Nürburgring Experten fürchten Mauschelei bei Insolvenz

Das Insolvenzverfahren für den Nürburgring sorgt für harsche Kritik. Denn ausgerechnet das für die Pleite verantwortliche Management soll die Rennstrecke nun sanieren. Damit wird das Land Rheinland-Pfalz sein eigener Gläubiger - den Steuerzahlern drohen hohe Verluste.

Helm vor Nürburgring-Schriftzug: Dominante Rolle des Landes Rheinland-Pfalz
dapd

Helm vor Nürburgring-Schriftzug: Dominante Rolle des Landes Rheinland-Pfalz

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Mainz/Hamburg - Das Land Rheinland-Pfalz behält auch nach der Insolvenz des Nürburgrings seine dominante Stellung bei der Rennstrecke. Die wichtigsten Gläubiger des Nürburgrings wollen für die Sanierung des Unternehmens keinen unabhängigen Insolvenzverwalter. "Der vorläufige Gläubigerausschuss hat getagt und sich einstimmig für ein Verfahren in Eigenverantwortung ausgesprochen", sagte der Direktor des zuständigen Amtsgerichts Bad Neuenahr-Ahrweiler, Jürgen Powolny, am Dienstag. Das Gericht werde dem zustimmen.

Bei einer Insolvenz in Eigenverantwortung bleibt die bisherige Unternehmensleitung im Amt und führt die Geschäfte weiter. Der Sanierungsplan des Managements, der sogenannte Insolvenzplan, wird von einem Sachwalter überwacht. Dieser hat aber weit weniger Einfluss als ein Insolvenzverwalter.

Experten und die Opposition in Rheinland-Pfalz sehen die Insolvenz in Eigenverwaltung im Fall Nürburgring sehr kritisch, denn das Land ist Gesellschafter und Geldgeber zugleich. "Das Land Rheinland-Pfalz ist quasi sein eigener Gläubiger", sagt Detlef Specovius, Fachanwalt für Insolvenzrecht bei der Kanzlei Schultze & Braun. "Eigenverwaltung und Insolvenzplan sind grundsätzlich zu begrüßen. In einem Insolvenzverfahren, in dem gegen die Beteiligten der Vorwurf mangelnder Transparenz und ein großer Vertrauensverlust im Raum stehen, erscheinen diese Sanierungsinstrumente jedoch wenig geeignet."

Gutachten warnt vor hohen Verlusten für die Steuerzahler

Der Nürburgring gehört zu 90 Prozent dem Land und zu zehn Prozent dem Landkreis Ahrweiler. Auch im Gläubigerausschuss sitzen zum größten Teil Vertreter von Land und Kommunen. Hauptgläubiger ist die landeseigene ISB-Bank, dem Gremium gehören zudem Vertreter der Ortsgemeinden Nürburg und Müllenbach, die Bundesagentur für Arbeit (BA) sowie ein Vertreter der Arbeitnehmer an.

Durch eine Sanierung in eigener Regie könne "in diesem Fall der öffentliche Eindruck entstehen, dass beim Nürburgring der Bock zum Gärtner gemacht wird und alles so weiter läuft wie bisher", sagte Specovius. "In einer solchen Situation ist der klassische Insolvenzverwalter als externer Sanierer womöglich die bessere Lösung."

Die staatliche Nürburgring GmbH hatte am Freitag für sich selbst und für ihre Töchter Motorsport Resort Nürburgring GmbH und Congress- und Motorsport Hotel Nürburgring GmbH eine Insolvenz in Eigenverantwortung beantragt. Als Sachwalter wurde der Koblenzer Anwalt Jens Lieser bestimmt. Er will sich an diesem Mittwoch der Öffentlichkeit vorstellen. Sanierungsgeschäftsführer wird der Trierer Anwalt Thomas B. Schmidt. Dieser wurde den Angaben der Nürburgring GmbH zufolge als "neuer alleinvertretungsberechtigter Geschäftsführer" bestimmt. Er soll das Unternehmen mit den bisherigen Chefs Gerd Weisel und Hans-Joachim Koch führen.

Sollte die Sanierung nicht gelingen, müssten wohl die Steuerzahler den Schaden begleichen. Wie die "Rhein-Zeitung" und der "Trierische Volksfreund" berichten, deuten sich herbe Verluste für den Steuerzahler an. Ein in Auszügen veröffentlichtes Gutachten von Wirtschaftsprüfern rechnet vor, dass der Wert der Rennstrecke mit angrenzenden Immobilien die Schulden bei einem Verkauf kaum tilgen könne.

Die Koblenzer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Dr. Dornbach & Partner GmbH bezifferte im Mai den Verkehrswert der Ring-Immobilien auf 98 bis 126 Millionen Euro - und die Nettoschulden auf rund 400 Millionen Euro. Damit würden die Steuerzahler mit circa 300 Millionen Euro zur Kasse gebeten. Das wäre mehr als die hierfür geplante Landesrücklage: Sie beläuft sich auf nur 254 Millionen Euro.

