Nobelpreisträger Yunus: Bangladesh verstößt seinen Volkshelden

Neuer Ärger für Muhammad Yunus: Die Regierung von Bangladesh will den Geschäftsführer der Grameen Bank feuern. Offizielle Begründung: Er sei zu alt. Der Friedensnobelpreisträger selbst beteuert, er wolle im Amt bleiben. 

Nobelpreisträger Muhammad Yunus: Niedergang einer Nationalikone Fotos
AFP

Hamburg - Für die Bevölkerung von Bangladesh ist Muhammad Yunus ein Held - für die Regierung dagegen eine Belastung. Jetzt will sie den Gründer der Grameen Bank endgültig loswerden.

Per Brief hat die Zentralbank des Landes dem Finanzministerium in Dhaka mitgeteilt, dass sie Yunus nicht länger als "rechtmäßigen Vorstand" anerkennt. Der Erfinder der Mikrokredite solle seinen Chefposten räumen.

Diplomatenkreisen zufolge hat Yunus mit seiner Position gegen Regierungsvorgaben verstoßen. Offiziell müsse der Vorstand mit 60 Jahren abtreten. Yunus ist bereits 70 Jahre alt. Da die Regierung Bangladesh mit 25 Prozent an der Grameen Bank beteiligt sei, gelte die Regelung auch für die Bank von Yunus.

Der Friedensnobelpreisträger müsse seine Geschäftstätigkeit sofort niederlegen, heißt es in dem Brief. Bis ein Nachfolger gefunden sei, solle Yunus' Stellvertreterin Nurjahan Begum die Geschäfte führen, teilte die Zentralbank von Bangladesh mit.

Yunus will im Amt bleiben

Der Rauswurf erscheint absurd. 2000 wurde Yunus der Job im Vorstand der Grameen Bank auf Lebenszeit vergeben. Zu diesem Zeitpunkt stand Yunus kurz vor seinem 60. Geburtstag. Die Zentralbank der Regierung behauptet nun, sie hätte die Ernennung nie ratifiziert. Dies sei aber erforderlich, um alle gesetzlichen Regelungen einzuhalten.

Yunus selbst lies die Aufforderung nach seinem Rücktritt zurückweisen. Er werde weiter als Geschäftsführer im Amt bleiben, hieß es gegenüber SPIEGEL ONLINE. Der Brief der Zentralbank enthalte keinen bindende Direktive - er spiegle lediglich die Meinung eines Mitarbeiters des Instituts mit.

Fest steht: Der Brief dürfte Yunus' Ansehen weiter demoliert haben. In den vergangenen Monaten waren immer wieder Vorwürfe gegen den Banker laut geworden. Erstens soll er es mit der Buchführung seiner Gelder nicht so genau genommen haben. So habe die Grameen Bank zweckgebundene Entwicklungsgelder aus Norwegen, Deutschland, den Niederlanden, Schweden und aus den USA ohne Wissen der Geber in andere Projekte gesteckt.

Zweitens muss Yunus sich vor Gericht wegen Verleumdung verantworten. In einem Interview von 2007 hatte er behauptet, Politiker seien korrupt. Ein Lokalpolitiker geht nun gegen ihn vor. Dass Bangladeshs Premierministerin Sheikh Hasina keine Anhängerin von Yunus ist, ist kein Geheimnis.

Yunus gilt als Pionier der Mikrokredite. Bereits in den siebziger Jahren vergab er Kleinstkredite vor allem an arme Frauen in seiner Heimat Bangladesh. Als Vorstand der Grameen Bank setzte er dieses Geschäftsmodell fort. Zurzeit profitieren über neun Millionen Menschen von den Kleinstkrediten. 97 Prozent davon sind Frauen.

2006 bekam Yunus für seine Idee - gemeinsam mit der Regierung von Bangladesh - den Friedensnobelpreis. Die Vergabe von Mikrokrediten ist in der Zwischenzeit anerkanntes Mittel in der Armutsbekämpfung.

