Nobelpreisträger Paul Krugman: Wie der Euro gerettet werden kann

Ein Gastbeitrag von Paul Krugman

Die Einführung des Euro war ein fataler Fehler. Trotzdem kann die Gemeinschaftswährung überleben. Dafür muss Europa aber erst die wahren Ursachen der Krise erkennen - und mehr Inflation in Kauf nehmen.

Problemfall Euro: Die Euro-Zone als Ganze steht gar nicht so schlecht da Zur Großansicht
dapd

Problemfall Euro: Die Euro-Zone als Ganze steht gar nicht so schlecht da

Seit rund 60 Jahren führt Europa ein einmaliges Experiment durch: den Versuch, einen vom Krieg zerrissenen Kontinent mithilfe der wirtschaftlichen Integration zu einen, und dauerhaft den Weg zu Frieden und Demokratie einzuschlagen. Die ganze Welt hat ein Interesse am Erfolg dieses Projekts und trägt den Schaden, wenn es scheitern sollte.

Der europäische Gedanke erklärt auch einen aus heutiger Sicht fatalen Schritt, nämlich die Einführung einer Gemeinschaftswährung. Die europäischen Eliten waren derart begeistert von der Idee, ein starkes Symbol der Einheit zu schaffen, dass sie die Vorteile der gemeinsamen Währung übertrieben und alle Warnungen vor den Nachteilen in den Wind schlugen.

Südeuropäische Länder hatten in der Vergangenheit deutlich höhere Zinsen für ihre Anleihen gezahlt als Deutschland, da Anleger eine Risikoprämie für das Risiko einer Abwertung oder eines Staatsbankrotts verlangten. Mit der Einführung des Euro schmolzen diese Risikoprämien dahin: Spanische, italienische und selbst griechische Anleihen wurden plötzlich so behandelt, als seien sie genauso sicher wie deutsche. So kam es, dass Südeuropäer plötzlich deutlich billiger an Geld kamen. Die Folge war ein Immobilienboom, der sich rasch in eine Spekulationsblase verwandelte.

Der Zustrom des Kapitals nährte einen Boom, und der führte zu Lohnerhöhungen: Während der ersten zehn Jahre nach der Einführung des Euro stiegen die Lohnstückkosten (der Lohn gemessen an der Produktivität) in Südeuropa um 35 Prozent, in Deutschland dagegen nur um 9 Prozent. In Südeuropa wurde die Industrieproduktion daher immer weniger wettbewerbsfähig, was zur Folge hatte, dass die Länder, die viel ausländisches Kapital anzogen, immer größere Außenhandelsdefizite anhäuften.

Europas Große Täuschung besteht in dem Glauben, dass die Krise durch unverantwortliche Haushaltsführung zustande kam. Sie könnten jetzt einwenden, dass das auf Griechenland doch wirklich zutrifft. Das stimmt zwar, aber selbst die griechische Geschichte ist komplizierter. Irland hatte dagegen vor der Krise einen Haushaltsüberschuss und eine niedrige Staatsverschuldung. Auch Spanien hatte einen Haushaltsüberschuss und wenig Schulden.

Doch viele europäische Verantwortliche, allen voran deutsche Politiker, die Führung der Europäischen Zentralbank und die Meinungsführer in der Finanzwelt, wiederholen gebetsmühlenartig die große Täuschung und lassen sich auch von handfesten Gegenbeweisen nicht erschüttern. Sie kleiden das Problem gern in ein moralisches Gewand: Die betroffenen Länder haben gesündigt, und nun müssen sie büßen - ein ganz schlechter Ansatz zur Lösung der eigentlichen Probleme des Kontinents.

Der Euro selbst hat die Krise ausgelöst

Europa, insbesondere die Euro-Zone als Ganze, steht eigentlich gar nicht so schlecht da. Aber Europa ist kein Ganzes. Es ist eine Ansammlung von Staaten mit ihren eigenen Haushalten (da es kaum eine gemeinsame Haushaltspolitik gibt) und Arbeitsmärkten (da die Mobilität der Arbeitnehmer gering ist). Was diese Staaten nicht haben, ist eine eigene Währung. Und genau das war der Auslöser der Krise.

