Nico Rosberg übers Tempolimit "Wir würden ein besonderes Stück deutscher Autokultur zerstören"

Ex-Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg ist unter die Unternehmer gegangen. Im SPIEGEL-Interview erklärt er, warum die Zukunft der E-Mobilität gehört und warum er gegen ein Tempolimit ist.

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SPIEGEL: Herr Rosberg, haben Sie in der letzten Zeit wütende Anrufe von Ihren Ex-Kollegen aus der Formel 1 bekommen?

Nico Rosberg: Nein, warum?

SPIEGEL: Weil Sie gesagt haben, die Formel 1 mit ihren Verbrennungsmotoren passe nicht mehr in die neue Zeit.

Rosberg: Die Formel 1 muss sich langfristig Gedanken machen, wenn alle Welt auf E-Mobilität umstellt. Irgendwann wird dann auch die Formel 1 elektrisch werden. Aber die Formel E hat die Rechte an Autorennen mit E-Motoren. Da beide Rennserien den gleichen Besitzer - Herrn Malone - haben, könnte es sein, dass sie irgendwann fusionieren. Aber ich rede hier nicht gleich von morgen, sondern überübermorgen.

SPIEGEL: Wie lange werden beide Serien noch parallel laufen?

Rosberg: Das weiß ich nicht. Es sind in beiden Rennserien weitgehend die gleichen Hersteller am Start. Die Formel E ist für die Hersteller deswegen so interessant, weil sie dabei für die Entwicklung der E-Mobilität noch sehr viel lernen kann. Schade, dass die Autos in der Rennserie derzeit noch mit einer Einheitsbatterie ausgestattet sind. Hier liegt noch das größte Entwicklungspotential. Wichtig ist auch, dass wir in der Formel E Gladiatorenkämpfe sehen wie in der Formel 1.

Zur Person
  • Nico Rosberg, Jahrgang 1985, war Formel-1-Fahrer und gewann 2016 die Weltmeisterschaft. Wenige Tage nach dem Sieg verkündete Rosberg überraschend seinen Rücktritt. Inzwischen ist der Wahl-Monegasse als Unternehmer aktiv. Sein Vater ist der frühere Formel-1-Weltmeister Keke Rosberg.

SPIEGEL: Aber die deutschen Hersteller bauen ja keine Batterien.

Rosberg: Sie forschen weiter. Es wäre gefährlich, wenn China und Südkorea dauerhaft ein Monopol bei den Batterien haben, weil dort die größte Gewinnmarge steckt. Aber ich habe die Hoffnung, dass die deutschen Hersteller noch in die Batterieproduktion einsteigen.

SPIEGEL: Sie haben ziemlich bald nach Ihrem Ausstieg aus der Formel 1 angefangen, sich mit E-Mobilität zu beschäftigen. Was war der Moment, in dem Sie gedacht haben, Verbrennungsmotoren werden bald Geschichte sein, ich will in E-Mobilität investieren?

Rosberg: Auslöser waren meine Gespräche mit Mercedes. Zu der Zeit, als ich aus der Formel 1 ausgestiegen bin, habe ich gesehen, dass sich das ganze Unternehmen Richtung E-Mobilität bewegt. Und da ich eine bedeutende neue Herausforderung gesucht habe, habe ich beschlossen, in E-Mobilität und andere grüne Technologien zu investieren.

SPIEGEL: Was war der erste Schritt?

Rosberg: Ich habe mich an der Formel E beteiligt, weil ich mich da am besten auskenne. Und das Investment hat sich schon gelohnt, der Wert hat sich vervielfacht, die Formel E ist jetzt 700 Millionen Euro wert.

SPIEGEL: Wie groß schätzen Sie das Vermarktungspotential der Formel E ein?

Rosberg: Riesig. Die Sponsoren wollen alle rein. Viel Potenzial liegt noch bei den Fernsehrechten. Da verdienen wir noch wenig, daran müssen wir noch arbeiten. Das liegt aber daran, dass die Formel E erst vier Jahre alt ist. Das war bei der Formel 1 auch nicht von Beginn an so. Das ist ein langer Weg.

