Notenbank: Warum die EZB schon jetzt die Zinsen senkt

Von Florian Diekmann und

Gerade drei Tage ist Mario Draghi als Chef der Europäischen Zentralbank im Amt - schon senkt sie den wichtigsten Zinssatz des Kontinents. Damit hatte niemand gerechnet. Und das schürt Ängste: Riskiert die EZB mit dem Italiener mehr Inflation?

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EZB Frankfurt: Inflation um des Wachstums willens?

Hamburg - Es ist das erste Mal, dass Mario Draghi eine Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) leitet; erst seit dem 1. November steht der Italiener an der Spitze einer der mächtigsten Notenbanken der Welt. Doch sein Amtsbeginn fängt mit einem Donnerschlag an: Die EZB senkt den Leitzins von 1,5 auf 1,25 Prozent, das erste Mal seit fast zweieinhalb Jahren. Mit kräftiger Stimme, die Augen meist aufs Papier geheftet, verlas Draghi seine Botschaft: Die Weltfinanzkrise frisst das Wirtschaftswachstum, also muss die EZB gegensteuern.

Damit hatte fast niemand gerechnet. Zwar erwarteten viele Experten eine baldige Senkung von Europas wichtigstem Zinssatz - aber nicht bei Draghis erster Sitzung.

Denn der EZB-Leitzins legt fest, wie viel Zinsen Privatbanken einer Notenbank zahlen müssen, wenn sie sich dort Geld leihen. Er bestimmt damit, wie günstig die Banken ihrerseits Kredite an Unternehmen und Privatpersonen vergeben können. Ein niedriger Zinssatz verbilligt Kredite und kurbelt somit die Konjunktur an; er vergrößert allerdings auch das Inflationsrisiko, weil sich die Geldmenge ausweitet.

Und nichts ist für die EZB wichtiger als stabile Preise. Draghis Vorgänger Jean-Claude Trichet hat einen Anstieg der Verbraucherpreise stets mit eiserner Faust bekämpft. Er galt als Hardliner, als Falke, als Fels in der Brandung. Sein Nachfolger Draghi - Kosename: Super-Mario - muss sich einen solchen Ruf erst noch erarbeiten. Kritiker beäugen ihn misstrauisch, früher hochrangiger Manager der Investmentbank Goldman Sachs, den Mann aus Berlusconien, aus Italien, das den zweithöchsten Schuldenberg der EU hat und das bald vielleicht selbst von Europa vor der Pleite gerettet werden muss.

Es galt als undenkbar, dass Draghi zum Amtsantritt die Zinsen senkt - schon aus Imagegründen. Nun also ist man verleitet zu fragen, ob die prompte Zinssenkung ein Zeichen ist: Schlägt Europas Notenbank unter Super-Mario einen neuen Kurs ein? Riskiert sie um des Wachstums willens mehr Inflation?

Wie nervös ist die EZB?

Experten sagen: nein. "Das war keine Entscheidung von Herrn Draghi alleine", sagt Christian Schulz von der Berenberg-Bank. Der EZB-Rat sei sich einig gewesen. Sogar die als Inflationsfalke bekannte Deutsche Bundesbank habe zugestimmt. Und die Zinssenkung sei umso überraschender, weil Draghi sich ansonsten auffällig bemühe, die bisherige Linie der EZB weiterzuverfolgen, sagt Schulz. "Er wählt oft die gleichen Worte, die gleichen Argumente wie Trichet, sprich: die ganz sichere Linie."

Es stellt sich aber noch eine andere Frage: Wie nervös ist die EZB? Dass sie den Leitzins irgendwann senken würde, hatte sich abgezeichnet. Sie folgt damit nur dem allgemeinen Trend. Erst Ende Oktober hatte die britische Notenbank ihre Geldschleusen geöffnet, um Großbritanniens Konjunktur anzukurbeln - trotz Rekordinflation von mehr als fünf Prozent. Und doch kommt die EZB-Intervention überraschend früh. Fürchtet die EZB also einen massiven Konjunktureinbruch? Hat sie mitunter sogar Druck aus Cannes bekommen, wo die 20 mächtigsten Wirtschaftsnationen eigentlich über Probleme wie Rohstoffspekulationen und die Zähmung der Finanzmärkte debattieren wollen - und wo nun die neuen Euro-Turbulenzen alles überschatten?

"Der Schritt zeigt, wie beunruhigt die Währungshüter sind", sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. "Draghi nimmt in Kauf, das Etikett einer Zinstaube angeheftet zu bekommen. Das unterstreicht den Ernst der Lage." Henning Vöpel vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut will einen Zusammenhang mit dem G-20-Gipfel nicht ausschließen. "Die EZB wird das dementieren, aber eine Signalwirkung geht von der Entscheidung auf den Gipfel aus", sagt er. "Damit zeigt die EZB: Wir nehmen in der Krise unsere geldpolitische Stabilisierungsfunktion wahr."

Leitzinssenkung als Psychologie

Einig ist sich die Mehrheit der Experten darin, dass es gute Gründe für den Schritt gibt: "Die Zinssenkung ist aufgrund der konjunkturellen Risiken sachlich gerechtfertigt, und noch mehr durch die in den vergangenen Tagen verschärfte Staatschuldenkrise", sagt Vöpel. "Die Entscheidung ist ein Signal: Die EZB wird systemischen Risiken bei Bedarf entschlossen entgegentreten. Das dient dazu, die Unsicherheit an den Märkten zu reduzieren."

