OECD-Bilanz Viele Zuwanderer verlassen Deutschland schnell wieder

Deutschland, ein Traumland für Zuwanderer? Von wegen. Laut OECD bleibt mehr als die Hälfte der Griechen und Spanier nicht mal ein Jahr. Trotz Fachkräftemangel tun Firmen und Kommunen offenbar zu wenig, um die Gastarbeiter zu halten.

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Britischer Zuwanderer (bei Siemens): Warnsignal für Deutschland
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Britischer Zuwanderer (bei Siemens): Warnsignal für Deutschland


Hamburg - "Bienvenidos! Willkommen in Baden-Württemberg!" Im Schwarzwald versuchen gleich mehrere Initiativen, Nachwuchskräfte aus Spanien in die Region zu locken. Spanische Azubis für die Gastronomie, spanische Fachkräfte für Krankenhäuser und Kitas, Ingenieure für die mittelständischen Industriebetriebe: Der vom Fachkräftemangel geplagte ländliche Süden Deutschlands hat sein Herz für rezessionsgeplagte Spanier entdeckt.

Die Idee: Südeuropa kämpft mit dramatisch hoher Jugendarbeitslosigkeit, die Mittelständler in Süddeutschland hingegen suchen händeringend Personal. Warum also nicht junge und erfahrene Fachkräfte aus Südeuropa nach Deutschland einfliegen lassen - und so eine Win-win-Situation schaffen?

Doch so einfach, wie es sich viele Politiker vorstellen, ist es nicht. Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigen nun: Viele Zuwanderer verlassen Deutschland schnell wieder. Laut dem Migrationssausblick der OECD hat sich in den vergangenen Jahren nur jeder zweite Grieche und sogar nur jeder dritte Spanier länger als ein Jahr in Deutschland aufgehalten.

Das ist ein Warnsignal für die schrumpfende und alternde Bundesrepublik. Deutschland schafft es offenbar nicht, Zuwanderer auch im Land zu halten. Von einer Million Zuwanderer blieb 2012 unterm Strich nur ein knappes Plus von nicht einmal 400.000 Menschen, wenn man die Zahl der Fortzüge im selben Zeitraum berücksichtigt. In die Türkei wanderten etwa 4000 Menschen mehr ab, als umgekehrt nach Deutschland einreisten.

Empfangskomitees mit Blumen und Geschenken

Die aktuellen Aktionen von Politikern und Unternehmensverbänden erinnern an die deutschen Anwerbeaktionen der sechziger und siebziger Jahre: Politiker und Unternehmer lockten damals rund vier Millionen "Gastarbeiter" ins Land, mit Werbeaktionen in Südeuropa, Geldprämien und Willkommensgeschenken. 1964 wurde der millionste Gastarbeiter öffentlichkeitswirksam vom Bundesverband deutscher Arbeitgeber (BDA) am Bahnhof begrüßt: Eine Blaskapelle spielte "Auf in den Kampf, Torero", und die Presse berichtete bundesweit darüber, wie die Augen des Portugiesen glänzten, als die örtlichen Honoratioren ihm ein nagelneues Moped schenkten.

2013 warten auf südeuropäische Fachkräfte, die dem Ruf der Lokalpolitiker und Unternehmer in meist ländlichen deutschen Regionen folgen, nun wieder Empfangskomitees mit Lokalpresse, Blumen und Geschenken. Der große Unterschied: Damals waren ungelernte Arbeitskräfte gefragt, die einfache Arbeiten übernahmen. Und sie sollten nur für einige Jahre ins Land kommen, bis die Aufbauarbeit erledigt und der Arbeitskräfteengpass überwunden wäre.

Heute suchen Unternehmen gezielt nach ausgebildeten Fachkräften mit Deutschkenntnissen. Und sie wollen, dass die Zuwanderer bleiben: Am liebsten mit Kind und Kegel und für immer. Denn die Fachkräftelücke ist dieses Mal kein kurzfristiger Engpass. Sie wächst vielmehr mit jedem Jahr, das vergeht. Denn Deutschland altert und schrumpft.

Da trifft es sich gut, dass die Werbeaktionen Wirkung zu zeigen scheinen: Eine Million Menschen verlegten im Jahr 2012 ihren Wohnsitz in die Bundesrepublik, so viele waren es zuletzt Mitte der neunziger Jahre. Viele von ihnen kamen aus den südeuropäischen Krisenländern. Die Zahl der zugewanderten Spanier stieg um 45 Prozent, aus Griechenland, Portugal und Italien kamen ebenfalls jeweils mehr als 40 Prozent mehr Zuwanderer als im Vorjahr.