Nehmen wir Spanien, für mich das Sinnbild der europäischen Krise, und stellen wir die Frage des Staatshaushalts einen Moment lang hintan. Das eigentliche spanische Problem, an dem alles andere hängt, besteht darin, Kosten und Preise nach unten zu korrigieren. Spanien und die anderen Krisenstaaten des Euroraums haben jedoch keine eigene Währung. Das heißt, um ihre Kosten zu senken, müssen sie eine lange Phase der Massenarbeitslosigkeit durchleiden, die ausreichend hoch ist, um die Löhne zu drücken.

In der Regel entledigen sich Staaten ihrer Schulden mit einer Mischung aus Inflation und Wirtschaftswachstum, mit der sie die reale Schuldenlast abbauen. Doch da den Ländern der Euro-Zone dieser Weg nicht offensteht, sind sie zu Jahren der Deflation und Stagnation verdammt. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass sich Anleger fragen, ob die südeuropäischen Nationen willens und in der Lage sind, ihre Schulden vollständig zu bezahlen.

Drei Schritte zur Rettung

Wäre die Europäische Union nicht besser beraten, einen Schritt zurück zu machen und zu den Landeswährungen zurückzukehren? Nicht unbedingt.

Als allererstes muss Europa den Panikattacken Einhalt gebieten. Die einfachste Lösung bestünde darin, dass die Europäische Zentralbank Staatsanleihen der Euro-Staaten aufkaufen würde.

Zweitens benötigen die Staaten mit unhaltbaren Außenhandelsdefiziten einen gangbaren Weg, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Kurzfristig müssen Länder mit einem großen Außenhandelsüberschuss eine starke Nachfrage nach Gütern aus dem europäischen Ausland entwickeln.

Außerdem brauchen diese Länder mittelfristig eine moderate Inflation von drei bis vier Prozent, um Ländern mit einem großen Außenhandelsdefizit keine kostspielige Deflation aufzubürden. Es ist also eine expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank nötig sowie ein Konjunkturprogramm für Deutschland und einige kleinere Länder.

Die Europäische Zentralbank hat uns positiv überrascht, seit der Italiener Mario Draghi den Franzosen Jean-Claude Trichet als Präsident abgelöst hat. Auch Draghi lehnte es zwar entschieden ab, Anleihen von Krisenstaaten aufzukaufen. Aber er hat durch die Hintertür mehr oder weniger dasselbe erreicht, als er ankündigte, die EZB werde unbegrenzt Kredite an private Banken vergeben und als Sicherheit europäische Staatsanleihen akzeptieren.

Trotzdem bleiben die extremsten Fälle, nämlich Griechenland, Portugal und Irland, vom privaten Kapitalmarkt ausgeschlossen. Sie sind auf eine Reihe von Ad-hoc-Krediten von der "Troika" der starken europäischen Staaten, der EZB und des Internationalen Währungsfonds angewiesen.

Wirtschaft ist keine Moralfabel

Leider gibt die Troika unweigerlich zu wenig und zu spät. Außerdem mussten die Defizitstaaten im Gegenzug für diese Notkredite sofortige und drakonische Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen umsetzen. Diese Maßnahmen bleiben trotz aller Härte hinter ihren Zielen zurück, weil sie die Wirtschaft schrumpfen und die Steuereinnahmen sinken lassen. Gleichzeitig wurde nichts unternommen, um ein Umfeld zu schaffen, in dem die Defizitländer wieder wettbewerbsfähig werden.

