Schwacher Aufschwung Es klemmt im Kapitalismus

Die Spitze der internationalen Geldpolitik trifft sich in Jackson Hole. Ihre Aufgabe ist auch der Kampf gegen die Sinnkrise des Kapitalismus. Ohne Lösung droht die ungleiche Entwicklung die Gesellschaften zu zerreißen.

Industrieskyline in China
AFP/ Getty Images

Industrieskyline in China

Eine Kolumne von


Stellen Sie sich vor, Sie sind im Auto unterwegs und treten entschlossen das Gaspedal durch. Die Geschwindigkeit nimmt zu, der Motor heult auf, aber das Getriebe schaltet nicht in den nächst höheren Gang. Irgendetwas klemmt. Und Sie ahnen, dass die Maschine irgendwann kaputt ist, wenn Sie so weiterfahren.

So ungefähr stellt sich die weltwirtschaftliche Situation derzeit dar. Seit Jahren geben sich die Notenbanken alle Mühe, das Wachstum zu beschleunigen. Durchaus mit einigem Erfolg: Ein breiter globaler Aufschwung ist in Gang gekommen. Die USA, die Eurozone, China, Japan, selbst Länder wie Russland und Brasilien, die zuletzt tiefe Krisen durchlitten haben - überall legt das Sozialprodukt wieder zu. Um 3,5 Prozent soll nach gängigen Prognosen die Weltwirtschaft dieses Jahr wachsen. Und nächstes Jahr dürfte es sogar noch etwas mehr sein.

Aber irgendetwas klemmt. Die Weltwirtschaft schaltet nicht in den nächst höheren Gang: Das produktive Potenzial bleibt vom Aufschwung kaum berührt. Die Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück. Die Produktivität lahmt.

Wie lange kann das gutgehen? Was muss jetzt geschehen?

Es sind diese Fragen, die die Elite der globalen Notenbanker bei ihrem diesjährigen Treffen im US-Ferienresort Jackson Hole beschäftigen. Von Donnerstag bis Samstag werden sie darüber debattieren, was sie zur "Unterstützung einer dynamischen Weltwirtschaft" (Tagungstitel) tun können. Janet Yellen, die Chefin der amerikanischen Federal Reserve Bank, wird sprechen, ebenso EZB-Präsident Mario Draghi. Die Finanzmärkte werden genau hinhören, welche Botschaften die beiden senden.

Getan haben die Fed, die EZB und viele andere Notenbanken wahrlich eine Menge. Seit 2007, dem Jahr, als die Finanzkrise begann, haben sie Wertpapiere im Wert von rund 16 Billionen Dollar aufgekauft. Die Leitzinsen haben sie gegen Null gedrückt, in einigen Ländern (insbesondere in der Eurozone und in Japan) teilweise sogar darunter. Damit haben sie einen Absturz der Weltwirtschaft ins Bodenlose verhindert.

Die Lebensstandards drohen zu bröckeln

Das entschlossene Durchtreten des Gaspedals hat aber vor allem den Kapitalmärkten eingeheizt: Anleihen, Aktien und Immobilien sind enorm im Wert gestiegen. Aber in der realen Wirtschaft ist von dem vielen billigen Geld wenig angekommen. Einzig die Baubranche boomt vielerorts. Aber eine wirklich "dynamische Weltwirtschaft" stellt man sich anders vor.

Sind Sie schlau geworden aus der Krise?

Die Statistiken zeichnen ein trübes Bild: Der produktive Kapitalstock - Maschinen, Anlagen, geistiges Eigentum und dergleichen - wächst im Durchschnitt der OECD-Länder nur noch mit einer Rate von 1,3 Prozent. In den Nullerjahren lag der Wert noch fast doppelt so hoch, in den Neunzigerjahren dreimal so hoch.

Sogar in Ländern mit extrem günstigen Finanzierungsbedingungen stagniert das produktive Potenzial, darunter auch in Deutschland (mit einem schmalen Plus von 0,6 Prozent) und Japan (0,1 Prozent). In den Euro-Krisenstaaten Griechenland und Italien schrumpft der Kapitalstock sogar seit Jahren. Und so wird es nach OECD-Prognosen zunächst weitergehen.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklung sind besorgniserregend.

