Reich und Arm Wer von Niedrigzinsen profitieren kann

Schlecht für Sparbuchinhaber, gut für Schuldner und Immobilienbesitzer: Die Niedrigzinsen können auch den Ärmeren nutzen. An der Ungleichheit in der Gesellschaft ändern sie jedoch nichts.

EZB-Gebäude in Frankfurt
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EZB-Gebäude in Frankfurt

Eine Kolumne von


Die Niedrigzinsen machen sich bei jedem Bürger anders bemerkbar. Wie unterschiedlich, wollte die Bundesbank gerne wissen - und lässt sich darüber auf mehr als 20 Seiten in ihrem jüngsten Monatsbericht aus. Herausgekommen ist ein Forschungsbericht mit ausgewogenen Antworten.

Doch das Leben ist immer ganz konkret. Daher lautet meine konkrete Antwort: Am Ende schadet die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) vor allem vorsichtigen Sparern. Reichen Anlegern und armen Schluckern kann's egal sein. Manchmal profitieren sie sogar - wenigstens potenziell.

Warum arme Schlucker profitieren

Wer kein Erspartes hat, bekommt auch keine Zinsen für sein Erspartes. Es kann ihm schlicht egal sein, ob für das Tagesgeld ein oder drei Prozent gezahlt werden. Er braucht sich deshalb auch keine Gedanken darüber zu machen, ob er zu einer guten Bank mit einem Prozent Zinsen fürs Tagesgeld geht oder sein Erspartes für null Prozent bei der bisherigen Bank lässt. 100 Euro Unterschied spürt nur der, der 10.000 Euro auf einem Tagesgeldkonto parken kann.

Ob seine private Altersvorsorge mehr einbringt, ist für Verbraucher ohne finanzielle Reserven - und das sind leider viele - auch nicht das Problem. Sie haben keine, weil sie sich nicht leisten können.

Auf der Kreditseite andererseits profitieren Menschen ohne Erspartes potenziell von niedrigen Zinsen. Wer keine Rücklagen hat, muss notgedrungen häufiger Kredite aufnehmen, um notwendige Ausgaben zu tätigen (Kühlschrank, Wohnungskaution, Auto). Die Kreditzinsen sind heute viel niedriger als vor Jahren. Und die Unterschiede zwischen einem teuren Kredit und einem preiswerten ist für Menschen ohne Rücklagen gewaltig. 5000 Euro Kredit in fünf Jahren abzubezahlen bei neun Prozent effektivem Jahreszins kosten 1176 Euro an Zinsen. Bei vier Prozent kostet der gleiche Kredit in 60 Monaten nur 515 Euro Zinsen, Differenz 661 Euro. Viel Geld für einen Haushalt, der jeden Euro umdrehen muss.

Wichtig für den mittellosen Haushalt: Kunden können heute jederzeit einen alten Ratenkredit zurückgeben und einen neuen, preiswerteren abschließen. Das verdanken sie der EU. Vergleichen lohnt sich und ist heute viel einfacher. Wichtig ist, dass sich diese Kunden nicht beim Kreditabschluss eine Restschuldversicherung unterjubeln lassen. Hier hilft der Gesetzgeber noch nicht.

Warum reiche Anleger profitieren

Die deutsche Realität ist: Vor allem wohlhabende und reiche Leute investieren ihr Geld auf dem Aktienmarkt. Und sie haben in den vergangenen Jahren profitiert. Denn die Aktienkurse sind nach dem Absturz 2008 durch den EZB-Kurs des billigen Geldes schnell wieder in alte Höhen getrieben worden. Aber auch in den vergangenen Jahrzehnten war die Anlage in Aktienfonds langfristig vielversprechender als ein Sparbuch.

Noch breiter ist die Vermögenswirkung für diejenigen, denen es finanziell sehr gut geht, weil der Preis von Immobilien in vielen Städten deutlich gestiegen ist. Und die Preise der Kredite für diese Immobilien deutlich gesunken sind. Wohl dem, der eine solche Immobilie hat.

