OECD-Studie Lebensqualität der Deutschen nimmt zu

Im Vergleich zu ihren Nachbarn sind die Deutschen gut durch die Krise gekommen. Das zeigt sich laut OECD in einer erhöhten Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Im internationalen Vergleich hält sich das Wohlbefinden dennoch weiter in Grenzen.

Arbeitnehmerinnen in der Pause: Weniger Stress als vor zwei Jahren
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Arbeitnehmerinnen in der Pause: Weniger Stress als vor zwei Jahren


Hamburg - Geht es nach den gängigen Messgrößen für Lebensqualität, steht Deutschland durchweg weit vorne - ob Wirtschaftswachstum, Beschäftigung oder soziale Absicherung. Das gilt insbesondere, seitdem die Finanzkrise fast die ganze Welt und in der Folge die Euro-Krise unsere Nachbarn in enorme ökonomische Turbulenzen stürzte.

Während die Arbeitslosigkeit in den USA bis 2009 und in der Euro-Zone bis dato auf immer neue Rekordstände kletterte und große Teile der Bevölkerung Abstriche beim Einkommen hinnehmen mussten, koppelte sich die Bundesrepublik einfach vom globalen Trend ab und erlebte erst ihr eigenes Job-, und dann ihr eigenes Wirtschaftswunder.

Gegen den Trend hat sich laut dem aktuellen Wohlbefindens-Bericht der Industrieländerorganisation OECD auch die Lage der Deutschen entwickelt: Im vergangenen Jahr gaben 61 Prozent der Befragten an, sie seien "sehr zufrieden" mit ihrem Leben - zu Beginn der Krise im Jahr 2007 waren es noch 53 Prozent. In Krisenländern wie Griechenland, Spanien und Italien sanken die Werte für Lebenszufriedenheit dagegen um bis zu 20 Prozent. Gleichzeitig klagten hier mehr Menschen über Stress, während dieser in Deutschland rückläufig war.

Trotz dieser Verbesserungen ändert sich Deutschlands Position im internationalen Vergleich nicht. Bei der Zufriedenheit mit ihrem Leben landeten die Deutschen von 40 befragten Nationen auf Platz 20. Zwei Jahre zuvor hatten sie Rang 19 von 36 Nationen belegt. Auch laut früheren Untersuchungen hält sich die Zufriedenheit im Vergleich zu anderen Ländern eher in Grenzen.

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OECD-Studie: So geht's Deutschland und der Welt
Selbst zwei Jahre Prosperität inmitten allgemeiner Krisenstimmung haben die Bundesbürger nicht näher an die Norweger, Isländer oder Schweden gebracht, die am zufriedensten mit ihrem Leben sind. Auch nicht an die viertplatzierten Niederländer, obwohl die mit veritablen Folgen der Euro-Krise zu kämpfen haben. Am unzufriedensten zeigten sich Südafrikaner, Indonesier und Ungarn, allesamt Länder, in denen große Teile der Bevölkerung mit existentiellen materiellen Problemen zu kämpfen haben.

Für die neueste Ausgabe ihres alle zwei Jahre erscheinenden Berichts hat die OECD erneut eine Fülle von Daten anderer Organisationen und Statistikbehörden über ihre 34 Mitgliedstaaten sowie eine Reihe weiterer Länder zusammengetragen. Resultat ist der sogenannte Better-Life-Index, der nicht nur Vergleichszahlen für althergebrachte Kriterien wie Einkommen oder Arbeitslosigkeit enthält, sondern auch für Lebensbereiche wie das persönliche Sicherheitsempfinden, Gesundheit, den sozialen Zusammenhalt, die Wohnbedingungen - oder eben die subjektive Lebenszufriedenheit.

Die Ergebnisse macht die OECD auf einer ebenso komplexen wie intuitiv bedienbaren Webseite erschließbar. Dort kann man unter anderem selbst festlegen, welche Aspekte besonders stark gewichtet werden sollen und welche nicht - und so ein Ranking der OECD-Staaten nach einem individuell gewichteten Wohlbefindens-Index erstellen. Daher verzichtet die Organisation auf ein eigenes, quasi offizielles Ranking des Wohlbefindens.

Doch auch die Betrachtung einiger Einzelbefunde lohnt sich - vor allem, weil sie die Auswirkungen der Krisenjahre widerspiegeln:

