Von David Böcking
Hamburg - Der Vorwurf ist nicht neu, doch zuletzt hat er wieder größere Wucht bekommen: Ökonomen gehen in ihren Modellen meist von rational entscheidenden Menschen aus. Doch an solchen Vernunftmenschen mangelt es häufig - auch in den vergangenen Jahren. Schließlich kauften vermeintlich rationale Investoren eifrig faule US-Hypothekenkredite und griechische Staatsanleihen, bis die Immobilienblase platzte und Griechenland dem Bankrott nahe war.
Nun müssen sich Ökonomen einmal mehr scharfen Spott gefallen lassen - etwa vom deutschen Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Menschen würden sich "nicht so benehmen, wie die meisten Ökonomen glauben", schrieb er kürzlich im SPIEGEL. "Dauernd kommt den bedauernswerten Forschern ihre Liebe zur Abstraktion in die Quere."
Angesichts solcher Kritik ist die Entscheidung zum diesjährigen Nobelpreis für Ökonomie umso beachtlicher: Mit Thomas Sargent und Christopher Sims werden zwei US-Forscher geehrt, die seit Jahrzehnten von grundsätzlich rational handelnden Akteuren ausgehen.
Auf dieser Annahme haben sowohl Sargent als auch Sims mathematische Modelle aufgebaut. Sargent ist zudem Teil eines Umbruchs in seiner Disziplin: In den siebziger Jahren gehörte er zu einer Reihe von Ökonomen, welche mit ihrer "neuen klassischen Makroökonomie" die damals vorherrschende Lehre von John Maynard Keynes kritisierten. Der erklärt ihrer Meinung nach zu wenig, aus welchen Motiven heraus Menschen ihre Entscheidungen treffen.
Aus Sicht von Ökonomen wie Sargent und Sims geschieht dieser Meinungsbildungsprozess rational. Die Menschen berücksichtigen alle wichtigen Informationen, und sie lernen mit der Zeit aus ihren Fehlern. In einem Lexikonbeitrag erklärt Sargent diese Annahme mit einem Zitat des früheren US-Präsidenten Abraham Lincoln, das mancher in abgewandelter Form auch von Reggae-Sänger Bob Marley kennen dürfte: "Man kann manche Menschen immer reinlegen und alle Menschen manchmal - aber nicht alle Menschen immer."
Brisant ist die Schlussfolgerung, welche Neoklassiker aus dieser Annahme ziehen: Die Politik hat demnach sehr begrenzten Einfluss auf die Wirtschaft, weil Investoren oder Konsumenten Entscheidungen und ihre Konsequenzen rechtzeitig vorhersehen. So können Zentralbanken nicht mit niedrigen Leitzinsen auf Dauer die Wirtschaft stimulieren - weil Verbraucher die steigende Inflation erwarten und deshalb höhere Löhne fordern.
Das ist eine unbequeme Ansicht in Zeiten, da die US-Notenbank mit einer Nullzinspolitik versucht, die Wirtschaft vor einem erneuten Absturz zu bewahren. Doch die Neoklassiker gerieten in der Krise selbst in die Kritik. Marktkritische Wirtschaftswissenschaftler wie Nobelpreisträger Paul Krugman hielten ihnen vor, dass ihre Modelle das oftmals irrationale Verhalten von Investoren nicht vorhergesehen hatten. Vergeblich versuchten die Ökonomen "den exakten Wissenschaften nachzueifern", bemängelt Hans Magnus Enzensberger in seinem SPIEGEL-Essay.
Sargent hat solche Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen. Es sei "einfach falsch zu sagen, dass diese Finanzkrise moderne Makroökonomen überrascht hat", sagte er 2010 im Gespräch mit einem Kollegen. Die Annahme rationaler Erwartungen sei zudem keine eigene Denkschule, zitiert ihn die "Financial Times", sondern ein weitverbreitetes Modell.
Und mit diesem Modell lassen sich zumindest Teile der europäischen Schuldenkrise erklären. So haben sich Investoren nach Ansicht von Sargent möglicherweise vor Italiens Beitritt zur Euro-Zone nicht deshalb auf die Anleihen des Landes gestürzt, weil sie künftig solide Haushaltspolitik erwarteten. Sondern weil sie schon damals ahnten, dass andere Euro-Staaten Italien eines Tages notfalls retten würden.
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