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Wochenvorschau: Was in der Wirtschaft wichtig wird

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Draghi: Am Donnerstag trifft sich der Rat der Europäischen Zentralbank

Europas Regierungen schaffen es nicht, den Bankensektor aufzuräumen. Die Angst vor einer Dauerkrise geht um. In dieser Woche wird EZB-Chef Mario Draghi über sein weiteres Vorgehen informieren - und könnte neue Probleme heraufbeschwören.

Die EZB soll es richten. Keimende Hoffnungen auf einen spürbaren Aufschwung im Euro-Raum drohen wieder erstickt zu werden. Schwächliche Banken vergeben immer weniger Kredite an Unternehmen, wie Zahlen aus der vergangenen Woche belegen. Die Schulden sind immer noch zu hoch. Wieder mal ist von Deflation die Rede - ein Dauerkrisenszenario.

Was nun? In dieser Woche stehen die Notenbanken im Fokus, vor allem die Europäische Zentralbank und die Bank of England, die am Donnerstag über ihr weiteres Vorgehen befinden werden. Am Freitag gibt der US-Arbeitsmarktbericht Hinweise darauf, wann die Washingtoner Federal Reserve Bank aufhört, in großem Stil Staatsanleihen aufzukaufen.

Der schnelle Überblick

Montag: Hameln - Buhlen um die Basis: Niedersachsens Ministerpräsident Weil wirbt bei einer weiteren SPD-Regionalkonferenz um Zustimmung zum Koalitionsvertrag.

Peking – Go East: Der britische Premier David Cameron besucht China, während sich der Konflikt im Südchinesischen Meer zuspitzt.

Dienstag: Berlin – Schmutzige Hände, weiße Westen: Transparency International veröffentlicht den neuen weltweiten Korruptionsindex.

Bali – Ringen um Relevanz: Die Welthandelsorganisation WTO bittet zur Ministerkonferenz in Indonesien und versucht, ein Agrarabkommen zu schließen.

Mittwoch: Wien – Schmierstoff-Theater: Die zwölf Opec-Mitglieder entscheiden über ihre Produktionsmengen und beeinflussen damit den Ölpreis.

Washington – Pulsmessung: Die Fed veröffentlicht ihren „Beige-Book“-Bericht über die US-Konjunktur.

Donnerstag: London – Einstieg in den Ausstieg? Die Gouverneure der Bank of England fragen sich bei ihrem turnusmäßigen Treffen, wie lange sie ihren ultralockeren Kurs noch beibehalten wollen.

Frankfurt – Leinen los? Mario Draghi und der Rat der Europäischen Zentralbank ringen um Antworten gegen Stagnation und Kreditklemme.

Freitag: Washington – Warten auf die Fed: Der US-Arbeitsmarktbericht gibt Hinweise auf den weiteren Kurs US-Notenbank.

Frankfurt – Deutschland-Trend: Die Bundesbank legt ihre Konjunkturprognose vor.

Samstag: Berlin – Wirtschaftspartei i. R.: Auf einem Sonderparteitag gibt sich die FDP einen neuen Vorstand.
Dabei wird deutlich: Bislang haben die großen Notenbanken einen ähnlichen Kurs gesteuert und damit die Welt vor dem Systemzusammenbruch bewahrt. Nun aber trennen sich ihre Wege. Das kann heftige Verspannungen rund um den Globus auslösen - Börsencrashs, Währungsturbulenzen, Kapitalflucht.

Wie abhängig die Welt vom permanenten Gelddoping durch die Zentralbanken ist, zeigte sich vor einigen Monaten, als der scheidende Fed-Chef Ben Bernanke zu Protokoll gab, ewig werde seine Behörde nicht so weitermachen können. Monat für Monat kauft sie US-Staatsanleihen und Hypothekenpapiere im Volumen von 85 Milliarden Dollar auf. Doch wenn sich die Lage der amerikanischen Wirtschaft weiter normalisiere, wenn die Arbeitslosigkeit weiter zurückgehe, so Bernanke, werde die Fed ihre Anleihekäufe irgendwann zurückfahren.

Eine eher vage Ankündigung. Doch die Angst vor einem Ende der ultralockeren Geldpolitik sandte heftige Schockwellen rund um den Globus. Die Währungen großer Schwellenländer stürzten ab. Von Indien über die Türkei bis nach Brasilien stiegen die Zinsen deutlich an.

Und die Gefahr ist keineswegs gebannt: Die EZB warnte kürzlich vor möglichen Rückwirkungen auf die Euro-Zone, falls es im Zuge des US-Rückzugs zu einer Krise in den Schwellenländern kommen sollte. Euro-Banken würden dann eine Menge Geld verlieren. Möglich, dass ein Crash an den sehr hoch bewerteten Aktienbörsen bevorsteht.

Was macht die EZB?

Auch das noch. Die Lage in Europa ist ohnehin wacklig. Die Verschuldungsgrade der Unternehmen und der Privatbürger sind immer noch auf Rekordniveau. Je länger die Krise dauert, desto mehr Kredite können nicht mehr bedient werden. Auf die Banken kommen riesige Abschreibungen zu.

Ökonomen befürchten ein übles Szenario: Schuldendeflation. Eine Abwärtsspirale: Hohe Schulden erdrosseln das Wachstum; die Preise sinken, was die Schulden noch unerträglicher macht. Die Wirtschaft schrumpft. Banken wanken. Investitionen sind nicht finanzierbar. Eine destruktive Dynamik, die an Japan erinnert - die Krise würde sich verfestigen, womöglich eine Generation lang. Es ist der nächste Akt der Euro-Horror-Show.