Viele europäische Politiker scheinen entschlossen, die Geschichte zu "hellenisieren", und sie behaupten, nicht nur Griechenland, sondern alle Defizitstaaten seien allein durch ihre verantwortungslose Haushaltspolitik in Schwierigkeiten geraten. Wenn das Problem die Verschwendung war, dann muss die Lösung nun die Sparsamkeit sein.

Das ist so, als handele es sich bei der Wirtschaft um eine Moralfabel, wenn auch mit einem zusätzlichen Dreh: Die Sünden, für die diese Länder bestraft werden sollen, haben sie zum großen Teil nicht einmal begangen!

Der Text ist ein Auszug aus dem E-Book "Der Ausweg aus der Krise", das am 23. April im Campus-Verlag erscheint (37 Seiten, 5,99 Euro). Es beruht auf Paul Krugmans neuem Buch "Vergesst die Krise", das Mitte Mai ebenfalls bei Campus erscheint.

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insgesamt 196 Beiträge
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1. Prof. Wilhelm Hankel
etablierter1984 23.04.2012
Zitat von sysopdapdDie Einführung des Euro war ein fataler Fehler. Trotzdem kann die Gemeinschaftswährung überleben. Dafür muss Europa aber erst die wahren Ursachen der Krise erkennen - und mehr Inflation in Kauf nehmen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,828724,00.html
"Eine Währung, die man retten muss, ist keine mehr !" (Prof. Wilhelm Hankel)
2.
kantundco 23.04.2012
"Zweitens benötigen die Staaten mit unhaltbaren Außenhandelsdefiziten einen gangbaren Weg, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Kurzfristig müssen Länder mit einem großen Außenhandelsüberschuss eine starke Nachfrage nach Gütern aus dem europäischen Ausland entwickeln." So einfach ist das also: Griechenland wir hopplahopp wettbewerbsfähig und die Deutschen importieren gefälligst mehr. Mit was denn? Mit einem schwachen Euro? Und wer soll ihnen das vorschreiben? Natürlich hat Krugman. So ginge es. Aber das "so" geht eben nicht.
3.
Nuernberger 23.04.2012
Krugmann soll sich mal um die amerikanischen Staatsschulden und das seit Jahren ins unermessliche laufende Handesldefizit kümmern.
4. Zurück zur Währungsschlange!
spon_2065087 23.04.2012
Zitat von sysopdapdDie Einführung des Euro war ein fataler Fehler. Trotzdem kann die Gemeinschaftswährung überleben. Dafür muss Europa aber erst die wahren Ursachen der Krise erkennen - und mehr Inflation in Kauf nehmen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,828724,00.html
Es gibt nur eine wirtschaftlich saubere Lösung: Die Rückführung des Euro auf die Währungsschlange von nationalen Währungen. Alles andere ist nur Krampf ohne Ende. Krugman hat Recht: Die Einführung des Euro war ein fataler Fehler. Leider ist Dummheit nicht strafbar, nicht einmal totale politische Dummheit. Sonst säßen bis zu 90 Prozent der Politiker Europas von damals - zurecht - hinter Gittern angesichts des Riesenschadens, den sie angestellt haben.
5.
exil-berliner 23.04.2012
Zitat von etablierter1984"Eine Währung, die man retten muss, ist keine mehr !" (Prof. Wilhelm Hankel)
Kurze Gegenfrage: Noch mehr Inflation? Waren die Preissteigerungen in 2011 nicht genug? Wieviel Inflation wünschen Sie? Bei 30% Inflation pro Jahr nur um irgendwelche PIGS Staaten durchzufüttern lohnt sich Arbeit auch im Westen definitiv nicht mehr.
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Zur Person
  • AP
    Paul Krugman ist einer der renommiertesten US-Ökonomen. Für seine Forschung zum unterschiedlichen Erfolg von Ländern im Außenhandel erhielt er im Jahr 2008 den Wirtschaftsnobelpreis. Der 59-Jährige bezeichnet sich selbst als Liberalen und Anhänger freier Märkte, lehnt Staatseingriffe aber nicht prinzipiell ab.