Eigentlich sollten nach einer Rezession niedrige Notenbankzinsen die Investitionsbereitschaft der Unternehmen befördern, sodass sich ein selbst tragender Aufschwung entfalten kann. Zumal wenn die Stimmung bei den Unternehmen, wie aktuell in Deutschland, hervorragend ist (achten Sie auf den Ifo-Geschäftsklimaindex am Freitag). In der Folge sollte die Produktivität der Beschäftigten steigen, was ordentliche Lohnerhöhungen ermöglicht.

Kommt dieser Prozess nicht recht in Gang, bröckeln Einkommen und Lebensstandards für weite Bevölkerungskreise. Zugleich kommen Leute, die Aktien oder Immobilien besitzen, in den Genuss steigender Bewertungen. So legten die Preise von Vermögensgütern deutscher Privatbürger allein im zweiten Quartal 2017 um 7,7 Prozent im Vorjahresvergleich zu, wie Berechnungen des Vermögensverwalters Flossbach von Storch zeigen. Der Trend zur teilweisen Entkopplung von Kapitalmärkten und Realwirtschaft bereitet den Nährboden für populistische Strömungen in vielen westlichen Ländern.

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Wie gesagt, irgendetwas klemmt. Die Frage ist nur, was.

Mögliche Diagnosen haben große Auswirkungen darauf, wie die Notenbanken weitermachen: ob sie auf unabsehbare Zeit weiter den Fuß auf dem Gaspedal lassen - oder ob sie rascher als bislang erwartet auf die Bremse steigen.

Es gibt diverse Erklärungsversuche für den blutarmen Aufschwung. Ich greife vier heraus:

  • Erstens, wir erleben derzeit eine "säkulare Stagnation", eine fundamentale Abschwächung des Wachstums. Diese These vertritt seit einigen Jahren der frühere US-Finanzminister Larry Summers. Weil die Bevölkerungen in vielen Ländern altern, sind sie per se weniger dynamisch. Es wird mehr gespart, weniger ausgegeben, vor allem weniger investiert. Entsprechend niedrig sind Inflation und Zinsen. Politische Risiken, ausgelöst durch Verteilungskämpfe auf nationaler und internationaler Ebene, verunsichern Investoren umso mehr. Die Staaten sollten die niedrigen Zinsen nutzen und ihrerseits investieren. Die Notenbanken sollten weiterhin mit offensiver Geldpolitik helfen.
  • Zweitens, das Wachstum schwächt sich ab, weil der Wirtschaft allmählich die Ideen ausgehen. Die großen Innovationsschübe der Industrialisierung, Elektrifizierung, Mobilisierung und Computerisierung sind weitgehend ausgeschöpft. Alle weiteren Neuerungen entfalten vergleichsweise geringen Nutzen. Entsprechend kommt der technische Fortschritt allmählich zum Erlahmen, und mit ihm das Wachstum der Wirtschaft, wie der Ökonom Robert Gordon meint. Stimmt diese These, sähe die Schlussfolgerung für die Notenbanken wohl so aus: Geldpolitik sollte weitaus strikter sein als bisher. Wenn vor allem die schwierigeren technisch-wissenschaftlichen Bedingungen die schwache Dynamik verursachen, hat es wenig Sinn, mit immer noch mehr Geld das Wachstum zu stimulieren.
  • Drittens, wir erleben gerade die nächste technologische Revolution, aber sie spiegelt sich in unseren volkswirtschaftlichen Rechenwerken nicht wider. Die Produktivität lahmt gar nicht, wir müssen sie nur anders definieren. Denn die Digitalisierung führt dazu, dass viele Güter und Dienstleistungen billiger werden oder sogar umsonst verfügbar sind. Es ist deshalb kein Wunder, dass weniger Geld investiert wird, einfach weil in einer digitalisierten Welt immer weniger teure Fabriken und Maschinen nötig sind. Die üblichen Wirtschaftszahlen führen in die Irre, weil die Statistiken einst für industriegeprägte Strukturen ersonnen wurden. Die Schlussfolgerung für die Notenbanken würde zunächst mal heißen, neue Analysekonzepte zu entwickeln.
  • Viertens, wir stehen am Ende einer Reihe von Schuldenexzessen. Über Jahrzehnte haben freigiebige Notenbanken und ein lax regulierter Finanzsektor immer mehr Kredite vergeben. Selbst nach der Finanzkrise sind die Schulden weltweit immer noch weiter gestiegen, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kalkuliert. Diese Verbindlichkeiten lasten nun auf Staaten, Unternehmen und Privatbürgern, schränken die Investitionsmöglichkeiten ein - und machen die Wirtschaft anfällig für weitere, womöglich noch schwerere Finanzkrisen. Entsprechend sollten die Notenbanken vorsichtig den Fuß vom Gas nehmen. Mittelfristig sollte ein Ausstieg aus der Schuldenwirtschaft auf dem Programm stehen.