Der beste Weg, "um Fehler auch zukünftig zu verschleiern"

Die CDU-Opposition kritisierte, die Sanierung in Eigenregie sei für die Regierung von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) als Hauptgesellschafter der beste Weg, "um frühere Fehler auch zukünftig zu verschleiern". Die FDP forderte Becks Rücktritt. Der Regierungschef habe "dem Land die finanzpolitische Handlungsfähigkeit genommen", sagte der Vorsitzende der Landes-FDP, Volker Wissing.

Die staatliche Nürburgring GmbH ist wegen ausbleibender Pachtzahlungen der privaten Betreiber nicht mehr liquide und kann einen 330-Millionen-Euro-Kredit nicht mehr bedienen. Das Land wollte die Rennstrecke mit einer Finanzspritze in Höhe von 13 Millionen Euro ein weiteres halbes Jahr über Wasser halten. Doch die EU-Kommission genehmigte die Hilfe nicht rechtzeitig.

mit Material von AFP und dapd

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insgesamt 7 Beiträge
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tylerdurdenvolland 25.07.2012
1. ???
Was haben diese "Experten denn erwartet? Eine Insolvenz ohne Mauschelei?
goethestrasse 25.07.2012
2. optional
Der gemeine Bürger vermutet doch eh das Schlimmste. In weinseliger, klüngelnder Runde, schaumgeborere, visionäre Idee, die sich dazu eigenen, dem Erbauer ein Denkmal zu sein . Geld ...egal. Am besten noch anonyme Subventionen aus Brüssel dazu. Eine Prise Arbeitsplätze und Struktursicherung, dann sind die lokalen Grössen auch im Boot. Was soll´s, ist eh nur wieder ein Tropfen mehr im Fass des noch machtlosen Volkszorns. Und solange alles "alternativlos" ist, umso besser.
harald1234 25.07.2012
3. Ursache
ein toller Artikel; ein bischen bashing uf die politik und ganz am Schluss in einem Nebensatz die Ursache für die Insolvenz: wegen ausbleibender Pachtzahlungen der privaten Betreiber ist die staatliche GMBH nicht mehr liquide und kann einen 330-Millionen-Euro-Kredit nicht mehr bedienen. Es wäre sehr sinnvoller, wenn am Anfang eines Artikels ALLE (auch die hier offensichtlich noch fehlenden Informationen über die privaten Betreiber) aufgezählt werden würden.
Bundeskanzler20XX 25.07.2012
4. Unglaubliche Unfähigkeit
Zitat von sysopdapdDas Insolvenzverfahren für den Nürburgring sorgt für harsche Kritik. Denn ausgerechnet das für die Pleite verantwortliche Management soll die Rennstrecke nun sanieren. Damit wird das Land Rheinland-Pfalz sein eigener Gläubiger - den Steuerzahlern drohen hohe Verluste. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,846182,00.html
Das ganze ist das erschreckende Zeugnis von dem, was unsere Politiker drauf haben. Betrachtet man das Konzept, konnte man schon erkennen das der Karren mit voller Wucht vor die Wand gefahren wird. Das Hotel und Konferenzzentrum in dieser Lage ist einfach sinnfrei. Es fahren wohl kaum irgendwelche Manager quer durchs Ländle um am Nürburgring eine Konferenz abzuhalten... und auch das "Resort" mit der Funktionsuntüchtigen Rekordachterbahn lockt einfach keine Gäste an, warum auch. Einzig die Grüne Hölle kann Kunden ziehen. Und das alleine reicht einfach nicht um die Gesamtkosten zu bedienen. Wer so mit Steuergeldern plant gehört für mich vor Gericht gestellt und verurteilt. Was vielleicht noch geklappt hätte wäre ein richtiger Themenpark rund um den Motorsport. Neben den gewöhnlichen Freizeitpark-Fahrgeschäften hätte man den Gästen noch Zugang zur Rennstrecke bieten können, und Langzeitgästen vielleicht ein Rennfahrertrainig mit abschließendem "Rennen" auf der GP-Strecke. Sowas zieht Leute an, ein Freizeitpark mit dem Thema "Motorsport" ist mir bisher nicht bekannt (vielleicht gibts sowas in den USA). Zudem hätte man sich vielleicht auch den Schumi ins Boot holen können... Es wäre so viel möglich, aber man muss sowas richtig machen, nicht nur in Fetzen und hoffen das irgendwas davon genug Geld einbringt.
Bundeskanzler20XX 25.07.2012
5. pachtzahlungen?!
Zitat von harald1234ein toller Artikel; ein bischen bashing uf die politik und ganz am Schluss in einem Nebensatz die Ursache für die Insolvenz: wegen ausbleibender Pachtzahlungen der privaten Betreiber ist die staatliche GMBH nicht mehr liquide und kann einen 330-Millionen-Euro-Kredit nicht mehr bedienen. Es wäre sehr sinnvoller, wenn am Anfang eines Artikels ALLE (auch die hier offensichtlich noch fehlenden Informationen über die privaten Betreiber) aufgezählt werden würden.
Es gibt keine... Das Hotel steht leer, des Konferenzzentrum ist ungenutzt und die Achterbahn läuft nicht. So viele Rennen können auf der Rennstrecke garnicht gefahren werden um die Kosten reinzuholen.
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