  • So ist die Einkommensungleichheit bereits im Zeitraum von 2007 bis 2010 insbesondere in Krisenstaaten der Euro-Zone stark angewachsen. Der entsprechende Gini-Koeffizient stieg etwa in Irland um sieben Prozent und in Spanien um sechs Prozent. In Deutschland hingegen verringerten sich die Unterschiede in den Einkommen sogar etwas.
  • Die Jugend ist das Hauptopfer der Krise: Der Anteil der 15- bis 24-Jährigen mit einem Job ging im OECD-Durchschnitt seit Anfang 2008 um 6,6 Prozent zurück. Gleichzeitig waren die Älteren die Gewinner; ihre Beschäftigungsquote stieg um 6,1 Prozent.
  • In Deutschland scheint Arbeit stärker gegen Armut zu schützen als in jedem anderen OECD-Land. Der Anteil der Menschen, die in einem Haushalt mit mindestens einem Arbeitnehmer leben und dennoch arm sind, lag im Jahr 2010 in der Bundesrepublik bei lediglich 3,3 Prozent. Damit steht Deutschland an der Spitze - selbst im reichen Norwegen waren es sechs Prozent. In Mexiko oder der Türkei waren hingegen 18,5 beziehungsweise 18,0 Prozent arm, obwohl in ihrem Haushalt mindestens eine Person arbeitete. Bei diesem Vergleich galt als arm, wer weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens des jeweiligen Landes zur Verfügung hatte.
  • Die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen sind in Deutschland stärker als in allen anderen OECD-Staaten außer Japan und Südkorea. In der Bundesrepublik verdienten Frauen im Jahr 2010 im Schnitt 21,6 Prozent weniger als Männer. Damit hat sich der "Gender Wage Gap" seit dem Jahr 2000 zwar ein wenig geschlossen. Von Verhältnissen wie in Neuseeland, wo Frauen durchschnittlich nur 4,2 Prozent weniger verdienen als Männer, ist Deutschland aber noch weit entfernt. Dennoch sind 90 Prozent der deutschen Frauen zufrieden mit ihrer Arbeit - und 92 Prozent der deutschen Männer.
  • In keinem anderen Land der OECD scheint der Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und Arbeit so stark zu sein wie in Deutschland. Während Deutsche mit einem Job ihre Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10 mit durchschnittlich 7,5 angaben, lag dieser Wert unter Arbeitslosen nur bei 6,1. In Slowenien oder Spanien waren beide Gruppen annähernd gleich mit ihrem Leben zufrieden.
  • Obwohl zahlreiche Regierungschef Europas abgelöst wurden - das Vertrauen in die jeweilige nationale Regierung ist während der Finanzkrise in Japan und den USA weitaus stärker erschüttert worden als in der Euro-Zone. In den USA vertraute im Jahr 2009 noch exakt jeder Zweite der Regierung, im Jahr 2012 waren es nur noch 35 Prozent. In der Euro-Zone fiel dieser Wert lediglich von 49,1 auf 42,8 Prozent.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde der Eindruck erweckt, in den USA läge die Arbeitslosigkeit immer noch auf Rekordniveau, obwohl sie seit Oktober 2009 sinkt. Wir haben die Passage inzwischen durch klare zeitliche Bezüge ergänzt und bitten, die missverständliche Formulierung zu entschuldigen.

fdi



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insgesamt 171 Beiträge
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joG 05.11.2013
1. Deutschland hat aus der Krise profitiert, wenn man absieht....
....von den Verlusten und Schäden, die Teile der Bevölkerung erlitten. Wer sein Geld in Zinstitel hat verliert. Wer Staatsanleihen Griechenlands hatte verlor. Wer eine Wohnung sucht, verliert. Aber das ist weitaus besser als in Griechenland ohne medizinische Versorgung an Krebs zu sterben. Glauben Sie mir. Mein Gott, haben wir es gut. Seien wir dankbar für den Euro!
logabjörk 05.11.2013
2. die OECD sagt uns also, wie wir zu fühlen haben
evtl. zweifeln sogart ein paar Deppen daran, ob sie wirklich zu wenig Geld haben, ob sie echt sparen müssen!!! Deutschland ist seit einigen Jahren schon Niedriglohnland. Da helfen auch keine Propagandaartikel.
joG 05.11.2013
3. Bei der Graphik
....fehlt Deutschland. :(
ratschbumm 05.11.2013
4. Hallo Herr Schäuble,
Zitat von joG....von den Verlusten und Schäden, die Teile der Bevölkerung erlitten. Wer sein Geld in Zinstitel hat verliert. Wer Staatsanleihen Griechenlands hatte verlor. Wer eine Wohnung sucht, verliert. Aber das ist weitaus besser als in Griechenland ohne medizinische Versorgung an Krebs zu sterben. Glauben Sie mir. Mein Gott, haben wir es gut. Seien wir dankbar für den Euro!
kurswechsler 05.11.2013
5. Vorbereitungsmeldung?
Zitat von sysopDPAIm Vergleich zu ihren Nachbarn sind die Deutschen gut durch die Krise gekommen. Das zeigt sich laut OECD in einer erhöhten Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Im internationalen Vergleich hält sich das Wohlbefinden dennoch weiter in Grenzen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/oecd-zu-glueck-lebensqualitaet-der-deutschen-nimmt-zu-a-931766.html
Ist das der Artikel zur Vorbereitung der heutigen Hauptmeldung, wonach der Der Internationale Währungsfonds eine 10%ige Vermögensabgabe für alle Haushalte fordern wird? Frei nach Motto, den Deutschen geht es ja so gut, dann gebt mal schön ab! Ich werde meine Ersparnisse jedenfalls eher verbrennen, als sie der EU zu überlassen!
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