OECD-Bericht: Wirtschaft in Indien und China schwächelt
Schon die Schuldenkrise in Europa ist eine große Belastung für die Weltwirtschaft - jetzt warnt die Industriestaaten-Organisation OECD, dass auch die größten Schwellenländer China und Indien als Motoren ausfallen könnten. Indiens Bonität läuft sogar Gefahr auf Ramschniveau abzustürzen.
Paris - Die Hoffnung, die Weltwirtschaft könnte durch das Wachstum der Schwellenländer belebt werden, ist offenbar trügerisch. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) warnte in ihrem Ausblick am Montag: "Die Bewertungen für China und Indien haben sich seit dem vorigen Monat deutlich geändert".
Der OECD-Frühindikator für China fiel im April um 0,3 auf 99,1 Punkte. Er entfernte sich damit weiter von der 100-Zähler-Marke, die den langjährigen Durchschnittswert markiert und die Schwäche hielt im Mai offenbar an. Die Einzelhändler steigerten ihren Umsatz nur noch um 13,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr - einen geringeren Zuwachs gab es zuletzt im Februar 2011.
Auch die Industrie blieb hinter den Prognosen zurück: Deren Produktion zog um 9,6 Prozent an, während Ökonomen mit 9,9 Prozent gerechnet hatten. Die Entwicklung der Produzentenpreise beobachten Ökonomen ebenfalls mit Sorge: Sie fielen um 1,4 Prozent und damit den dritten Monat in Folge.
Standard & Poor's droht Indien mit Komplettverlust der Bonität
Chinas Wirtschaft wird Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolgein diesem Jahr mit 8,2 Prozent so langsam wachsen wie seit 1999 nicht mehr - der Exportweltmeister leidet unter der Krise in seinem wichtigsten Absatzmarkt, der EU. Die chinesische Zentralbank senkte in der vergangenen Woche erstmals seit der weltweiten Finanzkrise vor vier Jahren ihren Leitzins, um mit billigerem Geld neue Konjunkturimpulse zu setzen. Spielraum für weitere Schritte eröffnet die sinkende Inflation: Die Teuerungsrate fiel im Mai mit 3,0 Prozent auf das niedrigste Niveau seit Mitte 2010.
Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist nicht das einzige Schwellenland, das gegen eine Konjunkturabkühlung kämpft. Indiens Bruttoinlandsprodukt wuchs zuletzt so langsam wie seit neun Jahren nicht mehr. Der Rückgang des OECD-Barometers um 0,2 auf 98,0 Punkte deutet eine weitere Abkühlung an. Indien droht zudem als erstes der großen Schwellenländer in Sachen Kreditwürdigkeit auf Ramsch-Status abzustürzen. Die Rating-Agentur Standard & Poor's nannte unter anderem das schwache Wachstum und den Reformstau als Faktoren, die für eine Herabstufung sprechen könnten. Indien ist derzeit mit einer Bonitäts-Note von BBB minus nur einen Schritt vom sogenannten Ramsch-Niveau entfernt.
Zeichen der Hoffnung
Gegen den Negativtrend gibt es auch kleine Hoffnungszeichen: Trotz der schwachen Nachfrage in Europa legten die chinesischen Exporte im Mai mit 15,3 Prozent mehr als doppelt so stark zu wie erwartet. Dazu trug auch die Abwertung des Yuan bei, dessen Kurs so stark nachgab wie noch nie in einem Monat. Zudem gewähren die Exporteure ihren Kunden inzwischen enorme Rabatte für Vorbestellungen, um das Geschäft zu beleben.
Auch das Gegensteuern der Regierung in Peking zeigt erste Erfolge: Die chinesischen Banken vergaben im Mai überraschend viele neue Kredite im Wert von umgerechnet rund 100 Milliarden Euro. Experten führen das darauf zurück, dass die Behörden Investitionen schneller absegnen.
nck/Reuters
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