SPIEGEL: Weil die Formel 1 dominiert? Wird das irgendwann kippen?

Rosberg: Nein, die Rennsport-Fans werden nicht plötzlich nur noch Formel E schauen. Deswegen muss die Formel E auch neue Zielgruppen ansprechen. Der Anspruch ist, Familien und innerstädtische Zielgruppen anzusprechen. Bei der Formel E geht es neben den Rennen auch um einen übergeordneten Sinn, die umweltfreundliche Mobilität. Eine Bewegung. Ein Bewusstsein.

SPIEGEL: Weil Sie Leute gewinnen können, die aus Umweltgründen die Formel 1 ablehnen?

Rosberg: Ja, subtil ist das so.

SPIEGEL: Viele sehen das Auto als Ausdruck ihrer Persönlichkeit an, haben eine emotionale Beziehung dazu.

Rosberg: Heute nicht mehr. Ich bin hier in Davos auch mit Uber unterwegs, da ist mir egal, was das für ein Fahrzeug ist. Wenn sich das autonome Fahren durchsetzt, wird sich das noch stärker verändern.

SPIEGEL: Haben die Leute denn dann überhaupt noch Lust, Rennen zu fahren?

Rosberg: Das könnte schon nachlassen. Das Auto war früher für die Jugend ein Stück Freiheit. Das geht verloren, es wird weniger Menschen geben, die diese Leidenschaft fürs Autofahren haben. Aber vielleicht gewinnt man die Leute stattdessen über E-Sports und Gaming für den Rennsport.

SPIEGEL: Wer wird die E-Mobilität dominieren? Die Amerikaner, die Deutschen oder die Chinesen?

Rosberg: Die deutschen Hersteller gehen nun massiv in die E-Mobilität, ich glaube deshalb, dass sich die bestehende Ordnung nicht sofort ändert. Die größere Disruption kommt durch das autonome Fahren und durch Carsharing, weil die Marktmacht dann auf einer App beruht und nicht mehr auf dem Fahrzeug. Dann besteht die Gefahr, dass Anbieter wie Google den Markt dominieren. Aber die Hersteller wissen das und geben deshalb Gas.

SPIEGEL: Haben die Deutschen zu lange am Verbrennungsmotor festgehalten?

Rosberg: Wahrscheinlich hätten sie früher mit E-Motoren kommen sollen. Aber es bringt ja nichts, viele Elektroautos zu produzieren, wenn keiner sie kauft. Und wenn die Ladestruktur noch nicht da ist. Auch jetzt wissen wir nicht, ob all die E-Modelle von VW und anderen tatsächlich gekauft werden. Ohne Tesla hätte es vermutlich noch länger gedauert, aber alle haben Angst, dass Tesla den Markt beherrscht.

SPIEGEL: Und dank der Dieselaffäre.

Rosberg: Ja, die Dieselaffäre hat die Entwicklung beschleunigt. Aber wenn Preis und Reichweite bis zur großen Modelloffensive 2021/22 stimmen, haben die deutschen Hersteller eine gute Chance. Und das ist auch wichtig, die Städte müssen sauberer werden.

SPIEGEL: Tut die deutsche Politik genug, um die E-Mobilität zu fördern?

Rosberg: Grundsätzlich schon, aber die größte Herausforderung ist die Infrastruktur. Darüber werde ich in Davos auch mit Verkehrsminister Andreas Scheuer sprechen.

SPIEGEL: Was würden Sie ihm empfehlen?

Rosberg: Ich kann da keine Empfehlung geben, dafür fehlt mir die Expertise. Aber wichtig ist, dass alle zusammen, Politik und Unternehmen, beim Aufbau der Infrastruktur für die E-Mobilität zusammenarbeiten, um das zu beschleunigen.