Gekniffene Sparer

Gekniffen hingegen sind Sparer mit viel Geld auf der Bank oder in einer Lebensversicherung. Wer 100.000 Euro auf einem Festgeldkonto hat, bekam dafür vor zehn Jahren häufig mehr als vier Prozent Zinsen, also 4000 Euro, wenn er sich für drei Jahre festlegte, heute sind es gerade 1400. Wer im Jahr 2000 mit seiner Altersvorsorge begann, bekam vier Prozent Zinsen auf den Sparanteil der Rentenversicherung garantiert, der Vertreter säuselte etwas von sieben Prozent Rendite. Heute liegt die Garantie bei neuen Verträgen oft bei null Prozent und die realen Renditen für jahrzehntelanges Sparen bei zwei Prozent. Wer einen schlechten Vertrag erwischt, erreicht erst nach 25 Jahren die schwarze Null.

Kurze Zusammenfassung: Die niedrigen Zinsen haben in einigen Fällen den Menschen ohne Erspartes, sicher aber Immobilienkäufern, -besitzern und Aktionären geholfen. Klassische Sparer hingegen mit ihren Festgeldern und Lebensversicherungen hatten und haben wenig Glück.

Was aber laut Bundesbank bleibt, ist die ungleiche Verteilung bei dem, was sich unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten erarbeitet hat. Unter den OECD-Ländern geht es nur in fünf anderen Ländern ungleicher zu - in den USA etwa, aber auch in Schweden oder den Niederlanden. Und das ist in den vergangenen Jahren auch nicht besser geworden.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.


insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
leidernein 24.09.2016
1. Oder zusammengefasst
Umverteilung aus der Mitte nach Oben und nach Unten. Das ist ja schon länger so, und die Zinsen sind nur ein Beispiel dafür.
spon_2502913 24.09.2016
2. Danke Tenhagen,
eine Analyse ohne Mehrwert, denke das wissen die meisten Menschen bereits. Stresstest
winki 24.09.2016
3. Die Niedrigzinsen können auch den Ärmeren nutzen
Das halte ich für ein Gerücht! Weil die Banken bei Krediten die sie vergeben geringe Zinsen bekommen, versuchen sie an anderer Stelle Geld zu verdienen. Es gibt künftig immer weniger Gebühren freie Konten, die bisher vorwiegend vom ärmeren Teil der Bevölkerung genutzt werden. Banken die bisher für Leistungen Gebühren verlangen erhöhen ihre Preise dafür. Wo also bitte schön ist der Nutzen für Ärmere. Kredite bekommen sie wegen fehlender Bonität ohnehin kaum, so dass auch niedrigere Zinsen nichts nützen. Profitieren werden wie immer und wie gewollt nur die Reichen. Dafür sorgen die EZB und die Bundesregierung.
Patrik74 24.09.2016
4. Gute Analyse
Aber auch nicht besonders, kompliziert herzuleiten. Wichtig wäre noch die Frage, wer am meisten profitiert - derjenige, der über 5 Jahren ca. 600€ an Kredit steigt, oder der superreiche, der Immobilien im Wert von 10 Mio.€ besitzt und diese im Wert um 15% steigen. Das erklärt dann auch, warum A) Diese Politik fortgesetzt wird B) Niemand genötigt ist, in irgendetwas neues zu investieren Wenn man leistungslos immer reicher wird, ist das sehr bequem. Warum ein Risiko eingehen? Paradoxerweise könnte weniger Geld vielleicht hilfreich, um Investitionen anzuschieben, weil Nichtstun dann nicht mehr reicht.
KlausMeucht 24.09.2016
5. Zinsen
Die allermeisten Menschen zahlen mehr Zinsen, als sie erhalten. Die Zinsen sind im Mietpreis und in den Waren die wir kaufen eingepreist. Wenn alle versuchen zu Sparen und kaum jemand bereit ist sich zu verschulden, sind niedrige Zinsen normal. Warum soll das Prinzip von Angebot und Nachfrage nicht für Zinsen gelten?
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