tat/AP

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insgesamt 8 Beiträge
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1. 2011-03-01,15:39
quezal 01.03.2011
Ein Bank muss einer einzigen Komponente verpflichtet sein - der Rendite. Das ist der Treibstoff mit dem sich alle anderen nachfolgenden Möglichkeiten erst erschließen lassen. Sobald andere Komponenten an die erste Stelle treten, ist es keine Bank mehr sondern eine bestenfalls gesellschaftliche Veranstaltung und die endet dann, wenn Schüsseln mit dem Knabberzeugs leer bleiben und die Musik verstummt, weil sie keiner bezahlt hat. So wird es auch hier sein und das Heulen und Zähneklappern wird groß sein. Wie konnte es nur passieren, dass das eintritt was doch so offensichtlich war... Ein Kredit ist ein Kredit ist ein Kredit. Mittlerweile werden die Mikrokredite eben nicht mehr zum Anschaffen von Investitionsgütern verwendet sondern wie vorher bei den normalen Krediten auch für den normalen Konsum. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die wirklichen Ausfälle veröffentlicht werden und der Kaiser nackt steht.
2. Der Mikrokredit ist keine Lösung der Armut
michl78 01.03.2011
Zitat von quezalEin Kredit ist ein Kredit ist ein Kredit.
Der Satz trifft es. Die Lösung der Armut ist nicht der Mikrokredit. Die einzige Lösung ist eine komplementäre Währung, die in einem begrenzten Wirtschaftsraum wieder für Belebung sorgt. Lietaer lässt Grüßen.
3. x
Jochen Binikowski 01.03.2011
Zitat von quezalMittlerweile werden die Mikrokredite eben nicht mehr zum Anschaffen von Investitionsgütern verwendet sondern wie vorher bei den normalen Krediten auch für den normalen Konsum. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die wirklichen Ausfälle veröffentlicht werden und der Kaiser nackt steht.
Das befürchte ich auch. Die Sache ist nämlich wesentlich komplizierter als allgemein angenommen. Kreditnehmer sind Leute die täglich vor der Entscheidung stehen, etwas zu Essen oder Medikamente für das Kind zu kaufen, die über genau Null finanzielle Reserven verfügen und auch keine Sozialhilfe erhalten. Die also im nackten Überlebenskampf stehen. Ich habe seit 31 Jahren in der philippinischen Provinz zu tun und so ganz langsam kapiere ich wie der "Kredithase" läuft. Egal ob gutgemeinte Mikrokreditprojekte oder private Kredithaie, allen rinnt die Rendite durch die Finger weil sie das gleiche Problem haben: Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen. Was nützen nominal 100% p.a. Zinsen wenn der Schuldner sich vor Zahlung der ersten oder zweiten Rate Richtung Großstadtslum vom Acker macht? Ich habe mir das Yunuz-Konzept genau angeschaut und mit der Realität verglichen. Dabei sind mir eine ganze Reihe von konzeptionellen Kardinalfehlern aufgefallen, die jeder für sich m.M. nach schon das Scheitern im Keim enthält. Diese Gedanken habe ich kürzlich in Schriftform gebracht: http://philippinen-projekte.de/blog/?p=53 Was noch wichtiger ist, es wird auch ein bereits erfolgreich erprobtes Projekt verlinkt, an dessen Verfeinerung wir derzeit mit Hochdruck arbeiten. Beste Grüße aus dem Tropenbüro, Jochen
4. Kein Volksheld?
hierro 01.03.2011
Die interationalen Entwicklungspolitiker haben oft staunend zu dem Volkshelden aus Bangladesch aufgeschaut und ihn bewundert. Skeptiker seines Grameen Bank-Modells wurden rasch mundtot gemacht. Doch allmählich kristallisiert sich heraus, dass das Konzept der Mikrokredite für die Armen der Welt eben auch nicht die optimale Lösung für Entwicklungsländer ist. Dass der Visionär nun auch noch seiner Ämter enthoben wird, liegt nicht an seinem Alter. Muhammad Yunus hat vielleicht nicht genügend die Geschäftsmodelle der Armen hinterfragt und er hat es mit dem Monitoring nicht ausreichend ernst genommen. Letztlich wird auch dieses Modell der Mikrokredite in der Kiste der gescheiterten Entwicklungsansätze abgelegt werden müssen. Dort, wo bereits vorher viele andere Konzepte für eine bessere Welt gelandet sind. So lange Despoten, wie derzeit in der arabischen Welt deutlich erkennbar, ihre Länder ausbeuten und Korruption keine Grenzen kennt, wird auch Muhammad Yunus nichts bewirken.
5. So ist es.
karmamarga 01.03.2011
Zitat von hierro.....So lange Despoten, wie derzeit in der arabischen Welt deutlich erkennbar, ihre Länder ausbeuten und Korruption keine Grenzen kennt, wird auch Muhammad Yunus nichts bewirken.
Und dem ist nur durch Solidarität beizukommen. Aber die zerbricht schon an ein paar Rupien. Also braucht es einen anderen Ansatz. Einen Ansatz nicht nur mit Geld sondern mit Menschen-Bildung, die schon die kleinen Despoten in der Gruppe zwingt, sich menschlich zu verhalten, um das Dauererfolgsprinzip money and women auszuhebeln oder die Gruppe zu verlassen und unter seines gleichen sein Glück zu machen und nicht die Gruppe auszubeuten mit Strukuren, die diese Leute immer mit sich bringen.
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Soziale Berater: Begeistert von der Yunus-Idee

Was ist Social Business?
Das Prinzip
Social Business ist ein Unternehmenskonzept, das auf den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus zurückgeht. Im Unterschied zur herkömmlichen Wirtschaftsweise konzentriert sich Social Business auf die Lösung sozialer Probleme.
Die Rendite
Macht das Unternehmen Gewinne, bleiben sie größtenteils im Unternehmen. Investoren bekommen nur das Geld zurück, das sie investiert haben. Eine Dividende gibt es in der Regel nicht.
Beispiele
Bekannte Unternehmen, die im Social Business aktiv sind, sind unter anderem BASF, Danone oder Veolia. BASF verkauft gemeinsam mit Yunus' Grameen Bank erschwingliche Moskitonetze in Bangladesch. Danone gründete mit der Grameen Bank ein Joint Venture und verkauft einen Joghurt, der mit wichtigen Nährstoffen angereichert ist, für umgerechnet sechs Cent. Veolia versorgt die ärmsten Gebiete in Bangladesch mit Trinkwasser.
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