SPIEGEL: Sie sagten, die Städte müssen sauberer werden. Sind Fahrverbote, wie es sie nun in einigen Städten gibt, der richtige Weg?

Rosberg: Ich glaube nicht. Natürlich müssen wir den Verkehr in den Städten reduzieren. Aber das darf nicht zulasten der Verbraucher gehen. Wir müssen behutsam vorgehen.

SPIEGEL: In Deutschland wird derzeit über eine Geschwindigkeitsbegrenzung diskutiert. Wäre das sinnvoll, um die Luftverschmutzung durch Abgase zu reduzieren?

Rosberg: Ich weiß nicht, ob ein Zwangsverzicht immer der richtige Weg ist. Es gibt auch schlauere Wege als die Verbotsaxt. Es geht hier um zwei Dinge: Risiko minimieren und Umweltschutz. Wir würden ein besonderes Stück deutscher Autokultur zerstören. Die Autobahn ist berühmt in der ganzen Welt und sollte es bleiben. Wir müssen die Technik verbessern, um Risiko und Schadstoffe zu reduzieren. Das können Sicherheitssysteme im Auto sein. Und: Seit 2008 gibt es zum Beispiel in der EU nur noch schwefelfreien Treibstoff. Da müssen wir weiter machen. Am Ende steht hoffentlich eine Mobilität mit 100 Prozent nachhaltig erzeugter Energie und 100 Prozent Recyclingquote bei Batterien.

SPIEGEL: Wo liegen für Sie als Unternehmer die größten Chancen?

Rosberg: Ich habe den Vorteil, dass sich wegen meiner Formel-1-Vergangenheit viele Türen öffnen und habe mittlerweile ein gutes Netzwerk. So kann ich in Start-ups investieren, in die andere nicht hineinkommen. Ich bin konservativ und investiere deshalb in viele verschiedene Firmen, weil man nicht weiß, wer sich durchsetzt. Aber bisher entwickeln sich die Investments gut, sowohl finanziell, als auch gemessen an ihrem positiven Einfluss auf das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele. Denn danach suche ich aus.

SPIEGEL: Woran messen Sie das Erreichen dieser Ziele?

Rosberg: Hier in Davos wird ein Instrument vorgestellt, das das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen von der CO2-Reduktion bis hin zur Gleichstellung der Geschlechter messbar machen soll. Der nächste Schritt wäre die Zertifizierung.

SPIEGEL: Wie definieren Sie Ihre Ziele als Investor und Unternehmer?

Rosberg: Ich will Erfolg haben, unternehmerisch, und ich will die Leute ermutigen, sich für Nachhaltigkeit einzusetzen. Dafür habe ich beispielsweise einen Podcast gemacht. In meiner aktiven Zeit habe ich viel für meine Persönlichkeitsentwicklung getan, ich habe beispielsweise mit einem Privatlehrer zehn Jahre lang Philosophie und Psychologie studiert. Diese Erfahrungen möchte ich über den Podcast "Wendepunkt" weitergeben, auch mit Gästen. Es ging letztes Jahr los mit Bernie Ecclestone.

SPIEGEL: Vom Rennfahren sind Sie es gewohnt, sofort die Bestätigung zu bekommen, ob Sie gewonnen haben oder nicht. Als Unternehmer ist das nicht so. Ist das ein Problem für Sie?

Rosberg: Ja, ich finde es schon frustrierend. In den Rennen habe ich nach jeder Runde meine Zeit gesehen. Als Start-up-Investor muss man Jahre warten, bis man - wenn es gut läuft - Erfolge sieht. Aber es gibt sie. Vor zwei Jahren habe ich Anteile an der Ingenieursfirma TRE aus Neustadt mit dem Industriekonzern IAV übernommen. Die Firma wurde von meinem Vater in den Neunzigern initiiert, als Seitenarm seines Rennteams. Gerade war ich auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas, wir haben dort zusammen mit dem Autozulieferer Schaeffler das autonome Shuttle "Mover" vorgestellt, für das wir mit TRE das Fahrwerk entwickelt haben. Es kann seitwärts fahren, sich um die eigene Achse drehen und ist sehr vielfältig einsetzbar - in der Logistik, im Lager oder um Menschen autonom zu befördern.

