Aufstocker Staat zahlt jährlich 1,5 Milliarden Euro für Niedriglöhne im Handel

Die Lohnpolitik des Einzelhandels wird vom Staat kräftig gefördert: Jedes Jahr fließen nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen 1,5 Milliarden Euro an Beschäftigte des Handels, deren Einkommen nicht zum Leben reicht. Jeder Fünfte verdient weniger als 8,50 Euro in der Stunde.

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Demo für höhere Löhne im Einzelhandel: Jeder Fünfte liegt unter 8,50 pro Stunde
DPA

Demo für höhere Löhne im Einzelhandel: Jeder Fünfte liegt unter 8,50 pro Stunde


Hamburg - Meist weiblich, immer häufiger unsicher beschäftigt und oft abhängig von staatlichen Zuschüssen - so sieht der typische Arbeitnehmer im Einzelhandel im Jahr 2013 aus. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag hervor. Die Antwort liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Inzwischen arbeitet demnach jeder dritte der rund 3,2 Millionen Beschäftigten im Einzelhandel zu einem Lohn unter zehn Euro die Stunde, jeder fünfte erhielt den verfügbaren Daten aus dem Jahr 2010 zufolge sogar weniger als 8,50 Euro. Die Folge: Viele dieser Löhne müssen aufgestockt werden. Nach Angaben der Bundesregierung gibt der Staat jährlich rund 1,5 Milliarden Euro an ergänzendem Hartz IV für Aufstocker des gesamten Handels aus - drei Viertel der Bezieher arbeiten im Einzelhandel. So mussten im Juni vergangenen Jahres die Einkommen von rund 130.000 Beschäftigten des Einzelhandels auf ein existenzsicherndes Niveau aufgestockt werden.

Die Zahlen haben Sprengkraft, vor allem vor dem Hintergrund, dass Anfang des Jahres die Arbeitgeber in fast allen Bundesländern den Manteltarif im Einzelhandel aufgekündigt hatten. Wie schwierig abgesicherte Arbeitsbedingungen im Handel durchzusetzen sind, zeigte zuletzt auch das Beispiel Karstadt. Der Kaufhauskonzern war komplett aus dem Flächentarifvertrag ausgestiegen, weil er tarifliche Lohnerhöhungen nicht mehr mittragen will.

Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, sieht politischen Handlungsbedarf. "Es ist nicht hinnehmbar, dass auf Kosten der Beschäftigten und der Gemeinschaft Niedriglöhne mit Steuergeldern in Milliardenhöhe aufgestockt und so Gewinne von Unternehmen subventioniert werden, die auf Lohndumping setzen." Zimmermann plädiert für einen gesetzlichen Mindestlohn und eine Einschränkung unsicherer Beschäftigungsverhältnisse wie Minijobs und Leiharbeit.

Rapider Rückgang von Vollzeitstellen

Aus der Antwort der Bundesregierung geht im Detail hervor, wie sehr sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen im Einzelhandel abnehmen und dafür von Gewerkschaften als prekär oder atypisch bezeichnete Stellen zunehmen. Darunter fallen Beschäftigte in befristeten Jobs, in Teilzeit mit weniger als 20 Stunden oder Minijobs. So fielen im Jahr 2011 - neuere Zahlen liegen nicht vor - fast 40 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel in diese Kategorie. Im Jahr 2000 waren es noch 31 Prozent. Am stärksten nahmen die Befristungen zu - sie legten um zwei Drittel zu. Normalerweise zählt auch die Leiharbeit zu den atypischen Beschäftigungsverhältnissen, für sie liegen aber keine gesonderten Daten für den Einzelhandel vor.

Von fast 3,2 Millionen Beschäftigten im Einzelhandel im Juni 2012

  • waren 2,2 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigt,
  • rund 2,3 Millionen waren Frauen,
  • 1,3 Millionen hatten Vollzeitstellen (minus 11 Prozent gegenüber 2000),
  • arbeiteten 980.000 in einem Minijob (plus 51 Prozent seit 2003).

Tarifbindung sinkt auf Tiefstand

Parallel zu dem Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstellen ging auch die Zahl der tarifgebundenen Unternehmen zurück - Karstadt war nur eines der bekannteren Beispiele. Seit dem Jahr 2000 bis zum Jahr 2011 ist der Anteil der Beschäftigten, die im Handel nach einem Tarifvertrag bezahlt werden, im Westen von 70 Prozent auf 54 Prozent gefallen, im Osten von 43 Prozent auf 32 Prozent.

