Aus Davos berichtet David Böcking
Es ist dunkel geworden in Davos, dunkel und kalt. Ringsherum leuchtet es behaglich aus Restaurants und Hotels, in denen sich Besucher des Weltwirtschaftsforums von ihrer Anreise erholen. Der Gedanke, sich jetzt in einer guten Stube an Rösti oder einer heißen Ovomaltine zu wärmen, ist ziemlich verlockend.
Florian Sieber hat keine Zeit für solche Phantasien. Im Kerzenschein schneidet er Kartoffeln und erhitzt auf einem großen Gaskocher Wasser. Heute gibt es Pilzragout im Camp Igloo - der neuesten Zweigstelle der Occupy-Bewegung.
Dass Occupy-Aktivisten in Davos auftauchen, liegt nahe. Wohl nicht einmal an der Wall Street ballt sich so viel Finanz- und Wirtschaftsmacht wie einmal im Jahr in Graubünden. Und weil Davos nicht New York ist, sondern zu dieser Jahreszeit eine tiefverschneite Winteridylle, wählten die Demonstranten eine besondere Unterkunft: Iglus, die sie auf einem etwas abgelegenen Parkplatz in Davos errichtet haben.
Camp Igloo sei ein Protest gegen die "absolut undemokratische Art, wie man sich hier trifft", erzählt Sieber beim Kochen. Der 22-Jährige ist Student und internationaler Sekretär der Schweizer Jusos, die zu den wichtigsten Organisatoren gehören. Seine Haltung begründet Sieber eloquent mit Marx und Gramsci, aber auch mit den Beschwerden bei der heutigen Einkaufstour. "Vorhin habe ich wieder zwei Personenkontrollen auf 200 Metern gehabt." Dabei sei der Grund und Boden, auf dem das Weltwirtschaftsforum stattfinde, doch eigentlich Volksbesitz.
Daniel Keller ist die ständigen Kontrollen während des Weltwirtschaftsforums seit Jahren gewöhnt. Der 19-Jährige kommt aus Davos und arbeitet bei der Bergbahn. Doch mit seiner schwarzen Kapuzenjacke und dem Nietengürtel würde man ihn eher in einer linken Großstadtszene vermuten. "Hier gibt's mehr Punks und Autonome als man denkt", sagt er lachend.
Auch Davos bekam die Macht des Geldes zu spüren
Aber warum protestieren gerade Schweizer - laut einer aktuellen Statistik mit einem Pro-Kopf-Vermögen von 540.000 Dollar das vermögendste Volk der Welt - gegen das Wirtschaftsforum? In den USA haben viele Occupy-Aktivisten durch die Krise ihren Job verloren. Den Davosern dagegen sichert das jährliche Treffen der Wirtschaftselite gute Einkommen - auch Kellers Vater, einem Hotelier.
Für die Aktivisten in Camp Igloo ist das kein Widerspruch. Natürlich gehe es ihnen vergleichsweise gut, sagen Jonas Zürcher und Sascha Müller. Die beiden 24-Jährigen vollenden gerade das Dach eines siebten Iglus. "Aber so lange ist es noch nicht her, dass die UBS mit 68 Milliarden gerettet wurde", sagt Zürcher. Zur selben Zeit hätten sich immer mehr junge Schweizer mit Praktika durchschlagen müssen. Müller, der ebenfalls aus Davos kommt, erwähnt den Gini-Koeffizienten, der die Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen misst. "Die Schweiz hat den selben Koeffizienten wie Bangladesch."
Die Macht des Geldes hätten zudem auch die Davoser schon zu spüren bekommen, erzählt Keller. Das Kongresszentrum des Orts wurde in den vergangenen Jahren aufwändig erweitert, den umstrittenen Ausbau segnete die Bevölkerung in einer kommunalen Abstimmung ab. Bei einem Nein, das hatte das Weltwirtschaftsforum zuvor klargemacht, hätte Davos die lukrative Veranstaltung verloren.
Vielleicht ist es auch stiller Ärger über die immer größeren Ausmaße des Forums, der die Aktionen von Occupy in Davos deutlich einfacher macht als in den USA. Zwar sind die Nächte in den wenige Quadratmeter großen Iglus eine Herausforderung, ein Camp-Teilnehmer wurde bereits fast von einem herabgesackten Schneedach begraben. Doch der Bürgermeister schaut regelmäßig vorbei und die Gemeinde hat sogar einen stabilen Container gestellt, in dem Sieber jetzt das Pilzragout kochen kann. Dafür trafen sich die Aktivisten vorab mit den Behörden und versprachen laut Protokoll "dass wir friedlich bleiben".
Diskussionen an der Schneebar
Auch ausländische Besucher hätten positiv reagiert, berichten die Camp-Bewohner. Mit Reuters-Journalisten hätten sie in der Dorfkneipe gezecht, Mitarbeiter des erzkonservativen US-Fernsehnetzwerks Fox hätten ihnen versichert, sie seien im Herzen Liberale. Sogar eine Verbrüderung mit Wintersporttouristen gab es: Die wurden mit Glühwein und Bier an eine Schneebar im Camp gelockt, wo man dann angeregt diskutierte - Aktivismus beim Après-Ski.
Für die Macher des Weltwirtschaftsforums ist so viel Aufmerksamkeit unangenehm. Forums-Gründer Klaus Schwab sieht sich selbst als Vermittler zwischen Wirtschaft und Zivilgesellschaft und lädt jedes Jahr honorige Vertreter von Nichtregierungsorganisationen ein. Vor dem Treffen hat er den Kapitalismus "in seiner bisherigen Form" für überholt erklärt. Gleich in einer der ersten Veranstaltungen des Forums soll über zeitgemäßere Formen diskutiert werden.
Doch bei einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche musste sich Schwab fragen lassen, warum dieses Jahr keine Occupy-Vertreter eingeladen worden seien. Ob man damit nicht "Gefahr laufe, die Karikatur eines Reiche-Leute-Clubs zu werden", wollte ein Journalist wissen. Das Forum sei "eine absolut offene Institution", entgegnete Kommunikationschef Adrian Monck. Doch das stimmt nicht wirklich: Das Forum sucht sich seine Teilnehmer selbst aus.
Zwar gibt es ein sogenanntes Open Forum, das auch Normalbürger besuchen können. In einer der insgesamt sieben Veranstaltungen soll es in diesem Jahr auch um die von Occupy angestoßene Kapitalismusdebatte gehen. Einen Vertreter der Bewegung sucht man unter den Podiumsteilnehmern aber vergebens. Kritik alleine bringe eben nicht weiter, verteidigte Schwab die Haltung zu Occupy. Man suche "verzweifelt nach Leuten mit Lösungen".
Über die scheint sich Occupy tatsächlich noch nicht einig zu sein. "Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass wir Forderungen brauchen", sagt Juso-Mann Sieber. Seine Gruppe habe kürzlich einen Forderungskatalog zusammengestellt, auch wenn der unter anderen Aktivisten umstritten war.
Welche Vorschläge das waren? Auf Anhieb fällt Sieber nur die Finanztransaktionssteuer ein. Den Rest, sagt er, finde man aber im Internet.
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