Griechenland-Wahl: Notenbanken der Welt wappnen sich gegen Marktschock

Die wichtigsten Notenbanken der Welt bereiten sich auf den Ernstfall vor: Sollten bei der Wahl in Griechenland die Reformgegner gewinnen, wollen die Zentralbanken der G-20-Länder gemeinsam gegen Turbulenzen an den Finanzmärkten vorgehen. Großbritannien will hundert Milliarden Pfund in sein Bankensystem pumpen.

Börsenhändler an der Wall Street: Warten auf die Schockwellen aus Griechenland Zur Großansicht
REUTERS

Börsenhändler an der Wall Street: Warten auf die Schockwellen aus Griechenland

London/Washington - Am Sonntag steht die Schicksalswahl in Griechenland an - und die wichtigsten Notenbanken der Welt bereiten sich auf mögliche schwere Marktturbulenzen vor: Die Zentralbanken präparieren sich laut der Nachrichtenagentur Reuters für eine koordinierte Aktion, um die globalen Finanzmärkte zu stabilisieren. Reuters beruft sich auf Vertreter der G20, die sich in der kommenden Woche in Mexiko zu einem Gipfel versammelt.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, ging am Morgen indirekt auf das Marktgerücht ein. In Frankfurt kündigte er an, notfalls die Geldschleusen weiter zu öffnen. Die EZB habe bislang dafür Sorge getragen, dass die Banken genug Geld bekämen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, sagte Draghi in Frankfurt am Main. "Das Euro-System wird weiter Liquidität bereitstellen, wenn das benötigt wird", sagte er.

Hintergrund der Befürchtungen sind die starken Umfrageergebnisse für die griechischen Parteien, die den bisherigen Spar- und Reformkurs ablehnen. Sollten sie sich tatsächlich durchsetzen, halten Experten das Ende des Euro in Griechenland für möglich. Um dann eine Kreditklemme zu verhindern, bereiten sich die Notenbanker der größten Volkswirtschaften der Welt darauf vor, die Finanzmärkte mit Liquidität zu versorgen. Abhängig von der Heftigkeit der Reaktionen könnte am Montag oder Dienstag zudem ein Krisentreffen von Ministern der G7 angesetzt werden. Per Telefon könnten die Notenbanker zugeschaltet werden. An den Handelsplätzen löste die Nachricht Kursgewinne aus: Die Indizes der New Yorker Börse etwa stiegen klar. Der Euro Chart zeigen legte ebenfalls zu.

Auch die Finanzminister der Euro-Zone wollen am Sonntagabend in einer Telefonkonferenz gemeinsam beraten, wie sie mit dem Ergebnis der Griechenland-Wahl umgehen werden. Die Hauptsorge sei das Risiko von größeren Kapitalabflüssen, sollte sich die radikale Linkspartei Syriza eindeutig durchsetzen, sagte ein Vertreter der Euro-Zone. Syriza lehnt die Auflagen der internationalen Geldgeber ab, will das Land aber dennoch im Euro halten. Am Donnerstag bekräftigte Parteichef Alexis Tsipras seine Entschlossenheit, die Hilfsbedingungen nach einem Wahlsieg zu kippen.

Großbritannien pumpt hundert Milliarden Euro in Bankensystem

Großbritannien hat zudem bereits konkrete Maßnahmen beschlossen, um sich vor einer Verschärfung der Euro-Krise zu schützen: Mehr als hundert Milliarden Pfund wollen Regierung und Zentralbank in das Bankensystem pumpen. Mit der koordinierten Aktion soll die Kreditvergabe der Banken an Unternehmen und Verbraucher angekurbelt werden. Das Land werde in wenigen Wochen ein entsprechendes Programm auflegen, sagte Notenbank-Chef Mervyn King vor Londoner Bankiers. Die Geldhäuser sollen damit auf eine günstige langfristige Finanzierung zugreifen können. Nach Angaben aus dem Finanzministerium könnte allein der Plan der Regierung neue Darlehen in Höhe von schätzungsweise 80 Milliarden Pfund unterstützen.

Finanzminister George Osborne rief die Länder der Euro-Zone auf, die Krise endlich in den Griff zu bekommen. Großbritannien müsse sich nun selbst schützen. "Wir sind nicht machtlos im Angesicht des Schuldensturms der Euro-Zone", sagte er. Die Kredite an die Banken sollen mit einer Laufzeit von wahrscheinlich drei bis vier Jahren ausgestattet werden. Die Verzinsung soll unterhalb der derzeitigen Marktzinsen liegen. Die Bank of England werde zudem ihre Notfall-Liquiditätshilfe aktivieren, die im Dezember geschaffen wurde, sagte Notenbankchef King. Gegen die Hinterlegung von Sicherheiten sollen die Banken Kapital für sechs Monate erhalten können. Mit dieser Operation sollen den Finanzinstituten mindestens fünf Milliarden Pfund pro Monat angeboten werden. Die Bank of England hatte ihren Leitzins bereits in der Finanzkrise auf den Rekordtiefstand von 0,5 Prozent gesenkt. Zudem hat sie bisher Anleihen im Wert von 325 Milliarden Pfund aufgekauft.