Und dieses Signal hat möglicherweise mehr Bedeutung als die Zinssenkung selbst. Denn dass diese große Wirkung entfalten wird, hält Vöpel für unwahrscheinlich: "Die Nachfrage nach Krediten wird nicht merklich zunehmen." Auch Schulz von der Berenberg-Bank ist skeptisch: "Von allen Mitteln, die die EZB zur Verfügung hat, ist das das schwächste." Doch der Schritt zeige: Die EZB könnte unter Draghi ein wenig pragmatischer werden.

Weit größere Wirkung hätte es laut Schulz, wenn die EZB italienische Staatsanleihen im großen Stil kaufen würde. Das würde die Nervosität lindern, dass das Land bald pleitegehen könnte. Doch diese Maßnahme ist weit schwieriger durchzudrücken als eine Leitzinssenkung. "Wegen des starken Einflusses der Bundesbank wird er erst dazu kommen, wenn zum Beispiel eine Anleiheauktion Italiens zu scheitern droht", sagt Schulz.

Das tut die EZB laut Insidern zwar bereits - aber nicht mit letzter Konsequenz. Und ob er dazu auch weiterhin bereit sei, ließ Draghi am Donnerstag offen. Er sagte lediglich: "Wir sollten nicht so sehr auf externe Hilfe setzen, um den Druck der Märkte zu lindern", sondern auf "die Fähigkeit der Staaten", sich durch Reformen selbst zu heilen.

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insgesamt 52 Beiträge
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1. Wie ist das mit den CDS
Umbriel 03.11.2011
Es geht ja derzeit primär darum um Himmelswillen zu vermeiden, daß Goldman Sachs & Co. wegen der CDS auf Griechenland-Papiere zahlen müssen. Draghi, bekanntlich ein Goldman-Sachs - Mann, wird sich darüber Gedanken gemacht haben. Seine andere wichtige Mission dürfte darin bestehen, italienische Schrottanleihen mit EZB Geldern wegzukaufen. Darum geht es und alles andere ist erstmal zweitrangig: Wem könnte man gute Investment Tips geben, z.B..
2. Mein Eindruck ist
rsi 03.11.2011
das die Politik dadurch der Spar-Druck etwas genommen wird und man endlich wieder ein kleine Schaufelchen mehr Schulden machen kann. Natürlich in Form von sinnvollen Massnahmen die sich in der Zukunft bestimmt so auszahlen werden, dass der dafür aufgenommene Mehrkredit locker abbezahlt werden könnte.
3. >|-)
beutzemann 03.11.2011
Zitat von sysopGerade drei Tage ist Mario Draghi als Chef der Europäischen Zentralbank im Amt*- schon senkt sie die wichtigsten Zinssatz des Kontinents. Damit hatte niemand gerechnet. Und das*schürt Ängste: Riskiert die EZB mit dem Italiener mehr Inflation? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795739,00.html
Ein Franzose hats gerichtet und ein Italiener tritt drauf. So ist das zu lesen. Zum wohl dieser beiden Nationen. So das Signal. Die effektivev Zahlen sind es nicht! Es ist der Wille der aus den kargen Ziffern dringt...
4. Machen wir uns nichts vor
ditor 03.11.2011
Was anderes als mehr Inflation bleibt uns nicht, wenn wir nicht von den Schulden erdrückt werden wollen. Inflation kann man schön schleichend gestalten, wer dagegen echte Sparziele inkl. schmerzender Einschnitte nennt ist unten durch.
5. Mal ehrlich …
wika 03.11.2011
… welchen Einfluss hat denn die EZB tatsächlich noch? Sie ist doch nur das Feigenblatt für die Geschäftsbanken, wo man sich das mehr oder minder geschenkte Geld abholt um es dann mit entsprechendem Aufschlag an Private und Staaten zu verleihen. Hinzu kommt ein weiterer Umstand, das Geld wuchert eben innerhalb der so gepuschten privaten Banken über den Zinseszinseffekt exponentiell. Ich hab da jetzt keine direkten Zahlen, aber den Gesamteinfluss der Zentralbanken bezüglich der Gesamtgeldmenge würde ich auf nicht viel mehr als 5-10% schätzen, wenn dass nicht schon eine Übertreibung ist. Und genau letzteres und das eigentliche Problem wird wie immer und überall verschwiegen und auch nicht weiter angegangen, stattdessen tut man so als ob die EZB noch mehr als nur Bad Bank könnte, kann sie aber am Ende auch nicht. Und so bleiben diese Häuser dann fromm fröhlich frei auch weiterhin *Banken als Lotteriegesellschaften mit staatlicher Gewinngarantie* … Link (http://qpress.de/2011/06/17/banken-sind-lotteriegesellschaften-mit-staatlicher-gewinngarantie/), ist das nicht zum Piepen? Unsere edlen Abgeordneten wissen darum, fahren freundlich ihre Diäten ein und hoffen gemeinsam mit den Banken, dass es noch lange gut gehen möchte, gerne auch auf Kosten des Steuerzahlers … diesem System ist jedes Mittel recht. Gute Nacht Europa, good bys love world …
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Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.