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Ökonom über Geld und Glück: Warum sich reiche Menschen mehr Sorgen machen

Wie glücklich macht Geld? Forscher Jürgen Schupp hat auf die Frage eine Antwort gefunden - nur ist sie nicht so simpel wie oft gedacht. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Gefühle, Gerechtigkeit und den Grund, warum Männer einfach schneller unzufrieden sind als Frauen.

Russisches Model in Moskau: "Geld hat keinen direkten Zusammenhang mit Zufriedenheit" Zur Großansicht
REUTERS

Russisches Model in Moskau: "Geld hat keinen direkten Zusammenhang mit Zufriedenheit"

SPIEGEL ONLINE: Herr Schupp, sind reiche Menschen glücklicher?

Jürgen Schupp: Nun - eines steht fest: Menschen in reichen Ländern sind zufriedener als Menschen in armen Ländern.

SPIEGEL ONLINE: Geld macht also glücklich.

Schupp: So einfach ist es nicht. Der preisgekrönte US-Ökonom Richard Easterlin hat Länder über einen längeren Zeitraum beobachtet und festgestellt: Wenn das Einkommen wächst, nimmt die Zufriedenheit nicht im selben Tempo zu. Und irgendwann steigt sie gar nicht mehr. Kurzfristig mag Geld als Glückmacher funktionieren, aber der Effekt nutzt sich sehr rasch ab.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine bestimmte Summe Geld, die man braucht, um zufrieden zu sein?

Schupp: Das hängt von Ihren Ansprüchen ab. Bei einem armen Haushalt kann die Sättigungsgrenze bei 2500 Euro liegen. Bei einem reicheren ist sie sehr viel höher. In ganz armen Entwicklungsländern sind die Menschen glücklich mit einem extrem niedrigen Einkommen - wichtig ist vor allem die Verteilung. In Ländern wie China, in denen sich die Kluft zwischen Arm und Reich öffnet, hält die Zufriedenheit nicht Schritt mit dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der gleiche psychologische Prozess, wie wenn jemand mit seinem Gehalt zufrieden ist und dann zufällig erfährt, dass der Kollege für den gleichen Job viel mehr Geld kassiert?

Schupp: Ja. Am Ende fühlt sich diese Person vermutlich sogar viel schlechter - obwohl beide genauso viel leisten und genauso viel verdienen wie zuvor. Der Vergleich hat das eigene Einkommen quasi entwertet. Sie sehen, Geld hat keinen direkten Zusammenhang mit Zufriedenheit.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt Glück dann ab?

Schupp: Die psychologische Forschung geht davon aus, dass jeder ein vermutlich genetisch festgelegtes Grundmaß an Zufriedenheit hat, den sogenannten Set-Point. Im Laufe des Lebens gibt es um diesen herum Ausschläge nach oben und unten. Ist man frisch verliebt, stellt sich so etwas wie ein Honeymoon-Effekt ein - der Mensch fühlt sich zufriedener. Nach zwei, drei Jahren erreicht er in der Regel wieder sein ursprüngliches Niveau. Bei schmerzhaften Trennungen ist es umgekehrt. Langfristig bewegt sich ein Mensch immer wieder auf seinen Set-Point zu...

SPIEGEL ONLINE: ...auch bei großen Schicksalsschlägen?

Schupp: Es gibt eine Ausnahme, die die Set-Point-Theorie außer Kraft zu setzen scheint: wenn Männer ihren Arbeitsplatz verlieren. Sie erleiden tatsächlich einen nachhaltigen Verlust ihrer Lebenszufriedenheit. Auch nach vielen Jahren ist der ursprüngliche Zustand nicht wieder erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Schupp: Nicht unbedingt am Geld, das plötzlich fehlt, denn der Sozialstaat gleicht das ja zum Teil aus. Vielmehr zählt, dass mit der Arbeit soziale Anerkennung und Einbindung verbunden sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum trifft das Problem vor allem Männer?

Schupp: Sie haben weniger Alternativen, um Zufriedenheit und Ausgeglichenheit zu erlangen. Empirische Forschungen auf Basis der Längsschnittstudie "Sozio-oekonomisches Panel" (SOEP) haben gezeigt, dass bei Frauen dann offensichtlich andere Bereiche herhalten...

SPIEGEL ONLINE: ...ihre Rolle als Hausfrau und Mutter etwa? Ist das nicht ein überholtes Klischee?

Schupp: Der Rückzug in die Familie, die Geburt eines Kindes - all diese Rollen sind bei Frauen von der Gesellschaft anerkannt, bleiben Männern aber eher verschlossen. Männer sind nach wie vor eher sozial anerkannt, wenn sie Karriere machen. Das ist kulturell geprägt. Was auch bedeutet, dass die Gesellschaft das verändern kann. Ein solcher Wandel findet ja seit einigen Jahren langsam, aber kontinuierlich statt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein Einkommensniveau, ab dem Menschen sogar weniger glücklich werden?