SPIEGEL: Sie fördern auch junge Fahrer. Was tun Sie da genau?

Rosberg: Ich fördere die Kart-Serie für Jugendliche gemeinsam mit Sponsoren. Ich möchte da etwas zurückgeben. Ich würde gerne den nächsten Michael Schumacher finden.

SPIEGEL: Wird der nächste Schumacher für die Formel 1 oder die Formel E fahren?

Rosberg: Der wird noch für die Formel 1 fahren. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde die Formel 1 nach wie vor klasse.

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HanzWachner 23.01.2019
1. So so...
...der Herr Ex-Rennfahrer ist gegen ein Tempolimit. Alles andere hätte mich auch gewundert. Weiß er eigentlich, dass es in Frankreich (inkl. Monaco) ein Tempolimit gibt? Und er wohnt trotzdem dort?
oinarc 23.01.2019
2. Irrläufer
Der ökologische Fußabdruck eines Ex-Rennfahrers ist derart krass, dass er sich in Sachen Klimaschutz bescheiden zurückhalten sollte.
CrocodileDandy 23.01.2019
3. Auto, das goldene Kalb
Die Überschrift passt nicht zu der eher subtilen Aussage von Herrn Rosberg, da er grundsätzlich eher Befürworter einer veränderten Mobilität zu sein scheint. Und streng genommen wird ein reines Tempolimit auf Autobahnen viele Probleme nicht lösen. Es wird weiterhin auch innerstädtisch durch Spielstraßen gebrettert und Fußgänger/Radfahrer stehen in der Nahrungskette ganz unten. Hier muss auch ein Ansatz her: Abschaffung der Dienstwagensubventionen, Besteuerung von Verbrauch, Gewicht und Größe anstatt von Hubraum und Leistung. Verteuerung von Parkflächen, City Maut, gesetzliches Recht auf Homeoffice bei Jobs, wo es auf Anwesenheit nicht ankommt. Aber ein Tempolimit würde sich ggf. sinnvoll auf die übermotorisierten Fahrzeuge auswirken, der Fokus könnte mehr auf entspanntem Reisen liegen. Und auch für die Vorbereitung des zukünftigen autonomen Fahrens wäre ein Tempolimit sicher sinnvoll. Gibt viele Stellschrauben, aber leider ist Scheuer der zuständige Minister
geri&freki 23.01.2019
4. "Auto-Kultur"?
Ist das dann das Pendant zur amerikanischen "Schieß-Kultur"? Oder zum spanischen Stierkampf und zum japanischen Walfang? Der Begriff "Kultur" dürfte wohl auch hier fehl am Platze sein. "Wahn" wäre wohl zutreffender!
bissig 23.01.2019
5. Ein besonderes Stück Autokultur?
Mit Kultur hat das nichts zu tun. Früher bedurfte es keine Geschwindigkeitsbeschränkungen, die allermeisten Fahrzeuge waren lange nicht in der Lage, entsprechende Geschwindigkeiten zu erreichen. Wenn ich mich recht entsinne, kam unser 78er Passat mit seinen 75PS gerade mal auf 180 km/h - laut Tacho. Und das war schon ein mulmiges Gefühl. Und das zu einer Zeit, als der Käfer noch das Strassenbild prägte und 75 PS eine klare Ansage waren. Heutzutage ist das ganz anders, es gibt wesentlich mehr Fahrzeuge auf unseren Strassen, und die meisten Fahrzeuge sind in der Lage, in die Nähe der 200 km/h zu kommen. Insofern sollte man hier regelnd eingreifen. Die Assistenzsysteme sind vielleicht besser geworden, und die Rettungsdienste effektiver - aber die Physik und die Reaktionsfähigkeit des Homo Sapiens haben sich nicht geändert.
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