Weil es Europas Regierungen nicht schaffen, den Finanzsektor systematisch aufzuräumen - auch der mutmaßlich kommenden schwarz-roten Koalition fällt dazu nichts Wegweisendes ein -, soll die EZB das Schlimmste verhindern. Vorigen Monat hat sie bereits den Leitzins auf 0,25 Prozent gesenkt. Nun geht es um weitere Maßnahmen zur Geldvermehrung: Soll sie künftig für Einlagen eine Gebühr von den Banken verlangen, statt Zinsen zu zahlen? Soll sie erneut Mario Draghis "Dicke Berta" einsetzen - ein Programm, mit dem sie vor knapp zwei Jahren bereits eine Billion Euro in die Banken gepumpt hat? Kann sie Banken zur Kreditvergabe zwingen? Soll nun auch die EZB in großem Stil Anleihen von Staaten und Unternehmen aufkaufen? Am Donnerstag könnte Draghi bei seiner Pressekonferenz Hinweise auf die künftige Richtung geben.

Deutschlands Doppel-Turbo-Effekt

Eine Umkehr der Verhältnisse kündigt sich an. Bislang haben die Notenbanken in den USA und in Großbritannien deutlich freigiebiger Geld in die Welt gepumpt als die EZB. Nun möchten sich die Angelsachsen allmählich aus den Märkten zurückziehen, während die Frankfurter Euro-Bank bereit scheint, ihre relative Zurückhaltung aufzugeben.

Das hat Folgen: Der Dollar dürfte deutlich stärker werden. Dafür spricht übrigens auch Amerikas Öl- und Gasboom, der die USA zum Nettoexporteur von Energie machen wird. Der Euro hingegen dürfte 2014 abwerten.

Und Deutschland? Kommt in den Genuss eines Doppel-Turbo-Effekts. Ein schwächerer Wechselkurs begünstigt den deutschen Export. Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit nimmt noch weiter zu; die vielbeklagten Ungleichgewichte bilden sich unter diesen Bedingungen kaum zurück. Zugleich dürften die schon heute lächerlich niedrigen Zinsen noch weiter sinken. Solange allerdings die Unsicherheit über die weitere Zukunft anhält, droht das billige Geld eher in die Immobilienmärkte zu fließen - wo sich fröhlich und ungebremst eine Blase aufpumpt.

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1. KfW ... europaweit
rkinfo 02.12.2013
Im Unterschied zu Rest-Europa haben wir die KfW Bank welche die profitgierigen Privatbanken vielfach schon ersetzt. Dazu noch Genossenschaftsbanken die noch ein Herz für Kunden haben. Die EZB muss das Parken von Geld mit Strafzins belegen aber auch den Geldhahn den Banken zudrehen die das EZB für Börsenspekulationen statt Kredite verwenden. Es gibt keine Euro-Krise sondern eine Krise durch die Profit-Banken bei uns.
2. das system
aeom 02.12.2013
alle massnahmen dienen dazu, dass die reichen auch reich bleiben! Und das geht auf kosten der umwelt und zukuenftiger generationen... dumm macht gluecklich
3.
RenegadeOtis 02.12.2013
Zitat von sysopDPAEuropas Regierungen schaffen es nicht, den Bankensektor aufzuräumen. Die Angst vor einer Dauerkrise geht um. In dieser Woche wird EZB-Chef Mario Draghi über sein weiteres Vorgehen informieren - und könnte neue Probleme heraufbeschwören. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/notenbanken-henrik-mueller-ueber-die-angst-vor-der-dauerkrise-a-936679.html
Das die Banken nicht orndungsgemäß abgewickelt und bereinigt wurden ist sehr politisch gewollt, beziehungsweise äußerst erfolgreiche Lobbyarbeit. Geradeide in diesem Forum so viel geschmähte USA hat reihenweise Banken abgewickelt und so den Bankensektor bereinigt. Etwas, was Europa bisher nur sehr halbherzig angegangen ist.
4. Mal ne blöde Frage...
kantundco 02.12.2013
Schreibt hier der Henrik Müller, der noch vor zwei Jahren behauptet hat, es gäbe keine Euro-Krise? Oder lässt mich meine ansonsten gute Erinnerung hier im Stich? Auf jeden Fall wieder ein gewohnt substanzloser Artikel ohne Weitsicht. Allein, dass Gelabere bzw. die Andeutung, dass die USA sich durch einen vermeintlichen Öl- und Gasboom wie einst Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Schuldensumpf ziehen können, ist wahlweise Wunschdenken oder Durchhaltepropaganda, die die Finanzmärkte ein weiteres Mal enttäuschen wird. Es gibt keine Wirtschaftswunderwaffen mehr. Warum schafft kein Journalist den mutigen Blick über den Tellerrand hinaus und klärt die Leser auf, dass wir einen Währungsschnitt und eine echte Reform der Währungen brauchen? Dass man auf Dauer eben nicht mehr ausgeben als einnehmen kann. Weder als Staat noch als Privatperson. Das gilt vor allem an alle Sozial- und Sozialistenträumer, die zwar einseitige Verteilung des Vermögens erkannt (und sich daran auch bereichert haben), aber immer noch nicht den Grundsatz begriffen haben: Sorry to say, folks: "There's no such thing as a free lunch!"
5. Und morgen ...
kuddemuddel 02.12.2013
... meldet sich ein anderer Experte und erzählt genau das Gegenteil. Das System ist mittlerweile so kompliziert geworden, dass jeglicher Überblick verloren gegangen ist.
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Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.



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