Schupp: Nun - das Risiko, arm zu werden, ist in Deutschland gestiegen. Zugleich ist für Reiche die Chance größer geworden, noch reicher zu werden. Angesichts dieser Polarisierung lag für uns die Frage nahe, wie sich die Reichen jetzt fühlen. Unsere Erkenntnis: Personen, die im Schnitt das Doppelte des Durchschnitts verdienen, machen sich jetzt sogar mehr Sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Welche? Und wieso?

Schupp: Wer oben angekommen ist, orientiert sich nicht mehr nach unten - sondern an anderen Reichen. Gerade jetzt in der Krise wird da schnell klar, dass man auch wieder abstürzen kann. Darum sieht man die Zukunft mit mehr Sorge. Die Unbekümmertheit ist dahin, weil man versteht, dass man alles verlieren kann. Das ist der sogenannte Schickedanz-Effekt, benannt nach Madeleine Schickedanz, der Quelle-Erbin, die im vergangenen Jahr ein Vermögen verlor...

SPIEGEL ONLINE: ...und dann über ihre Lebensverhältnisse klagte. Dabei ist sie im Vergleich mit den meisten Deutschen immer noch reich.

Schupp: Es mag viele empören, dass sich solche Menschen Sorgen um ihre Zukunft machen. Aber sie tun es trotzdem.

Das Interview führte Friederike Ott

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
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1. ach, die ollen penunsen
fareal 01.01.2010
Ein Sprichwort der Beduinen sagt: "Je weniger man besitzt desto freier ist man" . Demnach ist der Artikel für mich keine große Überraschung. Auch wenn Deutschland (noch, :D ) keine Wüste ist, das erste was mir bei meiner Tätigkeit als Briefträger in den letzten 15 Jahren aufgefallen ist, die Leute in den "reicheren" Gegenden sind grundsätzlich miesgelaunter, geiziger und unfreundlicher als die Bewohner in den sog. Problemkiezen ( wie gesagt: GRUNDSÄTZLICH !). Soll aber nicht heissen das man das ALG 2 auf null reduzieren sollte um Arbeitslose glücklich zu machen. Ich persönlich habe mich entschieden aus meinen Vollzeitjob einen Teilzeitjob zu machen und bin seitdem Student an der Uni, nachdem ich erstmal mein Abi auf dem Abendgymnasuim gemacht machen musste. Ich lebe seit dem viel glücklicher/zufriedener obwohl ich nur noch die Hälfte meines damaligen Einkommens habe. frohes neues !!!
2. Geld ebnet den Weg
Asirdahan 01.01.2010
Geld macht nur kurzfristig glücklich, aber ausgeglichen. Ich habe mein Leben Revue passieren lassen und nachgedacht. Ganz egal, was auch immer mir an negativen Dingen passiert ist, mit genügend Geld hätte ich mindestens 90 % vermeiden können. Mit Geld kann man viel mehr richten als sich nur materielle Dinge zu leisten. Es gibt fast nichts, was es nicht beheben kann. Selbst Krankheiten steht man mit Geld besser durch als ohne. Die Dinge, die man mit Geld nicht erreicht, also positive Charaktereigenschaften wie menschliche, redliche Gefühle, Schaffenskraft, Energie, Leidenschaften, Ziele setzen, die muss man allerdings besitzen, sonst ist man ein ganz armer Tropf, sei man auch Millionär.
3. Geld
Ilu, 01.01.2010
Geld macht nicht glücklich, sondern sorglos. Vielleicht empfindet der eine oder andere das als Glück ;-).
4. Von einem, der wirklich Ahnung hatte
Bala Clava 01.01.2010
"I've been rich, I've been poor. Rich is better." Sammy Davis Jr.
5. gefühlte 5000 DM
Schleswig 01.01.2010
Es ist erstaunlich was Forscher doch verdienen. Für Herrn Schupp liegt die Sättigungsgrenze für einen armen Haushalt bei 2500  €. Ich weiß nicht wieviel Personen davon Leben müßen, das sagt uns Herr Schupp nicht. Aber 2500 € , gefühlte 5000 DM, und dann von einem armem Haushalt sprechen. Wow, mein monotäres Selbstwertgefühl leided  seid dieser Aussage..
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Zur Person
Detlef Guethenke
Jürgen Schupp ist seit 1984 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)in Berlin. Seit 2004 ist er stellvertretender Abteilungsleiter. Der 53-Jährige ist Mitglied des wissenschaftlichen Expertenkreises zur Armuts- und Reichtumsberichterstattung und hat an mehreren Gutachten für die Bundesregierung mitgewirkt. Seit 2006 ist der bekennende Fan der ARD-Serie "Lindenstraße" Honorarprofessor für Soziologie an der Freien Universität Berlin.

Das sozio-oekonomische Panel
Das SOEP ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Seit 1984 werden jedes Jahr möglichst dieselben 20.000 Personen aus rund 11.000 Haushalten befragt. Themenschwerpunkte sind unter anderem Einkommensverläufe, Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Auf diese Weise werden soziale und gesellschaftliche Trends langfristig verfolgt und analysiert. Das SOEP wird zu zwei Dritteln vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu einem Drittel vom Land Berlin finanziert.

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