Wie also weiter? In Jackson Hole werden Yellen, Draghi & Co. wohl vage bleiben, was die unmittelbar nächsten Schritte ihrer Notenbanken angeht. Umso interessanter wird sein, ob sie Hinweise darauf erlauben, wie sie das große Szenario sehen.

Immerhin geht es um nichts weniger als um die Zukunft des Kapitalismus.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

Hannover - Neuwahlen - Nach dem Verlust der Regierungsmehrheit von Rotgrün in Niedersachsen soll der Landtag seine Selbstauflösung beschließen, um den Weg zu Neuwahlen freizumachen.

Wahlkampf I - Angela Merkel in St. Peter-Ording und Cloppenburg, Martin Schulz in Bremen - dazu Alexander Dobrindt, Alexander Gauland, Katja Kipping und Cem Özdemir beim "Politikercheck" der ARD.

DIENSTAG

Wahlkampf II - Schulz in Trier, Merkel in Münster und Bergisch Gladbach, Peter Altmaier in Berlin, Katrin Göring-Eckhardt in Aachen, Horst Seehofer in Dachau, Özdemir in Wilhelmshaven, Dietmar Bartsch in Magdeburg.

MITTWOCH

Lindau - Ökonomische Geister - Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften. Mit dabei: anderthalb Dutzend Nobelpreisträger und einige Hundert Nachwuchsökonomen. Die Eröffnungsansprache hält EZB-Chef Mario Draghi.

Wahlkampf III - Merkel in Berlin, Schulz in Göttingen, Joachim Herrmann in Hof.

DONNERSTAG

Jackson Hole - Kursdebatten - Jährliches Treffen der Notenbanker im Ferienresort im US-Bundesstaat Wyoming (bis Samstag).

Wahlkampf IV - Schulz in Essen, Merkel in Bayreuth und Vacha (Thüringen), Wolfgang Schäuble in Lauterbach (Hessen).

FREITAG

München - Boom, ohne Boden? - Das Ifo-Institut veröffentlicht den aktuellen Geschäftsklimaindex.

Wiesbaden - Schwarz, über Null - Das Statistische Bundesamt veröffentlicht Details zum deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal sowie die offizielle staatliche Defizit- bzw. Überschussquote für das erste Halbjahr.

Wahlkampf V - Merkel in Bad Kissingen und Fulda, Schulz in Frankfurt und Kaiserslautern, Seehofer in Eichstätt, Göring-Eckardt in Karlsruhe, Özdemir in Köln.

SAMSTAG

Wahlkampf VI - Schulz in Bochum, Merkel in Braunschweig und Quedlinburg, Özdemir in Bonn, Göring-Eckhardt in Frankfurt, Gregor Gysi in Gera.

SONNTAG

Wahlkampf VII - Sommerinterviews: Schulz in der ARD, Merkel im ZDF.