Die Integration in den Arbeitsmarkt gelingt noch selten

Doch wie können die Zuwanderer im Land gehalten werden? Sie sind meist jung - und außergewöhnlich hoch qualifiziert. "Ein Trend ist klar erkennbar: Die Migranten, die zurzeit nach Deutschland kommen, kann man nicht mit den Gastarbeitern der sechziger Jahre vergleichen", sagt Röhl. "Sie sind deutlich besser qualifiziert, der Anteil der Akademiker unter den Zuwanderern steigt." 43 Prozent der Neuzuwanderer zwischen 15 und 65 Jahren haben einen Meister, Hochschul- oder Technikerabschluss, zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Zum Vergleich: Bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund verfügen nur 26 Prozent über vergleichbare Abschlüsse.

Und doch: Eine schnelle Integration in den deutschen Arbeitsmarkt will vielerorts nicht gelingen. Das mag auch daran liegen, dass sich die neuen Zuwanderer dieses Mal selbst eher als Gastarbeiter sehen. Sie sind es plötzlich, die einen kurzfristigen Engpass auf dem Arbeitsmarkt überbrücken wollen. "Wenn es den Heimatländern wirtschaftlich wieder besser geht, wollen gerade die jungen Leute wieder zurück", sagt Johann Fuchs, Analyst beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Deutsche Unternehmen hätten daher womöglich die Sorge, dass sie jetzt in Ausbildung und Integration der Krisenflüchtlinge investieren - nur damit die dann nach wenigen Jahren wieder ins Ausland verschwinden.

Hinzu kommt: Zwar ist der Fachkräftemangel in einigen Regionen und Branchen bereits deutlich spürbar. "Aber das gilt noch nicht flächendeckend für alle Unternehmen", sagt Fuchs. "Die meisten Betriebe sind sich des Trends bewusst, sie sehen, dass das Erwerbspersonenpotential stetig sinkt. Aber der Handlungsdruck ist noch nicht so hoch, dass sie sofort und unter allen Umständen einstellen." Fachkräfte aus Südeuropa, um die man sich mit Sprach- und Integrationskursen bemühen muss, sind da oft nicht die erste Wahl.

Mit Material von dpa

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insgesamt 380 Beiträge
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.......... 13.06.2013
1. Undankbar...
Deutschland bezahlt die Schulden von Spanien und Griechenland und sie schaetzen nicht mal die Gastfreundschaft der Deutschen!
AxelSchudak 13.06.2013
2. Ursachensuche?
Bevor man in sinnlosen Aktionismus verfällt sollte man untersuchen, WARUM sie zurückgehen - und nicht einfach die Verantwortung auf "Kommunen und Betriebe tun zu wenig" schieben. Eine systematische Befragung wäre das mindeste bevor man Aktionsprogramme startet oder Verantwortung durch die Gegend schiebt.
kaba06 13.06.2013
3. Ein Unsinn
"Fachkräfte aus Südeuropa, um die man sich mit Sprach- und Integrationskursen bemühen muss, sind da oft nicht die erste Wahl" - Natürlich nicht. Diese Fachkräfte müssen sich SELBST in Sprach- und Integrationskursen bemühen. Wobei man sich ja wirklich fragt, wieso denn ein Akademiker aus Spanien einen Integrationskurs benötigt. Und die Vorstellung, als Akademiker oder Techniker ins Ausland zu gehen, um dann ohne Beherrschung der Landessprache einen guten Job zu finden, ist doch sehr naiv. Das geht in ein paar Branchen und auch da nur, wenn man sehr gut Englisch spricht. Und auch wenn viele zurückgehen: Einige bleiben. Und zwar wohl die, die sich hier am besten zurechtfinden und eine interessante Arbeit gefunden haben.
platzanweiser 13.06.2013
4. Lachhaft!
Zitat von sysopREUTERSDeutschland, ein Traumland für Zuwanderer? Von wegen. Laut OECD bleibt mehr als die Hälfte der Griechen und Spanier nicht mal ein Jahr. Trotz Fachkräftemangel tun Firmen und Kommunen offenbar zu wenig, um die Gastarbeiter zu halten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/oecd-deutschlands-einwanderer-wandern-oft-wieder-aus-a-905446.html
Die Firmen tun nicht zu wenig, um die Gastarbeiter zu halten - sie tun zu wenig, die vorhandenen Fachkräfte zu halten, in dem Glauben, Gastarbeiter hätten nicht "so hohe" Ansprüche. Von der ständigen Wiederholung wird die Fachkräftemangel-Lüge auch nicht wahrer!
n+1 13.06.2013
5. Das es keinen Fachkräftemangel gibt
haben die Zuwanderer (schon sprachlich bedingt) eher Nachteile auf dem Arbeitsmarkt. Viele gehen nach Berlin weil sie nicht wissen, dass ausgerechnet die Hauptstadt eine wirtschaftliche Eiterbeule ist. Es fehlt die Qualifikation. Kann ja sein, dass Abschlüsse "anerkannt" werden, aber wer die Wahl hat zwischen einer TH in Griechenland und einer in Deutschland, welche wird er wohl bevorzugen? Und dann landen auch viele sehr schnell n prekären Jobs. Die können sie auch daheim haben.
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