers die heutige globale Welt doch geworden ist...
reutter 07.03.2013
2. Außer Kontrolle
Hier läuft alles außer Kontrolle; wer von den Werkvertraglern führt als Selbständiger - das sind sie nämlich - Steuern und Sozialversicherungsbeiträge ab? Wie können sie von Fremdfirmen als Selbständige "beschäftigt" werden? Wieso kontrolliert das keiner? Weil wegen Einsparungen die Stellen der Kontrolleure gestrichen wurden - das geht alles Hand in Hand! Der Markt richtet es.
baron-bob 07.03.2013
3. Ich könnte jedesmal kotzen...
wenn wieder ein Politker oder Stammstischexperte der Meinung ist Deutschland braucht keinen Mindestlohn.
peterregen 07.03.2013
4.
Zitat von sysopDPAErst Leiharbeit, jetzt Werkverträge - den Ausbeutungsmöglichkeiten für Arbeitgeber sind fast keine Grenzen gesetzt. So schreibt es die Gewerkschaft NGG in ihrem Schwarzbuch Werkverträge. Darin kommen Menschen zu Wort, die wenig Rechte und noch weniger Lohn haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ngg-veroeffentlich-schwarzbuch-werkvertraege-a-887349.html
Und? Wo ist das Problem? Das hat schon alles seine Ordnung. Wenn es nicht in Ordnung wäre, würde die Politik ja etwas unternehmen. Fragen Sie doch zum Beispiel einfach mal Philipp Rösler.
GoaSkin 07.03.2013
5. auf Werksverträge muss sich wenigstens niemand einlassen
Für einen Langzeitarbeitslosen gilt beim Amt der Grundsatz, dass jede zumutbare Arbeit angenommen werden muss. Das Arbeitsamt darf aber Leuten nur die Leistung verweigern, weil sie einen Arbeitsvertrag abgelehnt haben. Das Amt darf niemanden sperren, weil er sich weigert, sich selbständig zu machen und einen Werksvertrag zu unterschreiben und ohne ausdrücklichen Wunsch des Kunden auch keine Tätigkeiten vermitteln, wo es um Werkverträge geht. Es scheint aber genug Leute zu geben, die sich freiwillig ausbeuten lassen und kein Problem haben, per Werksvertrag zu arbeiten.
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