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CB_2017 20.08.2017
1. Investitionszurückhaltung
Ich erlebe es selbst in einem deutschen Produktionsstandort eines US-Unternehmens, NYSE-notiert: Es wird nur nach kurzfristiger Rendite geschielt. Eine Anlage, ein Gerät muss sich nach max. 1 Jahr amortisiert haben, sonst bekommt man praktisch nie das Geld dafür. In einem Geschäft mit mehrjährigen Produktzyklen ist das natprlich ökonomischer Nonsense, aber "der Markt" erwartet anscheinend, dass sich alles auf Quartalsbasis auskommt. Wir müssen bestimmte Werte inzwischen auf (völlig aussageloser) Tagesbasis in den Konzern berichten. Echte Produktivitätsverbesserungen erzielt man aber nur durch Denken in "langen Linien", denn das kurzfristige Potenzial ist weitgehend ausgeschöpft. Es wird von den Konzernobersten zwar nicht negiert, aber im Sinne der Investorenverhätschelung ignoriert. Tja...
Gebr.Engels 20.08.2017
2.
Zitat: "Anleihen, Aktien und Immobilien sind enorm im Wert gestiegen." Für solch eine Entwicklung gibt es auch ein anderes Wort, -nämlich Inflation. Wenn ein Laib Brot "enorm im Wert steigt"; heißt dies, der Preis hat sich stark erhöht, allerdings nicht dessen Wert, es ist nämlich nicht größer geworden, und ich kann es auch weiterhin nur einmal essen.
kevinschmied704 20.08.2017
3. is das jetzt ein schlechter scherz? ^^
lol betrachten wir uns mal die Globalisierung und die hiesigen und weltweiten Kapitalismen. was erkennen wir in der Gesamtheit? ja es ist richtig seit gut 70 Jahren geht es bergauf für einige wenige. der Rest zahlt die zeche für uns. Mann muss schon zugeben, das es mehr Verlierer als Gewinner gibt. wenn man bedenkt das es die Globalisierung und Kapitalismen ein wenig länger gibt. (siehe Geschichtsbuch) Dann kann man schon in Zweifel geraten, ob das wirklich sinnvoll ist. wenn zwei drittel, für ein drittel arbeiten. damit es das eine drittel deutlich besser hat. und ich rede jetzt nur vom satt werden und der Lebenserwartung dieser Menschen. jetzt damit zu kommen und zu meinen das es hackt... tja hat doch einen sehr bitteren Beigeschmack. und die Damen und Herren in ihren Geschäfts uniformen, machen doch diesbezüglich eine sehr schlechte Figur. (siehe Kriese 2008 oder cum ex und cum cum von ca 1970- 2015) und wer weiß, welche Lücke sie jetzt gerade für sich nutzen oder blase sie gerade künstlich Aufblasen. lange rede kurzer sinn, mich erschließt sich kein Grund, warum wir dieses System weiter unterstützen und fördern sollten. Länder wie Russland, treten zudem eher wie ein moderner feudaler Staat auf... Gruß
GSYBE 20.08.2017
4. fünftens
Fünftens: die Märkte sind unter wenigen Konzernen aufgeteilt. Diese bestimmen Abgabe- und Einkaufspreise, kleine und mittlere Unternehmen haben keine Chance mehr und Neugründungen sind schon vor Unterzeichnung der Gründungsurkunde zum Scheitern verurteilt. Weltweit müssen Konzerne zerschlagen werden; am Besten es wird mit Amazon angefangen.
yvowald@freenet.de 20.08.2017
5. Hohe Transaktionssteuern
So lange spekulatives Kapital deutlich höhere Renditen bringt als "richtiges" Kapital, also in Realwerten investiertes Geld, so lange wird sich die Situation nicht verändern. Allerdings sollten wir immer bedenken, daß es in den entwickelten Ländern und Regionen eine Überproduktion gibt, während die weniger entwickelten Staaten und Regionen keine Möglichkeit haben, entsprechende Mittel zu investieren. Also sollte der Spekulation ein Ende bereitet werden, durch möglichst hohe Transaktionssteuern. Nur, wer bringt die "entwickelten" Staaten unter einen Hut?
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