Auch die Schweizerische Nationalbank bereitet sich auf eine Verschärfung der Euro-Krise vor. Weil Anleger in den Franken flüchten und dessen Kurs so weiter in die Höhe treiben könnten, kündigte Notenbankchef Thomas Jordan an, in unbegrenzter Höhe an den Märkten einzugreifen, um den Kurs des Franken stabilzuhalten.

fdi/Reuters/dpa-AFX

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insgesamt 117 Beiträge
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1.
findetnemo 15.06.2012
Zitat von sysopDie wichtigsten Notenbanken der Welt bereiten sich auf den Ernstfall vor: Sollten bei der Wahl in Griechenland die Reformgegner gewinnen, wollen die Zentralbanken der G20-Länder gemeinsam gegen Turbulenzen an den Finanzmärkten vorgehen.
Wenn es noch eines Beweises dafür bedurft hätte, wie labil unser Geldsystem inzwischen ist: Da wählen 10 Millionen Bürger und die Weltwirtschaft zittert vor dem Finanzkollaps? Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.
2. Ich bin verwirrt...
Sordi 15.06.2012
Kann mir mal jemand schlüssig erklären, warum das fluten der Märkte mit Geld sinnvoll ist, ausser für die Banken? Ich muss zugeben, dass mein volkswirtschaftliches Verständnis offenbar eng begrenzt ist, aber ich lese immer wieder für mich völlig gegensätzliche Aussagen von "Top-Experten", "Gurus" und "Spezialisten" dazu, ohne auch nur annähernd rauskiregen zu können, wer dabei nicht lügt. Die einen sagen, man müsse die EZB wie die Fed einsetzen: unlimitiert Geld in den Markt pumpen, die Liquidität hoch halten und die Währung konsequent abwerten. Nur so könne man aus der Krise kommen. Wie funktioniert diese Theorie in der Praxis? Die anderen behaupten das Gegenteil: Genau diese Art der "Entwertung des Geldes" sei die grundlegende Ursache der Krise. Notenbanken gehörten abgeschafft (sehr extrem z.B. Ron Paul). Man müsse aufhören, aus Geld Geld zu machen (oder dies zu behaupten) und endlich wieder realwirtschaftliches Wachstum anstreben statt "Bankenwachtum". Mein eigenes, bescheidenes Verständnis sagt mir, dass letzteres eher wahr ist und das ersteres vor allem einer kleinen, aber offenbar sehr einflussreichen "Finanzelite" etwas bringt, den Rest von uns aber im (immer stärker werdenen) Regen stehen lässt. Sind die jetzigen Handlungen rund ums "Krisenmanagement" nicht einfach noch das letzte, möglichst kräftige Abgreifen von Reichtum, bevor alles untergeht? So kommts mir zumindest vor :-(
3. Nicht mehr alle Tassen im Schrank!
mannilli 15.06.2012
Zitat von sysopDie wichtigsten Notenbanken der Welt bereiten sich auf den Ernstfall vor: Sollten bei der Wahl in Griechenland die Reformgegner gewinnen, wollen die Zentralbanken der G20-Länder gemeinsam gegen Turbulenzen an den Finanzmärkten vorgehen. Großbritannien will 100 Milliarden Pfund in sein Bankensystem pumpen. Notenbanken wappnen Märkte gegen Folgen der Griechenland-Wahl - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,838984,00.html)
Die (Zentralbanken/Politiker/Zocker/Banker) haben nicht mehr alle Tassen im Schrank. Vollkommen ungesund und irre diese Leute. *Der Steuerzahler sollte rebellieren!!!*
4. soso
jetzt:hördochauf 15.06.2012
Zitat von sysopDie wichtigsten Notenbanken der Welt bereiten sich auf den Ernstfall vor: Sollten bei der Wahl in Griechenland die Reformgegner gewinnen, wollen die Zentralbanken der G20-Länder gemeinsam gegen Turbulenzen an den Finanzmärkten vorgehen. Großbritannien will 100 Milliarden Pfund in sein Bankensystem pumpen. Notenbanken wappnen Märkte gegen Folgen der Griechenland-Wahl - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,838984,00.html)
100 Milliarden Pfund - Da hat dann mal fix jeder Brite gut 2000€ locker gemacht, weil in Griechenland Wahl ist? (Hab ich was nicht mibekommen? Irgendwo noch eine Kolonie gefunden, oder am Ende schon wieder Weihnachten?) Man mag garnicht mehr Lotto spielen - puh ein paar lumpige Millionen...
5. Was
Schweijk 15.06.2012
Zitat von sysopDie wichtigsten Notenbanken der Welt bereiten sich auf den Ernstfall vor: Sollten bei der Wahl in Griechenland die Reformgegner gewinnen, wollen die Zentralbanken der G20-Länder gemeinsam gegen Turbulenzen an den Finanzmärkten vorgehen. Großbritannien will 100 Milliarden Pfund in sein Bankensystem pumpen. Notenbanken wappnen Märkte gegen Folgen der Griechenland-Wahl - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,838984,00.html)
will Tsipras denn da kippen? GR hält seine Auflagen doch eh schon nicht ein, was auch absehbar war. Auflagen die die Gewinner der Krise natürlich schützen. Und die Leute die eh schon nichts haben noch mehr belastet. Macht weiter so Liebe EURO Fanatiker der dank wird euch sicher sein. Ich möchte auch ein Europa aber nicht ein undemokratisches und nur für Eliten gemachtes. Dann können wir das ganze Projekt gleich in die Tonne treten.
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So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.