Die Bundesregierung räumt in ihrer Antwort ein, dass diese Entwicklung "Anlass zur Sorge" geben kann, weil "Tarifverträge in bestimmten Bereichen ihre Schutzfunktion nicht entfalten können". Und sie erkennt Reformbedarf bei der Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen an. Doch wie ernst sie es damit meint, ist unklar. Am Ende der Anfrage lobt sie die Einzelhandelskette Globus als vorbildlichen, familienfreundlichen Arbeitgeber. Das Unternehmen hatte noch vor Karstadt den Ausstieg aus dem Tarifvertrag erklärt.



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herbert 04.06.2013
1. Das ist Deutschland von der anderen Seite !
Zitat von sysopDPADie Lohnpolitik des Einzelhandels wird vom Staat kräftig gefördert: Jedes Jahr fließen nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen 1,5 Milliarden Euro an Beschäftigte des Handels, deren Einkommen nicht zum Leben reicht. Jeder Fünfte verdient weniger als 8,50 Euro in der Stunde. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/niedrigloehne-im-handel-kosten-den-staat-jaehrlich-1-5-milliarden-euro-a-903448.html
Die schönen Bilanzen der Unternehmen und die gigantischen Gewinne werden gerne von der Politik vorgestellt. Dann die fast Vollbeschäftigung oder die niedrigen Arbeitslosenzahlen. Es wird von der Politik so getan, als wenn alles in Ordnung ist in diesem Staat. Doch die Schattenseiten schreien zum Himmel! Niedriglöhne wohin man schaut. Unternehmen flüchten gerne in 400 Euro Jobs, denn damit kann man Geld verdienen. Hartz 4 wurde unter Rot Grün eingeführt. Die Unternehmenssteuern wurden Dank Rot Grün fast gegen Null gefahren. Das Elend setzt sich heute fort, indem die jetzige Regierung sich schwer mit einem Mindestlohn tut. Erbärmlich versagt haben die Gewerkschaften, die damals Rot Grün unterstützt haben und heute vor einem Schwerbenhaufen stehen. Unzählige Mitglieder sind aus den Gewerkschaften ausgetreten, weil die reich bezahlten Gewerkschaftsbosse außer Stammtischreden kaum handeln. Fazit: Es ist Unmenschlich und ein Verbrechen, dass heute Menschen mehrere Jobs haben müssen, um in diesem Staat klar zu kommen.
Benjowi 04.06.2013
2. Übelste Sozialstaatsplünderer!
Das sind übelste Sklavenhaltermethoden, die an das 19. Jahrhundert erinnern. Hier werden Sozialgesetze per Mitnahmeeffekt zum Lohndumping mißbraucht und die entsprechenden Arbeitgeber muss man leider in die übelste Kategorie von Sozialschmarotzern einordnen, die denkbar sind. Es ist eine Schande, dass die Regierung diesem Treiben unbewegt zuschaut und die Schädigung der Gemeinschaft zugunsten dieser bewusst und methodisch vorgehenden Sozialstaatsplünderer zulässt. Diese Unternehmen stehen in keinster Weise im internationalen Wettbewerb und können auch keine Arbeitsplätze wegrationalisieren oder ins Ausland verlagern. Es gibt also absolut keinen Grund, solche Methoden zuzulassen! Auf diese Weise kommt der Sozialstaat viel mehr in Verruf und unter die Räder, als mit den ebenfalls unsäglichen Mißbrauchsmethoden von Sozialleistungen, die libanesische Großfamilien mitunter praktizieren!
LudBri 04.06.2013
3. Nichts verstanden
45% der erwerbstätigen Frauen zwischen 15 und 64 Jahren arbeiten in Teilzeit. Gründe sind Pflegen von Angehörigen, Betreuung der Kinder, familiäre und persönliche Gründe. Sie können aus den genannten Gründen garnicht Vollzeit arbeiten und daher ihre Existenz nicht alleine sichern. Dass ihre Teilzeittätigkeit aufgestockt werden muss, damit sie ein Auskommen haben, ist dann wohl eine gute Sache. Oder sollen die Frauen ganz zuhause bleiben und nur auf Hartz IV rumhocken? Was daran ist skandalös? Was hat Sprengkraft?
bumminrum 04.06.2013
4. auch fuer abgeordnete einfuehren
sollte man alle Regelungen des Einzelhandels......dann wuerde sich schnell etwas aendern
sirgentlemen 04.06.2013
5. Schande für die Politik
Schande wie das offensichtlich gefördert wird, ohne Mühe und Scheu. Anstatt das die Arbeitgeber ihre Mitarbeiter/innen ordentlich bezahlen, springt der Staat ein und zahlt mit Steuergeldern. Eine offensichtliche verar......e. Aber keinen interessiert es, jeder lebt munter weiter.
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